„Reverse Engineering“ Wenn Produzenten rückwärts denken

"Reverse Engineering" ist für die Produktentwicklung zu einem wichtigen Hilfsmittel geworden. Vor allem dort, wo die Gestaltung eine verkaufsentscheidende Rolle spielt, setzen immer mehr Hersteller auf das Verfahren, bei dem Modelle "rückwärts entwickelt" werden.
  • Johanna Lutteroth
Millimeterarbeit: Triebwerksherstellung bei MTU Foto: dpa

Millimeterarbeit: Triebwerksherstellung bei MTU Foto: dpa

HAMBURG. Moderne Triebwerksschaufeln müssen exakt ausgearbeitet sein - jeder Millimeter Abweichung kann den Verbrauch der Turbine erhöhen, oder die Schaufel auf Dauer sogar zerstören, weil die heißen Gase nicht wie geplant über das Material strömen. Die geschwungenen Formen der Bauteile lassen sich aber nur schwer vermessen. Deshalb scannen die Qualitätsprüfer von Herstellern wie MTU ihre Turbinenschaufeln einfach, erstellen eine "Punktwolke" im Rechner - und machen daraus schließlich einen dreidimensionalen, digitalen Nachbau.

Dann lässt sich das gescannte 3-D-Modell über das ursprüngliche Konstruktionsmodell legen, erklärt Hans Pews, -Ulrich beim Konstruktionsdienstleister Teccon für den Bereich Reverse Engineering zuständig. "Und man erkennt sofort, inwieweit sich die Konturdaten von einander abweichen."

"Reverse Engineering" bedeutet "rückwärts entwickeln" oder "nachbauen", und es dient nicht nur der Qualitätssicherung. Das Verfahren lässt sich auch für die Schadensprüfung nutzen, erklärt Pews: Auch hier werden zwei 3D-Modelle übereinander geschoben - das des beschädigten Objekts und das ursprüngliche. Nur suchen Techniker hier nach Schäden statt Produktionsfehlern.

"Reverse Engineering ermöglicht moderne Ingenieursprozesse", sagt Horst Vogt vom Softwarehersteller Icem. Und so wird es inzwischen auch in der Produktentwicklung eingesetzt. Vor allem dort, wo die Gestaltung eine verkaufsentscheidende Rolle spielt, setzen Hersteller auf Reverse Engineering.

Designer arbeiten oft mit Modellen, weil es ihnen leichter fällt, an dem realen, greifbaren Objekt die Qualität des Designs zu beurteilen. "Die Entwürfe werden dann abgescannt. Und schon bevor die Entwicklung abgeschlossen ist der Berechnung als 3-D-Modell übergeben", sagt Vogt. Konstruktion und Strömungsberechnungen können so schon parallel ablaufen.

Das spart Zeit und Geld. Denn was sich an der Designidee als unpraktikabel erwiesen hat, kann frühzeitig geändert werden. Außerdem lassen sich Designvarianten zum Ursprungsmodell schneller erstellen. "Insofern ist Reverse Engineering auch ein Kommunikationsmittel zwischen Design, Entwicklung und Fertigung", sagt Vogt.

Reverse Engineering ist für die Produktentwicklung aber auch aus einem anderen Grund wichtig. Denn es ist gleichzeitig ein zentrales Instrument der Wettbewerbsbeobachtung. Dabei spielen weniger die 3-D-Modelle als vielmehr das "rückwärts Entwickeln", also das Auseinanderbauen, eine Rolle. Hersteller zerlegen die Produkte ihrer Konkurrenten in sämtliche Einzelteile und machen wieder Konstruktionspläne daraus. "Es geht darum zu lernen, wie es die anderen machen, und welche Qualität die einzelnen Bauteile haben", sagt Rainer Michaeli, Experte für Wettbewerbsbeobachtung und Autor des Handbuchs "Competitive Intelligence". "Es geht auch ums Benchmarking. Man will wissen: Wie gut sind wir, und was sind unsere Verkaufsargumente?"

Es geben zwar nur wenige zu, doch eigentlich setzen nahezu alle produzierenden Branchen bei der Produktentwicklung auf Wettbewerbsbeobachtung: Beispielsweise die Elektroindustrie, der Anlagenbau, die Chemische Industrie und die Autoindustrie. "Oft genug bringt die Analyse des Konkurrenzproduktes die entscheidende Idee für die Weiterentwicklung des eigenen Produkts", sagt Michaeli.

Wettbewerbsbeobachter stellen sich etwa die Frage, ob die Technologien der Konkurrenz ausgereizt sind. Bei Computerchips beispielsweise ist ihre Leistungsfähigkeit entscheidend: Reichen Kapazität und Geschwindigkeit noch für das nächste Produkt? Ist damit zu rechnen, dass der Hersteller in der nächsten Saison einen besseren Chip auf den Markt bringen wird? Wenn ja, was hat man dem entgegenzusetzen? Michaeli: "Reverse Engineering beschleunigt die Entwicklungsarbeit, weil man von den Strategien der Konkurrenz lernt. Es ist eine Grundfeste der Forschung und Entwicklung."

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