Paul Nolte ist ein begehrter Gesprächspartner - nicht erst seit seiner spektakulären Streitschrift „Generation Reform“ Guru der neuen Bürgerlichkeit

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Wenn Harald Schmidt heute über „Unterschichten-Fernsehen“ lästern kann, dann deswegen, weil er Noltes „Generation Reform“ gelesen hat und dessen Kritik am „sozial marginalisierenden Medienkonsum“.

Wer Nolte in der „International University“ besuchen will, muss sich zunächst ins nördliche Bremen bemühen und anschließend durch ein ehemaliges Kasernengelände kämpfen, in dem Panzer-Waschhallen zu Physiklabors konvertiert wurden und Waffenkammern zu Studierstuben. Heute herrscht dort, wo sich einst Feldwebel die Seele aus dem Leib brüllten, eine eher leise Campusatmosphäre.

Seit seinen Studententagen an der amerikanischen Johns-Hopkins-Universität in Baltimore weiß Nolte solch arbeitsame Gelassenheit zu schätzen. Aber auch Praxisnähe und Bürokratieferne gepaart mit einer akademischen Aufbruchstimmung, wie sie in Deutschland zuletzt in den 60er-Jahren geherrscht habe, damals, als die Reformuniversitäten Konstanz, Bochum oder Bielefeld gegründet wurden. In Bielefeld habilitierte sich Nolte mit der „Ordnung der deutschen Gesellschaft“.

Sozialgeschichte ist für Nolte auch Alltagsgeschichte, die auf dem Laufband im Einkaufszentrum von Bremen-Vegesack stattfindet, einem sozialen Brennpunkt. Niemand gehe oder laufe auf diesem Laufband, sagt Nolte. Alle ließen sich bewegungslos transportieren und verharrten bloß.

„Niemand hat es eilig.“

Warum auch? Wer keine Arbeit hat, hat keine Eile. Sondern begnügt sich mit antriebsarmer Lethargie und belässt es bei Nichtstun: das Laufband als soziale Metapher.

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