Risikokapital-Investor Albert Wenger „Wir brauchen wieder Köpfe wie Bismarck“

Risikokapital-Investor Albert Wenger spricht im Interview über eine technikhistorische Wende, Investments in KI und die Notwendigkeit eines bedingungslosen Grundeinkommens.
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Aus Franken nach Manhattan. Quelle: Kai Nedden/laif
Investor Albert Wenger

Aus Franken nach Manhattan.

(Foto: Kai Nedden/laif)

New YorkWenn Albert Wenger aus dem Fenster seines Büros im 19. Stock eines Gebäudes am New Yorker Broadway blickt, dann kann er das Empire State Building in voller Pracht bewundern. Die klare Sicht auf den legendären Wolkenkratzer im Art-Deco-Stil scheint ihm aber nicht zu genügen. Denn an der Wand gegenüber seines Schreibtischs hängt auch noch ein großformatiges Bild mit der Skyline Manhattans. Direkt darunter steht auf einer Anrichte ein blassgrüner Apple-2-Rechner aus den frühen 80erJahren, jener Zeit, in der der Anlageprofi in Harvard und am MIT in Boston das Programmieren auf ebenjenem Computer lernte.

Herr Wenger, Sie gehörten zu den Frühinvestoren bei Twitter und Tumblr. Nach was für Anlagemöglichkeiten suchen Sie im Moment?
Als klassischer Frühphaseninvestor arbeiten wir stark thesengetrieben. Wir suchen nach Start-ups, die den Zugang für möglichst viele Menschen zu Wissen, Kapital oder Wohlbefinden vereinfachen.

Bitte etwas konkreter?
Wir stehen technikhistorisch gerade an einem Wendepunkt. Die Digitalisierung erlaubt die Entwicklung von künstlicher Intelligenz. Über viele Jahre war das nur ein Schlagwort, viele Ansätze haben nicht funktioniert. Doch das ändert sich gerade. Maschinen können den Menschen in Arbeitsfeldern ersetzen, von denen wir lange behauptet haben, dass das niemals möglich sein wird. Denken Sie an das autonome Fahren, an die Diagnostik von Krankheiten mithilfe zusammengefügter Daten aus verschiedenen Patientenakten. Ein anderes Feld sind intelligente digitale Lernplattformen. Und dann sind natürlich auch Blockchain-Anwendungen hochinteressant.

Warum? Ist das nicht eine Technologie, die vor allem im Finanzsektor zum Einsatz kommt?
Keineswegs. Der Clou an Blockchain ist: Mit dieser Technik lassen sich Netzwerkeffekte auf den großen Plattformen unterlaufen. Noch beruhen die meisten Netzwerkeffekte in der digitalen Ökonomie darauf, dass eine Firma mehr Daten als die Konkurrenz hat. Die Informationen in einer Blockchain gehören aber allen Beteiligten. Sie sind dezentral gespeichert, und alle haben einen gleichberechtigten Zugang. So werden die Wettbewerbsvorteile und Hebel von großen Unternehmen im digitalen Netz deutlich verringert. Blockchain könnte so zum Instrument für eine Demokratisierung der Daten werden. Und deshalb schauen wir uns im Moment viele Unternehmen und Projekte an, die auf dieser Technik basieren. 

Projekte?
Ja, auch Projekte. Es war ein Fehler von uns, nicht in Ethereum investiert zu haben. Wir fanden das zwar sehr spannend, haben aber gezögert, weil es damals keine Firma mit einer traditionellen Equity-Finanzierung war, sondern es nur eine Stiftung gab, die das Projekt finanzierte. Da haben wir viel davon gelernt, und das ist uns inzwischen egal. 

Wie entscheiden und diskutieren Sie, ob was Passendes dabei ist?
Wir sind hier bei Union Square Ventures sechs Partner, und jeder von uns schaut sich jedes Jahr Hunderte von Start-ups und Projekten an, von denen wir uns dann an etwa fünf bis zehn beteiligen. Gleichzeitig müssen wir uns auch von Investments wieder trennen, um Raum und Zeit für neue zu schaffen. Das ist zuletzt ganz gut gelungen. Wir hatten in jedem der vergangenen fünf Jahre mindestens einen Milliarden-Exit, das heißt eine Firma, an der wir beteiligt waren, wurde für mehr als eine Milliarde Dollar gekauft oder ging an den öffentlichen Markt.

Aber wie genau treffen Sie denn nun Anlageentscheidungen?
Es gibt dazu unsere wöchentliche Montagsrunde, wo wir über neue Investitionen sprechen, aber auch das ganze bestehende Portfolio durchgehen. Und dann treffen wir uns jeden Monat einmal, um gesellschaftliche und Marktveränderungen zu diskutieren, die durch neue Technologien ausgelöst werden. Als Investor können wir Innovation nur dann antizipieren, wenn wir auch verstehen, wie sich das Leben der Menschen und die Struktur der Märkte verändert.

Und?
Ich gebe Ihnen ein Beispiel: Der Ökonom Thomas Malthus hatte vollkommen recht, als er Ende des 18. Jahrhunderts eine Bevölkerungsexplosion vorhersagte. Aber er hatte nicht recht, dass ein Großteil der Menschheit deshalb verhungern würde. Was hatte er übersehen? Die Kraft der Innovation. Was folgt daraus? Um weiterhin Fortschritt zu machen, bedarf es mehr Innovation. Beispiel: Klimawandel. Den verstehen wir im Prinzip schon seit Jahrzehnten, aber es fehlt an Innovationen, die das verhindern.

Warum ist das so?
Weil wir viel zu viel Zeit dafür verwenden, die falschen Dinge zu optimieren, wie zum Beispiel die Klickraten für Internetwerbung. Wir brauchen stattdessen Innovationen, die tiefgreifende Probleme lösen. Dazu müssen wir auch Aufmerksamkeit freisetzen, die im Moment in Jobs steckt, die wir automatisieren können. Als ich vor ein paar Jahren in Indien war, habe ich Stadtarbeiter gesehen, die haben einen Rasen mit einer Handschere geschnitten. Da wurde mir klar: Wenn die Arbeit zu billig ist, gibt es nicht genug Innovation.

Denken Sie in diesem Zusammenhang an eine Art bedingungsloses Grundeinkommen?
Ja, Arbeit muss teurer werden. Und ein bedingungsloses Grundeinkommen ließe sich in hochentwickelten Volkswirtschaften auch bezahlen. Wir haben dafür genug produktive Kapazität. Wir müssen die Menschen in die Lage versetzen, selbst zu entscheiden, ob sie für Lohn arbeiten wollen oder nicht lieber mithilfe des Grundeinkommens an der Lösung von den wirklich großen Problemen mitwirken wollen. Die Zeit dafür ist reif und notwendig, weil gerade so viele technische Durchbrüche unmittelbar bevorstehen. Die Entwicklung von künstlicher Intelligenz macht große Sprünge, und Grenzkosten von null sind bei digitalen Informationen und Abläufen bereits Realität. Daraus folgt: Wir brauchen einen neuen Sozialvertrag mit einem bedingungslosen Grundeinkommen.

Über ein bedingungsloses Grundeinkommen ist ja bereits ein breite Debatte entbrannt. Stimmt Sie das zuversichtlich?
Solange in der Volkswirtschaftslehre und in der Politik der Ton von Ökonomen angegeben wird, bei denen Null-Grenzkosten und künstliche Intelligenz nicht vorgesehen sind, wird es schwierig, sich von alten Dogmen zu verabschieden. Die gelebte Veränderung ist längst viel größer, als es in hochaggregierten Statistiken wie etwa dem Bruttosozialprodukt erscheint. Und das alles führt beim Menschen zur Entfremdung, was wiederum ein Vakuum entstehen lässt, in dem Phänomene wie Brexit und Trump erwachsen. Wir brauchen wieder Köpfe wie Bismarck, die damals erkannt haben, dass das Industriezeitalter einen neuen Sozialvertrag brauchte. Was aber tun wir? Wir versuchen unentwegt Dammbrüche in der Industriegesellschaft zu stopfen, in dem wir Finger in die Löcher stecken. Die großen Ideen werden bis jetzt am Rande diskutiert, aber noch nicht wirklich angegangen. Mit der digitalen Technologie sind nicht mehr das Kapital oder die Arbeit der knappe Faktor, sondern die Aufmerksamkeit. Und weil wir das nicht richtig verstehen, deshalb konzentriert sich die Aufmerksamkeit gerade unter der Kontrolle einiger weniger Firmen. 

Sie sprechen im weitesten Sinne von der Entstehung neuer Monopole?
Im Prinzip können Google und Co. sofort und auf der Stelle alles machen, was sie wollen. Weil sie so viel Geld, so viele Daten und so viel unserer Aufmerksamkeit haben.

Sie sind doch Optimist. Das klingt jetzt nach Jammern …
Ich bin überzeugt davon, dass das regulatorisch gedämpft werden muss.

In Amerika? Hier sollen amerikanische Konzerne reguliert werden? Das hört sich weltfremd an …
So weltfremd ist das gar nicht. Es geht doch nur darum, dass die Nutzer von Google und Facebook die Hoheit über ihre eigenen Daten bekommen. Derzeit ist es so, dass sie in dem Moment, wo sie das Facebook-Icon auf ihrem Smartphone antippen, komplett entmachtet sind. Ich habe für das Smartphone viel Geld bezahlt, verbinde mich dann darüber mit Facebook und bin ab diesem Moment dem Angebot von Facebook ohne eigene Kontrolle vollkommen ausgeliefert. Wir brauchen mindestens eine Abstraktionsebene, wo ich als Nutzer mit Anwendungen wie Facebook programmatisch umgehen kann. Mit dem Webbrowser war das der Fall, deshalb gibt es ja zum Beispiel Adblocking.

Solange das aber noch nicht so ist, was heißt das für Ihr Anlageverhalten?
Wir müssen antizipieren, welche Bereiche für die großen Internetkonzerne künftig von Interesse sein könnten, wo sie also mit kleinen strategischen Entscheidungen, aber viel Geld neue Geschäftsfelder vermuten. Das dürfte überall dort der Fall sein, wo sich mit der Sammlung und Verarbeitung von Daten Skaleneffekte erzielen lassen. Das sind Bereiche, in die wir nur investieren können, wenn es wirklich differenzierte Alternativen gibt, die auch eine Chance haben. Technologisch ermöglicht das die Blockchain, aber regulatorisch muss auch etwas geschehen.

Herr Wenger, vielen Dank für das Interview.

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