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Ursula Gather Vor dem Konzernumbau steht der Kulturwandel: Eine Mathematikerin berechnet Thyssen-Krupp neu

In der Regel meidet die Chefin der Krupp-Stiftung die Öffentlichkeit. Doch jetzt spricht sie über die neue Kultur im Aufsichtsrat – und über ihren Vorgänger Beitz.
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Seit 2011 ist Gather nun schon im Kuratorium der Stiftung, in die der letzte Firmenpatriarch Alfried Krupp sein Erbe eingebracht hat. Quelle: Reuters
Ursula Gather

Seit 2011 ist Gather nun schon im Kuratorium der Stiftung, in die der letzte Firmenpatriarch Alfried Krupp sein Erbe eingebracht hat.

(Foto: Reuters)

DüsseldorfManches hat Ursula Gather einfach so belassen, wie es war: die historische Karte von Vorpommern an der Wand etwa, wo der Geburtsort ihres Vorgängers Berthold Beitz mit einem roten Punkt markiert ist. Auch das Buchregal aus dunklem Holz, das bis zur Decke reicht, blieb erhalten. Vermutlich weiß die Chefin der Krupp-Stiftung, dass sie den Hauch der Geschichte an diesem Ort, dem früheren Gästehaus der Familie Krupp, nicht abschütteln kann.

Denn durch das Fenster sieht man den kolossalen Bau der Villa Hügel, den einstigen Sitz der Industrieellenfamilie. Heute beherbergt das Gebäude ein Museum, das vom Glanz vergangener Zeiten zeugt. Aktuell glänzt bei Thyssen-Krupp nur mehr wenig. Das Unternehmen steckt tief in der Krise. An diesem Dienstag hat der Aufsichtsrat einem radikalen Strategieschwenk des Vorstands einstimmig zugestimmt; die geplante Fusion der Stahlsparte mit Tata ist abgesagt.

Das Kronjuwel des Konzerns soll verkauft oder an die Börse gebracht werden. Das Geld kann Thyssen-Krupp gut gebrauchen, um Schuldenlöcher zu stopfen. Deswegen ist Gathers Blick wohl auch so nachdenklich, wenn sie aus dem Fenster ihres Büros auf die Villa Hügel schaut. Seit 2011 ist sie im Kuratorium der Stiftung, in die der letzte Firmenpatriarch Alfried Krupp sein Erbe eingebracht hat. 2013 übernahm sie von Beitz den Kuratoriumsvorsitz.

Doch erst 2018, als die Frauenquote für Aufsichtsräte etabliert war, entsendete die Stiftung sie auch in den Aufsichtsrat. Seither ist sie dort die Vertreterin des größten Aktionärs. Die Stiftung hält 21 Prozent der Anteile. Und dennoch wehrt Gather fast erschrocken ab, wenn man sie als Nachfolgerin des 2013 verstorbenen, legendären Thyssen-Krupp-Lenkers Berthold Beitz bezeichnet: „Ich bin nur in der Funktion der Stiftungsvorsitzenden seine Nachfolgerin.“

Und dann dekliniert sie in ihrer leisen, aber bestimmten Art durch, warum seine einstige Machtfülle unvergleichbar ist: Die Stiftung halte seit der Fusion mit Thyssen nicht mehr die Mehrheit am Unternehmen. Sie habe Thyssen-Krupp nie operativ geleitet, wie Beitz es jahrelang getan habe, noch sei sie Aufsichtsratsvorsitzende, wie es Beitz später war.

Klar ist auch: Ohne Beitz wäre Gathers Karriere anders verlaufen. Der entscheidende Tag war der 14. Oktober 1987. Gather, damals eine junge Mathematikerin, wurde mit dem Förderpreis der Krupp-Stiftung ausgezeichnet und erhielt ein Preisgeld von 850.000 D-Mark. Auf einem Schwarz-Weiß-Foto im Bücherregal ihres Büros sieht man die junge Frau Gather schüchtern, aber stolz lächelnd mit der Urkunde in der Hand, neben ihr: Beitz. Es war der Wendepunkt ihrer Karriere.

„Mit dem Preisgeld konnte ich wissenschaftliche Mitarbeiter einstellen und meine Forschung im Team viel besser vorantreiben“, berichtet sie. Entschlossen trieb sie ihre akademische Karriere voran, erhielt 1986 den Lehrstuhl für Mathematische Statistik und industrielle Anwendungen an der TU Dortmund. 2008 wurde sie dort Rektorin. In all den Jahren hielt Beitz den Kontakt zu den Preisträgern der Stiftung – und damit auch zu Gather.

Dass Beitz sie als Nachfolgerin installierte, überraschte nur die Öffentlichkeit. In der Zwischenzeit hatte Gather nicht nur wissenschaftliche Erfolge vorzuweisen, sondern auch ein belastbares Netzwerk geknüpft. Bernd Pischetsrieder, den früheren VW-Chef, kennt sie seit vielen Jahren durch ihr gemeinsames Engagement für die Mathematische Forschungsanstalt Oberwolfach. „Sie hat einen glasklaren Verstand“, so Pischetsrieder. „Und wenn sie sich zu Wort meldet, hat das immer Hand und Fuß.“

Nebenbei sammelte Gather wirtschaftliche Erfahrungen: 2010 trat sie in den Beirat der NRW-Bank ein, 2014 wurde sie Aufsichtsrätin beim Dax-Konzern MunichRe. Als Mitglied des Hightech-Forums der Bundesregierung knüpfte sie Kontakte zur Politik. Das strategische Vorgehen verwundert nicht – Beitz war schließlich ihr Mentor: „Seine Ratschläge waren mir immer sehr wertvoll“, erinnert sich Gather.

Ob sie ihn als Vorbild betrachtet? „Der Bundespräsident hat in seiner Trauerrede Beitz als Jahrhundertmensch bezeichnet. Und das zu Recht“, sagt sie. Und dennoch sei es „natürlich eine andere Zeit gewesen“. Was genau sie damit meint, führt sie nicht aus. Aber man sieht es ihrem Büro an. Berthold Beitz regierte hinter einem imposanten Schreibtisch, ein Möbelstück, das allein schon durch seine Wuchtigkeit einschüchterte.

Gather hingegen arbeitet an einem großen ovalen Marmortisch. Das ist in einem Aufsichtsrat, durch den in den vergangenen Jahren tiefe Gräben der gegenseitigen Ablehnung verliefen, keine Selbstverständlichkeit. „Mir ist es wichtig, dass alle zu Wort kommen und dass ein Thema aus unterschiedlichen Perspektiven betrachtet werden kann“, sagt sie und schenkt sich Tee aus einer filigranen Porzellankanne nach.

Sie ist eine, die jedes Argument dreht und wendet, bis es in allen Konsequenzen verstanden ist. „Sie ist blitzgescheit und stellt immer die richtigen Fragen“, sagt Siegfried Russwurm, der ehemalige Siemens-Vorstand, der seit diesem Jahr im Aufsichtsrat von Thyssen-Krupp sitzt. „Das kann manchmal auch anstrengend sein.“ Was für eine Wissenschaftlerin Gewissenhaftigkeit ist, mag auf Manager, die klare Hierarchien gewöhnt sind, unerhört wirken. Und kann Prozesse verlangsamen.

Der frühere Aufsichtsratschef Ulrich Lehner und der frühere Vorstandschef Heinrich Hiesinger haben bei ihren Rücktritten im Sommer 2018 mit dem Finger auf Gather gezeigt. Sie gaben mangelnde Unterstützung der Anteilseigner als Gründe für ihr Ausscheiden an. Und so wurde Gather plötzlich ins Rampenlicht katapultiert.

Gather versteht bis heute nicht, warum es zum Bruch kam: „Herr Hiesinger wusste zu jeder Zeit, dass er sich auf mein Wort verlassen konnte, und hat mir gegenüber wiederholt und bis zuletzt zum Ausdruck gebracht, dass er für die verlässliche Unterstützung der Krupp-Stiftung als Ankeraktionär sehr dankbar ist.“ Und über Lehner sagt sie: „Ich habe ihm von Anfang an konstruktive Zusammenarbeit versichert.“ Man merkt Gather an, dass sie die Vorgänge aus dem vergangenen Jahr bis heute beschäftigen.

Sie ärgert sich darüber, wie sie öffentlich dargestellt wurde – dass ihre Schuhe, ihre blonden Haare, ihre gute Kleidung plötzlich kommentiert wurden. Oder dass sie als die naive Wissenschaftlerin dargestellt wurde, die halt nicht wisse, wie es in der Wirtschaft so läuft. Doch nun sind die beiden weg. Und im Aufsichtsrat ist eine neue Dynamik entstanden. Dass Gather keine „gedanklichen Abkürzungen“ nimmt, schätzt Aufsichtsratschefin Martina Merz an ihr.

Der naturwissenschaftliche Hintergrund verbindet die beiden Frauen. Beide haben sich in Männerdomänen profiliert. „Frau Merz ist es innerhalb kurzer Zeit gelungen, eine hervorragende Diskussionskultur im Aufsichtsrat zu etablieren“, sagt Gather. Plötzlich werden ihre beharrlichen Fragen wertgeschätzt und nicht einfach wie früher rüde vom Tisch gewischt. Und damit ist im Aufsichtsrat ein neues Gravitationszentrum entstanden.

Mehr: Mit einem drastischen Strategieschwenk will CEO Kerkhoff den Industriekonzern retten. Es ist die dritte Strategie innerhalb eines Jahres.

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1 Kommentar zu "Ursula Gather: Vor dem Konzernumbau steht der Kulturwandel: Eine Mathematikerin berechnet Thyssen-Krupp neu"

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  • Was hat dieser Beitrag aus der PR-Abteilung der Krupp-Stiftung im HB verloren?
    Die Frau mit dem "messescharfen Verstand" hat den Niedergang des Konzerns
    nicht aufgehalten, sondern beschleunigt.

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