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Online-Tagebuch Teil 15 Wir müssen lernen, mit dem Virus zu leben

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.
03.04.2020 - 16:16 Uhr Kommentieren
Wir haben uns auf ein gefährliches Virus eingestellt, das wir weder sehen, riechen oder schmecken können. Quelle: Handelsblatt / Tanja Kewes
Spielzeugfrosch mit Mundschutz

Wir haben uns auf ein gefährliches Virus eingestellt, das wir weder sehen, riechen oder schmecken können.

(Foto: Handelsblatt / Tanja Kewes)

Düsseldorf Als ich am Sonntagnachmittag laufen war, lag plötzliche diese Klopapierrolle vor mir auf dem Bürgersteig. Eine einzelne Klopapierrolle. Unverpackt. Weiß. Am Stück. Ich blieb stehen, schaute mich um. Niemand weit und breit. Es nieselte, kein Spaziergangswetter. Ich schaute mich weiter um, vielleicht lagen irgendwo Jugendliche in den Büschen, die sich einen Spaß machten. Doch nein, niemand weit und breit.

Ich lief weiter, schmunzelte und überlegte. Wer hatte diese Klopapierrolle wohl verloren? Oder war sie gezielt abgelegt worden? Als Kunstprojekt? Oder war es versteckte Kamera? Beides wäre hier in Düsseldorf nicht auszuschließen. Die Stadt hat Kunstakademie und Medienhafen.

Ich schaute mich im Davonlaufen noch einmal um. Nein, es tat sich nichts. Die Rolle lag immer noch allein und verlassen auf dem Bürgersteig. Ich überlegte kurz, ob ich warte, bis jemand kommt und sie mitnimmt. Denn dass diese Klopapierrolle ihren unehrlichen Finder finden würde, daran hatte ich keinen Zweifel.

Schließlich ist Toilettenpapier derzeit unser begehrtestes Produkt. Eine unversehrte Klopapierrolle zu verlieren ist für einige Mitmenschen derzeit wahrscheinlich schlimmer als einen Schuh. Und eine unversehrte Klopapierrolle zu finden ist für viele Mitmenschen derzeit vielleicht wie ein Vierer im Lotto. Ich entschied mich dann aber gegen den Voyeurismus und lief weiter.

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    Tja, was will ich mir, was will ich Ihnen mit dieser Szene sagen? Ganz einfach: Unsere Welt hat sich in den vergangenen drei Wochen verändert. Sie hat sich so sehr verändert, dass wir uns mit Klopapier beschäftigen. Und das kann keine gute Veränderung sein.

    Wir haben die Kontrolle verloren, unser Alltag ist eine einzige, dauerhafte Ausnahmesituation geworden. Wir sollen zuhause bleiben, es herrscht Kontaktsperre, die Kinder dürfen nicht mehr in Schule oder Kita, Reisen ist verboten. Selbst die Kanzlerin hat zwischenzeitlich im Homeoffice gearbeitet.

    Es ist eine schreckliche neue Welt. Dieses Coronavirus hat auch uns selbst schon verändert, wenn auch schon die meisten von uns noch nicht krank gemacht. Wir sind mindestens verunsichert. Wie schlimm wird es? Überlebe ich das? Was kommt danach? Und das absolut Bekloppte, es muss deshalb eine Übersprungshandlung sein: Bei all diesem Wahnsinn sorgen sich viele von uns ums Klopapier.

    Die Klopapierrolle, allein und verlassen, auf dem Bürgersteig ist wohl so etwas wie ein Symbolbild für diese Krise, die schon über uns gekommen ist, obwohl sie noch gar nicht da ist. Wir haben uns in den vergangenen drei Wochen zurückgenommen und gerüstet für eine Gefahr, die die meisten von uns bisher nur aus dem Fernsehen, den sozialen Medien und Erzählungen kennen.

    Wir haben uns auf ein gefährliches Virus eingestellt, das wir weder sehen, riechen oder schmecken können. Das uns aber, wenn es schlecht läuft, das Grundlegendste, was wir zum Leben brauchen, nehmen kann: unsere Luft zum Atmen. Es ist wie ein andauernder Feuerprobealarm, nur das wir nicht rauslaufen, sondern drinbleiben sollen.

    Jeden Abend sehen und hören wir die neuen Zahlen. Als ich mit diesem Tagebuch am 16. März anfing, waren in Deutschland rund 7000 Menschen positiv auf das Coronavirus getestet und 17 Menschen an Covid-19 gestorben. Und heute, knapp drei Wochen später? Das Robert-Koch-Institut meldete am Freitag für Deutschland knapp 80.000 Infizierte und mehr als 1000 Tote. Und die Spitze ist trotz Kontaktsperre noch nicht erreicht. Die Maßnahmen wurden deshalb auf bis nach Ostern verlängert. Wir sollen und müssen weiter geduldig sein.

    Wir brauchen einen Ausstieg aus dem Stillstand

    Ich lebe und arbeite inzwischen wie viele von Ihnen auch seit drei Wochen im Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann in Düsseldorf. Es war und ist der private Stresstest schlechthin. Ich fühle mich wie viele andere Familien auch in dieser Krise alleingelassen. Wir Eltern sollen bitte arbeiten und Ergebnisse abliefern, als wäre nichts. Und unsere Kinder sollen bitte lernen, als wäre Schule.

    Irgendjemand hat dieser Tage im Internet vorgeschlagen, dass sich alle Eltern mit Kindern zuhause am Abend um halb acht auf ihren Balkon oder ans Fenster stellen und einfach mal schreien. Nicht Musizieren (für den sozialen Frieden), nicht Klatschen (für das Pflegepersonal), sondern Schreien (aus Verzweiflung). Ich gebe gerne zu, dass hätte ich an einzelnen Abenden der vergangenen drei Wochen auch gut und gerne mal machen können. Ich hätte auch mal die Anstrengung und den Frust, niemandem und nichts gerecht zu werden, rausschreien sollen.

    Tanja Kewes ist seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Sie berichtet derzeit über ihre Erfahrungen im Homeoffice. Quelle: Julia Praschma
    Online-Tagebuch

    Tanja Kewes ist seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Sie berichtet derzeit über ihre Erfahrungen im Homeoffice.

    (Foto: Julia Praschma)

    Das Fazit: Wir haben das zwar geschafft! Wir schaffen das auch noch drei Wochen länger. Doch wir schaffen das nicht auf Dauer. Es muss einen Ausstieg aus dem Ausstieg geben. Wir können unseren Kindern nicht langfristig die Lehrer ersetzen, wir drohen unseren hart erarbeiteten Wohlstand und die Lust am Leben zu verlieren. Dieser Stillstand ist nicht alternativlos. Derzeit sind wir alle nur angestrengt, doch daraus könnte bald auch verzweifelte Wut werden.

    Wir müssen raus aus dieser kollektiven Isolation. Wir brauchen eine neue Normalität. Vielleicht brauchen wir Massentests, Maskenpflicht, Handytracking und Virenschleusen vor öffentlichen Einrichtungen. Oder die umgekehrte Isolation, also den Schutz der Risikogruppen. All das ist besser zu ertragen und zu schaffen als dieser gesamtgesellschaftliche Stillstand.

    Politiker sollten uns nichts vormachen – weder durch gewaltige Worte noch durch Verschweigen. Die großen Worte von Bundesfinanzminister Olaf Scholz („Bazooka“) oder von Wirtschaftsminister Peter Altmaier („Keiner verliert wegen Corona seinen Job“) erinnern mich an die „blühenden Landschaften“ von Helmut Kohl oder an „Die Rente ist sicher“ von Norbert Blüm. Ihre Aussagen holten beide Politiker wie ein Bumerang wieder ein und führten zu Politikverdrossenheit.

    Angela Merkels „Ich bitte Sie, geduldig zu sein“ ist zwar ehrlicher und realistischer. Doch einen Ausweg aus der Massenisolation zeigt die Kanzlerin bisher nicht auf. Nur NRW-Ministerpräsident Armin Laschet macht sich schon mal öffentlich Gedanken um eine Exit-Strategie und hat eine zwölfköpfige Expertenkommission einberufen. Der Mann zeigt Führungsanspruch und unterstreicht damit seinen Willen, den Parteivorsitz der CDU zu übernehmen und im kommenden Jahr Kanzler zu werden.

    Die Zeit drängt. Wir brauchen einen Ausstieg aus dem Stillstand, und der will und muss vorbereitet sein. Wir müssen die Misere vom Ende her denken – und lösen. Es kann auf Dauer nicht nur darum gehen, gesundheitlich schwache oder alte Menschen, die an Covid-19 erkrankt sind, zu retten. Die Rezession wird auch Menschenleben und Existenzen kosten. Es werden dann auch wieder die Schwächsten sein, die zu den Opfern zählen. Dann sind es aber die wirtschaftlich Schwächsten.

    Und die Mittelschicht macht derzeit zwar das Unmögliche möglich und schafft in traditioneller Selbstaufgabe den Dreiklang aus Arbeit, Fürsorge für Kinder und Alte sowie gesellschaftliche Solidarität. Doch wie lange geht das noch gut? Spätestens wenn die ersten Angestellten ihren Arbeitsplatz verlieren, ihre Aktiensparpakete wertlos sind und der Auszug aus dem Eigenheim droht, weil der Kredit nicht mehr bedient werden kann, wird die Stütze dieser Gesellschaft aufbegehren.

    Das Osterfest steht für Hoffnung: Auf das Leid folgt die Auferstehung.

    Ich sage deshalb: Solidarität ja, aber nicht bis zur Selbstauflösung. Wir müssen lernen, mit diesem Coronavirus zu leben. Denn ohne das Virus werden wir voraussichtlich noch bis Frühling 2021 nicht leben können. So lange wird es wohl dauern, bis ein Impfstoff entwickelt und produziert sein wird.

    Das Osterfest fällt dieses Jahr zwar mit seinen traditionellen Riten aus. Keine Gottesdienste, keine Familienfeiern, keine Osterfeuer – dem Kontaktverbot sei Dank. Doch wir sollten uns vielleicht gerade in dieser Stille in Erinnerung rufen, warum wir Ostern als Fest begehen.

    Ostern ist das Leidensgedächtnis und die Auferstehungsfeier von Jesus Christus. Und vielleicht liegt darin die Kraft. Nach dem Leid kommt die Auferstehung. Nach der Coronakrise kommt der Corona-Kampf. Ich glaube daran. Und dafür brauche ich kein Klopapier.

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