Pionier James Simons Zahlendreher im Krieg der Algorithmen

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Aber der akademische Star langweilte sich schnell. Mehr Aufregung versprach sich Simons von einem neuen Job. Während des Vietnamkrieges heuerte er als Code-Knacker beim US-Verteidigungsministerium an. Die Arbeit lieferte wichtige Anregungen für seine spätere Aufgabe als Fondsmanager. Ähnlich wie bei der Analyse der Finanzmärkte geht es beim Knacken von Codes darum, relevante Muster aus einer riesigen Menge nutzlosen Informationsmülls herauszufiltern.

Simons hatte offenbar keine Mühe, die Modelle der Codeknacker auf die Finanzmärkte zu übertragen. Das Flaggschiff unter den Renaissance-Hedge-Fonds läuft unter dem Namen Medallion und bescherte den Anlegern seit der Gründung 1989 im Schnitt eine jährliche Rendite von 36 Prozent. 2006 soll die Wertsteigerung sogar bei 44 Prozent gelegen haben. Allerdings verwaltet Medallion seit Jahren nur noch das Geld von Simons und den Angestellten von Renaissance Technologies. Für außenstehende Investoren ist der Fonds geschlossen. Deshalb legte Simons mit dem Renaissance Institutional Equities Fund 2005 einen neuen Fonds auf. Zunächst mit durchaus beachtlichem Erfolg. 2006 soll die Rendite nach Informationen aus der Branche bei 20 Prozent gelegen haben.

Die Modelle von Renaissance und der anderen algorithmischen Fonds sind seit vielen Jahren erprobt. Was ging in den vergangenen Wochen plötzlich schief? Die Krise, die seit Mitte Juni über die Finanzmärkte hinwegfegt, hat die gewohnten statistischen Korrelationen an den Börsen so durcheinandergewirbelt, dass die Modelle plötzlich nicht mehr funktionierten, meinen die Analysten der Investmentbank Lehman Brothers. Für Simons wird es deshalb kaum ein Trost sein, dass viele andere computergesteuerte Fonds mit den gleichen Problemen kämpfen. Zu Wochenbeginn musste die US-Bank Goldman Sachs einräumen, dass ein wichtiger Hedge-Fonds innerhalb einer Woche 30 Prozent an Wert verloren hat. Goldman Sachs spricht von einem Vorkommnis, das „25 Standardabweichungen“ entspricht. In der Sprache der Statistiker heißt das, es geht um Ereignisse, die nur alle 100 000 Jahre vorkommen dürften.

Das Erschreckende ist, dass die Märkte weit öfter verrückt spielen. Simons zitiert in seinem Brief an die Investoren allein drei große Krisen innerhalb von 20 Jahren. Ein weiteres Problem scheint zu sein, dass die Computer-Fonds selbst den Abwärtstrend verstärken. In seinem Schreiben räumt Simons ein, dass offenbar viele Fonds die gleichen Kauf- und Verkaufssignale generieren. Und auch Goldman Sachs glaubt, dass die Fonds, wenn sie in Zukunft erfolgreich sein wollen, individuellere Modelle entwickeln müssen. Bis dahin bleibt Simons zumindest ein Trost. Sein RIEF-Fonds hat in den vergangenen Tagen nach Informationen aus der Branche zumindest einen Teil der Verluste wieder wettgemacht.

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