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Blick auf die Skyline von Singapur

Der Stadtstaat hat sich rasant zu einem der reichsten Länder der Welt entwickelt.

(Foto: mauritius images)

Unternehmensumzug Die Flucht beginnt – Singapur ist der Sehnsuchtsort für Brexit-Befürworter

Der Staubsaugerhersteller Dyson sendet mit dem Asien-Umzug ein Signal. EU-Gegner loben das angeblich vorbildliche Wirtschaftsmodell von „Singapore-on-Thames“.
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BangkokWenn der britische Staubsaugerhersteller Dyson seinen Firmensitz vom 5500-Einwohner-Ort Malmesbury in die südostasiatische Millionenmetropole Singapur verlegt, dann sind zunächst nur zwei Mitarbeiter betroffen: Der Finanzchef und der Chefjurist des Technologiekonzerns müssen von England in die Tropen wechseln. Konzernchef Jim Rowan arbeitet bereits heute in dem Stadtstaat, in dem Dyson bereits mehr als 1000 Mitarbeiter hat.

Dass der Umzug in Großbritannien für Aufregung sorgt, liegt vor allem an seiner Symbolik: Der Eigentümer und Gründer des Unternehmens, James Dyson, trat in der Vergangenheit als überzeugter Brexit-Befürworter auf. Dass der Unternehmer, ausgerechnet wenige Wochen bevor es tatsächlich zum Brexit kommen könnte, seiner Heimat ein Stück weit den Rücken kehrt, bringt ihm nun den Vorwurf der Heuchelei ein.

Dabei ist Dyson unter den Brexit-Anhängern nicht der Einzige, der Singapur als Sehnsuchtsort entdeckt hat. Seit Monaten propagieren britische EU-Gegner ein Wirtschaftsmodell, das Singapurs ökonomische Erfolgsgeschichte kopieren soll.

Ein Singapur des Nordatlantiks solle das Vereinigte Königreich aus ihrer Sicht werden. Tatsächlich hat der wohlhabende Inselstaat Investoren einiges zu bieten: exzellente Infrastruktur, gut ausgebildete Fachkräfte, niedrige Steuern und große Experimentierfreudigkeit bei neuen Technologien. Internationale Konzerne verlagern ihre Innovationsaktivitäten deshalb zunehmend nach Singapur.

Die Vorentscheidung für Dysons neuen Firmensitz war bereits im Oktober gefallen: Da verkündete das Unternehmen, das neben seinen Staubsaugern auch für Haartrockner und Luftreiniger bekannt ist, sein zwei Milliarden Dollar teures Elektroautoprojekt in Singapur anzusiedeln. 2021 sollen dort die ersten Dyson-Fahrzeuge ausgeliefert werden.

Auch seine übrigen Produkte produziert Dyson bereits in Asien und erwirtschaftet auf dem Kontinent mehr als die Hälfte seines Gewinns. Die Entscheidung, nun auch die Zentrale nach Singapur zu holen, mache das Unternehmen zukunftssicher, sagte Konzernchef Rowan. Singapur verfügt über Freihandelsabkommen mit der EU und China – dem größten Markt für E-Autos.

Mit seiner Wette auf Singapur ist Dyson unter Technologiefirmen nicht allein. Facebook arbeitet in Singapur an seinem ersten Datencenter in Asien und investiert dafür eine Milliarde Dollar, wie das Unternehmen im September bekannt gab. Der Internetkonzern Alibaba kündigte im vergangenen Jahr an, in Singapur sein erstes Forschungslabor außerhalb Chinas zu gründen. Es soll sich auf Künstliche Intelligenz spezialisieren.

Auch SAP und die Deutsche Bank starteten Innovationszentren in Singapur, um sich dort mit jungen Firmen zu vernetzen. „Singapur etabliert sich als besonders fruchtbarer Boden für talentierte Start-ups“, sagte Deutsche-Bank-Asien-Vorstand Werner Steinmüller anlässlich der Eröffnung im November.

„Singapore-on-Thames“

Globale Ranglisten präsentieren Singapur immer wieder als einen der weltbesten Unternehmensstandorte: Im Bloomberg-Innovation-Index 2019 kommt das Land auf Platz sechs. Im Ranking der wettbewerbsfähigsten Staaten des Weltwirtschaftsforums und im Ease-of-doing-business-Index der Weltbank landet Singapur jeweils auf Platz zwei.

Derart attraktiv könne auch Großbritannien nach dem EU-Austritt werden, darüber sind sich viele britische Politiker, die den Brexit befürworten, einig. Von „Singapore-on-Thames“, einem Singapur an der Themse, ist bei ihnen die Rede.

Niedrige Steuern, geringe Staatsausgaben und wenig Regulierung hätten in Singapur einen Lebensstandard bewirkt, der in der EU ohne Beispiel sei, schwärmte der konservative Abgeordnete Owen Paterson. Es gebe wenig bessere Lektionen für Großbritannien als die Geschichte von Singapurs Aufstieg, schrieb der britische Außenminister Jeremy Hunt, bevor er den Stadtstaat zum Jahreswechsel besuchte.

Tatsächlich begann Singapurs Entwicklung zu einem der reichsten Länder der Welt mit dem Ausscheiden aus einem Bündnis: Bis 1965 war die Stadt Teil der malaysischen Föderation – wurde dann aber gegen seinen Willen ausgeschlossen. Als ressourcenarmer Insel wurden Singapur kaum Chancen in der Eigenständigkeit eingeräumt.

Auch Lee Kuan Yew, der als Premierminister das Land über Jahrzehnte prägte, konnte sich über die Unabhängigkeit nicht freuen: „Für mich ist es ein Augenblick des Kummers“, sagte er in die Fernsehkameras.

Lee Kuan Yews marktwirtschaftliche Wirtschaftspolitik ließ den Kummer aber schnell vergessen und brachte massiven Wohlstand in das Land. Das Pro-Kopf-Einkommen stieg von knapp über 500 US-Dollar auf inzwischen mehr als 55.000 Dollar im Jahr. Von einer einfachen Hafenstadt hat sich Singapur zu einem Finanzzentrum und High-Tech-Produktionsstandort entwickelt.

Regierungspartei hat Medien fest im Griff

Brexit-Anhänger, die das Konzept kopieren wollen, übersehen aus Sicht von Beobachtern aber oftmals den Preis, den das Land für seinen wirtschaftlichen Aufstieg bezahlen musste. Staatsgründer Lee Kuan Yew regierte jahrzehntelang autoritär und ließ Widerspruch kaum zu.

Seine Partei PAP, die bis heute ununterbrochen an der Macht ist, hat die wichtigen Medien des Landes fest im Griff. Öffentliche Meinungsäußerungen sind nur in sehr engen Grenzen möglich. Im Index der Pressefreiheit liegt Singapur auf Platz 151 von 180 Ländern.

Der aktuelle Premierminister Lee Hsien Loong, der Sohn von Lee Kuan Yew, geht mit teuren Verleumdungsklagen gegen Kritiker vor. „Selbst wenn wir Singapur kopieren könnten, nur wenige Briten würden sich darüber freuen, in einem Nordatlantik-Singapur zu wohnen“, kommentierte der frühere Singapur-Korrespondent Jeevan Vasagar.

Zu Singapur gehört auch eine hohe Einkommensungleichheit. Das liegt unter anderem am jahrelangen Zuzug günstiger Arbeitskräfte aus dem Ausland, den die Regierung forcierte, um das Wirtschaftswachstum anzukurbeln – eine Politik, die im Brexit-Lager wohl auf Widerstand stoßen würde.

Auch Singapurs Premier Lee sagte im Herbst, er glaube nicht, dass Großbritannien so einfach das Wirtschaftsmodell seines Landes kopieren könne. Schon die Sozialsysteme seien grundverschieden. An die Brexit-Befürworter richtete Lee die rhetorische Frage: „Wenn ihr sagt, ihr werdet wie Singapur sein: Werdet ihr dann zwei Drittel eurer Staatsausgaben aufgeben, etwa für Renten und die Gesundheit?“

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