Untreue-Prozess gegen Middelhoff Plädoyer eines Missverstandenen

Er spricht: Anders als am Montag nutzt Thomas Middelhoff im Untreue-Prozess gegen ihn die Gelegenheit, seine Sicht der Dinge darzulegen – und das öffentliche Bild von ihm zu ändern. Helfen dürfte ihm das allerdings kaum.
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Thomas Middelhoff im Landgericht Essen: „Du hast Dir nichts vorzuwerfen“. Quelle: dpa

Thomas Middelhoff im Landgericht Essen: „Du hast Dir nichts vorzuwerfen“.

(Foto: dpa)

EssenThomas Middelhoff lacht seinen Anwälten zu und schüttelt den Kopf. Als wolle der frühere Arcandor-Chef damit die Anklageschrift widerlegen, die soeben die Staatsanwaltschaft vorträgt. Es wirkt auch wie eine Geste an die Öffentlichkeit, eine Geste gegen die negative Wahrnehmung.

Für den früheren Arcandor-Chef ist es die Woche der Gerichtstermine. Am Montag sollte er in Köln zu möglichen Verflechtungen mit Sal. Oppenheim aussagen, am Dienstag muss er sich nun vor dem Landgericht Essen wegen Untreue und Steuerhinterziehung verantworten. Die Anklage listet 49 Fälle auf, in denen er private Charterflüge sowie eine Festschrift auf Kosten der Firma abrechnete. Middelhoff sieht die Sachlage naturgemäß anders.

Middelhoff trat 2004 in den Aufsichtsrat von Arcandor ein, ein Jahr später stieg er zum Vorstandsvorsitzenden auf. Er selbst bezeichnet seinen Positionswechsel am Dienstag als „alternativlos“. 2009 ging das Unternehmen, kurz nachdem Middelhoff die Führung abgegeben hatte, pleite. Bis heute beschäftigt die Insolvenz des Konzerns die deutsche Justiz, der Prozess gegen den früheren Chef ist nur einer von vielen.

Middelhoff beteuert seine Unschuld
Thomas Middelhoff vor Gericht
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Thomas Middelhoff genießt sichtlich die Aufmerksamkeit der Medien und beantwortet bereitwillig die Fragen der Journalisten vor laufenden Kameras. Dem ehemaligen Arcandor-Chef wird Untreue vorgeworfen. Er soll private Charterflüge über die Firma abgerechnet haben.

Former CEO of Arcandor Middelhoff gestures before the start of his trial at the regional court in Essen
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Auch vor Gericht gab er sich ähnlich redselig: Er selbst kündigte an, nach der Verlesung der Anklage eine rund zweistündige Erklärung abgeben zu wollen.

Former CEO of Arcandor Middelhoff gives interviews to media before the start of his trial at the regional court in Essen
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Zuvor hatte der 60-Jährige seine Unschuld beteuert. Er habe sich nach „kritischer Prüfung“ selbst gesagt: „Du hast Dir nichts vorzuwerfen“, sagte Middelhoff im Gerichtssaal 101.

Former CEO of Arcandor Middelhoff talks to his lawyer Thomas before the start of his trial at the regional court in Essen
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Middelhoff, hier im Bild mit seinem Anwalt Sven Thomas, war 2004 Aufsichtsratschef des damaligen Karstadt-Quelle-Konzerns geworden, der später unter dem Namen Arcandor firmierte. Von Mai 2005 bis Februar 2009 war er dann Konzernchef. Arcandor schlitterte 2009 in die Pleite. Die Staatsanwaltschaft wirft dem Manager vor, privat oder teilweise privat veranlasste Charterflüge über das Unternehmen abgerechnet zu haben – unter anderem Hubschrauberflüge von seinem Wohnsitz in Bielefeld zur Arcandor-Zentrale in Essen. Angeklagt sind 48 Fälle mit einem möglichen Gesamtschaden von rund 945.000 Euro.

Thomas Middelhoff vor Gericht
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Das Verfahren dürfte länger dauern: Die Kammer hat bis Oktober Sitzungstermine anberaumt. Die Arcandor-Pleite und ihre Folgen haben eine Lawine von Prozessen und Ermittlungen ausgelöst. So untersuchen die Staatsanwaltschaften in Köln und Bochum noch die Rolle Middelhoffs.

Thomas Middelhoff vor Gericht
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Die Verhandlung in Essen ist für Middelhoff nicht der erste Gerichtstermin in dieser Woche. Am Montag trat er beim Sal. Oppenheim-Prozess in Köln auf – als Zeuge. Middelhoff sollte in seiner Rolle als ehemaliger Arcandor-Chef aussagen, wie es zu dem umstrittenen 80-Millionen-Kredit für Arcandor kam, der das Geldhaus Sal. Oppenheim an den Rand der Pleite brachte. Doch Middelhoff verweigerte die Aussage, weil ihm inzwischen auch Insolvenzverschleppung bei Arcandor vorgeworfen wird.

Um was für Ausmaße es in diesem Fall geht, macht die Verlesung der Anklageschrift deutlich: Die Staatsanwaltschaft listet rund anderthalb Stunden lang jeden einzelnen der 48 Flüge auf, jeweils mit Details zu Sinn und Zweck der Reise. Demzufolge hat Middelhoff immer wieder Flugzeuge auf Firmenkosten gechartert – zu privaten Veranstaltungen. Insgesamt soll sich der Schaden für Arcandor auf 1,1 Millionen Euro belaufen.

Die privaten Anlässe für die Reisen sind vielfältig. Mal lud Middelhoff seine Arcandor-Kollegen in seine Villa nach Frankreich ein – zur Tagesordnung gehörten laut Staatsanwaltschaft Powershopping oder Fahrten auf Middelhoffs Jacht –, mal leistete er sich für seine Anreise zur Arbeit von Bielefeld nach Essen ein Flugzeug. Allein für seine Arbeitswege sollen rund 83.000 Euro angefallen sein. Eigentlich muss der Arbeitnehmer selbst für die Kosten für seine Anreise aufkommen.

Middelhoff klagt an

Middelhoff hört sich die Anklage ruhig an, manchmal schaut er aus dem Fenster, die Hände vor dem Kinn wie zum Gebet gefaltet. Es ist nicht viel übrig von der gelösten Art, mit der er die Journalisten am Anfang begrüßte: „Ich habe mir nichts vorzuwerfen“, sagte der 60-Jährige vor der Verhandlung. Umringt von einer Traube von Reportern plauderte der Mann mit dem John-F.-Kennedy-Gedächtnisgrinsen in lockerem Ton über den Gerichtstermin und den Gegenstand der Verhandlung.

Doch Middelhoffs Ton ändert sich schlagartig, als er selbst das Wort erteilt bekommt. Anders als am Montag, als er überraschend die Aussage verweigerte, steht er dieses Mal auf, wendet sich an den Richter, die Staatsanwaltschaft und die Medien; die Freundlichkeit ist weg, jetzt klagt Middelhoff an.

Es gebe viele Orte, an denen er lieber wäre, sagt er. Doch er sei auch froh über den Termin. „Gleichwohl bin ich dankbar, da mir auf diesem Wege öffentliches Gehör geschenkt wird“, sagt der frühere Arcandor-Chef. „Ich werde heute entschieden für meinen Ruf kämpfen.“

Charterflüge aus Gründen der „Zeitersparnis“
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2 Kommentare zu "Untreue-Prozess gegen Middelhoff: Plädoyer eines Missverstandenen"

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  • Ja! Ein Blender. Unsere gleichgültige Gesellschaft die unverdrossen die Blockparteien wählt, die oft nicht anders handeln, als dieser Herr Middelhoff, verdient aber nichts anderes. Es muss sich das Gebaren
    dieses selbsternannten Kaisers in der Arcandorzentrale
    herumgesprochen haben und die Betriebsräte haben garantiert bescheid gewusst, wie abgehoben TM ist.
    Da fragt man sich, ob auch andere, neben TM auch mal
    geheliert haben. Frau Schickedanz hat wohl absolut
    den größten materiellen Schaden davon getragen. Soll man da etwa Mitleid haben? Lenin: Vertrauen ist gut,
    Kontrolle besser!

  • Hat der Mann eine Maske auf?

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