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Nachruf Mensch, Jürgs!

Er war unbeugsam, streitbar, empathisch, frech, auch mal bösartig und voller Furor. Zum Tode des großen deutschen Journalisten Michael Jürgs.
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Der Journalist starb in der Nacht zum vergangenen Freitag. Quelle: dpa
Michael Jürgs

Der Journalist starb in der Nacht zum vergangenen Freitag.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Zu den pointiertesten Karriereempfehlungen im Journalismus gehört: „Wer schreibt, der bleibt.“ Für viele ist der Spruch mittlerweile das Echo aus einer Zeit, als man Chefredakteure tatsächlich noch eher nach ihren intellektuellen als nach ihren Orga-Qualitäten beurteilte. Für Michael Jürgs wurde der Satz am Ende geradezu existenziell.

Als er mir vor gut einem Jahr verriet, dass bei ihm Bauchspeicheldrüsenkrebs diagnostiziert worden sei, reagierte ich hilflos, wie einen die Ahnung vom Tod ja meist werden lässt. Doch dann sagte ich ihm, dass Sterben nicht in Frage komme und er gefälligst weiterschreiben solle. So wie er es immer gemacht hat. Er werde schließlich gebraucht.

Jürgs war in seinem Leben auch öfter mal Chefredakteur, zum Beispiel bei „Tempo“ und vorher beim „Stern“, wo ihn 1990 im Einheitsrausch der damalige Verlagschef wegen der frechen Titelzeile „Sollen die Zonis bleiben, wo sie sind?“ rausschmiss. Aber seine Chefposten kommen einem im Nachhinein eher vor wie Un- oder wenigstens dumme Zufälle. Im Grunde war Jürgs immer ein Autor, Reporter, kurz: ein Schreiber.

Also schrieb er im Juli vergangenen Jahres fürs Handelsblatt eine Art Manifest für den Journalismus und dessen unabdingbar wichtige Rolle in lebendigen Demokratien. Man kann das Stück, dem er den sinnigen Titel „Deadline“ gegeben hat, bei handelsblatt.com jetzt wieder nachlesen, es enthält viele wunderbare Sätze wie diesen hier: „Die dem Journalismus angemessene Farbe ist nicht Schwarz, nicht Weiß, sondern Grau. Das ist die Farbe des Zweifels.“

Er schrieb, wie er war: unbeugsam, streitbar, empathisch, frech, auch mal bösartig, voller Furor, dabei immer neugierig, verständnisvoll, mit den großen Augen des kleinen Michaels, der vier Tage vor dem Ende des Zweitens Weltkriegs in Ellwangen auf der Ostalb geboren worden war.

Natürlich musste er dort schnell weg, studierte in München ein bisschen vom damals Üblichen und ging dann doch lieber in den Journalismus. Mit 23 wurde er der jüngste Feuilletonchef, den die „Abendzeitung“, damals noch ein bundesweit bekanntes links-liberales Boulevardblatt, je hatte. Ein wahrer Achtundsechziger.

Als das mit den Chefposten nix mehr wurde, begann Jürgs Bücher zu schreiben: über die Treuhand, über Axel Cäsar Springer und Günter Grass, aber auch über Churchills Geheimagentin Nancy Wake, Alzheimer, das Bundeskriminalamt, den Sklavenmarkt Europa oder den Opernsänger Richard Tauber. Es war ihm egal, wie vermarktbar ein Stoff war. Interessieren musste er ihn. Brennen musste er dafür. Und anders als viele Journalisten brach er dabei immer wieder aus seiner Filterblase aus zwischen Eppendorf (wo er lebte) und Baumwall (wo er etliche Jahre arbeitete), um sich selbst überraschen zu lassen. Und wen hatte er nicht alles schon getroffen?!

Im vergangenen Jahr kam der Film „3 Tage in Quiberon“ heraus, in dem Marie Bäumer die große Romy Schneider spielt. Robert Gwisdek war Michael Jürgs, der „Stern“-Reporter, der fast alles tat, um bei dieser Interview-Begegnung die wahre Romy Schneider aus ihrem Diven-Panzer zu locken. Dieses Treffen hatte es wirklich gegeben. Der Film-Jürgs war nicht sonderlich sympathisch. Der echte Jürgs hat die Fiktion immer tapfer verteidigt, weil das nun mal Kunst sei und Kunst sowas dürfe.

Jürgs war ein Citoyen im besten Sinne: aufgeklärt, skeptisch, unbequem, kämpferisch, mal nervig, immer liebenswert. Im Begleittext zu seinem Essay im Handelsblatt machten wir in Absprache mit dem Autor auch seine Erkrankung publik. Das schnell neu aufflammende Interesse an seiner Person, die Anrufe von Kollegen bis zu mächtigen Medien-Chefs taten ihm gut. Er bekam Einladungen zu Talkshows und Interviews – bisweilen sicher befeuert von der zynischen Hoffnung, später mal sagen zu können: Wir hatten das letzte große Gespräch mit diesem Urgestein des deutschen Journalismus.

Jürgs genoss die Neugier – und entzog sich ihr zugleich weitgehend. Lieber schrieb er weiter an dem einen Buch, das er noch fertigkriegen wollte: „Post Mortem - was ich erlebte, nachdem ich gestorben war und wen ich im Jenseits traf“, wollte er es nennen. Bertelsmann soll es im September veröffentlichen. Vielleicht startet man ja früher. Der Tod ist auch ein Marketing-Argument.

Erst vor wenigen Wochen schloss er das Werk ab…. und schrieb doch weiter. Nicht nur ich dürfte immer mal wieder Mails von ihm bekommen haben oder Anrufe: „Machen Sie mal dies Thema, Herr Tuma! Haben Sie jenen Kommentar im ‚Guardian‘ gelesen?“ Manchmal lobte er einen, was wahnsinnig guttat, weil in unserer Branche sonst vor allem viel gehämt wird. Dabei wäre Loben so viel einfacher. Jürgs war ein Idealist, ein Vielleser, ein Querdenker.

Einen Monat ist es her, dass er mir schrieb: „Endrunde hat begonnen.“ Mir war zum Heulen. Sein nächstes Ziel wäre die Goldene Hochzeit mit seiner Frau Nikola im Herbst gewesen. Vor zwei Wochen wurde er für sein Lebenswerk mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet, schaffte es aber nicht mehr zur Verleihung in Berlin.

Ich denke, also bin ich, wusste schon Descartes. Ich schreibe, also leb ich, hätte Michael Jürgs anfügen können. In der Nacht zum vergangenen Freitag gab er nicht nur das Schreiben auf.

Mensch, Jürgs, haben Sie gelebt! Und geschrieben! Danke dafür!

Mehr: Vor einem Jahr schrieb Michael Jürgs in diesem Handelsblatt-Essay über seine Krebserkrankung – und über die Krise des Journalismus. Am Freitag ist er gestorben.

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