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Management Geld weg, Firma weg, Karriere weg – Wie es für Topmanager nach der Haft weitergeht

Middelhoff, Stadler, Ghosn – manchmal stehen Manager im Fokus der Ermittler. Sich vom Karrierebruch zu erholen fällt schwer. Betroffene berichten.
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Die Untersuchungshaft markiert in den meisten Fällen das Ende einer Karriere als Topmanager. Quelle: Fstop/F1online [M]
Hinter Gittern

Die Untersuchungshaft markiert in den meisten Fällen das Ende einer Karriere als Topmanager.

Quelle: Fstop/F1online [M]

Christoph Hofmann (Name geändert) sitzt auf seinem Sofa und grübelt. So recht weiß er noch nicht, was die vergangenen Tage für ihn und für sein Leben wirklich bedeuten, welch große Veränderungen sie nach sich ziehen werden. Doch eines ist bereits jetzt sicher. Er, der Vorstand eines großen deutschen Unternehmens, wird nicht mehr in seinen Job zurückkehren können. Und vermutlich auch nicht mehr in eine ähnliche Position. Nie wieder.

Nur wenige Tage saß Hofmann in Untersuchungshaft. Doch er, der zuvor für Tausende Mitarbeiter verantwortlich war, wurde entlassen. Der Vorwurf lautete: Korruption. Er soll von schwarzen Kassen im Konzern gewusst haben, beteuerte aber stets seine Unschuld. Und jetzt, wo er wieder zu Hause ist, wo er von Frau und Kindern umgeben ist, fragt er sich, welche Konsequenzen diese paar Tage haben werden. Was aus ihm wird.

Es ist die eine Frage, die ihn schwer belastet, jede einzelne Minute am Tag. Das Verfahren gegen ihn wurde gegen Zahlung einer Geldstrafe eingestellt. Aber diese paar Tage im Gefängnis haben Hofmanns Leben komplett verändert.

Was er da auf dem Sofa noch nicht ahnt und sich auch nicht vorstellen kann: Für ihn sogar zum Besseren.

Damals auf seinem Sofa, da musste er aufpassen, vor lauter Grübelei nicht verrückt zu werden, „rammdösig“, wie er es nennt. Schnell wird ihm klar, dass er die erzwungene Untätigkeit sofort beenden muss. Dass er nicht länger darauf warten darf, was jetzt eigentlich passiert. Ob ein Verfahren gegen ihn eröffnet wird, ob es einen Strafprozess geben wird. Ob er schuldig gesprochen wird – oder nicht.

Die Untersuchungshaft war das Ende von Hofmanns Karriere als Topmanager. Egal, wie das Verfahren ausgehen wird, die Vorwürfe bleiben haften. Diese Erfahrung mussten in letzter Zeit immer mehr Manager machen. Wer den Namen Thomas Middelhoff hört, denkt an Bertelsmann und Arcandor, vor allem aber an Untreue und Steuerhinterziehung. Im kollektiven Gedächtnis der Republik verankert bleiben auch die Bilder, wie Ex-Post-Chef Klaus Zumwinkel von der Staatsanwältin aus seinem Haus geführt wird.

Der ehemalige Audi-Chef Rupert Stadler verlor Anfang Oktober seinen Posten, nach über drei Monaten in Untersuchungshaft. Erst vor wenigen Tagen wurde Renault-Nissan-Chef Carlos Ghosn in Japan wegen Untreue und Steuerhinterziehung angeklagt. Uli Hoeneß zählte zu den wenigen Managern, die nach einer Haftstrafe auf ihren alten Posten zurückkehren durften. Was sich im Fall Hoeneß am ehesten mit dem Korpsgeist bei seinem Arbeitgeber erklären lässt, dem FC Bayern München.

Der Gefängnis-Makel bleibt haften

Wer als Manager einmal im Gefängnis war, dem haftet für immer ein Makel an. Selbst eine Untersuchungshaft, die keinen Tatnachweis voraussetzt und nur der Sicherung des Hauptverfahrens dient, komme oftmals einem „beruflichen Todesstoß“ gleich, sagt Michael Kubiciel, Rechtswissenschaftler aus Augsburg. Denn egal, ob der Untersuchungshäftling am Ende des Verfahrens verurteilt werde oder nicht, er trage fortan ein „Label“.

Wie aber gehen die Manager um mit diesem „Label“, diesem Etikett? Sie sind es gewöhnt, im Mittelpunkt zu stehen, im Zentrum der Macht, jeder Tag durchgetaktet, eine Entscheidungen folgt der nächsten.
Im Gefängnis ist das alles plötzlich vorbei.
Sicher, die Untersuchungshaft ist für jeden Menschen, der sie durchmachen muss, eine schwere Belastung. Für Manager jedoch ist sie mehr als das. Die Haft markiert einen Bruch, den viele von ihnen nicht – oder nur schwer – verkraften. Das Leben der Machtmenschen ist ab diesem Moment ein anderes. „Für die Öffentlichkeit ist der Mensch gefühlt schuldig“, sagt Kubiciel.

Wer einmal im Gefängnis war, dem haftet für immer ein Makel an. Quelle: ddp
Klaus Zumwinkel (Mitte)

Wer einmal im Gefängnis war, dem haftet für immer ein Makel an.

(Foto: ddp)

Oft werde unterstellt, dass Prominente in einem Strafverfahren Vorteile genössen. Das habe er noch nie erlebt. Im Gegenteil: „Es gibt nur den Prominenten-Malus.“ Ein Manager wird mit seiner Verhaftung plötzlich komplett aus Beruf und Leben gerissen – unter den Augen der Öffentlichkeit. Der Ausgang des Falls, des Verfahrens, ist für den weiteren Verlauf beinahe egal. „Selbst bei einem Freispruch bleibt immer etwas hängen“, sagt Kubiciel.

Das hat auch Hauke Bruhn erfahren. Drei Jahre und zehn Monate saß er wegen des Vorwurfs der Fluchtgefahr in Untersuchungshaft. Dann sprach das Gericht vor zwei Jahren ein Urteil über fünf Jahre und drei Monate. Bruhn ging in Revision. Der Ausgang ist unklar. Mit dem Urteilsspruch am 6. Dezember 2016 konnte Bruhn den Gerichtssaal daher plötzlich als freier Mann verlassen.

Jahre in Zellen und Handschellen lagen hinter ihm, Jahre, in denen er nur im Gefangenentransport von einem zum anderen Ort fahren konnte, immer wieder die gleiche Strecke – zwischen Gefängnis und Gerichtssaal. Jetzt plötzlich saß er im Zug. Neben ihm seine Lebensgefährtin und seine Schwester. Gemeinsam fuhren sie nach Berlin, in die neue Wohnung seiner Lebensgefährtin. Die alte, gemeinsame Wohnung gab es nicht mehr.

Die Würde genommen

Auch sonst gab es nur noch wenig. Geld weg, Firma weg, Karriere weg. Zum Zeitpunkt der Freilassung war Bruhns Sohn sechs Jahre alt. Für ihn saß der Vater immer nur im Gefängnis, an etwas anderes konnte er sich nicht erinnern.

Bruhn war Chef des Fondsanbieters United Investors, der in ein Schneeballsystem der S&K-Gruppe verwickelt gewesen sein soll. Anlegerbetrug lautete anfangs der Vorwurf. Ein Schneeballsystem konnte das Gericht jedoch nicht feststellen, der Vorwurf wurde fallengelassen. Stattdessen warf die Staatsanwaltschaft ihm zuletzt vor, sich wegen Untreue und Beihilfe zur Untreue schuldig gemacht zu haben.

Auch heute, zwei Jahre nach der Freilassung ist Bruhn noch gezeichnet von der Zeit im Gefängnis, dreieinhalb Jahre sind eine lange Zeit.

Geblieben sind ihm die Hemden aus seinem früheren Leben, mit Manschettenknöpfen, in den Stoff sind seine Initialen eingestickt. „Die Klamotten haben sie mir nicht weggenommen“, sagt er. Sonst jedoch fast alles. Vor allem die Würde. „Körperliche Gewalt wird dir nicht angetan in einem deutschen Gefängnis, das nicht“, sagt er. „Aber unerbittlich nehmen sie dir in kleinen Stücken deine Würde.“

Behutsam nippt er an einem Glas Wasser, sein Gesicht ist durchzogen von tiefen Falten. „Früher war ich hektischer. Jetzt lasse ich die Leute vorbei an der Kasse. Auch Stau regt mich nicht mehr auf. Wo ich überall gewartet habe …“ In den kleinsten, versifftesten Zellen, mit stinkenden Mithäftlingen, selber stinkend, weil man sich tagelang nicht duschen durfte.

An Verhandlungstagen nur mit Wasser und Brot versorgt. Nächtelang konnte er nicht schlafen – aus Sorge, aber auch, weil die anderen Häftlinge aus Verzweiflung schrien. „In einem Gefängnis gibt es ja nichts, was den Schall dämpft“, sagt Bruhn.
Heute reduziert er sein Leben auf das Wesentliche. „Mein Ansatz ist wesentlich mikroskopischer“, sagt er. „Heute geht es um essen, schlafen, gut leben. Und darum, die Menschen um mich herum mehr glücklich als unglücklich machen, gute Energie an die Kinder weitergeben.“ Die Familie ist das, was ihm geblieben ist.
Alles zu verarbeiten, ist ihm bis heute nicht gelungen, sagt er.

Wer nichts tut, geht unter

Ein Gefühl, dass Christoph Hofmann gut nachvollziehen kann. Ihm hilft Ablenkung durch Schwimmen. Runter vom Sofa, rein ins Wasser. Jeden Tag zieht er eine Stunde lang seine Bahnen. Ein Sport, bei dem man sich auf die richtigen Bewegungsabläufe konzentrieren muss, bei dem der ganze Körper in Bewegung ist.

Der Kopf hat dann frei, ist frei. Wer nichts tut, geht unter. Es sei der Sport gewesen, das sagt Hofmann heute, der ihn in den ersten Monaten nach der Entlassung aus der Untersuchungshaft vor einer schweren Depression bewahrt habe. Den Kampf gegen sich selbst hat er im Hallenbad gewonnen.

Der Kampf gegen die Justiz verlief glimpflich. Der Strafprozess, den es am Ende gegen ihn gegeben hat, wurde gegen die Zahlung einer Geldstrafe eingestellt.

Zurück in seinen alten Job konnte er trotzdem nicht. Er hatte im Grunde nur zwei Optionen: Seine berufliche Karriere zu beenden – oder sich selbstständig zu machen. Gewählt hat er letzteres, für den Ruhestand war er schlicht noch zu jung.

In den ersten drei Monaten nach der Entlassung war es am schlimmsten, sagt Hofmann. Zum Glück konnte er reden. Mit seiner Familie, mit seiner Mutter, mit engen Freunden. Sie haben immer zu ihm gehalten, auch wenn sie verwirrt waren über das, was mit Hofmann – und auch mit ihnen – da geschah.

Hofmann stand zu dieser Zeit ständig in der Öffentlichkeit, ständig stand etwas über ihn in der Zeitung. Das lasen natürlich auch seine Freunde und seine Familie. Was davon stimmte, was war überzogen, was schlicht falsch? Sie alle konnten mit anschauen, wie Hofmann „mit Dreck beworfen wurde“, wie er heute sagt.

Ausweg Selbstständigkeit

Ein paar Jahre später sitzt er in einem Café in einer deutschen Großstadt. Er trinkt Kaffee und Wasser. Hofmann hat seinen Vorsatz wahr gemacht, hat die Branche gewechselt und sich selbstständig gemacht.

Er hat sich darauf besonnen, was er einst studiert hat, und daraus ein Geschäft gemacht. Drei Jahre nach der Untersuchungshaft gründete er seine Firma. Zusammen mit einem guten Freund. Denn auf seine Freunde konnte er zählen. Abgewandt haben sich geschäftliche Bekanntschaften.

Heute spricht Hofmann auch wieder selbst mit Kunden – und schickt nicht mehr seine Geschäftspartner vor. Das Image des Ex-Häftlings klebt noch immer an ihm, aber es macht ihn nicht mehr fertig. Er selbst ist mittlerweile sogar froh, der Vorstandsetage nicht mehr anzugehören. Selbstbestimmter leben zu können. Erst im Rückblick merke man, sagt er, wie wenig Zeit zwischen den Dienstreisen, den Meetings und dem Beantworten der Mails bis nach Mitternacht bleibe.

Wie oberflächlich so ein Leben aus dem Koffer ist, wie oberflächlich auch viel vermeintlich Zwischenmenschliches. Der Bruch in seinem Leben hat „mich kritischer gemacht in der Beurteilung von Menschen“, sagt Hofmann.

Eine Erfahrung, die Hauke Bruhn teilt. „Ich lasse nicht viele Menschen an mich ran“, sagt Bruhn. „Es reduziert sich auf den Kern.“ Sein berufliches Netzwerk von damals ist beinahe komplett weggebrochen. Auch zu seinem ehemaligen beruflichen Partner Thomas Gloy hat er kaum noch Kontakt.

Nun versucht er, sich beruflich neu zu erfinden. „Aber das dauert“, gesteht er ein. „Im Berufsleben gibt es ja normalerweise Jahre des Gasgebens, des Aufbauens, und danach kann man zehren von dem Netzwerk, das man sich aufgebaut hat. Ich muss da noch mal neu anfangen, das ist mir genommen worden.“ Zwei, drei Ansatzpunkte habe er, wo er sich einbringen könne – jedoch komplett außerhalb der Finanzbranche. In der sieht er keine Chance mehr.

„Dir werden in der U-Haft nicht nur alle Menschenrechte genommen, dir wird auch alle Reputation und Glaubwürdigkeit genommen“, sagt Bruhn. „Egal, was an den Vorwürfen dran ist – es bleibt immer ein Beigeschmack.“ Sagt‘s – und verschwindet in den kalten Hamburger Abend. Zu einem Abendessen seiner Frau, die immer zu ihm gehalten hat. Die darf er nicht warten lassen.

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