Türkischer Unternehmer Ali Koc ist als Chef von Fenerbahce Istanbul am Ziel seiner Träume

Der türkische Unternehmer führt nun einen der größten Fußballklubs des Landes. Viele sehen darin ein Signal für eine Zeitenwende – auch für die Politik.
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Der neue Präsident des türkischen Fußballvereins Fenerbahce Istanbul mit seinen Anhängern. Quelle: AFP
Ali Koc

Der neue Präsident des türkischen Fußballvereins Fenerbahce Istanbul mit seinen Anhängern.

(Foto: AFP)

IstanbulAm Ende geht Ali Koc seinen Widersacher direkt an. „Los, gehen Sie mit Ihrem Ball spielen!“, rief er dem Präsidenten des türkischen Fußballvereins Fenerbahce Istanbul zu. Koc, Spross der reichsten Unternehmerfamilie der Türkei, hat es mit seiner direkten Art bereits in der Wirtschaft weit gebracht – und jetzt auch in der Welt des Fußballs.

Der 51-jährige Vizechef des Aufsichtsrats der Koc-Holding ist großer Fan des türkischen Spitzenklubs Fenerbahce Istanbul – und wurde nun in einer Kampfabstimmung zum neuen Präsidenten des Vereins gewählt. Er erhielt rund 80 Prozent der Stimmen und löst Aziz Yildirim ab.

Beobachter sehen in dem Wechsel eine Zeitenwende, die auch Auswirkungen auf die Politik des Landes haben könnte. Fenerbahce ist nicht nur der wichtigste Verein des Landes, mit einer langen Erfolgsgeschichte und Millionen Fans.

Die wahlberechtigten Mitglieder des 111 Jahre alten Klubs entstammen aus allen sozialen Schichten des Landes, darunter einfache Fußballverrückte und einflussreiche Unternehmer sowie zahlreiche Prominente; überwiegend säkular orientierte Türken, die nicht unbedingt etwas mit der konservativen Regierungspartei AKP anfangen können.

Hinzu kommt: Der ausgebootete Ex-Präsident galt als AKP-Anhänger. Ihm wurde 2011 die Manipulation mehrerer Fußballspiele vorgeworfen. Yildirim musste für ein Jahr ins Gefängnis. Er selbst macht bis heute die Gülen-Verbindung für die Ermittlungen gegen ihn verantwortlich.

Noch in seiner Bewerbungsrede für das Amt des Vereinspräsidenten gab Yildirim am Sonntagabend an, er benötige eine weitere Amtszeit, um den Komplott gegen ihn aufzuklären.

Es ist hingegen ein offenes Geheimnis, dass der Koc-Clan nicht viel vom türkischen Präsidenten und seinem anti-elitären Kurs hält. Doch offenbar gelang es dem Machtmenschen Erdogan, der sich gerne in Fußballangelegenheiten einmischt, nicht, diesen historischen Wachwechsel in der wichtigsten Sportart des Landes aufzuhalten.

Wirtschaftlicher Aufstieg dank Enteignung von Nicht-Türken

Koc leitet den Familienkonzern in dritter Generation. Der Aufstieg des Familienunternehmens ist eng mit der alten kemalistischen Elite des Landes verbunden. 1926, drei Jahre nach der Gründung der Türkischen Republik, eröffnete Großvater Vehbi Koc einen Lebensmittelladen in der neuen Hauptstadt Ankara.

Schnell stieg er in den Handel mit Glühbirnen, Autoteilen und Baustoffen ein und wurde reich. Beim Aufstieg half die damalige Politik des Staatsgründers Mustafa Kemal. Der „Vater der Türken“ ließ in den ersten Jahren der Republik zahlreiche Unternehmen von nicht-türkischen Minderheiten enteignen. Koc und andere übernahmen viele der kollabierten Firmen.

Der politisch begünstigte Expansionskurs wurde zur Basis für den weiteren Aufstieg des Unternehmens. In den folgenden Jahren sicherte sich der frühere Ladenbesitzer Vehbi Koc durch Kooperationen mit internationalen Konzernen immer mehr Marktanteile im Land und zunehmend im Rest der Welt. So errichtete Koc 1952 gemeinsam mit General Electric eine Produktionsanlage für Glühbirnen in der Türkei.

Der Verein ist einer der größten Fußballklubs der Türkei. 2016 gewann er die bis dato letzte Meisterschaft. Quelle: Reuters
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Der Verein ist einer der größten Fußballklubs der Türkei. 2016 gewann er die bis dato letzte Meisterschaft.

(Foto: Reuters)

Bis heute baut ein Tochterunternehmen in Lizenz Ford-Autos für die Türkei. 2005 kaufte Koc gemeinsam mit Shell 51 Prozent der Anteile an der einzigen Erdölraffinerie des Landes. Und seit 2008 ist Koc Eigentümer der ehemaligen deutschen Firma Grundig.

Zu den weiteren bekannten Firmen zählen der Haushaltsgerätehersteller Arcelik sowie die Fernsehmarke Beko, der auch in Deutschland bekannte Lebensmitteldistributor Tat und die Bank Yapi Kredi.

Insgesamt beschäftigt das Unternehmen mehr als 85.000 Menschen und erwirtschaftet umgerechnet mehr als 21 Milliarden Euro Umsatz. Allein Arcelik hat einen weltweiten Marktanteil von rund zehn Prozent. In Sachen Mitarbeiterzahl, Börsenwert und Exportkraft ist Koc das größte Unternehmen des Landes.

Die Unternehmerfamilie will sich offiziell aus der Politik heraushalten. Dennoch mischten sich immer wieder Mitglieder in die politischen Debatten des Landes ein. So hinterfragte Rahmi Koc, Vater von Fenerbahce-Präsident Ali und Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Familienholding, bereits im Jahr 2001 und damit zwei Jahre vor Erdogans Amtsantritt, wie dieser ein Vermögen von einer Milliarde US-Dollar aufgebaut haben könne und woher das Geld komme, während Erdogan sich selbst doch als einfacher Mensch zeige.

Koc ist ein lautstarker Gegner Erdogans

Im Sommer 2013 gehörten Mitglieder der Koc-Familie zu den lautstarken Unterstützern der sogenannten Gezi-Proteste. Verletzte Demonstranten durften während der Proteste in ein nahe gelegenes Luxushotel fliehen, das der Koc-Gruppe gehört.

Erdogan beschimpfte die Familie daraufhin als Unterstützer des „streunenden Mobs“. Nach dem Ende der Proteste untersuchte die türkische Finanzbehörde ein halbes Jahr lang drei Koc-Tochterunternehmen aus dem Ölsektor, bei denen die Beamten plötzlich illegalen Energiehandel vermuteten. Der Familie drohte der Entzug wichtiger Energielizenzen. Am Tag der Razzia sank der Unternehmenswert um 2,2 Milliarden Dollar.

Ali Koc gilt als Fußballfanatiker, vor allem aber als moderner Manager, der sich nicht vor Veränderungen scheut. Schon in seiner Zeit als Vizepräsident des Vereins investierte er in die Nachwuchsförderung und nutzte seine Kontakte in türkische Millionärskreise auf der Suche nach Sponsoren.

„Er bringt die Qualitäten mit, die der türkische Fußball braucht, nachdem er in den vergangenen Jahren ins Hintertreffen geraten ist“, erklärt Julie Kassap, Geschäftsführerin der Sportberatung Number One Sport Consulting. „Fenerbahce und der türkische Fußball brauchen neues Blut“, bekundet der Anführer der wichtigen Fenerbahce-Fangruppe „Vamos Bien“ seine Unterstützung für Koc.

Die Aktie des Fußballvereins stieg am Montag um 8,6 Prozent und gehörte zu den Tagesgewinnern.

Koc besuchte das britische Elite-Internat Harrow und studierte anschließend unter anderem in Harvard Wirtschaft. Mit einem geschätzten Privatvermögen von 700 Millionen US-Dollar zählte Ali Koc laut „Forbes“ 2017 zu den 50 reichsten Menschen in der Türkei. Die Leitung von Fenerbahce verspricht nun Anerkennung und Prestige, gleichzeitig aber auch den Kampf mit erbitterten Gegnern und Fallenstellern – auch in der Politik.

Gerade deswegen ist der Wachwechsel im türkischen Spitzensport eine kleine Sensation. Die AKP verstand es in den vergangenen Jahren, an allen gesellschaftlichen Schaltstellen ihr wohlgesinnte Geschäftsführer und Funktionäre zu installieren. Die Ernennung von Koc dürfte viele Türken zu der Ansicht ermutigen, dass auch ein politischer Wandel möglich sei.

Am 24. Juni wird gewählt. Umfragen sehen bislang ein Kopf-an-Kopf-Rennen zwischen Erdogan und seinem säkularen Herausforderer.

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