Selbstbewusste Managerin

„Es gibt nichts zu fürchten und viel zu verstehen.“

(Foto: Lêmrich für Handelsblatt)

Telekom-Vorstand Claudia Nemat im Porträt Die Frau, die als erste deutsche Dax-Chefin gehandelt wird

Claudia Nemat gehört zu den wenigen weiblichen Dax-Vorständen. Ihre Arbeit bei der Telekom entscheidet darüber, ob Deutschland die Digitalisierung meistert.
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Düsseldorf, Bonn, DarmstadtAn diesem Morgen geht es für Claudia Nemat zunächst einmal tief hinab. Sie nimmt die 30 Stufen einer Treppe aus Metallgittern leichtfüßig und ohne zu zögern. Nemat trägt graue Turnschuhe, eine weite, schwarze Hose und eine schwarze Lederjacke. Der Abstieg in die Tiefe führt sie in die Kabelversuchsanlage der Telekom.

Was sich groß anhört, ist in Wirklichkeit ein vielleicht 50 Quadratmeter kleiner Raum, vollgestopft mit Computern und Bildschirmen. Die Fenster sind winzig und auf Brusthöhe, selbst der Notausgang geht über eine Metalltreppe durch ein Fenster. Von Decken und Wänden hängen gelbe und schwarze Stecker und Kabelbündel. Neonlicht, es ist stickig und warm, überall blinken Knöpfe und Displays.

Claudia Nemat nimmt diese wie ein Bienenstock summende und brummende „Anlage“ und die Menschen darin, überwiegend Männer in Jeans und Karohemd, einige Vollbärte, viele Brillen, schnell für sich ein. Sie fremdelt nicht mit „Kabelschaltfeld“, „Spektralanalyse“, „Leistungsmesser“ und „Störkoppelmatrix“. Sie sagt sogar: „Ah, herrlich. Das erinnert mich hier an den Bastelkeller meines Vaters. Das war ein Tüftler.“

Aus Claudia Nemat ist keine Tüftlerin geworden, auch wenn sie als junge Frau zunächst Physik studiert hat und genau versteht, was hier „versucht“ wird. Aus ihr ist eher das Gegenteil geworden. Sie hält die große Linie im Blick statt die kleinen Teile in der Hand.

Seit Januar 2017 führt Nemat das Vorstandsressort Technik und Innovation der Deutschen Telekom. Sie ist damit nicht nur eine der ganz wenigen weiblichen Dax-Vorstände. Die 49-Jährige agiert auch an einer – im besten Sinne des Wortes – Schaltstelle der deutschen Wirtschaft.

Dort entscheidet sich maßgeblich, wie gut oder schlecht Deutschland die Digitalisierung gelingt. Und dort entscheidet sich, ob Nemat noch mehr kann als Vorstand, ob sie es nach ganz oben schafft – als erste Frau in Deutschland auf den Posten einer Vorstandsvorsitzenden bei einem Dax-Konzern. Bisher kann eine Frau in Deutschland nur Kanzlerin sein, nicht aber CEO. Im internationalen Vergleich hinkt die deutsche Wirtschaft diesbezüglich hinterher.

Nemats Aufgabe könnte komplizierter kaum sein. An der schlanken, 1,72 Meter großen Frau mit den grauen, halblangen Locken und den großen blauen Augen hängt es mit, wie schnell und gut der Breitbandausbau in Deutschland vorangeht.

Die Kabelversuchsanlage ist für Claudia Nemat vertrautes Terrain. Quelle: Lêmrich für Handelsblatt
Technische Infrastruktur der Telekom

Die Kabelversuchsanlage ist für Claudia Nemat vertrautes Terrain.

(Foto: Lêmrich für Handelsblatt)

Und an ihr hängt auch mit, wie gut sich der Dax-Konzern mit seinen etwa 220.000 Mitarbeitern selbst transformiert – und im Konkurrenzkampf mit anderen Telekommunikationskonzernen wie Vodafone, Telefónica und Orange sowie IT-Riesen wie Amazon und Google bestehen kann.

„Mit Herz und Hirn“

Mitarbeiter von Nemat sprechen vom „heißen Stuhl“, auf dem ihre Chefin sitze, vom „Himmelfahrtskommando“, die Telekom agiler zu machen, oder vom „Innovationsdilemma“, in dem die Telekom seit Jahren stecke.

Der Mobilfunkmarkt ist gesättigt, Wachstum ist nur noch über Verdrängung möglich und der Festnetzmarkt gar rückläufig. Zwar ist die Telekom im Bereich Netzwerkinnovationen stark, etwa bei der Entwicklung des 5 G-Standards, bei Produktinnovationen ist sie aber schwach. Prominenteste Negativbeispiele: Musicload scheiterte als Reaktion auf iTunes so wie Joyn als Alternative zu WhatsApp. 

Die Telekom steht entsprechend unter Druck. Der Aktienkurs ist seit vergangenem Jahr fast um ein Viertel gefallen. Zwar hat Konzernchef Timotheus Höttges gerade eine solide Bilanz für das vergangene Jahr vorgelegt und sich nach jahrelangen Verhandlungen mit dem japanischen Konzern Softbank auf die Übernahme von dessen US-Mobilfunktochter Sprint geeinigt, doch die Risiken bleiben.

In Europa muss der Konzern mit einer jüngst durch die Übernahme von Unitymedia erneut erstarkten Vodafone klarkommen. Und in den USA bleiben strategische Nachteile wie fehlende Festnetzanschlüsse gegenüber Konkurrenten wie AT&T und Verizon. Zudem kämpft die Telekom als ehemaliger Staatskonzern nach wie vor mit verkrusteten Strukturen und gilt deshalb nicht als Hort von Innovationen oder Beispiel für Agilität.

Dieses „Innovationsdilemma“ zu beenden ist nun die Pflicht und Kür von Claudia Nemat. Die studierte Physikerin und gelernte McKinsey-Beraterin, die inzwischen auch im Aufsichtsrat des Flugzeugbauers Airbus sitzt, hat sich diese Position „mit Herz und Hirn“, wie sie selbst sagt, gewünscht und geschaffen. Sie wollte schon als junge Frau nicht weniger, „als es mir selbst und allen anderen beweisen“. Das neu geschaffene Ressort „Technik und Innovation“ gilt schließlich als der Schlüssel für eine erfolgreiche Zukunft des Konzerns und auch der Republik.

Bis dato genießt Nemat – bei all ihrer Ungeduld und ihrer bisweilen temperamentvollen Art – das Vertrauen von Vorstandschef Höttges und Aufsichtsratschef Ulrich Lehner. Mit ihrer meist freundlichen, aber auch sehr bestimmenden Art hat sie die Bereiche Technik und Innovation in den vergangenen Monaten zusammengeführt und in Teilen auch schon transformiert.

Doch die Zeit des Sich-mit-sich-selbst-Beschäftigens ist vorbei. Nun muss Nemat liefern – und zwar auch in enger Abstimmung mit ihrem Kollegen, Telekom-Deutschland-Chef Dirk Wössner, und Vorstandschef Timotheus Höttges: Breitband und Service (Technik) sowie Produktinnovationen wie den jüngst angekündigten Smart Speaker, ein verbessertes Entertain TV und das European Aviation Network.

Unter Beobachtung

Bei allem steht Nemat unter Beobachtung. Liefert die 49-Jährige in den nächsten zwei Jahren, stehen ihr alle Türen offen. Schon jetzt wird sie als mögliche erste Dax-Chefin gehandelt. 

Da sind sich führende Personalberater Deutschlands einig wie selten. „Sie hat das Format. Sie ist die einzige Führungsfrau in Deutschland, der ich einen Dax-Vorstandsvorsitz in absehbarer Zeit zutraue“, lobt etwa Heiner Thorborg, der dank seines Netzwerks Generation CEO die meisten Führungsfrauen in Deutschland persönlich kennt. „Sie ist eine Ausnahmeerscheinung. Ich traue ihr diesen nächsten Schritt ohne Einschränkungen zu“, sagt auch Headhunterin Anke Hoffmann. Und Thomas Sattelberger, langjähriger Dax-Konzern-Personalchef (Telekom, Continental, Lufthansa) und inzwischen Bundestagsabgeordneter für die FDP, erklärt: „Sie füllt nicht nur divisionale wie funktionale Dax-Vorstandsposten aus, sondern hat natürlich auch das Potenzial für einen Vorstandsvorsitz.“

Claudia Nemat hat es selbst in der Hand, ihre ambitionierten Ziele zu erreichen. Am Kapitalmarkttag am Donnerstag in Bonn, einer nur alle zwei bis drei Jahre stattfindenden Veranstaltung, reklamiert sie vor Investoren, Analysten und Journalisten selbstbewusst die „Technologieführerschaft“ für die Telekom. Sie sagt: „Unsere Technologie und unsere Netzwerke sind die Basis für alles. Wir verbinden Menschen für ihre gegenwärtigen und zukünftigen Möglichkeiten.“

Damit das gelingt, hat sie in den vergangenen 17 Monaten entsprechende Voraussetzungen geschaffen. Sie hat in ihrem neuen Ressort die Strukturen und Köpfe angepasst. Sie hat sich ein Führungsteam aus neun Leuten zusammengesucht, das aufgrund seiner Vielfalt seinesgleichen sucht in der deutschen Wirtschaft. In diesem finden sich kaum Telekom-Urgesteine. Stattdessen hat sie in diesem engsten Führungskreis bewährte Kräfte aus ihrer Zeit als Europa-Chefin der Telekom vereint. Etwa Branka Skaramuca, die einstige Personalchefin der Telekom Kroatien, die nun die neue Arbeitsdirektorin ihres gesamten neuen Vorstandsressorts ist. Oder Walter Goldenits, der Technikchef von Telekom Ungarn war und nun diese Position bei der Telekom Deutschland innehat. Das Team ergänzen vier Neuzugänge: Ihren neuen IT-Chef Peter Leukert fand Nemat bei der Commerzbank, ihren neuen Technik-International-Chef Jean-Claude Geha bei Ericcson. Für die Chefposten Strategie und Innovation verpflichtete sie zwei Exoten: Der Südkoreaner Alex Choi kommt von South Korean Telecom, und der Marokkaner Omar Tazi war schon „Chief Evangelist“ bei Oracle.

Ihr Team ist ein Vorbild an Diversität, sagen die einen. „Das ist konsequent und im Sinne der Sache. Homogenität ist der Feind von Innovationen“, lobt etwa Thomas Sattelberger, einst Personalchef und ihr Vorstandskollege bei der Telekom und inzwischen innovationspolitischer Sprecher der FDP-Fraktion im Bundestag. Andere warnen: „Ihr Team ist eine toxische Mischung. Das sind zu viele verschiedene Typen.“

Klar ist: Claudia Nemat hat ihr Schicksal an diese Truppe gebunden – und viele ihrer Leute ihr Schicksal an das ihre. Sie wollen die Telekom gemeinsam innovativer, agiler und damit konkurrenzfähiger machen. Nemat selbst sagt: „Wir sind die Rebellen. Wir wollen die Telekom von innen heraus verändern.“ Und um das zu erreichen, ist Nemat viel unterwegs.

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