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Urteil gegen Windpark-Entwickler „Von seinem Traum ist nichts übrig geblieben“: Windreich-Gründer Balz muss in Haft

Der Gründer des Windpark-Entwicklers ist wegen Insolvenzverschleppung, Betrugs und Untreue zu viereinhalb Jahren Haft verurteilt worden. Nun geht Balz in Revision.
02.12.2020 Update: 02.12.2020 - 17:45 Uhr Kommentieren
Ohne Regung nahm der Unternehmer das Urteil zur Kenntnis. Quelle: dpa
Willi Balz

Ohne Regung nahm der Unternehmer das Urteil zur Kenntnis.

(Foto: dpa)

Stuttgart Der Windreich-Gründer Willi Balz ist im Strafprozess um die Insolvenz des Windpark-Entwicklers vom Landgericht Stuttgart zu vier Jahren und sechs Monaten Haft verurteilt worden. Nach 71 Verhandlungstagen, der Vernehmung von 50 Zeugen und 150 Beweisanträgen sah es der Vorsitzende Richter Alexander Stuckert bei seinem Urteilsspruch am Mittwoch als erwiesen an, dass Balz sich der vorsätzlichen Insolvenzverschleppung, des Betrugs in zwei Fällen, der Untreue in vier Fällen, der veruntreuenden Unterschlagung und des Insiderhandels schuldig gemacht hat.

528 Seiten dick war die Anklageschrift der Staatsanwaltschaft. Die ursprüngliche Anzahl der Tatvorwürfe schrumpfte von 26 auf neun.

„Von seinem Traum, Offshore-Milliardär zu werden, ist nichts übrig geblieben“, resümierte der Richter. Balz habe zwar versucht, die Geschichte seines Unternehmens umzuschreiben, dabei aber viel geredet und wenig gesagt. Ohne Regung nahm der früher so energiegeladene Unternehmer das Urteil zur Kenntnis. Balz hatte die Vorwürfe im Verfahren zurückgewiesen und seinerseits der Staatsanwaltschaft vorgeworfen, mit ihrer Durchsuchung im März 2013 die Windreich-Insolvenz herbeigeführt zu haben.

Die Strafe fiel höher aus als erwartet. Denn beim Strafmaß blieb das Gericht nur geringfügig unter der Forderung der Staatsanwaltschaft. Diese hatte fünf Jahre und drei Monate Haft für Balz gefordert. Die Verteidigung hatte in ihrem Plädoyer hingegen einen Freispruch für den 60-Jährigen gefordert.

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    Sein Pflichtverteidiger Alexander Schork sprach nach dem Urteil von „einem Schlag in das Gesicht für alle Unternehmer, die versuchen, unser Land mit Visionen und Ideen voranzubringen“. Einen privaten Anwalt kann sich Balz inzwischen nicht mehr leisten.

    Im Zuge der Windreich-Insolvenz wurde auch gegen den FDP-Politiker und ehemaligen baden-württembergischen Wirtschaftsminister Walter Döring ermittelt, der bei Windreich im Vorstand saß. Das Verfahren gegen Döring wurde gegen Zahlung von 17.500 Euro eingestellt.

    Auch ein enger Berater und Wirtschaftsprüfer kam mit einer Zahlung von 90.000 Euro vergleichsweise glimpflich davon. Ursprünglich waren acht Personen in dem Prozess angeklagt. Gegen sieben von ihnen wurde das im August 2019 begonnene Verfahren im Laufe der Zeit eingestellt.

    Viel Wunschdenken, wenig Realität

    Übrig blieb nur Balz. Der Richter bekräftigte in der Urteilsbegründung, dass Balz die alles entscheidende Figur im Unternehmen war. Diskussionen über finanzielle Probleme habe Balz im Keim erstickt. Mit Blick auf fast 15 Prozessmonate betonte der Vorsitzende Richter, „wie sehr der unternehmerische Horizont in der Windreich-Gruppe von Möglichkeiten und Wunschdenken und wie wenig von den Realitäten bestimmt“ gewesen sei.

    Obwohl Balz frühzeitig um die drohende Zahlungsunfähigkeit seiner Unternehmensgruppe gewusst habe, habe er dies geheim gehalten und daraufhin Privatleute, Unternehmen und Banken geschädigt.

    Im Prozess hatte der Windpark-Entwickler Betrugsvorwürfe zurückgewiesen. Er sei jederzeit liquide gewesen, die Razzia habe schließlich zur Insolvenz geführt. „Ich habe alles gegeben“, hatte Balz 2013 zur Einreichung des Insolvenzantrags und seinem Abgang von der Firmenspitze gesagt.

    Das Gericht schloss sich der Sichtweise der Anklage an, dass die Unternehmensgruppe schon sehr viel früher zahlungsunfähig gewesen sei – spätestens im April 2012, wie Richter Stuckert sagte. Dennoch habe Balz den Konzern auch danach „ganz bewusst am finanzwirtschaftlichen Abgrund entlang weitergeführt“. Er habe nicht nur die Insolvenz verschleppt, sondern auch weitere Straftaten begangen – beispielsweise Kreditgeber um mehrere Millionen Euro betrogen und diesen im Gegenzug wirtschaftlich eigentlich wertlose Sicherheiten gewährt.

    Die kostenintensiven Offshore-Projekte erforderten viel Fremdkapital. Ende 2010 kam erstmals Highland ins Spiel. Die Firma des britischen Multimillionärs Irvine Laidlaw gab Windreich einen Kredit zunächst über 20 Millionen Euro, später insgesamt über 75 Millionen Euro.

    Nach Auseinandersetzungen über Kredite und Projektbeteiligungen forderten Highland-Anwälte Ende März 2012 die Rückzahlung des Darlehens. Auf diesen Zeitpunkt datiert das Gericht im Urteil die Windreich-Insolvenz, weil Sicherheiten weitgehend fehlten. Andere Fehltritte von Balz seien noch hinzugekommen, sagte Richter Stuckert.

    Sportwagen als Sicherheit hinterlegt – und verkauft

    Wie virtuos Balz mitunter bei der Geldbeschaffung war, zeigt das Beispiel eines Maserati-Rennwagens, den Balz für 6,2 Millionen Euro verkaufte, jedoch zuvor als Sicherheit für ein Darlehen andiente. Er hätte ihn gar nicht verkaufen dürfen. Bei Anlegern hatte Windreich Mittelstandsanleihen in dreistelliger Millionenhöhe eingesammelt. Die Anleihen verloren jedoch massiv an Wert, auch weil Balz die Coupons mitunter nicht rechtzeitig bedienen konnte. Im Zuge der Windreich-Insolvenz verloren damit auch viele Kleinanleger Geld.

    Willi Balz war wohl eine der schillerndsten Unternehmerfiguren im Ländle. Sein Firmensitz war das kleine Wolfschlugen südlich von Stuttgart. Der Wirtschaftsingenieur verdiente zunächst sein Geld mit der Planung von Einkaufszentren. Seit 1999 konzentrierte er sich auf erneuerbare Energien. Er residierte in den Geschäftsräumen über einem Supermarkt in seinem Heimatort. Sein Büro wirkte mit Mahagoni-Möbeln, Marmorkamin und Rennmotorrad wie eine Mischung aus Klubraum und Museum.

    Sein Unternehmergeist hatte zuvor Wirtschaftsgrößen und Politiker beeindruckt. Der immer quirlig, mal charmant, mal herrisch auftretende Patriarch gewann unter anderem Meisterschaften im Segelfliegen und Oldtimer-Rennen in Le Mans. Privat- und Geschäftsleben des Sammlers von Oldtimerrennwagen vermischten sich. Zu Balz’ Sammlung gehörten auch zwei Turboprop-Maschinen, mit denen auch der damalige Ministerpräsident Stefan Mappus (CDU) gelegentlich flog, sowie mehr als 70 Oldtimer-Autos – manche davon mehrere Millionen Euro wert.

    Ins Gefängnis muss der 60-jährige Balz allerdings erst, wenn das Urteil rechtskräftig ist. Eine Untersuchungshaft ist für den laut Gericht inzwischen wirtschaftlich ruinierten Ex-Geschäftsmann nicht vorgesehen. Sein Kämpferherz hat der sichtlich gealterte Unternehmer aber noch nicht ganz verloren: Die Verteidigung kündigte umgehend an, Revision beim Bundesgerichtshof einlegen zu wollen. Bei einer Revision wird das Urteil aber nur noch auf Rechtsfehler überprüft, die Sache an sich wird nicht noch mal untersucht.

    Einer kann jetzt jedenfalls aufatmen: Oberstaatsanwalt Heiko Wagenpfeil hat seinen Ruf vorerst gerettet. Denn schon bei den spektakulären Wirtschaftsprozessen gegen Porsche-Chef Wendelin Wiedeking und gegen Vorstände der Landesbank Baden-Württemberg war der Chefankläger beteiligt. Aber beide Prozesse endeten mit Freisprüchen.

    Diesmal hatten sich die vierjährigen Ermittlungen, bei denen auch V-Leute zum Einsatz kamen, für den Strafverfolger gelohnt. Wagenpfeil bezeichnete das Urteil als „ausgewogen“ und warf der Verteidigung vor, im Prozess versucht zu haben, die „Legende einer Verschwörung gegen Windreich“ zu erzählen. „Mit dieser Legende hat das Gericht mit deutlichen Worten aufgeräumt“, befand er.

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