Profil Zuflucht im Untergrund

Sergej Tarabarow gehört zu jenen Moskauer Galeristen, die es auch ohne politische Kontakte geschafft haben.

MOSKAU. Sergej Tarabarow sitzt im Untergrund. Buchstäblich. Der 48-Jährige hat an einem kleinen Tischchen im Keller eines großen Betonhauses Platz genommen, in das sich der „Klub na Brestskoj“ verirrt hat. Verirrt, denn das hässliche Gebäude in der Nähe des Moskauer Majakowskij-Platzes, das jeden Charme vermissen lässt, kann eigentlich kein Platz für die Kunst sein. Höchstens für geflüchtete Kunst. So wie die von Sergej Tarabarow.

Der Galerist hat in diesen Wochen keinen Ort mehr für sein Sujet, die naive Malerei. Nachdem sich die Mietkosten an seinem alten Standort an der Poljanka-Straße verfünffachten, musste Tarabarow seine Kunst einpacken. Und die Zuflucht des Klubs an der Brester Straße aufsuchen. Der bärtige Tarabarow hatte in seinem Leben schon häufiger einen Nischenplatz. In der Sowjetunion war seine „Galerie Dar“ ungeliebt. „Wir wurden zwar nicht verboten, aber immer bespitzelt“, erinnert sich der gelernte Ingenieur. „Die Kunst war dafür da, die Politik zu unterstützen – doch die naive Malerei tat das nie.“

Das war früher. Früher hätten die Künstler auch nicht davon gelebt, ihre Kunst zu verkaufen. Irgendwoher bezog jeder ein Einkommen; dann war Zeit, um zu malen, Bücher zu schreiben oder Filme zu drehen. „Man hatte seine Freiheit im Inneren“, sagt Tarabarow – und ist dabei etwas wehmütig. Auch wenn es ihm schließlich gelang, den Weg ins neue Russland zu finden.

Und das war für Sergej Tarabarow, einen von der sowjetischen „Intelligenzija“, keine Kleinigkeit. Denn viele der Aufrechten, die in Opposition zum sowjetischen System standen, sind in den vergangenen Jahren auf der Strecke geblieben. Ihre kurze Glanzzeit verging mit dem Niedergang Gorbatschows, dem Ende von Glasnost und Perestroika, damals, als alleine das Geld begann, Russland zu regieren.

Lohnschreiber, Lohnmaler, Lohnkünstler: Reiche Russen, Oligarchen und Banker ließen sich in den 90ern die Foyers ihrer Prunkgebäude von gestrandeten Künstlern verzieren. Häufig präsentierten sie bizarre Ideen, die nicht viel mit Kunst, dafür aber umso mehr mit Kitsch zu tun hatten. Nicht wenige sibirische Banker heuerten Moskauer Maler an, um eigene lebensgroße Porträts, Landschaftsbilder oder Zukunftsvisionen ins Bild setzen zu lassen. Und nicht wenige Künstler folgten dem Ruf des Geldes. Ein paar solcher Aufträge pro Jahr sicherten schnell ein Jahreseinkommen.

Wer da nicht mitmachte, landete im „Underground“. „Im ‚Underground’ zu sein heißt jetzt, ein Amateurkünstler zu sein“, sagt der Musiker und Internetkünstler Alexej Schulgin. Und das seien inzwischen mehr oder weniger alle russischen Künstler. Denn jene, die den „Mainstream“ verkörperten, lebten im Ausland. „Man begegnet ihnen in Berlin oder Amsterdam.“

Tarabarow mag das nicht ganz so sehen, immerhin hat er mit Dimitrij Erschow oder Jurij Dirin ausgesprochen erfolgreiche Maler für seine Galerie gewinnen können. Allerdings fehlen Tarabarow zunehmend die Käufer für seine Kunst. In Moskau, so sagt er, seien sie immer weniger zu finden. Also will er nun dorthin gehen, wo die reichen Kunstliebhaber noch zu orten sind: außerhalb des Moskauer Autobahnrings, „wo die vielen teuren Datschen sind“. Dorthin will er nun umziehen mit seiner Galerie Dar, denn er sucht auch das Geld und will den Erfolg nicht aufgeben, den er einmal hatte. Immerhin war er es, der Mitte der achtziger Jahre zum ersten Mal naive Malerei in Moskau ausstellte. Damals war er selbst für einige Zeit Avantgarde. Und bis heute bringt es Tarabarow auf 15 Ausstellungen pro Jahr mit 150 Künstlern in den vergangenen zehn Jahren. Das ist exzellent für ein Nischenprodukt, das sich in rauestem Umfeld behaupten muss.

Die Spitzenposition im Galeriegeschäft halten heute jedoch Impressarios wie Marat Gelman, der sich stets eng mit der Politik eingelassen hat, ob mit dem ehemaligen Finanzminister Anatolij Tschubais, Ex-Premier Sergej Kirijenko oder auch der heutigen Kanzlei des Präsidenten Wladimir Putin. Gelman ist ein Wanderer zwischen den Welten, der mit Vorliebe Skandale provoziert und sich nicht scheut, sich die Hände schmutzig zu machen, wenn die politische Nähe auch dem Geschäft dient.

Tarabarow hat diesen Weg nur einmal gekreuzt, als er sich für die Liberalen von der Partei Jabloko, für Gregorij Jawlinskij eingesetzt hat. Bis jetzt ist er ihm nahe, aus Überzeugung für die demokratischen Werte. Aber dies sei nichts, womit sich Kunst promoten ließe, es sei vor allem Gesinnung, sagt Tarabarow. Gleichwohl blickt er mit Argusaugen auf das Treiben von Gelman, der zwar heute kein Konkurrent mehr sei, aber der es immerhin einmal war, in der postsowjetischen Aufbruchzeit.

„Ich habe saubere Hände behalten“, sagt Tarabarow nicht ohne Stolz von sich selbst, „obwohl das System dies eigentlich nicht zulässt.“ Für ihn, der sich in den achtziger Jahren als „stillen Dissidenten“ bezeichnete, hat sich in Russland inzwischen ein Feudalsystem etabliert, das von Putin an der Spitze, Jurij Luschkow in Moskau und einer Hand voll mächtiger Gouverneure in den Provinzen regiert wird. Doch zumindest dort seien noch jene Menschen zu finden, um die es in der Kunst eigentlich gehen sollte. „Also werde ich Kunst dorthin bringen.“

So plant der Galerist eine Reise nach Chabarowsk in den Fernen Osten, um dort seine Kunst auszustellen und neue entstehen zu lassen. Auf dem Landweg will er die 8 500 Kilometer bewältigen und als „Reise der Dilettanten“ selbst zu einem Kunstprojekt werden lassen. „Ich entferne mich immer mehr von der Hauptstadt“, sagt er. Und: „Es ist Zeit, etwas anderes zu machen.“

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