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Leidenschaft Kunst Dr. Faustus’ Pakt mit der Subversion

Wie Goethes Doktor Faustus hat Harald Falckenberg studiert, was die Welt im Innersten zusammenhält. Nicht nur die Juristerei lernte und unterrichtete er. Auch mit Philosophie, Soziologie und Kunstgeschichte hat er sich befasst. Und als Topmanager eines Hamburger Mittelständlers hat er dank hochspezialisierter Produktion, zahlreicher Patente und harter Arbeit viel Geld verdient.
  • Olga Grimm-Weissert (Handelsblatt)

PARIS. Fast wie Faust entschloss sich Falckenberg im reifen Alter von 50 Jahren zu einer Neuorientierung seines Lebens. Für seinen Pakt mit dem Subversiven verkaufte Falckenberg nicht seine Seele, sondern er kauft Kunst. Nicht nur der späte Start unterscheidet ihn von vielen Sammlerkollegen: Durch seine präzisen und stets ironischen Essays über Gegenwartskunst, Künstler und Sammler besticht er auch als Experte.

Mit Intelligenz, Sinn für Strategie, juristischem Sachverstand und eisernem Willen hat Harald Falckenberg sich im internationalen Kunstbetrieb eine Sonderstellung erobert.

Falckenberg lässt andere an seiner Kunst teilhaben, und er ist außerordentlich großzügig. Er verleiht Arbeiten seiner Sammlung, hilft Museumsdirektoren mit Spenden aus, ohne dies an die große Glocke zu hängen, und dotierte seine Phoenix-Kulturstiftung mit etwa 150 000 Euro jährlich. Seinen Einkaufsetat – „Den ich leider laufend anhebe“, wie er lachend gesteht – hält er indes geheim.

Die voluminöse Skulptur von John Chamberlain, vor der er steht, weist darauf hin, dass sein Etat aber sehr hoch sein muss, oder? Falckenberg lächelt. Das Collagen-Original der „Mémoires“ von Guy Debord und Asger Jorn von 1958 sei noch teurer gewesen.

„Er kennt kaum Grenzen, weder für sich, noch für die anderen, und mutet sich ein unglaubliches Arbeitspensum zu“, sagt Laurence Dreyfus, die den Sammler während der dreijährigen Vorbereitung zu seiner Pariser Schau gut kennen lernte. Kaspar König, Direktor des Museum Ludwig in Köln, nennt Falckenberg „eine außergewöhnliche Persönlichkeit, extrem engagiert und unkonventionell im besten Sinn des Wortes. Er hat bestimmte Vorlieben zu Künstlern, denen er auch die Treue hält.“

Für Ausstellungsmacherin Dreyfus gibt es qualitativ und quantitativ weder in Deutschland noch in Frankreich eine vergleichbare Sammlung zeitgenössischer Kunst. Falckenberg erwarb ganze Werkgruppen der Wiener Aktionisten oder von Martin Kippenberger; er kaufte Installationen wie das „Bernsteinzimmer“ von Thomas Hirschhorn oder „La Chambre secrète de Balthys“ von Jonathan Meese; und er sicherte sich Skulpturen wie Nam June Paiks „Video Scooter“, Fotografien wie „Common Sense“, 350 Laser-Farbkopien von Martin Parr.

Malerei muss „subversiv, grotesk, spielerisch und dennoch politisch-gesellschaftlich unterwandernd und poetisch“ sein, sagt Falckenberg. Das bedeutet auch Provokation. Paradebeispiele sind die drei großen Gemälde von Bjarne Melgaard zum explosiven Thema „Snuff me“, das durch Schrift, Farbe und an Graffititechnik erinnernde Form vermittelt wird. „Snuff“, erklärt Falckenberg, „bedeutet, einen Selbstmord per Video zu filmen. Die Gemälde hätten in eine Melgaard-Ausstellung im Centre Pompidou übernommen werden sollen. Als die Kuratorin erfuhr, was ,Snuff’ heißt, trat die Selbstzensur auf den Plan, und sie lehnte die Bilder ab.“

Die Wiener Galeristin Ursula Krinzinger hebt Falckenbergs profunde, „einzigartige“ Auseinandersetzung mit Kunst hervor: „Er sammelt Kunst, die kratzt, die direkt trifft und schwierig ist. Es geht ihm um Herausforderung und kontroverse Argumente. Er kann nächtelang diskutieren, ist aber am nächsten Morgen um 9 Uhr im Büro.“

Wenn das Wort „Wien“ fällt, sprudelt es 30 Minuten aus dem Munde des Sammlers, der übrigens vieles druckreif formuliert. Gerade setzt sich Falckenberg mit dem Wiener Aktionisten Otto Mühl auseinander, den er ab 16. Juni in Hamburg in der Phoenix-Kulturstiftung präsentiert. Dabei tritt Falckenbergs fundamentales Credo zu Tage: „Mühl hat einen grundlegenden Denkfehler begangen, indem er auf seinem Bauernhof das Privateigentum abschaffte. Ein Mann braucht einfach Geld – und die daraus resultierende Macht.“

Falckenberg sammelt nicht nur, er durchdringt die Kunst und seine Sammelleidenschaft auch intellektuell. In seinem Essayband „Ziviler Ungehorsam“ unterscheidet er zwei Typen von Sammlern: erstens den „Sammler-Sammler“, für den der Prozess des Sammelns selbst maßgebend ist, der die Auseinandersetzung mit der Kunst und mit Galeristen sucht, der in der Szene verwurzelt ist, der sich für junge Künstler entscheidet, der Risiken – inklusive Fehleinkäufe – eingeht, der zu Geld ein entspanntes Verhältnis hat und der sich des zeitlich begrenzten Charakters seiner Sammlung bewusst ist. Damit scheint sich Falckenberg auch selbst zu charakterisieren.

Zweitens nennt er den „Sammlungs-Sammler“. Diesem geht es nicht um das Sammeln, sondern um die Sammlung, die als Prestigeobjekt und Vermögensanlage dient. Er kauft anerkannte Kunstwerke, umgibt sich mit Beratern und Museumskuratoren und pflegt Kontakte zu bedeutenden Künstlern. Mit der Beschreibung dieses Typus übt Falckenberg indirekt Kritik an manchem Sammlerkollegen.

Falckenberg beeindruckt. Nach nur zehnjähriger Sammeltätigkeit habe Falckenberg eine „Position als Sammler, an der man nicht vorbeikann“, unterstreicht der Gründungsdirektor der Hamburger Deichtorhallen, F.C. Gundlach. Peter Weibel, Leiter des Zentrums für Kunst und Medientechnologie (ZKM) in Karlsruhe, sagt über den Sammler: „Er fliegt wie ein Adler über den Grand Canyon, wagt sich über unbekannte Gebiete, ohne zu wissen, wie lange der Sprit reicht. Weil er Risiken eingeht, wird er schulbildend. Er ist nicht im Pulk der Sammler, zieht aber den Pulk zu sich hin.“

Falckenbergs persönliche Zukunftsvision sieht in etwa so aus: Noch kann er etwa die Hälfte der Investitionen für das aufwendig restaurierte Phoenix-Industriegebäude mit seinen 6 000 Quadratmetern Ausstellungsfläche, das nur mit Führungen besichtigt werden darf, von der Steuer absetzen. Wenn er aber in Rente geht und der Zehnjahres-Vertrag mit Phoenix im Jahre 2011 ausläuft, sähe es der unersättliche Sammler doch gerne, wenn der Staat die Sammlung übernähme.

Falckenberg muss hoffen, dass Politiker seinen Geschmack am Widerstand, an Subversion und Provokation teilen. Der Sammler wirbt mit einem Zitat der kürzlich verstorbenen Dramatikerin Susan Sontag: „Wirkliche Kunst hat die Eigenschaft, uns zu verunsichern.“

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