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Rekordverdächtiges Eigenkapital Starke Bilanzen statt Staatshilfe: Der Mittelstand trotzt der Coronakrise

Trotz hoher Einbußen: Der Mehrheit der Mittelständler drohen in diesem Jahr weder Überschuldung noch Zahlungsunfähigkeit. Doch 2021 könnte gefährlicher werden als die Finanzkrise.
15.09.2020 - 11:24 Uhr Kommentieren
Ein Mitarbeiter testet einen Lackierroboter bei der Dürr AG. Quelle: dpa
Maschinenbau

Ein Mitarbeiter testet einen Lackierroboter bei der Dürr AG.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Corona hat die Wirtschaft im Mark getroffen. Wochenlang standen Fabriken still, Geschäfte blieben geschlossen. Große Unternehmen wie Lufthansa oder TUI mussten um Staatshilfe bitten, um ihre Liquidität zu sichern. Und viele kleine Unternehmen beispielsweise aus der Gastronomie kämpfen um die Existenz.

Im Mittelstand wird die befürchtete große Pleitewelle aber wohl vorerst ausbleiben. Insgesamt zeigen die Firmenbilanzen ein robustes Bild von der deutschen Wirtschaft. Zwar brechen bei den von der Krise besonders betroffenen Unternehmen des verarbeitenden Gewerbes die Umsätze und Gewinne so stark ein wie noch nie. Viele Unternehmen werden deshalb im laufenden Geschäftsjahr auch tiefrote Zahlen schreiben.

Doch damit sind bei der großen Mehrheit der Unternehmen weder das mit Blick auf eine Überschuldung wichtige Eigenkapital noch die für eine Zahlungsfähigkeit nötige Liquidität bedroht. Das zeigen Branchenauswertungen des Handelsblatts für die börsennotierten Unternehmen sowie Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV) auf Basis mehrerer Hunderttausend Firmenbilanzen, die 50 Prozent der deutschen Unternehmensumsätze abbilden.

Ob Einzelhandel, Automobil oder Metallerzeugung: Die meisten Unternehmen befanden sich vor der Krise schließlich in einer guten Ausgangslage. Beleg dafür ist die rekordhohe Eigenkapitalquote im Mittelstand von knapp 39 Prozent. „Dies zeigt, wie vorbildlich die Unternehmen die guten Jahre genutzt haben, um ihre finanzielle Stabilität auszubauen“, sagt DSGV-Präsident Helmut Schleweis: „Davon können sie jetzt auch ein Stück weit profitieren.“

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    Aber, darin sind sich Experten auch einig: Ein zweites Krisenjahr könnte dann doch gefährlich werden. „Die derzeitige Lage ist für kleine und mittelständische Unternehmen viel gefährlicher als nach der Weltfinanzkrise von 2008“, urteilt Volker Ulbricht, Hauptgeschäftsführer der Wirtschaftsauskunftei Creditreform, „weil diesmal die ganze Breite der Wirtschaft betroffen ist.“

    Unternehmen halten ihr Geld zusammen

    Das Herunterfahren der Wirtschaft im Frühjahr und die immer noch geltenden Hygieneregeln zur Eindämmung des Covid-19-Virus haben vor allem bei kleinen und Kleinst-Unternehmen wie Restaurants, Reisebüros und Messebauern die Rücklagen aufgezehrt. Nach einer Umfrage des Lobbyverbandes Dehoga sehen 62 Prozent der befragten Gaststätten und Hotels ihre Existenz durch die Krise gefährdet.

    Grafik

    Bei mittelständischen Unternehmen ist die Lage zwar auch sehr angespannt. Im Gesamtjahr zeichnen sich in etlichen Branchen Einbrüche beim operativen Gewinn von 40 und mehr Prozent ab, darunter in den Schlüsselbranchen Chemie, Maschinenbau und Automobilwirtschaft.

    Das belegen Monats- und Quartalsbilanzen des Statistischen Bundesamtes, Unternehmens- und Branchenauswertungen des Handelsblatts sowie Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Diese basieren auf Auswertungen von mehreren Hunderttausend Firmenbilanzen, die 50 Prozent der gesamten Unternehmensumsätze in Deutschland abbilden und damit gesamtwirtschaftliche Aussagekraft haben. Dabei geht es um Unternehmen mit einem Jahresumsatz zwischen 20 und 250 Millionen Euro.

    Die Daten zeigen aber auch: Aus Sorge um ihre Bilanzqualität halten die Unternehmen ihr Geld beisammen: Sie schützen sich mit hohem Eigenkapital vor Überschuldung, und mit ausreichend Liquidität sichern sie ihre Zahlungsfähigkeit.

    Das Eigenkapital ist hoch

    In den meisten Branchen dürften die Unternehmen am Ende des Krisenjahres 2020 mehr Eigenkapital ausweisen als 2019. Das gelingt, indem die – oftmals stark sinkenden – Gewinne im Unternehmen verbleiben. Selbst unter der Annahme, dass die Umsätze im Gesamtjahr um durchschnittlich 20 Prozent sinken und die Unternehmen damit in die roten Zahlen rutschen, zeichnen sich nur geringe Rückgänge beim Eigenkapital ab: Den Maschinenbauern verbleiben im Schnitt noch 94 Prozent ihres letztjährigen Eigenkapitals, dem Einzelhandel 92 und der Automobilwirtschaft 90 Prozent. Damit bliebe es im Krisenjahr 2020 in fast allen Branchen bei Eigenkapitalquoten von 30 und mehr Prozent. Erst Quoten unter 20 Prozent gelten als existenzbedrohend.

    Die meisten Unternehmen zehren von einer guten Ausgangslage. Beleg dafür ist die seit dem Vorkrisenjahr 2008 branchenübergreifend von 33 auf 38,7 Prozent gestiegene Eigenkapitalquote. Das ist Rekord.

    Die hohen Reserven haben ihre Ursache in der Krise vor mehr als einem Jahrzehnt. Als die Immobilienblase 2008 platzte und damit die Finanzkrise auslöste, hielten die Banken ihr Geld beisammen. Viele Unternehmen kamen deshalb in der Wirtschaftskrise nur schwer und unter hohen Zinsen an dringend benötigtes Geld. Selbst Großkonzerne wie Heidelberg Cement mussten Anleihegläubigern bis zu zehn Prozent Zinsen bieten.

    Als Lehre daraus besserten viele Firmen mit ihren hohen Gewinnen in den vergangenen Jahren ihre finanziellen Polster aus. Das ging zwar auf Kosten von Investitionen in die Zukunft und Ausschüttungen an die Gesellschafter und Familien - sichert aber in der neuerlichen Krise die Existenz.

    So bilanzierte der Lippstädter Scheinwerferspezialist Hella nach einem Umsatzeinbruch von 24 Prozent im ersten Halbjahr einen hohen Verlust beim Vorsteuerergebnis von 635 Millionen Euro. Das Eigenkapital sank um fast ein Viertel auf 2,1 Milliarden Euro, die Eigenkapitalquote von 46 auf 37 Prozent. Das ist aber immer noch eine sehr solide Ausstattung.

    Um gegenzusteuern, verordnete sich Hella ein Sparprogramm: Am Unternehmenssitz werden weitere 900 Stellen gestrichen. Seit 2018 reduzierte sich die Beschäftigtenzahl um rund 5000. Vom nächsten Geschäftsjahr an soll mithilfe des Stellenabbaus beim operativen Ergebnis (Ebit) jährlich 140 Millionen Euro gespart werden.

    Auch beim Maschinenbauer Deutz sank die Eigenkapitalausstattung angesichts roter Zahlen im ersten Halbjahr. Doch die gute Vorsorge in den Vorkrisenjahren zahlt sich aus. Die Eigenkapitalquote liegt immer noch bei 48,5 Prozent.

    In der krisenanfälligen Chemiebranche gab es bei den meisten Unternehmen kaum Abstriche beim Eigenkapital, weil die meisten Firmen in ihrem operativen Geschäft immer noch Gewinne – wenn auch deutlich geringere als im Vorjahr – erwirtschafteten.

    Die Liquidität ist noch ausreichend vorhanden

    Noch mehr als ihr Eigenkapital halten die Unternehmen ihre Barreserven beisammen. Bei den Jost-Werken in Neu-Isenburg stieg das Vermögen aus Cash und kurzfristigen Wertpapieren im ersten Halbjahr um knapp acht Prozent auf 113 Millionen Euro. Dem Lkw-Zulieferer ist im ersten Halbjahr das Vorsteuerergebnis um 74 Prozent auf nur noch 7,6 Millionen Euro weggebrochen.

    Der angeschlagene Kabelspezialist Leoni erhöhte seine Liquidität um 21 Prozent auf 228 Millionen Euro, die Maschinenbauer Gea, Jungheinrich, Krones und Vossloh sogar um mehr als 25 Prozent.

    Staatshilfen, wie sie Europas größter Reisekonzern Tui in Anspruch nahm, sind dabei die Ausnahme. Im April hatte sich der Touristikkonzern das erste Mal ein Hilfsdarlehen über 1,8 Milliarden Euro besorgt. Im August erhöhte TUI die Liquidität ein weiteres Mal, indem die Bundesregierung noch einmal 1,2 Milliarden Euro bereitstellte.

    Neben Staatskrediten helfen vor allem frische Anleihen bei der Liquiditätsbeschaffung. Die Ratingagentur Moody’s rechnet damit, dass sich deutsche Unternehmen im Gesamtjahr für mehr als 110 Milliarden Euro frisches Geld über Anleihen holen werden.
    Darüber hinaus verringern viele Unternehmen angesichts sinkender Aufträge ihre bereits bezahlten Vorräte und verkaufen sie. Durch diese Einnahmen steigen die Barreserven.

    Bedrohlicher erscheint die Situation in Teilen des Handels. Hier reduzierte sich die Liquidität bei etlichen Unternehmen beträchtlich, darunter beim Bekleidungsspezialisten Hugo Boss um 22 Prozent auf nur noch 129 Millionen Euro, bei Ceconomy sogar um 64 Prozent. Der Elektronikhändler verfügt nur noch über weniger als eine Milliarde Euro an Barmitteln und ein Eigenkapital von knapp 500 Millionen Euro.

    Hugo Boss stemmt sich gegen eine drohende Zahlungsunfähigkeit. 600 Millionen Euro Cashflow sollen unter anderem durch Einsparungen im Vertrieb und Marketing sowie durch Kürzungen im Investitionsbudget gehoben werden. „Ich bin zuversichtlich, dass Hugo Boss diese schwierige Zeit gut überstehen wird“, betonte der scheidende Vorstandschef Mark Langer.

    Liquidität schmilzt in der Krise sehr viel schneller weg als Eigenkapital. Mitarbeiter und Rechnungen müssen bezahlt werden, und Vorräte lassen sich nur einmal verkaufen. Auch Kredite stehen nicht unbegrenzt zur Verfügung. Umso wichtiger ist es, dass die Krise spätestens nach einem vollen Geschäftsjahr endet. Andernfalls drohen trotz hoher Eigenkapitalquoten Liquiditätsengpässe und mangels Cash die Zahlungsunfähigkeit.

    Es gibt Parallelen zu 2009

    In der Finanzkrise vor gut einem Jahrzehnt erholte sich die Weltwirtschaft ebenso rasch, wie sie abgestürzt war. Nach solch einer V-förmigen Erholung sah es in der aktuellen Corona-Pandemie lange Zeit nicht aus. Inzwischen mehren sich aber die steigenden Wirtschaftsindikatoren.

    9000 vom Münchener Ifo-Institut befragte Unternehmen schätzten zuletzt den vierten Monat in Folge ihre Aussichten besser ein als im jeweiligen Vormonat. Auf den Straßen fahren wieder so viele Lastkraftwagen wie vor der Krise. Auch hat der bundesweite Stromverbrauch wieder annähernd das Vorkrisenniveau erreicht. Beides deutet auf eine vermehrte Industrieproduktion hin.

    Die Bundesagentur für Arbeit meldete weniger Kurzarbeit: Anstelle im Frühsommer befürchteter zehn Millionen Kurzarbeiter rechnet das Wirtschaftsministerium im Jahresdurchschnitt nur noch mit 2,5 Millionen Kurzarbeitern.

    „Der Aufschwung hat schneller und breiter eingesetzt, als wir es zu hoffen gewagt haben“, sagte Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier und sprach von einer V-förmigen Erholung. Angesichts des erwarteten kräftigen Wiederaufschwungs im zweiten Halbjahr korrigierte die Bundesregierung ihre Prognose für die Wirtschaftsleistung auf ein Minus von „nur“ noch 5,8 Prozent in diesem Jahr und ein Wachstum von 4,4 Prozent 2021.

    Die Ökonomen der Bundesbank gehen inzwischen davon aus, dass die deutsche Wirtschaft nach dem starken Frühjahrseinbruch schon „im Sommerquartal sehr kräftig wachsen“ wird: „Die deutliche und breit angelegte Erholung der gesamtwirtschaftlichen Leistung, die bereits nach dem Tiefpunkt im April einsetzte, wird sich aus heutiger Sicht fortsetzen“, heißt es im jüngsten Konjunkturbericht.

    Damit zeichnet sich für die Unternehmen ein Szenario wie 2009 ab. Damals war die Wirtschaft um 5,7 Prozent eingebrochen – ähnlich wie jetzt für 2020 prognostiziert. Die operativen Gewinne der deutschen Unternehmen sanken 2009 branchenübergreifend im Schnitt um knapp 17 Prozent, in Schlüsselbranchen wie dem Maschinenbau waren es über 60, bei den metallverarbeitenden Unternehmen sogar minus 94 Prozent.

    Dennoch erhöhte sich im Krisenjahr 2009 das Eigenkapital bei den deutschen Unternehmen um durchschnittlich 3,6 Prozent. Das gelang, indem große Teile der - stark gesunkenen - Gewinne in den Unternehmen verblieben und weder an die Eigner oder Familien ausgeschüttet noch investiert wurden. Ähnlich ist die Entwicklung im ersten Halbjahr 2020.

    Darüber hinaus stieg 2008/09 die Liquidität um durchschnittlich gut zehn Prozent - trotz restriktiver Kreditvergabe einiger Banken inmitten der Finanzkrise und damit deutlich schwierigerer Bedingungen als derzeit. „Wir haben heute eine völlig andere Situation“, sagt DSGV-Präsident Schleweis: „Es ist genügend Liquidität im Markt.“ Daher sei davon auszugehen, dass die Unternehmen in der aktuellen Krise „ausreichend mit Finanzmitteln versorgt werden“. Nicht zuletzt, weil die Banken auf viel billiges Geld der Notenbanken zugreifen können.

    Mehr: Kleine Firmen kämpfen ums Überleben, Dax-Konzerne horten Cash.

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