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Online-Tagebuch Teil 3 Ein Hipp-Hipp-Hurra auf die Digitalisierung

Chefreporterin Tanja Kewes berichtet aus ihrem Homeoffice – mit drei kleinen Kindern und Ehemann. Es ist der private Stresstest schlechthin mit lustigen und nachdenklichen Momenten.
18.03.2020 - 15:05 Uhr Kommentieren
Der private Stresstest funktioniert überhaupt nur dank Digitalisierung. Quelle: Handelsblatt/Tanja Kewes
Die Kinder der Autorin

Der private Stresstest funktioniert überhaupt nur dank Digitalisierung.

(Foto: Handelsblatt/Tanja Kewes)

Düsseldorf Ich verstoße gerade zuhause ständig gegen eine eigentlich eherne Regel, die wir Eltern uns selbst gesetzt haben: kein Smartphone am Esstisch. Die Nachrichtenlage in Sachen Coronavirus ist für mich als Journalistin und Muttertier derzeit aber einfach zu spannend. Ständig poppen Eilmeldungen diverser Medien, die ich natürlich abonniert habe, bei mir auf dem Display auf. Ich kann dann nicht widerstehen. Ich schaue hin, laufe hin, klicke sie an, bin gedanklich weg.

Wir hatten deshalb schon Streit. Mein Mann sagte: „Jetzt leg doch mal das Ding weg!“ Und die beiden Ältesten wollen natürlich sogleich immer mitschauen und mitwischen – mit schmierigen Butterfingern. Für sie ist ein Smartphone vor allem eine Art Spielgerät – mit vielen Fotos und Videos, vor allem von ihnen und ihrem kleinen Bruder – und der direkte Draht zur geliebten Oma und Opa. Und für mich? Ist dieses Smartphone gerade das wichtigste Ding in meiner kleinen Welt.

Meine kleine Welt – das ist nun der dritte Tag in Folge dieses Homeoffice zu fünft, das mehr und mehr zum Gewahrsam wird. Mein Mann und ich zuhause, die drei kleinen Jungs auch. Mein Mann sitzt im Keller in seinem Büro, ich an meinem Schreibtisch unter dem Dach, dazwischen die Jungs.

Ich bin müde. Kein Wunder, meine Arbeitszeit liegt inzwischen zwischen 20 und 8 Uhr. Die Nächte sind kurz, die Tage lang und anstrengend. Draußen scheint die Sonne, hier drinnen steigt die Temperatur gefühlt auch von Tag zu Tag.

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    Gestern Nachmittag lieferten sich unsere beiden großen Jungs die erste Klopperei. Der Anlass: noch nichtiger als sonst. Ich kann nicht einmal mehr sagen, was der Auslöser war oder worum es ging. Die beiden lieben sich eigentlich. Sie sind eigentlich „beste Kumpels“, wie sie selbst sagen. Doch auch sie sind dünnhäutiger geworden.

    Familienarbeitsleben in Zeiten von Corona, viele von Ihnen erleben es auch: Wir Erwachsenen sind geschafft und irgendwie auch grundlegend beunruhigt. Dem Sechsjährigen fehlen seine Freunde und natürlich der Fußballplatz, also Gleichaltrige und Bewegungsfreiheit.

    Und ihn nervt natürlich schon jetzt diese zwei Mal täglich stattfindende „Lernzeit“ in den Fächern Mathe, Deutsch und Englisch. Der Vierjährige fühlt sich angesichts dieser uneingeschränkten Aufmerksamkeitsmomente des großen Bruders natürlich vernachlässigt. Was er natürlich auch wird, wenn ich ehrlich bin.

    Und der Kleine? Der ist dauer-aufgedreht. Er hat Mama und Papa den ganzen Tag, und die großen Brüder auch. Er rennt von einem zum anderen und weiß gar nicht, wo er anfangen, wo aufhören soll: Die Hefte des Großen bekritzeln und zerfetzen, oder die Drehleiter des Feuerwehrautos des Mittleren biegen bis sie abbricht, oder die Fernbedienung vom Fernseher verschleppen oder Mamas Ladekabel vom Laptop knicken, bis es „babutt“ ist.

    Womit wir erstens wieder bei Wladimir Kaminer und seinem Erziehungs-Ausspruch wären, der trotz intensivem Händewaschen immer noch in meiner Handinnenfläche zu lesen ist: „Coole Eltern leben länger.“ Und zweitens sind wir zurück beim Thema dieses Tages: der Digitalisierung.

    Halb Deutschland ist im Homeoffice

    Ich bin eigentlich echt kein Nerd. Ich lese bis heute die Nachrichten am liebsten auf Papier, in der guten alten Zeitung, die uns dieser knorrige, aber zuverlässige Zeitungsbote jeden Morgen vor die Tür schmeißt.

    In den sozialen Medien war ich bisher eher selten aktiv. Doch mit dieser Coronakrise wird alles anders. So wie Deutschland in den vergangenen Tagen dicht gemacht hat – die Grenzen, viele Läden und Restaurants, die Spielplätze – so hat die Digitalisierung durch diesen Virus ihren letzten, ultimativen Schub erhalten.

    Drei Beispiele. Erstens: Ich hänge, wie schon beschrieben, an diesem Smartphone wie ein Junkie an seiner Spritze. Habe ich es gedankenlos verlegt, hetze ich nervös bis hysterisch durch die Bude, und frage selbst unseren Jüngsten, der eineinhalb Jahre ist: „Weißt du, wo mein Handy ist?“

    Es ist schließlich die ultimative Informationsquelle. Diese missliche Lage wäre ohne erklärendes Was, Warum und Wann der professionellen Medien gar nicht auszuhalten. Die Besucherzahlen von Online-Nachrichtenseiten explodieren deshalb gerade.

    Seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“. Quelle: Frank Beer für Handelsblatt [M]
    Tanja Kewes

    Seit 2016 Chefreporterin des Handelsblatts und Autorin der Kolumne „Faktor Mensch“.

    (Foto: Frank Beer für Handelsblatt [M])

    Zweitens: Ganze Bürotürme stehen derzeit leer. Wurde das Homeoffice bis vor zwei Wochen noch als Mama-will-wieder-arbeiten-kann-es-aber-noch-nicht-richtig-Lösung belächelt, ist es nun State of the Art. Halb Deutschland weilt zuhause und arbeitet.

    Auch die Handelsblatt-Redaktion ist so geleert wie bei einem Probe-Feueralarm. Die lieben Kollegen sitzen wie ich im Homeoffice. Die IT und die Kommunikation über den Messenger Slack machen es möglich. Und ich frage mich, bleibt es eigentlich dabei? Die Controller haben die nun freien Büroflächen doch bestimmt schon zumindest gedanklich eingespart.

    Drittens: Der Onlinehandel, Lieferdienste, digitale Bildungsanbieter, Streamingplattformen und Fitness-Apps prosperieren. Ganz Deutschland sitzt nur noch zuhause und lässt kommen. Stay home and let you entertain, ist die Devise. Endlich haben die Lieferwagenfahrer von DHL, Hermes und Co. die Straßen für sich allein.

    Der stationäre Handel kann vielerorts wahrscheinlich nach den Zwangsschließungen nur noch für einen wirklich letzten Ausverkauf öffnen. E-Commerce hat gesiegt. So will Amazon weltweit 100.000 neue Mitarbeiter einstellen, und die Gehälter seiner bisher schon Angestellten erhöhen.

    Ohne Internetverbindung bleibt niemand zu Hause

    Ich sage deshalb: Die Bundesregierung kann auch noch Ausgangssperren wie in Spanien und Frankreich verhängen oder den Nationalen Notstand ausrufen wie in den USA und von mir aus auch noch Frisörsalons und Baumärkte schließen oder die Fußballliga weiter pausieren lassen, ohne dass es zu Panikattacken kommt.

    Sie sollte jedoch dafür sorgen, dass die Datenströme fließen. Tim Höttges, der Chef der Deutschen Telekom, ist deshalb der wichtigste Mann dieser Tage. Und seine Techniker sind definitiv systemrelevante Arbeitskräfte, deren Kinder notbetreut werden sollten.

    Denn ohne funktionierende Internetverbindung bleibt keiner mehr zu Hause. Und wenn wir erzwungenermaßen zu Hause bleiben müssen, dann bleiben wir ohne funktionierendes W-LAN oder Mobilfunknetz wohl nicht lange ruhig und gelassen zuhause. Dieser private Stresstest funktioniert überhaupt und auch nur ansatzweise dank Digitalisierung.

    Ein Leben ohne Smartphone ist gerade in diesen unsicheren Zeiten unvorstellbarer als es sowieso schon lange ist. Wie würden wir uns informieren? Wie mit unseren Liebsten und Nächsten kommunizieren? Wie mit Oma und Opa skypen? Wie arbeiten? Wie uns ohne Mediathek oder Streamingdienst unterhalten lassen? Wie ohne Apps lernen und spielen?

    Nun, die Kinder beschäftigen sich an diesem Vormittag noch sehr im Hier und Jetzt. Doch das Coronavirus ist auch schon in ihren Köpfen angekommen. Die beiden großen Jungs rennen wie verrückt durchs Haus, den Garten und die anliegenden Straßen. Immer wenn sich jemand nähert, springen sie auf, und rennen weiter. Auch vor mir und dem Kleinen rennen sie weg. Als, ich sie frage, was sie denn spielen würden, sagt der Sechsjährige: „Verstecken. Wir verstecken uns vor dem Virus!“ Herrlich, Kind müsste man noch einmal sein.

    Und wir bleiben im Realen. Um 12 Uhr mittags heißt es: „Hunger!“ Ok, denke ich, dagegen können wir etwas machen. Ich lege also das Smartphone zur Seite und stelle mich an den Herd. Heute gibt es das Lieblingsessen unseres Großen: Reibekuchen mit Apfelmus und Zuckersirup. Ich mag diesen „Fetttaler“ nicht, zumal der Geruch bis mindestens heute Abend da sein wird. Er ist noch penetranter als Fischstäbchen-Geruch. Aber egal. Für die gute Stimmung in unserem Bootcamp koche ich wie ein Smutje auf einem Piratenschiff fast alles.

    Apropos Essen: Wir müssen spätestens morgen wieder einkaufen. Ich werde die Befürchtung nicht los, dass ich langsam auch mal ein paar Vorräte anlegen muss. Vorbild: Smutje. Jetzt muss ich mir nur noch überlegen, wie ich die anderen Hamster austrickse. Wo und wann schlage ich am besten zu? Ich werde berichten. Bis dahin wünsche ich Ihnen: Bleiben Sie gesund und munter!

    Mehr: Online-Tagebuch Teil 2: Homeschooling: Der Ernst des Lebens kommt nach Hause

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