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Report: Deutsches Amerika Warum die US-Stadt Charlotte zu einem Hauptsitz der deutschen Wirtschaft wird

Ob BASF, Daimler oder die Deutsche Post: 213 deutsche Firmen haben eine Dependance in Charlotte. Was zieht sie in die kleine Stadt in Amerika?
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Die Stadt liegt zwischen der teuren Nordostküste mit New York, Boston und Washington D.C. sowie der heißen Südostküste mit Miami. Quelle: Unsplash
Charlotte bei Nacht

Die Stadt liegt zwischen der teuren Nordostküste mit New York, Boston und Washington D.C. sowie der heißen Südostküste mit Miami.

(Foto: Unsplash)

Charlotte Es ist ein Haus wie so viele in dieser gehobenen Wohngegend von Charlotte. Es ist eineinhalb Geschosse hoch, aus hellen Natursteinen gebaut, die blaue Haustür schmückt ein Kranz aus herbstlichen Blumen. Und doch weiß jeder der Gäste an diesem Montagabend, dass er hier richtig und willkommen ist. In den Blumenkübeln rechts und links der Eingangstreppe stecken eine deutsche und eine amerikanische Fahne.

Es ist das Haus von Klaus Becker und seiner Frau Concha. Er ist seines Zeichens seit sieben Jahren der Honorarkonsul von Deutschland in Charlotte. Ein Amt, das er mit Leibeskräften und Herzenswärme ausfüllt. So wie er einst sein Geld mit dem Handel von Stahl machte, so kümmert sich der 66-Jährige mit ähnlicher Energie um die transatlantischen Beziehungen. Seit 40 Jahren lebt er in Charlotte. Mit seiner „N.C. Zeitgeist Foundation“ ist Becker so etwas wie der Vater eines deutsch-amerikanischen Wirtschaftstraums in North Carolina.

An diesem Montagabend vor wenigen Wochen ist Becker wieder so richtig in seinem Element. Er hat zum Empfang in sein Eigenheim geladen, zu Ehren des Wirtschaftsministers von Rheinland-Pfalz, Volker Wissing, der mit einer Wirtschaftsdelegation zu Besuch ist. Mit breitem Lachen, geöffneten Armen und einem so locker sitzenden blauen Zweireiher mit grauen Nadelstreifen und rotem Einstecktuch begrüßt er seine Gäste: „A warm welcome to my home!“

Mehr als 50 von ihnen passieren seine deutsche und amerikanische Fahne. Sie bevölkern Ess-, Wohn- und Kaminzimmer, essen Roastbeef, Pasta und Brownies und trinken rheinland-pfälzischen Wein. Es wird Deutsch und Englisch gesprochen. Und es geht um Geschäfte, Geschäfte, Geschäfte – und natürlich auch um den deutschstämmigen US-Präsidenten Donald Trump.

Charlotte, diese 850.000-Einwohner-Stadt, deren Name viele der Anwesenden bis vor Kurzem gar nicht kannten, ist einer der am stärksten wachsenden Wirtschaftsstandorte in den USA. Die Liste der deutschen Unternehmen, die hier eine Dependance haben, ist lang, 213 ganz genau. Sie enthält das Who‘s who der deutschen Wirtschaft. So sind der halbe Dax und MDax vertreten – mit Bayer, BASF, Deutscher Post, Bahn und Lufthansa, Daimler, Hochtief, Lanxess, Siemens, Thyssen-Krupp. 90 Meilen entfernt, in Spartanburg, hat zudem der Autobauer BMW sein 11.000-Mitarbeiter-Werk für die X-Modelle. Hinzu kommen noch bedeutende, nicht börsennotierte Konzerne wie Bosch, Schaeffler und ZF sowie viele kleinere Unternehmen.

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Der Wirtschaftsstandort Charlotte ist ein erfrischendes Stück gewünschte Normalität in einer insgesamt verrückten Zeit der deutsch-amerikanischen Beziehungen. Strafzölle und ein Handelskrieg beherrschen die politischen Debatten zwischen den beiden Ländern. Immer wieder sorgen die verbalen Ausfälle des US-Präsidenten auf dem Nachrichtendienst Twitter für Verstimmung nicht nur in diplomatischen Kreisen. Für Geschäfte und Investitionen sind das eigentlich keine guten Voraussetzungen.

Von dem Lärm ist in der Stadt Charlotte wenig zu spüren. Hier gilt Tradition, die auch deutsch ist. Die 1867 gegründete Stadt und die umliegende Region, das County Mecklenburg, sind nach Charlotte von Mecklenburg-Strelitz benannt, der deutschen Frau des englischen Königs Georg III. Und ihren Aufstieg verdanken Stadt und Region vor allem auch deutschen Unternehmen und Managern. Und es werden stetig mehr.

Nach Informationen des Handelsblatts stehen mehrere weitere deutsche Firmen aus der Lebensmittelindustrie, dem Maschinenbau und der Automobilbranche bereit. Sie lässt nur noch die unsichere US-Wirtschaftspolitik auf bessere Zeiten warten. Auch innerhalb der USA lockt die Stadt. So verlegt der Verpackungsspezialist Pester aus Wolfertschwenden im Allgäu seine US-Niederlassung von New Jersey nach Charlotte.

Was macht die „Queen City“ – wie sie auch genannt wird – so anziehend, gerade auch für deutsche Unternehmer und Topmanager?

Es ist das wirtschaftsfreundliche Klima. Die Unternehmensteuer liegt bei nur noch 2,5 Prozent, das ist der niedrigste Satz aller US-Bundesstaaten mit Körperschaftsteuer. Die Bevölkerung im arbeitsfähigen Alter ist gut ausgebildet. Fast die Hälfte hat einen Bachelor- oder höheren Abschluss.

In Stadt und Region liegen 15 Forschungsuniversitäten, unter anderem die renommierte Duke University. Mit der Lage an der Ostküste liegt Charlotte zudem relativ günstig für deutsche Firmen. Die Zeitverschiebung beträgt nur sechs statt wie an der Westküste neun Stunden. Es gibt tägliche Direktverbindungen nach Frankfurt und München.

In der Region rund um Charlotte leben rund 2,5 Millionen Menschen, und jeden Tag ziehen rein statistisch 102 neue hinzu. Laut dem Empfehlungsportal Yelp ist Charlotte die Stadt in den USA, die die größten wirtschaftlichen Chancen bietet. Seit 2001 sind 200.000 neue Arbeitsplätze entstanden. Die Lebenshaltungskosten liegen unter dem nationalen Durchschnitt. Die Einkommensteuer beträgt fünf Prozent. Im Jahr gibt es durchschnittlich 226 Sonnentage, und Charlotte ist weder Erdbeben- noch Hurrikangebiet.

Die Lage zwischen der teuren Nordostküste mit New York, Boston und Washington DC und dem feuchtheißen Südosten mit Miami ist so attraktiv, dass sie selbst strukturelle Krisen übersteht. Der Textilmaschinenhersteller Trützschler aus Mönchengladbach etwa kam vor 50 Jahren nach Charlotte.

Damals war die Region als das Zentrum der amerikanischen Textilindustrie für das Familienunternehmen gesetzt. 30 Jahre prosperierte Trützschler entsprechend mit der Branche. Nach dem Beitritt von China zur WTO im Jahr 2001 brach die Textilindustrie im Südosten der USA jedoch bis auf Ausnahmen zusammen. Auch Trützschler kriselte.

Das Familienunternehmen hielt jedoch am Standort in North Carolina fest. Neue Geschäftsfelder wurden gesucht und gefunden. Heute stellt „American Trützschler“ Garnituren und Schaltschränke her und ist stark im Service tätig. „Es wäre die einfachste Lösung gewesen, das Werk Mitte der 2000er-Jahre zu schließen. Die Familie und das Management haben sich jedoch für das Bleiben entschieden. Unsere Mitarbeiter hier sind sehr gut ausgebildet und loyal. Sie und den Zugang zum Markt wollten wir nicht aufgeben“, erklärt Stefan Engel, der Chef von American Trützschler.

Ein weiteres Beispiel für deutsches Unternehmertum vor Ort ist BASF. Der Chemiekonzern ist seit 1985 in Charlotte. Die Stadt ist inzwischen der Hauptsitz des BASF-Geschäftsbereichs „Dispersionen und Harze“. Hier entstanden Innovationen wie die reflektierende Dachbeschichtung „Instant Set“ sowie das Bindemittel Acrodur für Leichtbauteile aus Natur-, Glas- und Synthesefasern. Der Standort mit rund 300 Mitarbeitern wird deshalb weiter ausgebaut. „Charlotte zeichnet sich für unser Geschäft durch die Nähe zur Industrie und zu unseren Absatzmärkten aus“, erklärt Denise Hartmann, Mitgeschäftsführerin des Geschäftsbereichs. Auch sei Charlotte wichtig „bei der Gewinnung neuer Talente“.

Das Potenzial gut ausgebildeter Mitarbeiter ist für viele Unternehmen nach der geografisch günstigen Lage der Hauptgrund für eine Ansiedlung in Charlotte. Und im Bereich Ausbildung hat die Stadt einiges zu bieten. Es sind längst nicht mehr nur die staatlichen und privaten Universitäten, die die Region mit Absolventen versorgen.

Mit dem erst dieses Jahr neu eingerichteten Technischen Institut des Central Piedmont Community College (CPCC) sind neue Standards gesetzt. Es orientiert sich am deutschen dualen Ausbildungssystem, arbeitet sehr eng mit den niedergelassenen Unternehmen zusammen und bietet seinen rund 1000 Schülern Lehrwerkstätten mit Maschinen von Festo, Siemens und Oerlikon.

Auch in der angewandten Spitzenforschung tut sich einiges. So ist jüngst das Center for Experimental Software Engineering (CESE) der US-Sparte der Fraunhofer-Gesellschaft eine Allianz mit den Universitäten und dem Wirtschaftsministerium von South Carolina eingegangen. Gemeinsam sollen Anwendungen für die digitale Transformation entwickelt werden.

„Gerade kleinere und mittlere Unternehmen, wie wir sie in North und South Carolina und auch in vielen ländlichen Regionen in Deutschland zuhauf finden, werden davon profitieren“, erklärt Dieter Rombach, Mitinitiator der neuen Allianz und einst Gründer und langjähriger Leiter des Fraunhofer-Instituts für Experimentelles Software Entwicklung (IESE) in Kaiserslautern. Schwerpunkte seien die Cybersecurity, das Gesundheitswesen und Industrie 4.0.

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