Nachruf auf Berthold Leibinger „Sein Wirken war immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet“

Der Erfinder und Wirtschaftspionier wäre am 26. November 88 Jahre alt geworden. Mit Berthold Leibinger verliert Deutschland eine der größten Unternehmerpersönlichkeiten.
Update: 17.10.2018 - 18:16 Uhr Kommentieren
„Es ist mir immer auf überraschende Antworten angekommen.“ Quelle: Peter Badge-Typos1
Berthold Leibinger

„Es ist mir immer auf überraschende Antworten angekommen.“

(Foto: Peter Badge-Typos1)

StuttgartEs ist in diesen Zeiten viel die Rede davon, dass Deutschland die Pionierunternehmer ausgehen. Dass Menschen, die großdenken und noch Größeres wagen, sich inzwischen eher an der US-Westküste zu Hause fühlen als in der Bundesrepublik. Ob dieses Urteil mehr ist als ein Vorurteil, steht hier nicht zur Debatte.

Fest steht: Berthold Leibinger hat groß gedacht und mit dem Werkzeugmaschinen- und Laserspezialisten Trumpf einen Weltmarktführer und eines der innovativsten Unternehmen des Landes geschaffen – und das alles nur mit seinen Händen und Ideen, ohne ein Vermögen oder Erbe als Starthilfe.

Leibinger verschied in Stuttgart, dort, wo er am 26. November 1930 als Sohn eines Händlers für Ostasienkunst zur Welt gekommen ist. Seine Kindheit und Jugend verbringt er in Korntal bei Ditzingen, wo die Prinzipien des schwäbischen Pietismus – fleißig, fromm, sparsam – leidenschaftlich gepflegt werden.

Sie prägen Leibinger ebenso wie andere Maximen, die ihm seine Eltern vermitteln: Verantwortungsgefühl und Integrität ebenso wie Weltoffenheit für andere Kulturen. Nur 65 D-Mark im Monat und ein Zuschlag von 4,80 D-Mark, das war sein erstes Lehrgeld. 1950 fing Berthold Leibinger bei dem Ditzinger Maschinenbauer Trumpf an. Eigentlich wäre er lieber einen musischen Weg gegangen. Aber er bleibt bei was „G'scheitem“.

Der Lehre schließt sich ein Maschinenbaustudium an der Technischen Hochschule Stuttgart an. „Ich habe früh gespürt, dass mir so leicht niemand etwas vormachen kann“, sagte er einmal. Bereits mit seiner Diplomarbeit, die er bei Trumpf schreibt, zeigt Leibinger, dass er das Zeug zum Erfinder hat.

Mit seinem vielfältigen sozialen und kulturellen Engagement hat er Verantwortung für die Gesellschaft als Ganzes übernommen. Hierfür bin ich ihm sehr dankbar. Winfried Kretschmann – Ministerpräsident von Baden-Württemberg

Doch die vorgezeichnete Laufbahn eines nunmehr akademisch gebildeten Angestellten reicht ihm nicht. Nach der Kindheit im Nazi-Deutschland und dem Scheitern einer ganzen Generation in Bombennächten und Hunger zieht es ihn ins Land der Sieger. Er geht 1958 nach Amerika, dort wird seine älteste Tochter Nicola geboren. „Vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben“, erinnerte er sich einmal an seine Jahre in den USA.

„Vielleicht die schönste Zeit in meinem Leben“, erinnerte er sich. Doch nach zwei Jahren Arbeit bei einem US-Maschinenbauer kehrt er 1961 zu Trumpf zurück. „Ich hatte das Gefühl, in der Heimat etwas bewegen zu können.“  Die wertvollen Erfahrungen aus den USA im Gepäck wird er Leiter der Konstruktionsabteilung bei Trumpf.

Die Produkte, die er plant und zum Patent anmeldet, verhelfen Trumpf zu einem enormen Wachstum. Über 100 Stück meldet er an und wird dafür zunächst mit Unternehmensanteilen entlohnt, 1978 wird Leibinger zum Trumpf-Chef.

Er kauft die ersten Laser aus den USA und verbessert sie so, dass er mit ihrer Hilfe den Werkzeugmaschinenbau revolutioniert. Der aufgeschlossene Unternehmer schafft einen Technologiesprung. Anfang der 1960er, kaufte Anteile, ganze 2,4 Prozent.

Und er blieb dran, sparte, kaufte, „40 Jahre lang, bis mir und meiner Familie die Firma ganz gehörte“. Seinen Aufstieg hat Leibinger, Gastautor des Handelsblatts und Mitglied der „Hall of Fame“ in seiner 2010 erschienen Biografie „Wer wollte eine andere Zeit als diese“ aufgeschrieben. Seine Lebensleistung beschrieb Leibinger einmal selbst so: „Der Aufbau eines Unternehmens ist wie eine Liebesbeziehung.“

Vor 13 Jahren gab er die Führung mit einer salomonischen Entscheidung ab. Seine Tochter Nicola Leibinger-Kammüller führt seither das Unternehmen an der Spitze der Geschäftsführung, der auch ihr Bruder Peter und ihr Ehemann Mathias Kammüller angehören. Nicolas Schwester Regina ist Aufsichtsratsmitglied bei Trumpf und arbeitet als erfolgreiche Architektin in Berlin.

Er selbst zog sich stückweise aus dem Unternehmen zurück, zuletzt vor einigen Jahren auch aus dem Aufsichtsrat, dessen Vorsitz er an den ehemaligen BASF-Chef Jürgen Hambrecht weitergab. Die Anteilnahme im Land ist groß: „Berthold Leibinger war ein leidenschaftlicher Ingenieur und Unternehmer. Sein Wirken war immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet. Er war ein großes Vorbild für uns alle“, sagte Hambrecht.

Ministerpräsident Winfried Kretschmann würdigte Leibinger als einen visionären Unternehmer. „ Mit seinem vielfältigen sozialen und kulturellen Engagement hat er zudem Verantwortung für die Gesellschaft als Ganzes übernommen. Und er hat immer wieder öffentlich klare Kante gezeigt, auch über unternehmerische Fragen hinaus.“

Auch der Unternehmer und Ex-Bahn-Chef Heinz Dürr verliert einen Weggefährten: „Mit Berthold Leibinger hat mich viel verbunden. Er begann vor vielen Jahren, Trumpf aufzubauen, ich die Firma Dürr.“

Franz Fehrenbach Aufsichtsratschef von Bosch betonte: „Berthold Leibinger war in doppelter Weise ein kreativer Denker. Er war technisch extrem interessiert und kreativ. Die hohe Anzahl an Patenten und Erfindungen belegen seine technische Brillanz über Jahrzehnte hinweg. Er hatte stets den Mut, mit Kalkül und Fantasie in neue Gebiete vorzustoßen.“

Ein Unternehmer nach Joseph Schumpeters Vorstellungen

„Es ist mir immer auf überraschende Antworten angekommen“, erzählte Leibinger einmal dem Handelsblatt. Als Unternehmer wurde er erfolgreich, weil er die Revolution nicht nur gedacht, sondern sie auch ausprobiert und dann Produkt hat werden lassen.

Zur Legende wurde seine „Kopiernibbelmaschine“, bei der nicht mehr der Mensch eine Vorlage mühsam durchs Blech stanzen muss, sondern die Maschine das Werkstück zum Vorbild nimmt und mit rasender Geschwindigkeit und Präzision kopiert. Zudem hat Leibinger früh die Bedeutung von Lasern für den Maschinenbau erkannt.

Berthold Leibinger hat es mit seinem sehr einfachen Grundsatz – „Ich mache nichts, was es schon gibt“ – sehr weit gebracht. Aber anders sein allein ist noch kein Erfolgsgarant. Leibinger orientierte sich auch am Markt. „Man muss den Kunden immer mehr bieten, als er erwartet.“

Disziplin, Wissen, schwäbische Sparsamkeit und Demut haben aus Leibinger einen schöpferischen Unternehmer werden lassen, wie ihn sich der große Ökonom Joseph Schumpeter nicht hätte besser ausdenken können. Geld um des Geldes Willen, Macht nur um der Macht willen und Risiko nur wegen des Nervenkitzels waren ihm fremd. „Es gibt Grenzen in Unternehmen, die nicht finanzieller Art sind“, sagte der Ingenieur einmal. Die unternehmerische Freiheit durch zu hohe Verschuldung aufs Spiel zu setzen kam ihm nie in den Sinn. Risiko ja, für eine gewinnbringende Innovation. Übernahmen der Expansion willen – nein.

Mit seiner integren und meinungsstarken Art hat Leibinger Trumpf auch eine politische Stimme gegeben. Dieses Talent hat er seiner Tochter Nicola vererbt. Während andere Mittelständler eher verschwiegen sind, hat Trumpf immer offen kommuniziert über Zahlen und Meinungen und so eine deutlich höhere Bedeutung und Wahrnehmung in der Gesellschaft als andere Unternehmen in ähnlicher Umsatzgröße.

Wenig Verständnis zeigte Berthold Leibinger in seinem letzten Gastbeitrag beim Handelsblatt im März dieses Jahres für das ambivalente Verhältnis der Deutschen zur Wirtschaft. „Manchmal denke ich, das Bild der deutschen Wirtschaft gleicht in umgekehrter Form dem Bildnis des Dorian Gray: Je mehr sie leistet, umso kritischer wird ihr Bild gezeichnet.“ Im gleichen Beitrag haderte er sehr mit dem Bild, das die deutschen Automanager im Dieselskandal abgeben.

„Wahrscheinlich würde ein Familienunternehmen sofort mit Nachrüstungen beginnen. Nicht nur der Reputation willen oder um rechtliche Konsequenzen zu vermeiden. Sondern aus einer Haltung der Verantwortung heraus. Gerade am Standort Deutschland, dem es so unendlich viel verdankt. Es würde eine neue Geschichte von Wirtschaft erzählen. Und kostete es auch die Hälfte seines Jahresergebnisses.“

Berthold Leibinger wird dieser Tage im engsten Familienkreis beigesetzt. Eine größere Trauerfeier wird es vermutlich noch später geben. Die Bilanzpressekonferenz, an dem das fulminant beste Jahr der Unternehmensgeschichte erläutert werden sollte, lässt die Familie kurzfristig ausfallen.

Auch eine Unternehmerfamilie ist in einer solchen Situation in erster Linie Familie. Das gebührt großen Respekt besonders bei einer Familie, in der sonst immer die Firma den Vorrang hat.

Startseite

Mehr zu: Nachruf auf Berthold Leibinger - „Sein Wirken war immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet“

0 Kommentare zu "Nachruf auf Berthold Leibinger: „Sein Wirken war immer auf das Wohl der Menschen ausgerichtet“"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%