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Serie: Große Entscheidungen Bosch und Infineon – zwei Unternehmen stellen sich gegen den Trend

Bosch verzichtet auf eigene Batteriezellenfertigung. Infineon baut ein Werk in Österreich. Beide Unternehmen müssen sich gegen den Mainstream behaupten.
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Die beiden Manager haben strategischen Eigensinn bewiesen. Quelle: AFP/Getty Image, Bloomberg [M]
Infineon-Chef Ploss (links), Bosch-CEO Denner

Die beiden Manager haben strategischen Eigensinn bewiesen.

(Foto: AFP/Getty Image, Bloomberg [M])

München, Stuttgart Wenn nicht Bosch, wer dann? Der größte Autozulieferer der Welt hat sich Anfang 2018 trotzdem dagegen entschieden, Batteriezellen für Fahrzeuge zu fertigen. Eine schwere Enttäuschung: für die Kunden, aber auch für die deutsche Politik. Bosch hätte eine wichtige strategische Lücke hierzulande schließen sollen.

„Wir dürfen nicht zulassen, dass unsere Unternehmen noch stärker von asiatischen Herstellern abhängig werden“, warnt die baden-württembergische Wirtschaftsministerin Nicole Hoffmeister-Kraut (CDU).

Betriebswirtschaftlich könne sie die Entscheidung von Bosch zwar in gewisser Weise nachvollziehen. „Aber jetzt ist die historisch letzte Chance, die Lücke doch noch zu schließen. Die Batterie hat beim Elektroauto den bei Weitem größten Wertschöpfungsanteil.“

Aber Bosch-Chef Volkmar Denner bleibt hart. Die von der Bundesregierung und von der EU jüngst in Aussicht gestellten Milliardensubventionen haben den Manager bis heute nicht umstimmen können. „Auch politische Forderungen oder staatliche Förderung werden daran nichts ändern“, betonte der 62-Jährige zuletzt. Risiken könne man nicht einfach „wegsubventionieren“.

Deutlicher kann man politische Wunschvorstellungen nicht vom Tisch fegen.

Es gehört ein erhebliches Stehvermögen dazu, gegen den Trend zu entscheiden. Auch Reinhard Ploss hat solches in jüngster Zeit bewiesen. Der Infineon-Chef hat gerade damit begonnen, ein neues Chipwerk in Österreich zu bauen – mit gewaltigen Kapazitäten und ohne einen Cent an Subventionen.

Im Gegensatz zu Denner bekam er dafür viel Applaus von Politik und Kunden. „Die Mikroelektronik ist eine Basistechnologie für unsere Zukunft in Europa“, lobte EU- Digitalkommissarin Mariya Gabriel beim Spatenstich im November in Villach.

Expansionskurs fällt bei Investoren durch

Dagegen gefällt vielen Investoren der mutige Expansionskurs überhaupt nicht, sie sehen die weitere Entwicklung des größten deutschen Halbleiterherstellers eher skeptisch. Im letzten halben Jahr ist der Kurs um knapp 30 Prozent eingebrochen. Damit musste Infineon weit größere Einbußen hinnehmen als der Dax.

Doch das ist noch nicht alles. Bis zu 1,7 Milliarden Euro möchte Ingenieur Ploss im gerade begonnenen Geschäftsjahr in Fabriken, neue Maschinen und moderne Software investieren. Das sind 20 Prozent vom prognostizierten Umsatz und damit mehr, als viele Marktbeobachter ursprünglich erwartet hatten.

Ploss allerdings verteidigt seinen Kurs vehement. „In unserem Kerngeschäft mit Leistungshalbleitern übersteigt der Bedarf der Kunden weiterhin unsere Liefermöglichkeiten“, so die Begründung des Managers. Er rechnet damit, dass es über Jahre hinweg so weitergeht mit dem Aufschwung.

Was die Entscheidung für den Werksneubau in Kärnten so besonders macht: Ein Investment in Europa ist in der Chipbranche völlig ungewöhnlich. Nur Bosch baut ebenfalls in größerem Stil in Dresden. Aus Fabriken in der EU stammen nur noch neun Prozent aller Chips weltweit. Europa spielt auch technisch in der zweiten Liga.

Die fortschrittlichsten Werke stehen dem Branchenverband ZVEI zufolge in Taiwan und Südkorea. Das ist kein Zufall. „Asien hat bei den Standortkosten zahlreiche Vorteile. Das fängt bei der Baulanderschließung an und hört bei Steuervorteilen auf“, so Holger Rubel, Partner der Boston Consulting Group. Infineon kassiert in Villach keine Zuschüsse.

Angst ums Know-how

In China hätte die Firma wohl Hunderte Millionen Euro bekommen, heißt es in Industriekreisen. Damit hätte sich die Fabrik vom ersten Tag an rentiert, das Investment wäre rein wirtschaftlich risikolos. Insidern zufolge fürchteten die Deutschen aber um ihr Know-how.

In Villach sei sämtliches Wissen vorhanden, um die Fabrik schnell zum Laufen zu bringen, begründet Ploss die Entscheidung. Infineon sei seit 50 Jahren in der Stadt und könne Größenvorteile an dem bestehenden Standort nutzen. Das sei letztlich wichtiger gewesen als Steuererleichterungen oder Geldgeschenke.

Ploss nimmt viel Geld in die Hand, um sich für künftiges Wachstum zu rüsten. Bei Bosch und den Batteriezellen ist es anders. Hier hat der Chef entschieden, nichts mehr auszugeben, obwohl er schon Millionen investiert hatte.

Es ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung. Volkmar Denner, Bosch-Chef

Es ist eine lange Geschichte, die zu der umstrittenen Entscheidung führte. Denn strategisch war allen Autoherstellern und den großen Zulieferern schon vor zehn Jahren klar: Asiaten und Amerikanern die Batterietechnologie zu überlassen – einst war sie in Deutschland zu Hause – war ein folgenschwerer und historischer Fehler.

Der Antrieb der Zukunft für Autos wird früher oder später elektrisch. Und damit steigt die Bedeutung der Batterie, die das mit Abstand teuerste Einzelteil des Fahrzeugs ist. Demgegenüber sinkt die Bedeutung des Motors, weil elektrische Antriebe wesentlich einfacher zu bauen sind als Verbrennungsmotoren. Das Autoland Deutschland, so die Befürchtung, könnte bei der elektrischen Mobilität daher seine Spitzenposition verlieren.

Bosch hat einen Sinneswandel hinter sich

Bosch wollte zunächst an führender Stelle dazu beitragen, dass dies nicht geschieht. Erst steckten die Stuttgarter eine halbe Milliarde in ein Gemeinschaftsunternehmen mit Samsung zur Batterieproduktion. Doch 2012 scheiterte das Projekt, vor allem an den unterschiedlichen Mentalitäten der Konzerne.

Aufgeben wollte Bosch das Batterieprojekt damals aber noch nicht: Wiederum investierte der Konzern insgesamt rund eine halbe Milliarde Euro. Die Schwaben versuchten es jetzt mit mehreren kleinen Schritten. 2014 gründete Bosch GS Yuasa und mit der Mitsubishi Corporation das Gemeinschaftsunternehmen Lithium Energy and Power. So wollte Denner eine leistungsstärkere Generation von Lithium-Ionen-Batterien entwickeln.

Im Herbst 2015 übernahm Bosch dann das US-Start-up Seeo mit vielen Patenten für die Feststoffzellen-Batterie. Eine überlegene Technologie für die nächste Generation, aber noch weit weg von der Serienreife. „Bosch setzt sein Wissen und hohe Finanzmittel ein, um den Durchbruch der Elektromobilität zu schaffen“, betonte Denner auf der Internationalen Automobil Ausstellung (IAA) 2015 in Frankfurt.

Der promovierte Physiker versprach damals auch, mit der konventionellen Lithium-Ionen-Batterie die Reichweite zu verdoppeln und die Preise bis 2020 zu halbieren. Es schien fast so, als wollte der Schwabe den Durchbruch in der Batterietechnik regelrecht erzwingen. Aber nach Stil des Hauses sollte ein so großer und teurer Aufholschritt erst genau geprüft werden. Denner kündigte daher eine finale Entscheidung für Anfang 2018 an.

In der Zwischenzeit schauten die Bosch-Manager ganz genau hin, ob auch die Meilensteine bei der Entwicklung erreicht wurden und wie sich die Märkte entwickelten. Der Entschluss verzögerte sich. „Es gab durchaus unterschiedliche Meinungen im Aufsichtsrat“, sagt ein Bosch-Insider.

Ende Februar 2018 trat schließlich Rolf Bulander vor die Presse. Der Chef der Mobilitätssparte musste die unpopuläre Botschaft überbringen: Bosch kneift. Bosch baut keine Batteriezellenproduktion auf. Die Kosten für einen Einstieg in die Fertigung stünden in keinem Verhältnis zum Risiko. Die wohl größte Investition der 132-jährigen Firmengeschichte falle aus.

Kenntnisse gewonnen

Immerhin, die rund eine Milliarde Euro, mit der Bosch in Vorleistung ging, gilt intern nicht als völlig verloren. Zum einen versucht Bosch gerade noch, Seeo wieder gewinnbringend zu verkaufen. Die gewonnenen Kenntnisse könnten bei der Produktion von Batteriesystemen gut gebraucht werden, auch wenn man nicht in die reine Zellfertigung einsteige, sagte Bulander.

Was aber führte genau zu der Entscheidung, von der Denner doch wusste, dass sie stark kritisiert werden würde? Der Stiftungskonzern scheute vor allem die finanziellen Risiken. „Für eine angestrebte führende Position mit einem Marktanteil von 20 Prozent hätte es ein Investment von 20 Milliarden Euro gebraucht“, sagte Bulander.

Dazu kommt: Die Gesamtkonstellation war schwierig. Bosch konnte nicht garantieren, tatsächlich bessere Batteriezellen zu bauen, die es gebraucht hätte, um den Markt aufzurollen. „Es ist nicht nur eine Frage der Technik, sondern vor allem eine wirtschaftliche Entscheidung“, hatte Bosch-Chef Denner schon vorher angedeutet.

Bosch drohte auf eine Konkurrenz zu treffen, die nicht auf einen Newcomer wartet und auf weitgehend abgeschriebenen Anlagen deutlich kostengünstiger anbieten kann. Bei neuen Batterietechnologien drohte deshalb ein Preiskampf mit den fünf bestehenden Batterieherstellern.

Mit Solarzellen gescheitert

Die Dominanz asiatischer Anbieter ist erdrückend: Neun von zehn Batteriezellen auf dem Weltmarkt werden in den Werken von Unternehmen wie Samsung, Panasonic oder CATL aus China produziert. Erschwerend kommt hinzu, dass drei Viertel der Wertschöpfung auf Materialkosten entfallen. „Da bleibt nur ein geringer Teil, in dem Wettbewerbsvorteile erarbeitet werden können“, so Bulander.

Und auch die eigene Firmenhistorie spielte mit. Bosch war an einer ähnlichen Konstellation bereits gescheitert, als die Schwaben wenige Jahre zuvor versuchten, in der Solarzellenproduktion Fuß zu fassen. Ein Abenteuer, das Bosch vier Milliarden Euro kostete.

Den Fehler seines Vorgängers Franz Fehrenbach wollte Denner nicht wiederholen. Das für die Batteriezellen nicht mehr benötigte Geld investiert Denner lieber in Zukunftsthemen wie die Vernetzung, Automatisierung und Künstliche Intelligenz.

Der politische Druck auf Bosch dürfte in den nächsten Wochen noch einmal zunehmen. Denn Baden-Württembergs Wirtschaftsministerin Hoffmeister-Kraut hat die Hoffnung auf eine Batteriezellenfertigung noch nicht aufgegeben. Allein mit 38 Millionen Euro fördert Baden-Württemberg ein Batterieprojekt von Varta und Fraunhofer.

„Wir müssen den Unternehmen helfen, den Sprung in die Massenfertigung zu schaffen“, betont die CDU-Politikerin im engen Schulterschluss mit Bundeswirtschaftsminister und Parteikollege Peter Altmaier.

Immerhin, als Chef eines Stiftungsunternehmens braucht sich Denner nicht um den Kapitalmarkt zu scheren, auch die Meinung von Analysten kann ihm egal sein.

Infineon-Chef muss Kursverfall erklären

Bei Infineon ist das anders. Auf der Hauptversammlung Mitte Februar wird Vorstandschef Ploss den Aktionären den dramatischen Kursverfall erklären müssen und auch seine Entscheidung, Milliarden in neue Maschinen und Fabrikhallen zu stecken.

Ein Treffen mit dem Management deute auf eine graduelle Abschwächung des Geschäfts, nicht aber auf eine harte Landung hin, urteilte UBS-Analyst David Mulholland Mitte Dezember. Langfristig seien die Aussichten weiterhin gut. Ploss beteuert derweil, dass er fest zu seinen Plänen stehe, gleichwohl aber schnell reagieren werde, sollte die Industrie in eine Krise stürzen: „Wir bremsen, wenn sich die Randbedingungen ändern.“

Vielleicht ist das gerade die große Stärke von erfahrenen Konzernherrn wie Ploss und Denner. Zu den eigenen Entscheidungen stehen, aber auch zu erkennen, wann es Zeit ist, den Kurs zu ändern.

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