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Online Tagebuch Teil 10 Meine kleine Flucht

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.
27.03.2020 - 14:33 Uhr Kommentieren
Wo noch Humor herrscht, da wird auch noch gearbeitet. Quelle: Handelsblatt/Tanja Kewes
Display in der Handelsblatt-Redaktion

Wo noch Humor herrscht, da wird auch noch gearbeitet.

(Foto: Handelsblatt/Tanja Kewes)

Düsseldorf Als sich die Corona-Ausnahmesituation durch das Schließen der Kitas und Schulen hier in NRW heute vor zwei Wochen ankündigte, war meine erste Reaktion: Flucht.

Gemeinsam mit meiner Freundin Lara überlegte ich, Urlaub zu nehmen. Wir planten mit den Kindern, insgesamt wären es dann fünf Kinder gewesen, drei Jungen und zwei Mädchen, für eine Woche eine Unterkunft an der Nordsee zu mieten und so das Beste aus der Misere zu machen.

Schnell hatten wir ein schönes, kleines Häuschen für uns sieben in Dornumersiel ausgemacht. Drei Schlafzimmer, zwei Bäder, 600 Euro die Woche. Schönste deutsche Nordseeküste am Festland.

Nach Holland oder gar auf eine ostfriesische Insel trauten wir uns schon nicht mehr. Denn: Wir wollten natürlich flexibel bleiben. Was, wenn diese Krise ausartete in Ausgangssperren oder wir gar selbst erkranken würden?

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    Wir fuhren nicht. Wir wagten diese große Flucht nicht. Mein ältester Sohn wollte nicht. Er wollte zuhause bleiben – in seiner vertrauten Umgebung und bei „Mama UND Papa“.

    Er hatte mit seiner kindlichen Feinfühligkeit gemerkt, dass irgendetwas grundsätzlich anders war. Wieso waren gestern in der Schule alle so aufgeregt gewesen? Warum hatte er alle seine Bücher und seinen Turnbeutel mitnehmen müssen? Warum hatte er jetzt so plötzlich Ferien? Der kleine Große war schlauer als wir beiden aus Verzweiflung übermütigen Mütter.

    Im Nachhinein bin ich natürlich froh, dass wir nicht gefahren sind. Es wäre falsch, wenn nicht gar unverantwortlich gewesen, in dieser ernsten Situation „in Urlaub“ zu fahren. Noch dazu in einer Kombination, die nicht aus dem engsten Familienkreis besteht.

    Nach diesem gescheiterten Fluchtversuch richtete ich es mir also in meinem Homeoffice ein. Meinen Laptop und meinen Schreibtisch hatte ich ja eh schon zuhause, die Arbeitszeiten mussten eben nur in das Mittagspäuschen und den Feierabend verlegt werden.

    „Na, herrliche Aussichten“, dachte ich, und weiter: „Und wenn mit diesem Homeoffice zu fünft alles gut geht und die Ausbreitung dieses Virus in fünf Wochen hoffentlich gestoppt ist, starten wir nach den Osterferien am 20. April in der schlimmsten Rezession wieder von vorne.“

    Nun bin ich ja Optimistin, und ich war durchaus auch zuversichtlich und willig, die Chancen in dieser Ausnahmesituation zu sehen und zu ergreifen. Wir als Familie würden in dieser Zeit bestimmt auch noch enger zusammenwachsen, überlegte ich mir. Schließlich waren wir noch nie fünf Wochen am Stück alle Mann nonstop zu Hause.

    Kinder verstehen den Alltag der Eltern besser

    Diese Erwartung hat sich auf jeden Fall erfüllt. Wir Eltern haben in den vergangenen zwei Wochen unsere Jungs noch einmal viel besser kennenlernen können. Was interessiert sie? Was macht sie glücklich? Wie interagieren sie zusammen?

    Und die Drei sind auch viel selbstständiger geworden. Denn einerseits waren wir Eltern viel präsenter, andererseits war ein Programm wie im Urlaub wegen der Arbeit natürlich nicht möglich: Der Jüngste trinkt jetzt endlich aus seinem Becher statt aus einer Flasche. Der Mittlere kann jetzt allein seinen Namen schreiben. Und der Große macht auch mal allein eine Schulaufgabe.

    Und die Kinder haben durch unsere Heimarbeit zugleich auch ein viel besseres Verständnis von unserem Alltag bekommen. Erst heute Morgen beim Frühstück fragte mich unser Sechsjähriger wieder: „Mama, warum arbeitest du so viel?“

    Ich antwortete ihm, dass ich nicht mehr arbeite als sonst. Es sei jetzt nur so, dass er das mitbekommen würde. Normalerweise würde ich arbeiten, wenn er in der Schule und Betreuung sei. Nun müsse ich aber eben arbeiten, wenn er zuhause sei.

    Es folgte Frage auf Frage: Warum ich denn überhaupt arbeite? Warum ich Journalistin geworden bin? Warum Papa Architekt? Warum ich jetzt selbst beim Essen manchmal auf mein Handy schaue? Warum, warum, warum? Darum, darum, darum!

    Tanja Kewes ist seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Sie berichtet derzeit über ihre Erfahrungen im Homeoffice. Quelle: Julia Praschma
    Online-Tagebuch

    Tanja Kewes ist seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Sie berichtet derzeit über ihre Erfahrungen im Homeoffice.

    (Foto: Julia Praschma)

    Als er dann sagte, dass er einmal Lehrer werden wolle, war ich mit dem Warum-fragen dran. Seine Erklärung brachte mich etwas ins Grübeln. Er erklärte nämlich: „Ich möchte Lehrer werden, damit ich meinen Kindern mal gut die Schulaufgaben beibringen kann...“

    Ja, dieses Homeoffice zu fünft hat seine schönen Momente, es ist vor allem aber auch schön anstrengend. Ein Dauerzustand ist das hier aber definitiv nicht. Ich selbst wollte nämlich noch nie Lehrer werden.

    Mir fehlt zudem der soziale Kontakt. Als Journalistin lebe ich davon, dass ich herumkomme, Menschen treffe, die Welt fühle, sehe, rieche, schmecke, spüre. Und ich brauche zum Gedankenaustausch auch Meinesgleichen, Journalisten.

    Heute Morgen war es deshalb so weit. Am zehnten Arbeitstag zuhause wage ich die Flucht. Die Flucht in mein altes Arbeitsleben. Ich fahre für ein paar Stunden in die Redaktion.

    Ich bereite diese kleine Flucht vor wie sonst eine Geschäftsreise. Ich stimme mich erst mit meinem Mann ab, wann und für wie lange ich fahren kann, packe dann meinen Laptop und meine Unterlagen zusammen, schminke mich und ziehe mich schick an.

    Schon die Autofahrt – ein Genuss. Die Straße frei, der Himmel blau, ich mal für mich. Ich stelle die Musik gleich laut.

    Ich fühle mich wie 25 Jahre jung – und das in unserer Familienkutsche, einem VW Sharan, mit drei dicken Kindersitzen auf der Rückbank und zwei weiteren Sitzen im Kofferraum. Ein Auto so uncool, das selbst schon mein zwölfjähriger Neffe Simon die Stirn runzelte, als ich ihm im Herbst selbstironisch von unserem „tollen neuen Auto“ erzählte.

    Der Rheinufertunnel, der hier in Düsseldorf den Süden mit dem Norden der Stadt verbindet, so leer wie sonst vielleicht an Heiligabend. Ich folge gedankenverloren einem Porsche Oldtimer. Als plötzlich dessen Bremslichter rot aufleuchten, trete ich auch abrupt auf die Bremse.

    Puh, Glück gehabt und knapp geschafft. Kein neues Foto von mir. Auf meiner Spritzfahrt hatte ich natürlich die Blitzer vergessen, die im Tunnel fest installiert sind.

    Emotionale Nähe bei räumlicher Distanz

    In der Tiefgarage des Handelsblatts, in der sowieso häufig viel frei ist, weil die Parkkarte teuer ist, herrscht gähnende Leere. Ich stelle mich längs auf drei Parkplätze. Ein bisschen Spaß muss sein, selbst oder gerade in ernsten Zeiten wie diesen, denke ich mir.

    Und mit dieser Haltung scheine ich nicht allein zu sein. In unserer Lobby begrüßt mich unsere Leuchttafel. Auf ihr stehen normalerweise nüchtern unsere Ziele wie neue Abonnementzahlen. Heute blinkt der Spruch: „Die Notfallbesetzung: fünf Klorollen.“

    Na, bitte, sage ich mir: Wo noch Humor herrscht, da wird auch noch gearbeitet. In der Redaktion gibt es ein großes Hallo mit immerhin fünf von rund 80 Kollegen – natürlich mit gebührendem Abstand. Der Rest der Redaktion arbeitet wie ich im Homeoffice.

    Die emotionale Nähe zu den Kollegen ist sofort da. Die räumliche Distanz bleibt aber gewahrt. Sich mit zwei Armlängen Abstand über berufliche Themen zu unterhalten, ist schon sehr komisch. Ich frage mich, wann wir wohl wieder näher zusammenrücken.

    Ich setze mich in mein Büro und fange an zu schreiben. Doch das gelingt erst einmal nicht. Der Computer friert für 40 Minuten ein, Software-Update oder was weiß ich.

    Pünktlich um kurz vor 12 gibt es Essen. Die Kantine ist natürlich zu. Ein Lieferservice bringt aber warmes Essen. Heute: Erbsensuppe, aber keine schlechte, auf Kosten des Hauses.

    Nach fünf Stunden habe ich genug. Ich fahre wieder nach Hause. Es war nett und vor allem auch richtig schön ruhig im Office, aber das Homeoffice zu fünft wartet. Und wie es wartet: Die Szene könnte aus der Playmobil-Werbung sein...

    Die beiden Großen haben in einer sehr wackeligen Konstruktion die Ritterburg und den Felsen vom Drachen Ohnezahn miteinander verbunden. Sie spielen: „Die Guten gewinnen“.

    Der Kleine will natürlich auch mitspielen. Er ist nur halb angezogen, weil er gerade erst vom Mittagsschläfchen erwacht ist. Er steht am Türgitter, streckt seine Hände hindurch und schreit: „Auuuch!“ Mein Mann zuckt die Schultern und verschwindet im Keller.

    Ich denke: „Wie gut, dass gleich Wochenende ist.“ Und frage: „Wer will ein Eis?“

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