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Autozulieferer unter Druck

Der Autozulieferer Conti beispielsweise verschärft sein Sanierungsprogramm 2020 und stellt weltweit inzwischen 30.000 Arbeitsplätze infrage, davon 13.000 in Deutschland.

(Foto: dpa)

Pandemie-Folgen Umbau der Wirtschaft: Dax-Konzerne streichen mehr Jobs als in der Finanzkrise

Allein in diesem Jahr gehen bei den Großkonzernen 40.000 Stellen verloren. Corona ist nur der Trendbeschleuniger. Doch der Fachkräftemangel bleibt.
29.09.2020 - 12:45 Uhr Kommentieren

Düsseldorf In der deutschen Industrie droht ein größerer Stellenabbau als in der Finanzkrise 2009. Allein bei den 30 Dax-Konzernen werden nach Handelsblatt-Recherchen in diesem Jahr netto, also unter Einberechnung aller Neueinstellungen, mehr als 40.000 Stellen in Deutschland verloren gehen.

2021 dürften es aufgrund der angekündigten Restrukturierungsprogramme mindestens doppelt so viele werden. Zum Vergleich: In der Krise 2008/09 waren bei den Dax-Konzernen rund 85.000 Stellen weggefallen.

Die Auswirkungen der Corona-Pandemie hat den Strukturwandel der deutschen Wirtschaft bereits beschleunigt. 2019 gingen bei BASF abzüglich der Neueinstellungen 1800 Stellen, bei BMW und Continental jeweils rund 2000 und bei Siemens 1000 in Deutschland verloren.

Als eines der wenigen Unternehmen hatte Volkswagen 4700 Menschen mehr beschäftigt als im Jahr davor. Bei den Wolfsburgern dürften insgesamt mehr als 25.000 Stellen in Deutschland abgebaut werden. Bei der Deutschen Bank und der Commerzbank wackelt jeder fünfte Job.

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    Noch verzichten die meisten auf betriebsbedingte Kündigungen. Viele Firmen suchen sogar Fachkräfte, selbst wenn sie Stellen streichen. VW will 9000 Mitarbeiter im Bereich Software einstellen. Nach Ansicht der Chefvolkswirtin der staatlichen Förderbank KfW, Fritzi Köhler-Geib, bleibt der Fachkräftemangel das große Thema: „Höhere Produktivitätssteigerungen können nur mit mehr Investitionen, mehr Innovationen und Digitalisierung sowie besserer Qualifizierung erreicht werden.“

    Grafik

    Vom Stellenabbau betroffen sind mit Ausnahme der Technologie-, Software- und Lebensmittelbranchen so gut wie alle Bereiche. Der Stahl- und Metallhändler Klöckner will in diesem Jahr 19 Standorte schließen. Das betrifft 1200 Mitarbeiter und damit 15 Prozent der Belegschaft.

    Der Autozulieferer Rehau in Bayreuth baut bis Ende nächsten Jahres 700 Stellen im Fertigungsbereich und weitere 260 Arbeitsplätze in der Verwaltung ab. „Das Instrument der Kurzarbeit ist weitestgehend ausgeschöpft“, sagte Automotive-Spartenchef Markus Distelhoff.

    Selbst jahrelange Erfolgsunternehmen bleiben nicht außen vor. Der Kopfhörerspezialist Sennheiser rechnet im laufenden Geschäftsjahr mit einem größeren Ertragsrückgang und kündigte den Wegfall von 650 Stellen an, davon 300 in Deutschland. Jeder fünfte Arbeitsplatz geht verloren.

    Dramatisch ist die Situation im produzierenden Gewerbe. Nach Einschätzung der IG Metall sind in der deutschen Metall- und Elektrobranche 300.000 Arbeitsplätze in Gefahr. Allein im Maschinenbau wurden im ersten Halbjahr 32.000 Arbeitsplätze gestrichen.

    Dort sank die Zahl der Beschäftigten um rund drei Prozent auf gut eine Million. Angesichts eines Einbruchs der Aufträge um 30 Prozent im ersten Halbjahr sei das sogar noch ein „moderater Abbau“, meint Ralph Wiechers, Chefvolkswirt des Branchenverbandes VDMA.

    Jobgarantien schützen in vielen Unternehmen nicht mehr

    Die meisten Stellen fallen in der Automobilindustrie weg. BMW baut 6000 Arbeitsplätze ab, bei 10.000 Leiharbeitern werden die Verträge nicht verlängert. Für die Münchener ist es der erste Personalabbau seit der Finanzkrise 2008.

    Der Lkw- und Bushersteller MAN will gut 7000 Arbeitsplätze in Deutschland streichen. Das ist fast jede fünfte Stelle. Einerseits belastet der Absatzeinbruch infolge des jüngsten Konjunktureinbruchs. Vor allem aber sind hohe Investitionen in alternative Antriebe, Digitalisierung und Automatisierung nötig. Bis 2023 sollen bei der VW-Tochter 1,8 Milliarden Euro eingespart werden.

    Bei Daimler sind sogar mehr als 15.000 Stellen in Gefahr, allein 4000 in Stuttgart-Untertürkheim. Eigentlich gibt es genauso wie bei Volkswagen eine Beschäftigungssicherung. Sie schließt betriebsbedingte Kündigungen bis Ende 2029 aus. Doch Personalvorstand Wilfried Porth sagte, es müssten mehr als 15.000 Mitarbeiter freiwillig ausscheiden, um Kündigungen zu verhindern.

    Eine Klausel in dem mit dem Betriebsrat vereinbarten Pakt sieht vor, dass neu verhandelt wird, wenn sich die wirtschaftlichen Rahmenbedingungen signifikant verändern. Genau das ist nach Ansicht Porths 2020 passiert: „Wir haben das Thema der Elektromobilität, und wir haben das Thema der wettbewerbsfähigen Kostenpositionierung. Zwei der Themen gab es schon vorher, Corona kommt nun noch dazu.“

    Noch dramatischer ist die Situation bei den Zulieferern. Schaeffler kündigte den Abbau von 4400 Stellen an – der größte Teil in Deutschland. Die Standorte Wuppertal und Clausthal-Zellerfeld werden geschlossen. Bis zu 15.000 Stellen will ZF in den kommenden Jahren weltweit streichen, die Hälfte davon in Deutschland.

    Für die Münchener ist es der erste Personalabbau seit der Finanzkrise 2008. Quelle: dpa
    BMW-Werk Leipzig

    Für die Münchener ist es der erste Personalabbau seit der Finanzkrise 2008.

    (Foto: dpa)

    In der gesamten Industrie, vor allem aber in Deutschlands Kernbranche Automobil, hat Corona eine längst begonnene Trendwende nur verstärkt. Nach Ansicht von BASF-Chef Martin Brudermüller hat der Stellenabbau beim Chemiekonzern nichts mit der Corona-Pandemie zu tun, sondern mit der schon lang geplanten Straffung in der Organisation: „An der gesamten Zielsetzung hat sich nichts geändert.“

    Allerdings verschärft BASF sein Sparprogramm. Demnach werden bei BASF weitere 2000 Stellen gestrichen. In welchen Ländern, ließ der Konzern noch offen. Zuvor war bereits der Abbau von weltweit 6000 Stellen beschlossen worden, davon die Hälfte in Deutschland. Auf betriebsbedingte Kündigungen verzichtet der weltweit größte Chemiehersteller.

    Mit Abstand am längsten im Krisenmodus ist die Finanzbranche. Die Commerzbank streicht Finanzkreisen zufolge in den kommenden Jahren rund 10.000 Stellen, das ist jeder vierte Arbeitsplatz. Die Deutsche Bank steht vor ihrem sechsten Verlustjahr in Folge. Bis Ende 2022 will der Vorstand die Zahl der Vollzeitstellen um rund 18.000 auf weltweit 74.000 verringern.

    Die Konjunkturkrise hat bei vielen Unternehmen angesichts sinkender Aufträge und dadurch zurückgehender Weltmarktpreise den Kostendruck enorm verstärkt. Der Analyst Markus Wallner von der Commerzbank hat sich die Dax-Konzerne dahingehend angeschaut, wie sich Restrukturierungen und damit Stellenabbau auf die Bilanzstruktur auswirken.

    Conti: Minus ein Prozent Personalkosten gleich zehn Prozent mehr Marge

    Bei fast allen Unternehmen machen Personalkosten den größten Bestandteil der Fixkosten aus. Demnach besteht hier das größte Restrukturierungspotenzial. Vor allem alle Firmen, die ein hohes Verhältnis zwischen Fixkosten und operativem Ertrag aufweisen, profitieren Wallner zufolge am meisten von Restrukturierungen. Covestro, Daimler, Continental und Siemens, die teilweise schon vor der Coronakrise Abbauprogramme eingeleitet haben, sind für ihn gute Beispiele.

    So würde der Berechnung zufolge bei Continental eine Senkung der gesamten Personalkosten um ein Prozent den operativen Ertrag um zehn Prozent erhöhen. Die Versuchung, aber auch die Notwendigkeit, Kosten angesichts tiefroter Zahlen zu senken, sind also groß.

    So hat denn auch Continental sein Sanierungsprogramm 2020 verschärft und stellt weltweit inzwischen 30.000 Arbeitsplätze infrage, davon 13.000 in Deutschland. Ursprünglich sah das bereits 2019 gestartete Programm ein Sparvolumen von 500 Millionen Euro vor. Das sollte eigentlich ab 2023 erreicht werden.

    Doch das ist von der Krise überholt worden. „Unser jetziges Kostengefüge passt nicht zur weltweit geringeren Produktion von Fahrzeugen“, sagte Vorstandschef Elmar Degenhart auf der Hauptversammlung im Juli. Nun gehe es um „mehrere Hundert Millionen Euro“, die Continental zusätzlich bis zum Jahr 2022 einsparen will. „Wir erreichen frühestens nach 2025 wieder das Niveau von 2017“, sagte Degenhart. „Das schlägt durch auf die Umsätze in unserer Industrie. Sie fallen drastisch zurück. Alle sind plötzlich auf Talfahrt.“

    Der Autozulieferer sein Sanierungsprogramm 2020 verschärft und stellt weltweit inzwischen 30.000 Arbeitsplätze infrage, davon 13.000 in Deutschland. Quelle: dpa
    Continental in Northeim

    Der Autozulieferer sein Sanierungsprogramm 2020 verschärft und stellt weltweit inzwischen 30.000 Arbeitsplätze infrage, davon 13.000 in Deutschland.

    (Foto: dpa)

    Doch nicht nur bei den Großkonzernen im Dax, sondern in allen Unternehmensgrößen wird gestrichen. Auch hier ist Corona nur der Trendbeschleuniger. Beim Scheinwerferspezialisten Hella sollen in Deutschland neben den bis Ende 2023 vorgesehenen 900 Stellenstreichungen weitere 100 bis 150 hinzukommen. Seit 2018 ist die Belegschaft um 5400 Stellen geschrumpft.

    Der Stuttgarter Autozulieferer Mahle will weltweit 7600 Stellen streichen, davon 2000 in Deutschland. „Wir haben es aktuell mit einer Krise zu tun, wie wir sie noch nicht erlebt haben“, urteilt der Vorsitzende der Geschäftsführung, Jörg Stratmann. Mahle stellt Verbrennungsmotorteile wie Kolben, Filter und Pumpen her und beschäftigt weltweit 72.000 Mitarbeiter, davon knapp 12.000 in Deutschland. Zunehmend setzt das Unternehmen auch auf Teile für Elektroautos.

    Grund für die Misere ist nicht allein Corona und der daraus resultierende Kostendruck. Aus dem Betriebsrat ist vielmehr zu hören, dass es für viele Standorte mit Verbrennermotoren immer noch keine Perspektiven gebe.

    Im vergangenen Jahr hatte der Konzern einen Verlust von 212 Millionen Euro nach einem Gewinn von 446 Millionen Euro 2018 gemacht. Der Umsatz ging im vergangenen Jahr um 4,2 Prozent auf zwölf Milliarden Euro zurück. Binnen zehn Jahren hat der Zulieferer bereits knapp 7000 Stellen abgebaut. Der Umbau vom fossilen Brennstoff- ins digitale Elektrozeitalter ist ein langer Weg.

    Mehr: Airbus-Management bevorzugt Kündigungen statt Kurzarbeit.

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