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Unternehmensberatung Roland Berger verliert seinen langjährigen CEO

Nach dem Rücktritt von Charles-Edouard Bouée muss das neue Management die Zukunft der Münchener Beratung sichern. Einer sticht dabei heraus.
Update: 10.06.2019 - 17:16 Uhr Kommentieren
Der CEO von Roland Berger verlässt das Unternehmen überraschend. Quelle: dpa
Charles-Edouard Bouée

Der CEO von Roland Berger verlässt das Unternehmen überraschend.

(Foto: dpa)

DüsseldorfAls Charles-Edouard Bouée im Jahr 2014 Chef der Unternehmensberatung Roland Berger wurde, fand seine interne Bezeichnung schnell den Weg in die Öffentlichkeit: „Monsieur 100.000 Volt“ wurde der Franzose genannt, was sich auf seinen Ideenreichtum und seine Umtriebigkeit bezog, auf sein rastloses Beraterleben zwischen Schanghai, München, Paris und San Francisco. Fünf Jahre später ist der 50-Jährige bei der Münchener Firma Geschichte.

Am vergangenen Freitag verkündete Bouée seinen sofortigen Abschied bei Roland Berger, weil er eine neue Aufgabe abseits des Beraterlebens annehmen will. Einen direkten Nachfolger als CEO hat die Beratung nicht ernannt. Stattdessen soll ein Managementteam gleichberechtigt die Führung übernehmen.

In dem neuen, fünfköpfigen Leitungsteam sticht ein Mann heraus, der das Zeug zum neuen Taktgeber hat: Stefan Schaible, der bisherige Stellvertreter von Berger-Boss Bouée. Der 51-Jährige dürfte in der Weiterentwicklung der Beratungsgesellschaft eine entscheidende Rolle spielen. Und es ist klar, dass er diese mit einem ganz anderen Stil füllen wird.

Das gilt schon, weil sich der Schwabe charakterlich und vom Auftreten her deutlich von seinem Vorgänger unterscheidet. Niemand käme auf die Idee, Stefan Schaible als „Herrn 100.000 Volt“ zu bezeichnen. Der studierte Jurist und Chemiker hat klare Vorstellungen von der Weiterführung des Beratergeschäfts, er engagiert sich auch ebenso wie Bouée intensiv bei den Trendthemen Digitalisierung und Künstlicher Intelligenz.

Der Mann für das operative Business

Schaible tut dies aber weniger mit dem Habitus des Weltmannes, wie ihn sein Vorgänger pflegte. Charles-Edouard Bouée war praktisch ständig zwischen den Kontinenten unterwegs, traditionell extrem gut verdrahtet in China und in seiner Heimat Paris und in jüngerer Zeit auch im Silicon Valley. Er pflegte die Kommunikation über drei verschiedene Handys: eines für seine chinesischen Partner, eines für die Franzosen und eines für den Rest der Welt.

Während Bouée für Berger die großen Themen der Zeit wie Digitalisierung und Künstliche Intelligenz auf wichtigen Konferenzen und bei bedeutenden Kunden verkaufte, war Schaible der Mann für das operative Business. Als Chef für Bergers wichtiges Zentraleuropageschäft hatte der Schwabe in den vergangenen Jahren gemeinsam mit dem Franzosen eine besondere Verantwortung dafür, dass die Münchener nach ihrer Krise in den Jahren 2013 bis 2015 wieder auf die Beine kamen.

Neben Schaible werden dem neuen Berger-Führungsgremium der Niederländer Tijo Collot d’Escury, der deutsche Restrukturierungsexperte Sascha Haghani, der japanische Partner Satoshi Nagashima und der Franzose Olivier de Panafieu angehören. Für Schaible ist bislang zwar kein Cheftitel vorgesehen. Doch als bisheriger Deputy CEO gilt er bei der nun eingetretenen Neuorientierung von Berger als Mann der Stunde.

Die nach außen getragene De-Hierarchisierung passt sowohl zum zurückhaltenden Wesen Schaibles wie zum neuen Selbstbild der Beratungsgesellschaft. Roland Berger versteht sich heute als eine von den Partnern getragene Organisation – ein Selbstverständnis, wie es alle großen Beratungen pflegen. Dazu gehört, dass es zwar einen Chef gibt. Doch der zieht eher im Hintergrund die Fäden.

Die Zeiten der großen öffentlichen Figuren bei Unternehmensberatungen sind vorbei. Roland Berger macht es seit vielen Jahren zu schaffen, dass das Bild in der Öffentlichkeit noch immer geprägt ist vom gleichnamigen Gründer und Übervater. Roland Berger hat die Beratung 1967 geschaffen und mit ihr einen Gegenpol zu den amerikanischen Größen wie McKinsey und Boston Consulting gebildet. Heute ist Berger Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats und hält noch wenige Anteile.

Stefan Schaible muss den Wandel nun weitertreiben. Als Berger-Eigengewächs kennt er das Unternehmen wie kaum ein anderer: Nach dem Studium in Konstanz startete er 1997 seine Karriere bei Roland Berger als Berater für den öffentlichen Sektor und das Gesundheitswesen. 2001 wurde er Partner, 2014 stieg er zum stellvertretenden CEO und Chef für das Deutschlandgeschäft auf.

Im gleichen Jahr kam Bouée an die Spitze von Berger. Beide Manager schafften es, die Münchener Beratung aus dem Tief herauszuziehen, in das sie sich selbst hineinmanövriert hatte. Kurz zuvor hatten die Partner den Verkauf an die Prüfungsgesellschaft Deloitte platzen lassen und sich für die Eigenständigkeit entschieden: Im Wettbewerb mit dem US-Konkurrenten wollte Berger mit dem Label „Beratung mit europäischen Wurzeln“ punkten.

Das gelang zunächst weniger gut, denn viele Partner, die nicht an die eigenständige Zukunft glaubten, verließen das Unternehmen und nahmen wichtige Kunden mit. Zusammen mit der Neuausrichtung kostete dies Roland Berger viel Umsatz. In den vergangenen beiden Jahren hat sich das Unternehmen wieder gefangen: 2017 und 2018 ist Roland Berger zweistellig gewachsen, im vergangenen Jahr erreichte der Umsatz wieder rund 600 Millionen Euro.

Konkurrenten: Berger profitiert vom Boom

Schaible hat Berger in diesen Jahren die Treue gehalten und gemeinsam mit Bouée eine selbstbewusste Partnerschaft aufgebaut. Gleiches gilt für Sascha Haghani, der ebenfalls im neuen Managementteam sitzt und dem eine wichtige Rolle für die Weiterentwicklung von Berger zukommt. Haghani verantwortet seit vielen Jahren das Restrukturierungsgeschäft, das bei Berger schon immer eine hervorgehobene Rolle spielte und in das die Firma zuletzt wieder deutlich investiert hat.

Konkurrenten in der Branche behaupten, dass Berger gegenwärtig vor allem vom allgemeinen Boom im Beratungsbusiness profitiert und langfristig gegen internationale Größen wie McKinsey, BCG, Bain oder Oliver Wyman keine Chance hat. Viele prophezeiten der Firma, dass sie über kurz oder lang doch noch unter das Dach eines Konkurrenten schlüpfen wird – etwa bei einem der großen Wirtschaftsprüfer, die stark ins Consultinggeschäft investieren.

Doch diese Stimmen sind in jüngster Zeit verstummt. Die neue Führung von Roland Berger muss nun sicherstellen, dass die größte Beratungsgesellschaft deutschen Ursprungs ihre Eigenständigkeit dauerhaft sichern kann. Charles-Edouard Bouée wird dazu nur noch am Rande beitragen. Der Franzose will eine neue Aufgabe außerhalb der Beratung annehmen, bleibt Roland Berger aber als Senior Advisor erhalten.

Wohin der langjährige Berger-Chef wechselt, ist noch nicht bekannt, möglicherweise geht er in die Selbstständigkeit. Auf jeden Fall wird es bei der neuen Aufgabe um seine Lieblingsthemen Digitalisierung, Künstliche Intelligenz und disruptive Technologien gehen.

Seine Erfahrung und sein Netzwerk in diesen Gebieten will Bouée nach eigenem Bekunden nun „in die unternehmerische Praxis umsetzen“, wie er in seiner Abschiedsmail an die Mitarbeiter formulierte. Seit Juni ist er etwa Mitglied im angesehenen Rat für Künstliche Intelligenz beim World Economic Forum und durch diese Tätigkeit sehr oft in San Francisco.

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