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Sparen für die Krise Dax-Konzerne wollen 100.000 Stellen abbauen

Die schwächere Weltwirtschaft, steigende Löhne und der digitale Wandel zwingen Unternehmen zum Sparen. Industriekonzerne sind besonders betroffen.
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VW, BMW und Co.: Dax-Konzerne wollen 100.000 Stellen abbauen Quelle: Volkswagen, ThyssenKrupp, dpa [M]
Herbert Diess (VW, links), Guido Kerkhoff (Thyssen-Krupp) und Frank Appel (Deutsche Post, rechts)

Die Konzernchefs planen jeweils umfassende Sparprogramme.

(Foto: Volkswagen, ThyssenKrupp, dpa [M])

Düsseldorf Als im vergangenen Jahr jeder dritte deutsche börsennotierte Konzern seine Aktionäre mit Ertragswarnungen schockierte, brach zunächst der Dax ein. Im Gesamtjahr fiel er um 18 Prozent. 2019 finden die Ergebnisrückgänge nun ihren Weg in die Realwirtschaft.

Allein die 30 Dax-Konzerne werden nach Handelsblatt-Berechnungen im laufenden Jahr mit Hilfe von Fluktuationen, Vorruhestandsregelungen und Abfindungen 100.000 Stellen abbauen, die meisten VW mit mehr als 30.000.

Hinzu kommen umfassende Sparprogramme, mit denen die 30 Konzerne ihre Ergebnisse künftig Jahr für Jahr um zusammengerechnet 20 Milliarden Euro verbessern wollen. Das entspricht fast einem Viertel des gesamten Nettogewinns im abgelaufenen Geschäftsjahr. Allein BMW will bis Ende 2022 zwölf Milliarden Euro einsparen, um Gewinnrückgänge aus hohen Investitionen in die Elektromobilität abzufedern.

„Die Unternehmen haben in den vergangenen Jahren schon einiges getan, um ihre Kosten zu senken“, urteilt Commerzbank-Bilanzexperte Markus Wallner, „deshalb wird ihr Spielraum jetzt kleiner.“

Doch es gibt ihn noch, wie Berechnungen des Bankhauses zeigen: Gelingt es den Dax-Konzernen, ihre Fixkosten aus Personalkosten und Abschreibungen bloß um ein Prozent zu senken, erhöhen sich im laufenden Jahr die Gewinne vor Steuern und Zinsen um durchschnittlich fast zweieinhalb Prozent.

Unternehmen mit hohen Personalaufwendungen, wie die Deutsche Post und Thyssen-Krupp, bieten demnach das größte Potenzial. Beide Konzerne haben bereits reagiert: Bei Thyssen-Krupp sind mindestens 2000 Stellenstreichungen geplant. Und die Deutsche Post kündigte jährliche Einsparungen von rund 400 Millionen Euro an.

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Weniger Aufträge aus dem In- und Ausland veranlassen immer mehr Unternehmen, sich auf schwierigere Zeiten einzustellen. Das ist auch nötig, denn das Wachstum in Europa, Amerika und Asien, also in den drei großen Absatzregionen für die vielen exportstarken deutschen Unternehmen, hat an Schwung verloren.

Eine rasche Rückkehr zur Hochkonjunktur ist nicht zu erwarten, wie auch jüngst der Sachverständigenrat der Bundesregierung festgestellt hat: Die deutsche Industrie habe die Folgen der „merklichen Abschwächung des außenwirtschaftlichen Umfeldes“ stark zu spüren bekommen.

Wie stark, das hat sich an der Börse bereits drastisch gezeigt: Jedes dritte Unternehmen veröffentlichte im abgelaufenen Geschäftsjahr mindestens eine Ertragswarnung. Das waren so viele wie noch nie seit der Krise vor zehn Jahren.

Gleichzeitig erhöhen sich die Kosten: Löhne und Gehälter stiegen in Deutschland im vergangenen Jahr im Schnitt um 3,1 Prozent, deutlich mehr als in den Jahren davor. Die 600.000 Chemiebeschäftigten handelten sogar 3,6 Prozent aus, die 3,5 Millionen Metaller 4,3 Prozent, und die 700.000 Beschäftigten in der Bauindustrie erreichten sechs Prozent.

Thyssen-Krupp fehlt das Finanzpolster

Die Konsequenz: In fast allen Branchen versehen die Konzerne ihre Geschäftsabschlüsse jetzt mit Sparprogrammen. Nach milliardenschweren Fehlinvestitionen in Amerika und Überkapazitäten in der Stahlproduktion ist bei Thyssen-Krupp das Eigenkapital auf drei Milliarden Euro zusammengeschmolzen.

Angesichts von Nettofinanzschulden von 2,4 Milliarden Euro und einem Jahresüberschuss von nur 60 Millionen Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr fehlt ein Polster für schlechtere Zeiten. Bis 2020 will sich der Mischkonzern nun in zwei Firmen aufteilen.

Bei dieser Neuorganisation könnten mehr als die bereits angekündigten 2000 Stellen wegfallen. 2018 hatte Thyssen-Krupp für seine 161.000 Mitarbeiter 9,8 Milliarden Euro an Personalaufwand ausgegeben.

Angenommen, Thyssen-Krupp reduziert seine Fixkosten nur um ein Prozent, würde der Gewinn vor Steuern und Zinsen (Ebit) um gut fünfeinhalb Prozent steigen. Das zeigen Berechnungen der Commerzbank. Das größte Restrukturierungspotenzial ergibt sich demnach bei den Personalkosten, da sie den größten Teil der Fixkosten, zu denen auch Abschreibungen gehören, ausmachen. „Der anhaltende Lohndruck in Deutschland und der Trend zur Digitalisierung sind ein weiteres Argument für zusätzliche Restrukturierungsmaßnahmen“, urteilt Commerzbank-Bilanzexperte Wallner.

Ebenso wie Thyssen-Krupp profitiert auch die Deutsche Post angesichts ihres hohen Personalaufwandes überdurchschnittlich stark, wenn sie ihre Fixkosten senkt. Der Konzern gab im abgelaufenen Jahr rund 20 Milliarden Euro für seine rund 520.000 Mitarbeiter aus, die weltweit auf der Gehaltsliste stehen.

Zwar plant der Logistiker keine Entlassungen. Im Gegenteil, in ihrem Brief- und Paketgeschäft wollen die Bonner in diesem Jahr mindestens 5 000 Vollzeitbeschäftigte einstellen. Doch die Post will ihren Paketversand der Billigtochter Delivery mit der Arbeit der Post AG zu einem Betrieb zusammenlegen. Dadurch würden viele Hundert Stellen wegfallen.

Ziel ist es, jährliche Einsparungen von 150 bis 250 Millionen Euro zu erzielen. Weitere 200 Millionen Euro verspricht sich Konzernchef Frank Appel von einem Vorruhestandsprogramm, für das allerdings erst einmal Aufwendungen von einer halben Milliarde Euro anfallen.

Gelingt es der Post, ihre Fixkosten um ein Prozent zu senken, würde sich der operative Gewinn um rund fünf Prozent erhöhen. Das wären, bei einem Ergebnis von 3,2 Milliarden Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr, 160 Millionen Euro. Allerdings sind bei dieser Rechnung Aufwendungen für Sozialpläne und Abfindungen, die die Unternehmen in aller Regel nicht unter „Personalkosten“, sondern unter den „sonstigen Aufwendungen“ verbuchen, nicht berücksichtigt.

Dabei ist es nicht nur die heraufziehende Konjunkturkrise, die zum Sparen und Personalabbau animiert. „Stellenabbau ist leider angesichts des technologischen Wandels und der Digitalisierung ein kontinuierlicher Prozess“, urteilt Fidelity-Fondsmanager und Deutschlandexperte Christian von Engelbrechten.

Autobranche ist im Wandel

Das heißt aber auch: Wo Stellen wegfallen, entstehen neue. Die Prognose „Digitalisierte Arbeitswelt“, die mehrere Forschungsinstitute für das Bundesarbeitsministerium erstellt haben, geht davon aus, dass bis 2035 zwar knapp vier Millionen Arbeitsplätze verloren gehen, aber fast ebenso viele neue geschaffen werden.

Am stärksten vollzieht sich der Wandel in der Automobilindustrie. Volkswagen will in seiner Kernmarke VW in den nächsten fünf Jahren zusätzlich 5000 bis 7000 Stellen streichen. Bereits im Herbst 2016 hatte der Gesamtkonzern den Abbau von 30.000 Stellen beschlossen, davon 23.000 in Deutschland.

„Ein E-Auto wird mit etwa 30 Prozent weniger Arbeit hergestellt als ein Verbrenner“, lieferte Konzernchef Herbert Diess vor 20.000 Beschäftigten in Wolfsburg die Begründung. „Es wird schwer, das nur mit Fluktuation und Altersteilzeit zu bewältigen.“

Im Gegenzug entstehen bei VW allerdings fast 10.000 Arbeitsplätze in Zukunftsbereichen wie der Softwareentwicklung. VW hofft damit, ab 2023 seinen Gewinn um zusätzlich 5,9 Milliarden Euro zu verbessern.

Vom Stellenabbau betroffen sind vor allem die klassischen Industriebranchen. So rechnet RWE angesichts des geplanten Kohleausstiegs der Bundesregierung mit einem „erheblichen Personalabbau“. Die RWE-Tochter Innogy und der Wettbewerber Eon verhandeln über eine Teilzusammenlegung. Dabei könnten am Ende bis zu 5000 Stellen wegfallen.

Siemens baut in seiner angeschlagenen Kraftwerkssparte in Deutschland 2900 Arbeitsplätze ab, um so 270 Millionen Euro zu sparen. In größeren Dimensionen plant Bayer. Der Pharmakonzern braucht nach dem 50 Milliarden Euro teuren Kauf des Saatgutherstellers Monsanto Geld.

Rund 12.000 Arbeitsplätze sollen bis Ende 2021 wegfallen, fast zehn Prozent der weltweiten Belegschaft. Betroffen sind besonders die Verwaltungen in Leverkusen und in den Ländergesellschaften, wo 5500 Stellen wegfallen werden.

Allerdings sinken Bayers Kosten erst einmal nicht. Ebenso wie alle anderen Dax-Konzerne verzichtet Bayer auf betriebsbedingte Kündigungen. Hinzu kommen hohe Abfindungen in Höhe mehrerer Jahresgehälter und teure Vorruhestandsregelungen. Die Kosten für den Stellenabbau und alle weiteren „Effizienz- und Strukturmaßnahmen“ hat der Konzern auf 4,4 Milliarden Euro beziffert. Das ist mehr als der Gewinn eines ganzen Jahres. Ab 2022 erhofft sich Bayer einen Ergebnisbeitrag von jährlich 2,6 Milliarden Euro.

Anders als der Volkswagen-Konzern, wo zwar der größte Stellenabbau unter allen Konzernen geplant ist, wo aber auch angesichts von zahlreichen Zukäufen 300.000 Mitarbeiter mehr als noch vor zehn Jahren beschäftigt sind, reduziert die Deutsche Telekom ihren Personalbestand beständig: im vergangenen Jahrzehnt um 40.000.

Dieser Trend geht weiter: „Wir haben uns geeinigt, dass bis Ende 2020 insgesamt 3765 Stellen abgebaut werden“, sagte Thomas Schneegans, Gesamtbetriebsratsvorsitzender und Aufsichtsratsmitglied der Geschäftskundensparte T-Systems. Geht es der angeschlagenen Telekom-Tochter bis dahin wirtschaftlich nicht besser, könnten weitere 1200 Stellen wegfallen.

Am Ende geht es den Unternehmen vor allem um eines: die Kosten zu senken, dabei Personal in unrentablen Bereichen abzubauen, um gleichzeitig Mitarbeiter in Zukunftssparten einzustellen. Fakt ist: Mit insgesamt 3,7 Millionen Mitarbeitern beschäftigen die 30 Dax-Konzerne heute genauso viele Menschen wie vor einem Jahrzehnt.

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