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Kultur des Scheiterns Neue Chance nach der Pleite

Experten fordern ein Umdenken im Umgang mit geschäftlichen Misserfolgen. Während Fehlschläge hierzulande oft als Makel gelten, werden sie anderswo als Erfahrung verbucht – und wertgeschätzt.
Aus Fehlern lernen und neu starten. Quelle: imago/blickwinkel
Scheitern als Tabu

Aus Fehlern lernen und neu starten.

(Foto: imago/blickwinkel)

Witten Vom Online-Bestatter-Start-up über das Geschäft mit Hochzeiten bis zum Job-Service. Mit 24 Jahren hat Bayram Oruc schon eine lange Karriere als Unternehmensgründer hinter sich. Manche Geschäftsideen haben sich dabei schlicht als Flop erwiesen. Doch für den Wirtschaftsstudenten der Universität Witten/Herdecke gehören Misserfolge ganz selbstverständlich mit dazu. „Der Weg zum Erfolg ist vom Scheitern gepflastert“, sagt er.

Oruc zählt zu den Organisatoren eines Treffens für gescheiterte Gründer. Unter dem Titel „Fuck up Nights“ tauschen dabei rund 200 Gründer in Witten am Rande des Ruhrgebiets Geschichten über ganz persönliche Tiefschläge aus. Dabei sehen sie sich als Teil einer internationalen Bewegung, die nun auch in Deutschland immer mehr Anhänger findet.

Die 31-jährige Jungunternehmerin Dörte Schabsky vermietet heute Arbeitsplätze für Gründer und Selbstständige in Büros im Ruhrgebiet. Das Wappentier des Start-ups, die Ameise Anton, steht dabei für Gründer, die auch den Erfahrungsaustausch in der Gruppe suchen.

Wie Sie ein besserer Chef werden
Halten Sie Ihre Reflexe im Zaum
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Allzu oft kommt es im Arbeitsalltag vor, dass der Vorgesetzte einen cholerischen Anfall hat und Mitarbeiter beschimpft. Bei den Angegriffenen werden häufig typische Stressreaktionen aktiviert: Erstarrung und Unterwerfung. „Die Mitarbeiter [...] verhalten sich also ähnlich wie der Steinzeitmensch, der hofft, dass der Säbelzahntiger ihn übersieht, wenn er wie gelähmt stehen bleibt. Der tobende Chef dagegen ist voll im Angriffsmodus, ebenfalls eine typische Stressreaktion“, erklärt Gunar M. Michael, Autor des Buches „Tacheles aus der Chefetage“.

Sein erster Tipp an impulsive Führungskräfte: Sie sollten versuchen, die Reflexe so gut wie möglich im Zaum zu halten, um nicht in den Angriffsmodus zu verfallen. Die Mitarbeiter sollten aktiv gegen die Angst arbeiten, denn nur ohne diese bedrohlichen Gefühle lässt es sich erfolgreich arbeiten und klar denken. Ein „guter“ Chef setzt also nicht auf Zuckerbrot und Peitsche als kontrollierte Führungsstrategie, denn er ist sich darüber im Klaren, dass er vor allem dann wirksam ist, wenn er seine Mitarbeiter für ein gemeinsames Ziel mobilisiert. Der Experte Michael appelliert daran, dass Führung kein Selbstzweck ist. Stellen Sie sich also immer die Frage: „Was haben die anderen davon, dass es Sie gibt?“.

Quelle: Tacheles aus der Chefetage

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Gehen Sie immer von mehreren „Wahrheiten“ aus
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Die Wahrnehmung der Welt ist höchst subjektiv – wie etwa Kippbilder eindrucksvoll belegen. Diese Erkenntnis sollten Führungskräfte stets im Hinterkopf behalten, wenn es um wichtige Unternehmensentscheidungen geht. Viele Manager gehen davon aus, dass alle Mitglieder des Vorstandes das gleiche Ziel verfolgen. Erliegen Sie niemals diesem Trugschluss. Ihre eigenen Eingebungen müssen nicht zwingend denen der anderen entsprechen. Wie Michael in seinem Buch berichtet, können die Meinungen in der Führungsetage ein und desselben Unternehmens stark auseinandergehen.

Während einer ein Umsatzplus von mindestens zehn Prozent anstrebt, verfolgt ein anderer vielleicht lediglich das Ziel, keinen Verlust zu machen. Deshalb rät der Experte, die eigene Wahrnehmung nicht als selbstverständlich anzusehen. „Nichts ist sicher. Und der eigene Standpunkt ist nur eine Möglichkeit. Wir alle vermessen „die“ Wirklichkeit unterschiedlich und tun gut daran, unsere individuellen Landkarten gelegentlich miteinander abzugleichen“.

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Hinterfragen Sie die eigene Führungsqualität kritisch
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Entscheidend für die eigene Lebensqualität und den Erfolg ist nicht nur das Selbst-, sondern auch das Fremdbild. Denn Ersteres führt in positiver Form zu Selbstbewusstsein und Tatkraft, aber es sagt nicht zwingend etwas darüber aus, was andere über uns denken. „Es nützt Ihnen nichts, wenn Sie von Ihrer Führungsstärke überzeugt sind, die anderen Sie jedoch für einen Softie oder Menschenschinder halten. Für erfolgreiches Handeln ist es vorteilhaft, wenn Selbstbild und Fremdbild möglichst deckungsgleich sind, mit anderen Worten: Wenn Ihre Selbstwahrnehmung Ihrer Wirkung auf andere angemessen ist und Ihnen entsprechend kluges Handeln ermöglicht“, so der Führungsexperte Michael.

Allgemein neigen wir - so der Autor weiter - aber eher dazu, das Selbstbild wichtiger als das Fremdbild zu nehmen und übersehen dabei etwas entscheidendes: den sogenannten „blinden Fleck“. Dieser beschreibt die Wirkung auf andere, die uns Selbst jedoch nicht bekannt ist. Michael rät, das Feedback von Menschen einzuholen, die nicht unbedingt allzu viel von uns halten. So können wir Korrekturen an unserem Selbstbild vornehmen. Zieht man eine US-Studie von 2012 zurate, ist dies unverzichtbar: Sie kam zu dem Ergebnis, dass gerade einmal 50 Prozent der Menschen sich selbst genauso beurteilen wie dies Fremde tun. Nutzen Sie diese Erkenntnis also für sich und fragen gezielt nach Ihrer Wirkung.

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Machen Sie andere nicht für Ihre Gefühle verantwortlich
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Im Arbeitsalltag bleibt es nicht aus, dass Kollegen, Mitarbeiter oder gar Vorgesetzte unpünktlich erscheinen, unkonzentriert arbeiten oder häufig fehlen. Wir reagieren auf dieses vermeintliche „Fehlverhalten“ mitunter boshaft und verständnislos. Der Grund dafür liegt bei uns selbst: Wir machen andere für unseren Ärger verantwortlich und lassen negativen Gefühlen Raum.

Michael empfiehlt, dieses Denkmuster zu durchbrechen: „Ihr Ärger ist keine unvermeidliche Reaktion auf das Verhalten des Mitarbeiters, sondern Folge Ihrer Bewertung dieses Verhaltens, anders ausgedrückt: Folge Ihres Denkens. Zwischen einem Ergebnis und Ihrem Gefühl steht immer Ihre Bewertung.“ Diese Wertungen beruhen stets Denkmustern und gesellschaftlichen Normen, die uns oft bereits im Kindesalter eingebläut wurden.

„Pünktlichkeit ist die Höflichkeit der Könige“ ist nur ein Beispiel dafür, wie aus solcher einer Bewertung eine Überreaktion auf Unpünktlichkeit entstehen kann. Werden Sie sich zerstörerischer Denkmuster bewusst, um Überreaktionen im Zaum halten zu können.

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Vertrauen Sie, misstrauen Sie nicht
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In einer Situation gegenseitiger Abhängigkeit profitieren beide Parteien von einem kooperativen Verhalten, denn wer Kooperationsbereitschaft zeigt, schafft Vertrauen. Und ein Vertrauensvorschuss erhöht wiederrum „die Chance, dass Ihr Gegenüber sich ebenfalls kooperativ verhält und Ihr Vertrauen rechtfertigt“, so Führungsexperte Michael.

Selbstverständlich kann das Vertrauen auch enttäuscht werden. Dann ist es an Ihnen, entsprechende Sanktionen zu verhängen. Zu erkennen sind unseriöse Geschäftspartner oder Kollegen daran, dass sie moralischen Druck ausüben oder Vertrauen offensiv einklagen. Bleiben Sie also vorsichtig, wenn sich derartige Anzeichen bemerkbar machen, aber begehen Sie nicht den Fehler, zu hohe Kontrollmechanismen einzurichten. Diese wirken oft einschüchternd und mindern Motivation und offene Kommunikation.

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Machen Sie sich entbehrlich
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Ein weiterer Tipp, wie Sie zu einem besseren Vorgesetzten werden, ist die eigene Unentbehrlichkeit zu mindern. Das mag im ersten Moment vielleicht das eigene Selbstwertgefühl schwächen, aber die Abgabe von echter Verantwortung (zum Beispiel an eine vollständige Vertretung) anstelle einzelner Aufgaben eröffnet anderen Mitarbeitern die Möglichkeit, ihre eigene Leistung zu übertreffen und sich auf der Karriereleiter hochzuarbeiten.

Und auch für den Vorgesetzten hat dies - so Michael - einige Vorteile: „Das schafft im Arbeitsalltag Freiraum für strategische Überlegungen und es ist die beste Voraussetzung für den nächsten Karriereschritt. Wer unentbehrlich ist, kann nicht befördert werden.“ Trauen Sie sich, Verantwortung abzugeben und Raum für eine Win-Win-Situation zu schaffen.

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Verabschieden Sie sich vom Tagesgeschäft
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Worin bestehen die Aufgaben einer Führungskraft? Diese Frage ist nicht so einfach zu beantworten, wie es vielleicht auf den ersten Blick erscheinen mag. Das Modell der „Leadership Pipeline“ von Ram Charan, Stephen Drotter und James Noel liefert eine mögliche Antwort. Nämlich zusammengefasst die Aufforderung, sich - je nach Position - verstärkt vom produktiven Tagesgeschäft abzuwenden und stattdessen ins operative Geschäft einzusteigen, in dem vor allem strategische Entscheidungen getroffen werden müssen.

Auf der höchsten Führungsebene gilt es dann irgendwann nicht einmal mehr analytische, sondern vor allem repräsentative Aufgaben zu übernehmen. Michael weist darauf hin, dass diese Theorie noch lange nicht die Realität ist. Er warnt Führungspersönlichkeiten davor, sich einreden zu lassen, sie müssten sich überdurchschnittlich für ihren Betreib einsetzen und dafür längere Arbeitszeiten in Kauf nehmen. Nach Berechnungen des Deutschten Instituts für Wirtschaftsforschung arbeiten etwa 27 Prozent der Chefs 50 bis 59 Stunden, jeder zehnte Chef sogar rund 60 Stunden pro Woche. Vermeiden Sie dies, indem Sie nicht für alles die Verantwortung übernehmen und widmen Sie sich guten Gewissens Ihrem Aufgabenbereich: dem Management.

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„Es geht darum, Leute zu finden, die ehrlich sind“, beschreibt Sascha Friesike vom Lehrstuhl für Unternehmensgründung und Unternehmensführung der Uni Würzburg das Dilemma. Häufig sei Scheitern in Deutschland immer noch ein Tabu. „Leute, die einmal gescheitert sind, haben es deutlich schwerer“, stellt er fest. Es müsse jedoch darum gehen, Fehler nicht zu dämonisieren, sondern nach den Ursachen zu forschen. Scheitern sei dabei Lernen aus Fehlern - dabei könne man durchaus auch aus Fehlern anderer lernen.

Der kanadische Gründungsexperte Steven Gedeon von der Ryerson University in Toronto plädiert für eine neue Sicht auf wirtschaftliche Fehltritte. „Scheitern ist Teil eines persönlichen Bildungswegs zum Unternehmer“, so Gedeon, der als Gastprofessor am Strascheg Center für Entrepreneurship der Hochschule München auch deutsche Gründer bei ihren ersten Schritten begleitet.

Angesichts der hohen Kosten für eine professionelle Ausbildung sei das sogar ein vergleichsweise günstiger Weg, meint er. Dabei müsse es bei der Neugründung von Unternehmen nicht immer in erster Linie nur um den Erfolg der Firma gehen. Genauso wichtig sei auch das Sammeln von Erfahrungen.

Fehlende Akzeptanz für „Kultur des Scheiterns“
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