Nach Hiesinger-Rücktritt Thyssen-Krupp macht vorerst ohne Chef weiter

Der Industriekonzern lässt die Nachfolge von Heinrich Hiesinger nach dessen Rücktritt offen. Auch die Krupp-Stiftung meldet sich jetzt zu Wort.
Update: 06.07.2018 - 18:23 Uhr Kommentieren
Thyssen-Krupp lässt Nachfolge von Heinrich Hiesinger offen Quelle: dpa
Zentrale von Thyssen-Krupp in Essen

Vorstandschef Heinrich Hiesinger hatte am Donnerstag überraschend seinen Rückzug von der Konzernspitze angekündigt.

(Foto: dpa)

DüsseldorfThyssen-Krupp bekommt nach dem Rücktritt von Heinrich Hiesinger vorerst keinen neuen Vorstandschef. Das Unternehmen teilte am Freitag mit, der Aufsichtsrat habe die verbliebenen Vorstände Guido Kerkhoff (Finanzen), Oliver Burkhard (Personal) und Donatus Kaufmann (Recht) um eine Weiterführung der Geschäfte vorerst ohne Vorsitzenden gebeten.

Zuvor hatte es geheißen, dass Finanzvorstand Guido Kerkhoff Thyssen-Krupp als Interimschef führen solle.

Aufsichtsratschef Ulrich Lehner erklärte, es gehe für das Unternehmen nun darum, „auf Kurs zu bleiben“. Der Vorstand habe eine mit dem Aufsichtsrat abgestimmte Strategie für die Weiterentwicklung des Unternehmens. „Dazu gehört die Umsetzung des Gemeinschaftsunternehmens im Stahl.“

In einem internen Brief an die Mitarbeiter, der dem Handelsblatt vorliegt, erklären die verbliebenen Vorstände das weitere Vorgehen. Demnach werden die konzerninternen Aufgaben von Hiesinger in den kommenden Wochen neu zugeordnet. Das geschärfte Strategiebild soll erst nach der Ernennung eines neuen Vorstandsvorsitzenden vorgestellt werden. „Bis dahin werden wir als Ihr Vorstandsteam den Konzern auf dem bisherigen, mit dem Aufsichtsrat vereinbarten strategischen Weg weiterführen.“ Das gelte auch für die Stahlsparte.

„Für die weiteren Geschäftsbereiche haben wir nach außen klar kommunizierte Ziele, an denen wir weiter arbeiten“, erklären Kerkhoff, Burkhard und Kaufmann in dem Brief. Der Aufsichtsrat suche indes nach einem Nachfolger für Hiesinger.

Am Donnerstagabend war Thyssen-Krupp-Vorstandschef Heinrich Hiesinger überraschend zurückgetreten, obwohl er wenige Tage zuvor das wichtige Versprechen eingelöst hatte, den Ruhrkonzern endgültig vom schwankungsanfälligen Stahlgeschäft zu befreien. Offenbar führten Unstimmigkeiten mit dem Aufsichtsrat zu diesem Schritt.

So erklärte Hiesinger: „Ein gemeinsames Verständnis von Vorstand und Aufsichtsrat über die strategische Ausrichtung des Unternehmens ist Voraussetzung für eine erfolgreiche Unternehmensführung.“

Neben den beiden aktivistischen Investmentfonds Elliott und Cevian hatte sich zuletzt auch die Krupp-Stiftung, die mit rund 21 Prozent den größten Anteil an Thyssen-Krupp hält, hinter den Kulissen offenbar immer deutlicher von Hiesingers Strategie distanziert. So soll Stiftungschefin Ursula Gather in den vergangenen Aufsichtsratssitzungen Zweifel am Vorstand geäußert haben.

Das ärgert nun auch die Angestellten von Thyssen-Krupp. In einem offenen Brief kritisierten sie, die Stiftung habe in ihrem Kernauftrag versagt, „das Erbe von Alfried Krupp zu wahren“. Sie seien wütend, dass Gather persönlich Hiesinger nicht so unterstützt habe, wie er es verdient gehabt habe. Das Vertrauen, so der Brief, sei nicht nur erschüttert, „es ist weg“.

Den Brief wollte die Stiftung nicht kommentieren. Gather ließ jedoch mitteilen, sie habe Hiesinger „stets unterstützt, die Vorschläge des Vorstands begrüßt und sie in den Entscheidungen mitgetragen“. Die Stiftung verdanke Hiesinger „außerordentlich viel“.

Auch Aufsichtsratschef Lehner lobte Hiesingers Bemühungen und dankte ihm im Namen des Gremiums „für das, was er in den vergangenen Jahren erreicht hat“. Hiesinger habe in seiner Zeit die Grundlage dafür geschaffen, dass Thyssen-Krupp als starker Industriekonzern bestehen könne – „so, wie es dem Stiftungsgedanken entspricht“.

In einem Interview, das Hiesinger wenige Tage vor seinem Rücktritt dem „Spiegel“ gab, verteidigte der Manager seine Strategie: Er habe das Unternehmen gemeinsam mit den Mitarbeitern verändern wollen, „nicht gegen sie“. Der Vorstand habe den Konzern nicht nur im Aktionärsinteresse geführt, „auch gesellschaftliche Akzeptanz ist wichtig“. Die Investoren hätten gewusst, worauf sie sich bei Thyssen-Krupp einlassen.

Im Hinblick auf die zunehmenden Angriffe durch die Aktionäre Cevian und Elliott erklärte Hiesinger weiter: „Wenn Sie von einem Weg überzeugt sind, dann ändern Sie ihn doch nicht, nur weil Ihnen jemand widerspricht.“ Es sei ihm bei seinem Handeln nicht darum gegangen, die beiden Fonds zu beruhigen.

„Für den neuen Thyssenkrupp-Chef wird es nicht einfach werden“

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