Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Unternehmenspleiten Trotz Coronakrise sinken die Insolvenzzahlen – Manche Sektoren trifft es trotzdem hart

Üppige Staatshilfen, hohe Liquidität und starke Bilanzen verhindern eine Pleitewelle in Deutschland und ganz Europa. Experten zeigen sich optimistisch.
22.06.2021 - 11:00 Uhr Kommentieren
Das Insolvenzverfahren des Kranherstellers ist mittlerweile abgeschlossen. Quelle: dpa
Tadano-Demag

Das Insolvenzverfahren des Kranherstellers ist mittlerweile abgeschlossen.

(Foto: dpa)

Düsseldorf Trotz inzwischen wieder verschärfter Antragspflichten für eine Insolvenz, wie sie in Vor-Corona-Zeiten galten, ist die Zahl der Unternehmenspleiten in Deutschland weiter zurückgegangen: Nur noch 8800 Unternehmen meldeten nach Berechnungen der Wirtschaftsauskunftei Creditreform im ersten Halbjahr 2021 Insolvenz an. Das sind 1,7 Prozent weniger als im Vorjahreszeitraum – und so wenig wie seit über zehn Jahren nicht mehr.

Nicht nur die Bundesregierung schätzt die Gefahr einer Überschuldung von Unternehmen infolge der Coronakrise inzwischen als gering ein. Auch bei der kreditgebenden Finanzwelt überwiegt vorsichtiger Optimismus. Der Kreditversicherer Euler Hermes etwa registriert keinen messbaren Anstieg der Insolvenzzahlen.

Dass eine Pleitewelle ausbleibt, zeichnete sich Anfang Juni bereits ab. Das belegten dem Handelsblatt anonymisiert vorliegende Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbands (DSGV) auf Basis von etwa 7000 Firmenbilanzen für das abgelaufene Geschäftsjahr 2020.

Sowohl die starken Bilanzen als auch die hohen Eigenkapital- und Liquiditätsquoten führten dazu, dass unter allen großen und kleinen börsennotierten Unternehmen die Zahl der notleidenden Unternehmen 2020 gegenüber dem Jahr 2019 sogar leicht gesunken ist.

„Eine Insolvenzwelle erwarte ich weiterhin nicht, da sich die Ertragssituation der meisten Unternehmen im Zuge der schon stark zurückgefahrenen Lockdowns schnell verbessern sollte“, schätzt Dirk Steffen, Leiter der Kapitalmarktstrategie bei der Deutschen Bank.

Rückläufige Insolvenzen auch in Europa

Nicht nur in Deutschland, sondern in ganz Europa gibt es weniger Unternehmensinsolvenzen. 15 EU-Länder plus Norwegen und die Schweiz verzeichneten im vergangenen Jahr insgesamt 119.000 Insolvenzen. Vor zwei Jahren waren es noch fast 163.000. Der Trend setzt sich fort: Dank staatlicher Hilfen wie Kreditgarantien, Zuschüssen und Kreditmoratorien lag die Zahl der Pleiten in der Europäischen Union im ersten Quartal 2021 gut zehn Prozent unter dem Vorkrisenniveau.

Mehr zum Thema:

Das moderate Insolvenzrisiko spiegelt sich auch am Markt für Unternehmensanleihen im Euro-Raum wider: Bei Hochzinsanleihen – das sind Schuldscheine riskanter und gefährdeter Unternehmen – könnte die Ausfallrate nach Einschätzung der Deutschen Bank in diesem Jahr auf nur noch gut ein Prozent fallen.

Rückläufig waren in Deutschland die Insolvenzen insbesondere bei mittleren und größeren Unternehmen, während die Zahlen bei sehr kleinen Firmen stiegen. So erhöhte sich der Anteil der insolventen Unternehmen bis zu einer Umsatzgröße von 250.000 Euro auf 54,1 Prozent (Vorjahr 46,8 Prozent).

Grafik

Großunternehmen mit Umsätzen von mehr als 25 Millionen Euro im Jahr machten hingegen nur einen Bruchteil des Insolvenzgeschehens aus (0,9 Prozent). Hier ragten zuletzt die Adler Modemärkte mit ihren bundesweit knapp 150 Filialen und 3.600 Mitarbeitern heraus. Die Handelsbranche stand im ersten Halbjahr für 21,8 Prozent aller Insolvenzen – 3,8 Prozent mehr als im Vorjahr.

Mehr als die Hälfte aller Fälle betraf den Dienstleistungssektor mit einem Anteil von 58,2 Prozent. Wohl am bekanntesten ist hier die Großinsolvenz des Personaldienstleisters Brillant-Gruppe mit mehreren Tochterfirmen und insgesamt 3.000 Beschäftigten. Hingegen waren die Insolvenzen im Baugewerbe und in der Industrie rückläufig, besonders deutlich im verarbeitenden Gewerbe mit einem Minus von 23,6 Prozent auf nur noch 550 Fälle.

Bereits Anfang des Jahres wurde das Verfahren des traditionsreichen Kranherstellers Tadano-Demag eröffnet und am 1. April abgeschlossen. Doch wie in vielen anderen Fällen blieb es auch hier bei der milderen Form des Schutzschirmverfahrens. Die Standorte Zweibrücken und Lauf bleiben erhalten.

Dabei sind die Voraussetzungen eigentlich denkbar schlecht. Wer seine Rechnungen nicht bezahlen kann und damit zahlungsunfähig ist, muss dies seit Oktober den Amtsgerichten wieder melden. Bis vergangenem Herbst waren solche Art von Pleiten, die üblicherweise 90 Prozent aller Insolvenzfälle ausmachen, von der Bundesregierung wegen der Corona-Pandemie ausgesetzt worden.

Eigenkapital bleibt hoch

Seit April müssen auch überschuldete Firmen ihre Notlage bei den Amtsgerichten wieder anzeigen. Experten fürchteten deshalb einen Pleitestau und die Gefahr von „Zombieunternehmen“. Das sind nicht überlebensfähige Unternehmen, die allein aufgrund der ausgesetzten Antragspflicht im Insolvenzfall weiter existieren – ihre Rechnungen aber nicht bezahlen können und deshalb gesunde, überlebensfähige Unternehmen bedrohen.

Das Insolvenzverfahren der Adler Modemärkte in Eigenverwaltung läuft noch. Quelle: dapd
Adler Modemärkte

Das Insolvenzverfahren der Adler Modemärkte in Eigenverwaltung läuft noch.

(Foto: dapd)

Doch entgegen den Erwartungen vieler Insolvenzexperten sinkt die Zahl der Pleiten immer weiter. Dafür verantwortlich sind zum einen die starken Firmenbilanzen. Umsatz- und Gewinneinbrüche von bis zu zwei Dritteln im produzierenden Gewerbe kompensierten die Unternehmen mit weniger Investitionen und einer höheren Liquidität. Auf diese Weise bleibt das Eigenkapital trotz der Ertragseinbrüche hoch.

Das gelang auch mithilfe der vielen von der Bundesregierung beschlossenen und erweiterten Finanzhilfen. Seit Beginn der Krise vor mehr als einem Jahr wurden nach jüngsten Daten des Wirtschaftsministeriums gut 110 Milliarden Euro an Hilfen bewilligt. Hinzu kommt das Kurzarbeitergeld in Höhe von bislang mehr als 30 Milliarden Euro. Allein seit November 2020 wurden an direkten, nicht rückzahlbaren Zuschüssen 24,5 Milliarden Euro ausgezahlt.

Jüngst beschloss die Bundesregierung, die Hilfen für Unternehmen und Selbstständige bis mindestens Ende September zu verlängern. Voraussetzung für die Überbrückungshilfe III – das zentrale Kriseninstrument des Bundes – ist ein Umsatzeinbruch von mindestens 30 Prozent. Vergleichswert ist der jeweilige Monat im Vor-Corona-Jahr 2019. Dabei geht es um Zuschüsse zu betrieblichen Fixkosten wie Mieten und Pachten oder Zinsaufwendungen bis hin zu Ausgaben für Strom und Versicherungen.

All das dient dem von Bundeswirtschaftsminister Peter Altmaier (CDU) formulierten Ziel, wonach die deutsche Wirtschaft 2022 wieder die Stärke erreichen soll, die sie vor der Krise hatte. Zumindest die gut 300 börsennotierten deutschen Unternehmen schaffen das wohl schon in diesem Jahr. Darauf deuten zumindest die bisherigen Quartalsbilanzen und die Hochrechnungen der Analysten hin.

Mehr: 7000 Bilanzen – Darum bleibt die Pleitewelle aus.

Startseite
Mehr zu: Unternehmenspleiten - Trotz Coronakrise sinken die Insolvenzzahlen – Manche Sektoren trifft es trotzdem hart
0 Kommentare zu "Unternehmenspleiten: Trotz Coronakrise sinken die Insolvenzzahlen – Manche Sektoren trifft es trotzdem hart"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Zur Startseite
-0%1%2%3%4%5%6%7%8%9%10%11%12%13%14%15%16%17%18%19%20%21%22%23%24%25%26%27%28%29%30%31%32%33%34%35%36%37%38%39%40%41%42%43%44%45%46%47%48%49%50%51%52%53%54%55%56%57%58%59%60%61%62%63%64%65%66%67%68%69%70%71%72%73%74%75%76%77%78%79%80%81%82%83%84%85%86%87%88%89%90%91%92%93%94%95%96%97%98%99%100%