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Premium Aerotec Messerschmitts Erbe

Hans Lonsinger ist seit sechs Monaten Chef eines Konglomerats, dessen Name in Deutschland kaum einer kennt. Dabei besteht Premium Aerotec aus den drei ehemaligen deutschen Airbus-Werken in Varel, Nordenham und Augsburg. Das auf Flugzeugrümpfe spezialisierte Unternehmen war so nie geplant.
Das ehemalige Airbus-Werk in Varel gehört jetzt zu Premium Aerotec. Quelle: ap

Das ehemalige Airbus-Werk in Varel gehört jetzt zu Premium Aerotec.

(Foto: ap)

AUGSBURG. Er ist noch da: In Bronze gegossen empfängt der Professor die Besucher im Eingang, doch seinen Namen trägt das Werk längst nicht mehr. Die Büste Willy Messerschmitts, des Erfinders von Düsenjägern, Lastenseglern und Kabinenrollern hat nur noch den Status einer Reliquie in Augsburg. Für Pioniertaten sind jetzt andere zuständig.

"Wir müssen aus drei Werken eine Firma machen", sagt Hans Lonsinger, Chef der Premium Aerotec. Seit sechs Monaten ist der Flugzeugingenieur Chef eines Konglomerats, dessen Name in Deutschland kaum jemand kennt. Dabei hat das Schicksal der drei deutschen Airbus-Werke in Varel, Nordenham und Augsburg die Republik wochenlang beschäftigt. Jetzt muss der Schwabe Lonsinger mit seiner Premium Aerotec, einem Unternehmen mit 7 000 Beschäftigten, einer Milliarde Euro Umsatz und einer Spezialität: Flugzeugrümpfen, flügge werden.

Es ist eine Firma, die so nie geplant war. Als sich der Airbus-Mutterkonzern EADS 2006 entschloss, seine Zulieferwerke an "Risikopartner" zu verkaufen, brach ein Sturm der Entrüstung los. Lange zogen sich die Verhandlungen hin, potenzielle Käufer sprangen ab. Als zum Schluss der Bremer Technologiekonzern OHB abwinkte, musste eine Notlösung her. EADS gliederte die Werke aus, bleibt aber bis 2012 Eigentümer und Investor. Und aus dem Augsburger Werkleiter Hans Lonsinger wurde plötzlich ein Vorstandschef.

"Er ist einer der wenigen in Deutschland, die noch ein komplettes Flugzeug konstruieren können", heißt es in der Branche. Der begeisterte Segelflieger ist seit 30 Jahren in Diensten der EADS und ihrer Vorgänger MBB und Dasa. Dort arbeitete er unter anderem an dem skurrilen Experimentalflugzeug X31 oder dem Kampfjet Eurofighter. Seine Segelflieger baut Lonsinger, wie ehemals Messerschmitt, selbst. Dass er noch einmal Firmenchef wird, hat er sich nicht träumen lassen. "Mein Ziel ist es, ein profitables Unternehmen zu schaffen", sagt Lonsinger. In diesem Jahr soll unter dem Strich immerhin eine "schwarze Null" stehen.

Lonsingers Fähigkeiten als Konstrukteur waren ausschlaggebend für den Spitzenjob, heißt es bei der EADS. Denn nach zahlreichen Konstruktions- und Fertigungspannen müssen EADS und Airbus wieder solide Produkte abliefern, die Premium Aerotec spielt eine Schlüsselrolle dabei.

Schließlich landet die Produktion fast ausschließlich bei Airbus, Eurofighter und dem geplanten Transportflugzeug A400M. Ohne die Lieferungen aus Varel, Nordenham und Augsburg geht heute bei EADS nicht viel. Hinzu kommt ein technologischer Strukturwandel.

"Der großflächige Einsatz von Kohlefaser ist eine Revolution im Flugzeugbau", sagt Lonsinger, der schnell ins Schwäbeln gerät, wenn er über technische Details reden darf. Leichter und effizienter werden die Maschinen der kommenden Generationen, deren Rümpfe wie bei Segelfliegern aus Kohlefaser gebaut werden und nicht mehr aus Aluminium. Airbus will mit der A350 Boeings "Dreamliner" kontern, der noch in diesem Monat zum ersten Mal fliegen soll.

Doch die Revolution kostet viel Geld, das die Airbus-Mutter nun zähneknirschend selber in die Hand nehmen muss. Eine halbe Milliarde Euro steckt EADS in den kommenden drei Jahren in die Premium Aerotec und stellt seinen wichtigsten Zulieferer auf die neue Technik um. In Nordenham und Augsburg entstehen neue Fabriken, in denen die Kunststoffrümpfe demnächst gewickelt, gebacken und geklebt werden. Mehrere Tausend Beschäftigte schulen um.

Der Zeitplan drängt: Schon im kommenden Jahr sollen die ersten Teile vom Band laufen, 2012 soll die A350 fliegen. Nicht weniger als die Airbus-Zukunft steht auf dem Spiel: Mit fast 500 Bestellungen ist die A350 der Hoffnungsträger für das kommende Jahrzehnt. Mit Schaudern blicken die Airbus-Ingenieure zum Rivalen Boeing, der den Bau seiner Flugzeugrümpfe an konzernfremde Zulieferer vergeben hat. Als Boeing mit der Endmontage des Dreamliners begann, klafften faustgroße Spalten zwischen den Zulieferungen aus aller Welt. "Deshalb ist es gut, wenn wir die Finger auf der Premium Aerotec halten", sagt ein Airbus-Manager.

Für Lonsinger ist das aber keine Option, er will auch mit Boeing ins Geschäft kommen. "Wir bedienen bislang nur die Hälfte des Weltmarkts, das wollen wir ändern", sagt er selbstbewusst. Schon nächste Woche wird auf der Branchenmesse Le Bourget in Paris mit einem eigenen Stand Flagge gezeigt, fernab der EADS-Chalets. Den Auftrag für die großen Druckschotts in Boeings "Dreamliner" haben die Augsburger schon.

Ein Auftritt mit gemischten Gefühlen. Einerseits ist die Premium Aerotec mit Airbus - und Eurofighter-Aufträgen bis weit ins kommende Jahrzehnt abgesichert, andererseits weiß zurzeit niemand, ob die bestellten Flugzeuge von den Airlines tatsächlich auch abgenommen werden.

"Wir können Schwankungen von 20 bis 25 Prozent ohne einschneidende Maßnahmen verkraften", sagt Lonsinger, der sogar noch 1 000 Leiharbeiter beschäftigt. Dennoch drängt auch Airbus auf Einsparungen. Die Verwaltung muss verschlankt, eine neue IT eingeführt werden. Die Lohnkosten sollen dauerhaft um 23 Millionen Euro pro Jahr sinken, im Herbst fällt die Entscheidung über ein Komponentenwerk im kostengünstigen Osteuropa. "Ich gehe davon aus, dass die Krise in drei Jahren überstanden ist", sagt Lonsinger. Dann endet die Schonzeit für die Premium Aerotec.

Hans Lonsinger

1953 wird Lonsinger geboren.

1976 Nach dem Studium beginnt er als Ingenieur für Leichtbau bei Scherr und Klimke in Ulm. 1979 wechselt er zum Unternehmen MBB in Ottobrunn, einem Vorläufer der EADS. Lonsinger wird Spezialist für Flugzeugrümpfe.

1986 heuert er als Entwicklungsingenieur im Eurofighter-Konsortium in Madrid an. Anschließend wird er Teamleiter für das Projekt X31, ein Experimentalflugzeug aus Kohlefaser.

2003 Lonsinger wird Leiter des EADS-Werks Augsburg, das für Airbus und Eurofighter zuliefert.

2009 Er wird Chef der Premium Aerotec. Die drei ausgegliederten Airbus-Werke werden eigenständig, bleiben aber bis 2012 bei EADS.

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