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Pandemie So hart trifft die Coronakrise den Mittelstand

Mittelständler sind die Basis der deutschen Wirtschaft – und vorbildlich mit Eigenkapital ausgestattet. Aber die Krise drängt sie an den Rand des Abgrunds.
19.03.2020 - 19:33 Uhr Kommentieren
Die Zahl der Gewinner in der Coronakrise ist im deutschen Mittelstand klein. Quelle: Reuters
Mitarbeiterin der Bioarzneifirma Bionorica

Die Zahl der Gewinner in der Coronakrise ist im deutschen Mittelstand klein.

(Foto: Reuters)

Düsseldorf Schon wenn Jochen Multhauf von seinem Büro aus auf den Düsseldorfer Carlsplatz mit dessen berühmten Markt blickt, bekommt er eine Ahnung von der Dimension dieser Krise. Dort, wo gewöhnlich an den ersten sommerlichen Frühlingstagen ein mediterranes, hektisches Treiben herrscht, hört man kaum Geräusche, sieht man keine Menschen. Die überwiegende Mehrzahl der Markstände ist geschlossen. Stillleben.

Ganz anders die Lage im Büro des Juristen und Firmengründers: Das Telefon klingelt fortlaufend. Während eine ganze Volkswirtschaft wie in Schockstarre ist, hangelt sich der Geschäftsführer der MSM Multhauf Schmidt Mittelstandsfinanzierung GmbH von Telefonkonferenz zu Telefonkonferenz. Sein Unternehmen hat sich unter anderem darauf spezialisiert, Mittelständler mit einem Umsatz bis zu 250 Millionen Euro zu beraten, die Liquiditätsprobleme haben.

Nie hat er so viel zu tun gehabt wie in diesen Tagen und Wochen, seitdem das Coronavirus nicht nur unzählige Menschen befallen, sondern auch ganze Wirtschaftszweige lahmgelegt hat. „Mein Geschäft ist ein Krisengeschäft und von daher immer schon antizyklisch, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt, nicht einmal während des Höhepunkts der Finanzkrise“, sagt Multhauf.

Das ist das Neue an dieser Krise: Selbst gesunde mittelständische Unternehmen können in Existenznot geraten. Vor allem den kleineren Unternehmen ohne große Reserven fehlt kurzfristig Liquidität.

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    Zunächst waren es die Messebauer und Touristiker, inzwischen sind es immer mehr Branchen und immer größere Firmen, die durch den Kampf gegen das Coronavirus manchmal sogar ihren gesamten Umsatz verlieren, ihre Verbindlichkeiten nicht mehr erfüllen und ihre laufenden Kosten nicht mehr hereinholen können. Und jetzt naht das Monatsende, die Löhne und Gehälter, die Mieten, sie müssen gezahlt werden.

    „So etwas habe ich noch nicht erlebt, nicht einmal während des Höhepunkts der Finanzkrise.“ Quelle: Handelsblatt/Jens Münchrath
    Jochen Multhauf (Geschäftsführer MSM Multhauf Schmidt)

    „So etwas habe ich noch nicht erlebt, nicht einmal während des Höhepunkts der Finanzkrise.“

    (Foto: Handelsblatt/Jens Münchrath)

    Selbst Unternehmen, die über ein ordentliches Eigenkapital verfügen und nicht hoch verschuldet sind, schalten in den Krisenmodus. Über alle Größenklassen hinweg hatten viele Mittelständler seit der Finanz- und Wirtschaftskrise vor gut zehn Jahren ihre Eigenkapitalquoten erhöht.

    Nach Berechnungen des Sparkassen- und Giroverbands liege sie bei den betrachteten Kunden im Schnitt bei 39 Prozent. Deutschlandweit lag laut Statista der Durchschnittswert der Eigenkapitalquote im deutschen Mittelstand bei 31,2 Prozent.

    Es gilt die grobe Faustregel: Je größer die Unternehmen, desto höher auch die Eigenkapitalquoten. Im Jahr 2018 lag sie bei den größeren Familienunternehmen, denn die allermeisten Mittelständler sind Familienunternehmen, laut Statistischem Bundesamt im Schnitt bei 34,8 Prozent. Indessen liegen die Quoten bei den sehr kleinen Unternehmen mit weniger als zehn Beschäftigten gerade einmal bei 22,4 Prozent.

    Auf Hilfsgelder angewiesen

    Das ist in Krisenzeiten zu wenig. Daher ist es nur folgerichtig, dass Bundesfinanzminister Olaf Scholz und Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier die Schleusen für die Unternehmen, vor allem die kleineren, weit öffnen wollen – und dass sie von unbegrenzten Hilfsgeldern gesprochen haben.

    Erst am Donnerstag wurde ein weiteres Hilfspaket für Soloselbstständige und Kleinstunternehmen angekündigt. Zur Einordnung: Hierzulande wirtschaften knapp 3,5 Millionen Firmen, rund drei Millionen fallen laut dem Institut für Mittelstandsforschung in Bonn unter die Kategorie der Kleinstunternehmen – die oft wenig bis gar keine Rücklagen haben.

    Große Mittelständler in Familienhand hingegen verfügen über weit höhere Eigenkapitalquoten, weil die Eigentümer den größten Anteil ihrer Gewinne thesaurieren, um für schwierigere Zeiten vorzubeugen und sich nicht zu abhängig von Banken zu machen. Seit Beginn der Niedrigzinsphase wurden so manche von ihnen dafür kritisiert, weil sie sich am Kapitalmarkt hätten preiswerter refinanzieren können. Aber sie haben es oft nicht getan.

    Die Naturarzneifirma Bionorica verfügt zum Beispiel heute über eine Eigenkapitalquote von 83,3 Prozent. Unternehmer Michael Popp, 60, hatte seine Cannabissparte im vergangenen Mai an den kanadischen Konzern Canopy Growth für knapp 226 Millionen Euro verkauft.

    Die Bionorica-Eigenkapitalquote war aber auch früher schon sehr hoch. Im Jahr zuvor lag sie bereits bei 74,7 Prozent. Eine so hohe Quote verschafft den Unternehmen eine gewisse Unabhängigkeit bei ihren Investitionen.

    Viele Mittelständler zogen die richtigen Lehren aus der Finanzkrise. Laut einer Studie aus dem Jahr 2018 von dem Kreditversicherer Euler Hermes und der Unternehmensberatung Roland Berger liegt die Eigenkapitalquote bei familiengeführten oder kontrollierten Firmen im Schnitt um sieben Prozentpunkte höher als bei anderen Firmen.

    Handelsblatt Morning Briefing - Corona Spezial

    In der Krise vor zehn Jahren brachen bei großen mittelständischen Familienunternehmen die Umsätze stark ein. Beim Laserspezialisten Trumpf waren es zum Beispiel 60 Prozent. Die Familie investierte 75 Millionen Euro ins Unternehmen, um die Mitarbeiter halten zu können. So etwas ist nur möglich, wenn die Eigenkapitalquote wirklich ausreichend ist.

    Auch das Lübecker Medizin- und Sicherheitstechnikunternehmen Dräger steht mit einer Eigenkapitalquote von 41,9 Prozent im Vergleich zu anderen Mittelständlern gut da. Allerdings musste das Unternehmen mit rund 2,8 Milliarden Euro Umsatz im vergangenen Jahr ein Sparprogramm aufgelegen, die Ebit-Marge mit 2,4 Prozent war zu gering.

    Die Coronakrise beschert dem Unternehmen nun eine Sonderkonjunktur. Insbesondere die Nachfrage nach Atemschutzmasken und Schutzkleidung ist deutlich angestiegen. Zudem erhielt das Unternehmen von der Bundesregierung einen Großauftrag zur Lieferung von 10.000 Beatmungsgeräten. Dazu werden nun die Produktionskapazitäten in Lübeck erheblich ausgeweitet.

    Die Zahl der Gewinner im Mittelstand ist aber sehr klein, die Zahl der Verlierer unfassbar groß. Mittelstandsfinancier Multhauf jedenfalls hat eine klare Botschaft an die Banken und die Politik: „Am Ende macht der Staat in dieser außergewöhnlichen Krise das bessere Geschäft, wenn er die Firmen am Leben hält.“

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