Rhetorik-Check 2016 Joe Kaeser hat geübt

Welcher Dax-Chef hält die verständlichste Rede? Siemens-Chef Joe Kaeser hat am Dienstag traditionell die Hauptversammlungssaison eröffnet – und konnte sich rhetorisch steigern. Chancen auf den Sieg haben aber andere.
Der Siemens-Chef konnte am Dienstag bei der Hauptversammlung des Konzerns Punkte sammeln. Quelle: dpa
Joe Kaeser

Der Siemens-Chef konnte am Dienstag bei der Hauptversammlung des Konzerns Punkte sammeln.

(Foto: dpa)

DüsseldorfDen Auftakt als erster Redner der diesjährigen Hauptversammlungssaison machte am Dienstag Joe Kaeser in der Münchner Olympia-Halle. Der Siemens-Chef hat eine deutlich verständlichere, prägnantere und lebendigere Rede gehalten als in den ersten beiden Jahren seiner Amtszeit, als er seine Aktionäre erst beruhigen und dann um Geduld bitten musste. Nun zeigen sich erste Erfolge seiner radikalen Umbaumaßnahmen. Die Gewinnprognose für 2016 wurde angehoben.

Und auch das Feilen am Manuskript hat sich für Kaeser gelohnt: Kürzere und klarere Sätze, eine insgesamt aktivere Sprache, wenig Fachchinesisch. „Kaeser hat sich dieses Mal viel häufiger an die Regel gehalten: ´Ein Gedanke pro Satz.´ Das erleichtert es den Zuhörern, der Rede zu folgen“, sagt Kommunikationswissenschaftler Frank Brettschneider von der Uni Hohenheim. Somit könnte Kaeser es diesmal vom Mittelfeld unter die ersten zehn Redner schaffen.

Der Kampf um die Redner-Krone, die das Handelsblatt gemeinsam mit der Uni Hohenheim jedes Jahr für die verständlichste Rede eines Dax-Chefs auf der Hauptversammlung vergibt, ist damit zum inzwischen fünften Mal eröffnet. Gekürt wird der Chef der dreißig größten börsennotierten Unternehmen Deutschlands, der diesmal die beste Rede vor seinen Aktionären hält.

Und das wird spannend. Denn zum einen tritt BMW-Chef Norbert Reithofer, der zweimal hintereinander die höchste Punktzahl für seine exzellenten Reden erzielen konnte, 2016 nicht mehr an. Dafür betreten jedoch insgesamt sechs Newcomer unter den Dax-Chefs zum ersten Mal die Rednerbühne, unter ihnen Reithofers Nachfolger bei BMW, Harald Krüger.

Zum anderen liegt das gesamte Redner-Niveau nach fünf Jahren Wettbewerb inzwischen sehr hoch: So teilten sich 2015 mit Reithofer noch zwei weitere Dax-Chefs, Fresenius-Chef Ulf Schneider und dem Telekom-Vorstandsvorsitzenden Timotheus Höttges, Platz eins. Lediglich eine hauchdünne Differenz in der B-Note, die den Vortragsstil bewertet, trennte die Drei jeweils voneinander.

Diese Dax-Chefs reden am besten
Frank Brettschneider
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Der Kommunikationswissenschaftler der Uni Hohenheim hat zum vierten Mal exklusiv für das Handelsblatt die Reden der deutschen Spitzenmanager analysiert. In einer A-Note (bis zu 20 Punkte) bewertete er die Reden auf einer Verständlichkeitsskala. Die A-Note ist letztlich auch entscheidend für die Gesamtplatzierung. Ergänzend untersuchte Brettschneider den Vortragsstil in zwei Teilbereichen, „Relevanz und Aufbau“ sowie „Präsentationsform“. Für ihre B-Note konnten die Vorstandschefs insgesamt 100 Punkte holen.

Platz 1: Norbert Reithofer (BMW)
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Gleich drei Dax-Chefs landeten mit einer Punktzahl von 18,4 auf Platz eins. Die Rede von Norbert Reithofer hob sich allerdings durch ihren besonderen Stil hervor und erreichte in der B-Note 90 Punkte. „Das ist exzellent. Besser geht es kaum“, lobte Frank Brettschneider. Der scheidende Reithofer grüßt somit zum zweiten Mal hintereinander vom Platz an der Sonne.

Platz 1: Ulf Schneider (Fresenius SE)
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Ebenfalls 18,4 Punkte erreichte der Auftritt von Ulf Schneider. Der Fresenius-Chef musste sich mit 88 Zählern in der B-Note knapp hinter Reithofer mit dem zweiten Rang zufrieden geben. Doch seine Entwicklung ist beachtlich: Bei seinem Rede-Debüt im Jahr 2012 war Schneider noch Vorletzter.

Platz 1: Timotheus Höttges (Deutsche Telekom)
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Die Sätze von Timotheus Höttges waren im Durchschnitt nur 8,6 Wörter lang – das macht ebenfalls 18,4 Punkte in der A-Note. Auch in der B-Note (84) punktete er überdurchschnittlich.

Platz 4: Frank Appel (Deutsche Post)
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Mit 17,7 Punkten verpasste Frank Appel knapp das Treppchen. 73 Punkte waren es letztlich in der B-Note.

Platz 5: Martin Winterkorn (Volkswagen)
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Winterkorn fiel durch eine rhetorisch brilliante Untertreibung auf. „Hinter uns liegen bewegte Tage“ – so kommentierte Winterkorn den Machtkampf mit Konzernpatriarch Ferdinand Piëch. Der VW-Chef konnte sich in Sachen Verständlichkeit mit 17,2 Punkten (B-Note: 79) aber deutlich nach oben verbessern: Er kletterte im Vergleich zum Vorjahr um acht Plätze.

Platz 5: Martin Blessing (Commerzbank)
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Der Vorstandsvorsitzende der Commerzbank AG sammelte ebenso wie Namensvetter Winterkorn 17,2 Punkte – und schaffte es damit noch in die Top Five. Sein Stil war mit 71 Punkten aber nur Durchschnitt.

Ob Antritts- oder Abschiedsrede, Durchhalteparole oder Kampfansage – bis Anfang Juni 2016 wird das exklusive CEO Rhetorik-Ranking des Handelsblatts dann erneut eine wissenschaftlich fundierte Einschätzung geben, welcher Dax-30-Chef sein Publikum mit den meisten Worthülsen langweilt oder mit Satzungetümen überfordert. Und wer dagegen am anschaulichsten vorträgt.

Neulinge stehen im Fokus
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