Touristikkonzern „Overboarding“ – Warum Daimler-CEO Zetsche als Chefaufseher bei der Tui durchfiel

Anfang des Jahres wollte Daimler-Chef Zetsche in den Tui-Aufsichtsrat. Doch zwei US-Aktionärsberater verhinderten die Pläne – vorerst.
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Eigentlich schien die Berufung von Dieter Zetsche in den Tui-Aufsichtsrat in trockenen Tüchern zu sein. Doch zwei Aktionärsberatungen machten dem Daimler-Chef einen Strich durch die Rechnung. Quelle: imago/localpic
Friedrich Joussen, Dieter Zetsche und Klaus Mangold

Eigentlich schien die Berufung von Dieter Zetsche in den Tui-Aufsichtsrat in trockenen Tüchern zu sein. Doch zwei Aktionärsberatungen machten dem Daimler-Chef einen Strich durch die Rechnung.

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DüsseldorfWenig Fortune besitzt Dieter Zetsche, wenn es um die persönliche Zukunftsplanung geht. Ab dem 13. Februar dieses Jahres wollte der 65-Jährige ursprünglich Europas größtem Reisekonzern Tui als Aussichtsratschef vorstehen – und damit den dortigen Vorstandsvorsitzenden Fritz Joussen beim Konzernumbau unterstützen. Gemessen an der Vergütung seines Vorgängers Klaus Mangold, sollten ihm dabei jährlich 483.000 Euro zustehen. Eigentlich.

Doch es kam anders. Kurz vor der Hauptversammlung in Hannover beschwerten sich die US-Aktionärsberatungen International Shareholder Services (ISS) und Glass Lewis, Zetsche könne die zusätzliche Aufgabe nur unzureichend ausfüllen. Jedenfalls so lange, wie er Vorstandsvorsitzender der Daimler AG, Chef der Mercedes Car Group und Kontrolleur des Start-ups Veta Health sei.

Der rückzugswillige Vorgänger Klaus Mangold versuchte zu beschwichtigen. Zetsche finde im Tui-Aufsichtsrat kompetente Unterstützer, entgegnete er. Zudem profitiere der Daimler-Chef von seinen langjährigen Erfahrungen.

Doch es nützte nichts. Es sei ein „Overboarding“ zu befürchten, schrieben die Stimmrechtsberater dem 74-jährigen Chefkontrolleur zurück. Zetsches Ämterhäufung widerspreche ihren öffentlich zugängigen Abstimmungskriterien, denen sich die von ISS und Glass Lewis vertretene Pensions- und Investmentfonds unterwerfen.

Seither haben sich die Gründe für den Widerstand aus Sicht der Stimmrechtsberater sogar verstärkt, wie Chris Rushton, Chefanalyst von Glass Lewis, gegenüber dem Handelsblatt erklärte. „Die Rolle des Aufsichtsratsvorsitzenden bei Tui erfordert einen erheblichen Kontakt zu den Stakeholdern“, glaubt er. „Betrachtet man Zetsches Rolle bei Daimler, deren Einsatz die Vollzeitarbeit der meisten Menschen weit übersteigt, werden sich die Aktionäre fragen, ob er ausreichend Zeit für seine Aufgaben in einem weiteren Unternehmen finden würde.“

Erschwerend komme hinzu, ergänzt Rushton, dass sich Daimler wegen der Ungereimtheiten seiner Dieselmotoren in einer Krise befinde. „Damit würden alle anderen Verpflichtungen wahrscheinlich keine Priorität mehr haben.“

Zum Verhängnis wurde Zetsche, dass er sich ausgerechnet um den Aufsichtsratsvorsitz eines Unternehmens bewarb, das in Großbritannien notiert ist. In einem Dax-Konzern dagegen wäre er mit seinem Plan kaum angeeckt, wie ähnliche Proteste in mehreren Fällen zeigten.

So verweigerten die Fondsgesellschaften DSW und Union Investment der Deutschen Post dieses Jahr die Zustimmung, KfW-Chef Günther Bräunig in den Aufsichtsrat zu wählen – aus ähnlichen Gründen wie bei der Tui.

Nicht anders erging es Wolfgang Reitzle bei Linde, der bei seiner Wahl in den Aufsichtsrat auf den Widerstand von Union Investment stieß. Ebenso Voestalpine-Vorstandschef Wolfgang Eder, den Glass Lewis wegen „Overboarding“ aus dem Kontrollgremium von Infineon fernhalten wollte. Am Ende scheiterten die Kritiker jedoch jedes Mal an der Mehrheit der Hauptversammlung.

Tui dagegen knickte vor der Aktionärsversammlung ein. Der Grund: Die Hannoveraner sind an der Londoner Börse gelistet, wo sie sich vor wenigen Jahren mit der ebenfalls börsennotierten Tochter Tui Travel vereinten. Entsprechend gewichtig sind im Aktionärskreis die angelsächsischen Pensions- und Investmentfonds, die rund ein Drittel des Aktienkapitals stellen. An den Stimmrechtsberatern der Fonds vorbei zu entscheiden erschien dem Reisekonzern daher zu riskant.

Das Nachsehen hat nun Zetsche. Bis er seinen Spitzenjob bei Daimler quittiert, so entschied der Tui-Aufsichtsrat, wird er lediglich als ordentliches Mitglied dem Kontrollgremium angehören. Mangold muss somit weiter an der Spitze ausharren.

„Wir warten nun ab“, sagte Konzernchef Joussen vor wenigen Tagen in Hamburg. Erfüllt der Daimler-Chef seinen Vertrag in Stuttgart wie vorgesehen, könnte das bis zum Dezember 2019 dauern.

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