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Manager im Clinch Carsten Maschmeyer gegen Utz Claassen: Der Streit um Syntellix setzt sich fort

Die Fehde zwischen dem Ex-Topmanager und dem TV-Starinvestor erreicht einen Höhepunkt. Im Münchener Justizpalast streiten die Ex-Freunde um Millionen. 
25.05.2021 - 04:14 Uhr Kommentieren
Investor Maschmeyer war früher Geschäftspartner von Syntellix-Gründer Claassen. Quelle: dpa (M)
Utz Claasen (l.), Carsten Maschmeyer

Investor Maschmeyer war früher Geschäftspartner von Syntellix-Gründer Claassen.

(Foto: dpa (M))

Düsseldorf, München Fünf Minuten vor der Zeit erscheint Utz Claassen, 58. Grauer Nadelstreifenanzug, Krawatte orangefarben. In Raum 134 des Landgerichts München I schaut der Ex-Spitzenmanager von Seat, Sartorius, EnBW und Solar Millennium über die Schlachtordnung. Sie wird gebildet von seinen Anwälten. Er sei aus Singapur angereist und habe acht PCR-Tests gemacht, wird Claassen später sagen – der Mann, der laut einer Auskunft des Melderegisters „ins unbekannte Ausland verzogen“ ist.

Auf der Gegenseite dirigiert Topanwalt Christian Schertz, der aus Presserechts-Angelegenheiten bekannt ist. Das juristische Lager ist hier etwas größer. Dann kommt sein Mandant Carsten Maschmeyer, 62, blauer Slim-Anzug mit schwarzer Weste, einst Zampano des Finanzvertriebs AWD, inzwischen in der Rolle des Financiers von Gründern eine TV-Showgröße.

Das Programm, das am vorigen Donnerstag im Gerichtssaal von 10.30 Uhr an zu erleben ist, handelt vom Clash zweier Riesen-Egos, wie man ihn selten erlebt. Seit Jahren überziehen sich die beiden mit Klagen, Anzeigen und Forderungen, ein einziger großer juristischer Stellungskrieg rund um eine sehr kleine Medizintechnikfirma aus Hannover namens Syntellix.

Die AG bietet Magnesium-Knochenschrauben an, die sich nach einer Operation auflösen – und die Aussicht auf viel Geld, wenn sich Chirurgen weltweit tatsächlich auf dieses Verfahren einließen. Deshalb verwandelt sich der edle Münchener Justizpalast in gleich zwei Verfahren für mehr als vier Stunden in eine „Höhle der Löwen“. Der Vorsitzende Richter ist mit Dompteuraufgaben jedenfalls gut eingedeckt.

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    Am dramatischsten sind nun einmal „Ehen vor Gericht“. Die beiden Kontrahenten hatten einst so vieles gemeinsam: als Heimat die Erlebniszone Hannover, aus der so viele Bundespolitiker kamen. Das Gefühl der Männerfreundschaft. Das Gespür für Märkte, für den eigenen Aufstieg, wohl auch für den eigenen Status.

    Und die Liebe zur Start-up-Hoffnung Syntellix, die Claassen 2008 gründete und bei der Maschmeyer einst mit mehr als 42 Prozent Großaktionär war, ehe es dann über Machtfragen und Misstrauen zum Zoff kam. Ende 2016 verkaufte der Investor an den damaligen Aufsichtsratschef Claassen, der nunmehr seit Anfang 2018 als CEO fungiert. Die Rolle der Oberaufseherin hat inzwischen Claassens Ehefrau Annette inne.

    Wie aus den Freunden Claassen und Maschmeyer Feinde wurden

    Aus diesen alten Deal-Zeiten fordert Maschmeyer vor dem Landgericht Hannover in einer Stufenklage noch viel Geld, beginnend mit knapp vier Millionen Euro. 16 Millionen seien möglich, heißt es, eine Summe, die Claassen als „Hirngespinst“ abtut. Maschmeyer wirft ihm vor, er habe ihn nicht, anders als verabredet, am Gewinn aus dem Weiterverkauf eines Teils seiner alten Aktien beteiligt.

    Hier in München aber soll mal Maschmeyer, mal seine MM Familien KG zahlen – insgesamt weit mehr als sechs Millionen Euro für einen vermuteten Schaden am einst gemeinsamen Gewerbe. Der sei durch Maschmeyers Verhalten und durch seine Wortmeldungen entstanden, auch durch die eines Anwalts, meint die Claassen-Seite.

    Unter anderem geht es im Laufe der Verfahren um eine „Wohlverhaltensverpflichtung“, die Maschmeyer einst unterschrieben habe. Das sei kein „Maulkorbvertrag“, führt die Seite des Klägers aus, zwinge ihn aber, „das Maul zu halten“.

    Irgendwann steht Utz Claassen auf. Er nimmt wie alle, die an diesem Tag im Gerichtssaal reden, die FFP2-Maske ab und wettert in sechs Punkten gegen seinen Ex-Freund und heutigen Prozessgegner. Er spricht von „Geheimnisverrat“ – so sei der viel größere US-Konkurrent Arthrex mit Informationen versorgt worden. Er brandmarkt eine „seit sechs Jahren auf Vernichtung angelegte Kampagne“, die an Intensität nicht nachlasse.

    Ein „selbst erklärter Milliardär“ versuche, mit größtem Ressourceneinsatz und „unglaublicher Emotion“ ein kleines Start-up zu schädigen, sagt Claassen. Geld gegen Unternehmergeist, das ist sein Narrativ. Claassens Anwalt wiederum bevorzugt den Begriff „Marodierungskampagne“, den ein früherer Vorstandschef von Syntellix prägte.

    Claassen beschuldigt Investor des "Geheimnisverrats" - Maschmeyer kontert mit "paranoiden Zügen" des Gründers

    Carsten Maschmeyer nimmt die blaue Maske an diesem Tag im Prozess nicht ab. Er instruiert seine Anwälte, zeigt auf Textpassagen im dicken Aktenordner, trinkt aus einem Fläschchen, reckt den Daumen hoch. Manchmal wirkt es, als dränge es ihn, etwas zu sagen. Aber er belässt die Arbeit seiner juristischen Spezialeinheit.

    Die weist alle Vorwürfe zurück. Man habe zum Beispiel nie dem früheren Hannoveraner Oberbürgermeister Herbert Schmalstieg gesagt, dass man die angestrebten Sonderprüfungen bei Syntellix nicht mehr wolle. Der Sozialdemokrat war als Schlichter im Claassen-Maschmeyer-Streit eingesetzt.

    Der Vorwurf einer „Marodierungskampagne“ weise „paranoide Züge“ auf, heißt es bei den Anwälten Maschmeyers. Es fallen angespitzte Bezeichnungen wie „juristische Nebelkerze“ und „Potemkin’sches Dorf“, Claassen wolle für das andere Verfahren in Hannover wohl Verhandlungsmasse aufbauen, was der Kläger wiederum strikt zurückweist. Und, überhaupt, die geforderte Schadenssumme mache ja ein Mehrfaches des Jahresumsatzes von Syntellix aus, und wie wolle man eigentlich die Kausalität ermitteln, fragen Maschmeyers Leute.

    Tatsächlich soll die Firma 2019 rund 1,4 Millionen Euro erwirtschaftet haben, rund 0,98 Millionen waren es 2018, ergibt sich aus internen Papieren, so Informationen aus der Finanzwirtschaft. Claassen läge damit in seinen ersten beiden Jahren als Vorstandschef deutlich unter seinem Vorgänger, den Jahresfehlbetrag hätte er auf 7,5 Millionen verdoppelt. Syntellix ist eben noch stark im Aufbau begriffen.

    Ende 2018 hatte der aufgelaufene Bilanzverlust bei mehr als 12,4 Millionen Euro gelegen, geht aus dem Bundesanzeiger hervor. Claassen hat auf Anfrage nichts zu genannten Verlusten gesagt. Investoren murren, ihnen sei in der Vergangenheit für 2019 mal ein Umsatz von 31,2 Millionen in Aussicht gestellt worden. Die Abweichung sei erheblich.

    Claassen ficht das nicht an. Der Honorarprofessor der Universität Hannover schwärmt seit Längerem von einem Börsengang in Singapur, zuletzt hat er die Vorbereitungen augenscheinlich verschärft. Bis zu 124 Millionen Euro wolle er in den Ausbau der Herstellung in dem Inselstaat stecken, sagte er der „Frankfurter Allgemeinen“. 600 bis 700 Arbeitsplätze könnten da entstehen.

    Über unbezahlte Rechnungen dagegen klagt PR-Spezialist Klaus Kocks, der lange für Claassen arbeitete. Der einstige Sprecher des Volkswagen-Konzerns hat Klage eingereicht, Details mag er nicht nennen.

    „Zu Rechnungen einzelner ehemaliger Dienstleister sowie deren gegebener oder nicht gegebener Berechtigung können wir uns aus Vertraulichkeitsgründen sowie unter Aspekten nachvertraglicher Rücksichtnahme nicht äußern“, erklärt Utz Claassen. Man ahnt: Es droht ein weiterer Prozess.


    Der Richter rät eindringlich zur Einigung

    Im Münchener Verfahren ist das Gericht mit den bereits produzierten rund 1000 Blatt Papier gut eingedeckt. Mittags kommt noch ein weiterer Schriftsatz der Claassen-Seite hinzu. Die Kammer habe noch andere „wichtige Verfahren“ zu bewältigen, merkt der Richter an diesem Donnerstag zwischendurch trocken an.

    Kläger Claassen selbst ist ein genauer Beobachter der Verhältnisse vor dem Kadi. Im vorigen Oktober brachte der überaus fleißige Autor, zusammen mit Ralph Guise-Rübe, dem Präsidenten des Landgerichts Hannover, ein Buch über „unseren Rechtsstaat vor dem Zusammenbruch“ heraus. Titel: „Überlastet, überfordert, überrannt“. 

    Im aktuellen Verfahren vor dem Münchener Landgericht tritt der Vorsitzende Richter an einigen Stellen als Freund der Meinungsfreiheit auf. Vom Claassen-Lager inkriminierte Bemerkungen wie „Prinz Karneval“ oder „schlicht kriminell“ dürften von Artikel 5 des Grundgesetzes gedeckt sein, erläutert er geduldig. Das erfreut die Fraktion Maschmeyer. Eine Beweisaufnahme erscheint nach dem Prozesstag wahrscheinlich, das wiederum erfreut die Fraktion Claassen.

    Den Verkündungstermin setzt der Richter schließlich einmal für den 21. Oktober (Claassen gegen Maschmeyer) und einmal für den 4. November (Syntellix gegen MM Family KG) an. Er empfiehlt den Parteien am Ende aber nachdrücklich, sich zu einigen. Sonst werde es weitergehen, „wie lange auch immer“.

    Mehr: Showdown vor Gericht: Die Chefs von zwei der größten Banken Europas streiten um Millionen

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