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Online-Tagebuch Teil 11 Statt Party: Videokonferenz mit Freundinnen

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.
30.03.2020 - 13:46 Uhr Kommentieren
Tanja Kewes führt einen Video-Call mit ihren Freundinnen. Quelle: Tanja Kewes
Video-Call

Tanja Kewes führt einen Video-Call mit ihren Freundinnen.

(Foto: Tanja Kewes)

Düsseldorf Früher war alles anders. Das trifft bei Eltern mit Kindern besonders auf die Wochenenden zu. Früher lagen wir bis elf Uhr im Bett, danach Frühstück mit ausgiebiger Zeitungslektüre bis 13 Uhr, anschließend Shopping und/oder Sport, abends ausgehen, entweder zu zweit oder mit Freunden. Am Sonntag abhängen, vielleicht ein bisschen Kunst und Kultur, abends Tatort.

Und heute? Mit Kindern? Am Samstag steht der Vierjährige für gewöhnlich um halb sieben mit seinem Feuerwehrwagen an unserem Bett: „Ich will spielen! Großeinsatz!“ Vom lauthals gebrüllten „Tatütata“ wird der Einjährige wach, schreit, will das Fläschchen. Das alles weckt natürlich den Sechsjährigen, der eigentlich noch schlafen wollte und nun „Ruhe!“ brüllt.

Wir Eltern haben um halb neun schon den dritten Kaffee auf und uns mindestens einmal gestritten: „Du wolltest doch auch Kinder…“ Anschließend geht der eine Lebensmittel kaufen, der andere mit den Jungs zum Fußball oder Schwimmen.

Um zwölf Uhr gibt es Mittagessen. In der Mittagspause dürfen die Großen einen Film schauen, der Kleine sein Mittagsschläfchen machen, wir Eltern schaffen was.

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    Ab dem Samstagnachmittag geht es dann meist aufwärts. Alle sind im Wochenende angekommen. Die Jungs spielen frei, wir Eltern machen Wäsche, den Garten, Sport oder heimwerkern. Am Sonntag geht es zwar ähnlich früh wieder los, aber alle sind etwas entspannter. Am Nachmittag machen wir häufig einen Ausflug: Tierpark, Schwimmbad, Museum oder wir treffen Freunde oder Familie.

    Die Kanzlerin bittet um Geduld. Ich frage mich: Wie soll das enden?

    Doch das war das Heute vor den Corona-Ferien. Wochenenden in den Corona-Ferien sind noch einmal ganz anders. Ganz besonders anders anstrengend.

    Das besondere Gefühl, endlich mal wieder als Familie zusammen zu sein, entfällt. Wir haben uns ja schon die ganze Woche gehabt. Von Montag bis Freitag, von halb sieben bis 20 Uhr. Das besondere Freizeitprogramm, Fußball und Schwimmen, das sonst für Entspannung und Zerstreuung sorgt, entfallen leider ersatzlos.

    Stattdessen: Zusatzprogramm. Neben dem Einkaufen, der Wäsche und dem Garten ist auch noch nach einer Woche mit allen unter einem Dach ein gewaltiger Hausputz zu erledigen. Zudem muss natürlich noch beruflich Nicht-Geschafftes nachgeholt werden. Von Entspannung oder Zerstreuung kann also gar keine Rede sein.

    Am Sonntagabend kommen dann – um 21 Uhr liegt, der Zeitverschiebung sei Undank, endlich auch das letzte Kind schlafend in seinem Bett – zum krönenden Abschluss die (schlechten) Nachrichten. Die Fallzahlen steigen weiter. Ein Ausstieg aus dem Ausstieg ist noch nicht in Sicht. Mindestens drei weitere Wochen soll die Kontaktsperre noch dauern.

    Die Kanzlerin bittet um Geduld. Ich frage mich: Wo und wie soll das enden?

    In meinem Bekanntenkreis mehren sich die Verzweifelten. Tenor: Wir schaffen das nicht! „Wir sind mit unserer Kraft schon jetzt am Ende!“ Die Kinder seien so verdreht, aufgeregt, das wäre wie drei Vorweihnachtszeiten auf einmal nur ohne Aussicht auf Bescherung. Die Kinder seien einerseits unter-, andererseits überfordert. Ihnen fehlten die Gleichaltrigen.

    Die Eltern würden sich nur noch streiten, über absurde Dinge: Wer darf Einkaufen gehen? Wer darf wann und wie arbeiten? Wer muss die Kinder und ihre Schulaufgaben überwachen? Hinzu kämen grundlegende Ängste: Bleiben wir, bleiben unsere Familien gesund? Behalten wir unsere Jobs? Was bleibt von unserem alten Leben?

    Und das sind nur die Stimmen aus dem privilegiertem, dem eigentlich sozioökonomisch abgesicherten und gebildeten Lager. Eine Freundin, die Sozialarbeiterin ist, berichtet mir aus dem prekären Bereich, aus Familien, die schon zu normalen Zeiten nicht klarkommen, und mit zwei, drei, vier Kindern in kleinen Wohnungen sitzen: Die Kinder verwahrlosen.

    Sie säßen den ganzen Tag vor dem Fernseher. Schulaufgaben würden nahezu nicht gemacht. Häufig gäbe es kein warmes oder auch nur ordentliches Essen. Die Gewalt gegenüber Kindern und Frauen nehme dramatisch zu.

    Solche Berichte stimmen mich sehr nachdenklich. Wir leben hier wirklich privilegiert. Wir leben und arbeiten in einem Haus mit Garten, allein das macht es mit Kindern natürlich schon viel einfacher.

    Wir leben finanziell nicht von der Hand in den Mund, und müssen uns etwa nicht sorgen, die Miete nächsten Monat zahlen zu können. Es ist ein privater Stresstest, ja, aber einer unter zugegebenermaßen guten Bedingungen.

    Und das sollten wir auch nicht vergessen: Deutschland ist in dieser Pandemie vielleicht einer der sichersten Ort der Welt. Wir haben ein funktionierendes Gesundheitssystem, viel Geld und eine umsichtige politische Führung. Wie fühlen sich wohl die Menschen in armen Ländern oder in den reichen, aber gemissmanagten USA, wo sich das Virus ungehemmt auszubreiten droht und das Gesundheitssystem schon in guten Tagen überfordert ist?

    Es tut einfach gut, Freundinnen zu sehen

    Zurück in unser Kleinklein, zurück in mein Familien-Homeoffice zu fünft in Düsseldorf: Auch ich habe Redebedarf. Die Situation zuhause ist anstrengend. Für den Samstagabend habe ich deshalb mit großer Freude die Einladung einer Freundin angenommen.

    Wir wollen uns mit noch einer dritten Freundin treffen – in einer Videokonferenz. Die beiden sind Mütter wie ich, jeweils zwei Kinder, die eine 35 Jahre jung, die andere 42, beide berufstätig.

    Wir sitzen jede für sich im Schlafzimmer. Leger gekleidet, den Laptop auf dem Schoß, ein Weinglas in der Hand, und reden und reden und reden. Zwei Stunden lang. Es tut einfach gut, die anderen beiden zu sehen, und ihre Stimmen zu hören. Wir whatsappen zwar auch viel in der Woche, aber die wörtliche Rede hat doch eine andere Qualität – mit all ihrer Mimik und Gestik, selbst gefiltert durch eine Kamera.

    Tanja Kewes ist seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Sie berichtet derzeit über ihre Erfahrungen im Homeoffice. Quelle: Julia Praschma
    Online-Tagebuch

    Tanja Kewes ist seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Sie berichtet derzeit über ihre Erfahrungen im Homeoffice.

    (Foto: Julia Praschma)

    Eine Samstagabendverabredung in einem virtuellen Konferenzraum – hätte mir das jemand vor vier Wochen gesagt, hätte ich denjenigen als Nerd abgetan und mir wahrscheinlich an den Kopf getippt.

    Und nun? Scheint das eine neue Normalität. Auch die alles dominierende Frage dieses sehr privaten Austausches ist schon irre, weil absolut banal: Wie läuft es bei euch? Wie kriegt ihr das hin?

    Ein selbstgenähter Mundschutz

    Wir sind alle drei grundsätzlich noch optimistisch. Die Vorstellung aber, dass dieser Ausnahmezustand noch lange andauern wird, macht uns zu schaffen. Wo und wie soll das enden? Wir sorgen uns vor allem auch um unsere Kinder und die eigenen Eltern. Hoffentlich sind die vernünftig und verlieren nicht noch ihre Lebensfreude.

    Ich berichte, dass meine Schwiegermutter (76) sich einen Mundschutz aus Stoff genäht hat. Sie ist gelernte Schneiderin. Wir lachen und freuen uns. Das ist auf jeden Fall ein konstruktiver Umgang mit dieser Krise. Und vielleicht sollte sie in Massenproduktion gehen.

    Am Ende wagen wir die Wette: Wie lange geht das noch? Die zwei glauben, dass Schulen und Kitas hier in Düsseldorf frühestens im Mai wieder aufmachen. Ich bin optimistischer und setze auf die Woche nach den Osterferien, also Mitte April. Einen Wetteinsatz gibt es aber nicht. Dafür ist uns die Lage zu ernst.

    Apropos Schule: Am Sonntag steckt überraschend ein Brief der Klassenlehrerin unseres sechsjährigen Sohnes im Briefkasten. Er ist nicht frankiert, sie hat ihn anscheinend persönlich eingeworfen. Es ist ein, so würde ich es als Personalerin nennen: Motivationsschreiben.

    Auf die Kür folgt die Pflicht: Wenig später kommt auch die wöchentliche E-Mail mit dem Wochenprogramm. Diese Woche stehen auch Sachunterricht und Kunst auf dem Stundenplan. Ich schlucke. Sachunterricht ist super. Unser Ältester schaut wie schon einmal hier in diesem Online-Tagebuch beschrieben sehr gerne Terra-X-Dokumentationen und interessiert sich für Gott und die Welt.

    Doch Kunst? Ostereier aus Papier ausschneiden und bemalen? Eieiei… Ich glaube, Kunst machen wir mal blau…

    Mehr: Hier geht es zu allen Folgen des Online-Tagebuchs.

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