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Jamie Dimon

Jamie Dimon spricht für die US-Lobbyorganisation Business Roundtable.

(Foto: Reuters)

US-Topmanager Abschied vom Shareholder-Mantra: So reagieren deutsche CEOs auf den Brief der US-Kollegen

US-Manager wie Jamie Dimon wollen nicht länger nur ihren Aktionären, sondern auch der Gesellschaft verpflichtet sein. Doch in Deutschland sei das nichts Neues, sagen Firmenlenker.
Update: 20.08.2019 - 17:01 Uhr 1 Kommentar

New York, Düsseldorf Es ist nicht weniger als ein Paradigmenwechsel, den 200 US-Manager vollzogen haben. Organisiert unter dem Dach der US-Lobbyorganisation Business Roundtable haben sie gemeinsam in einem offenen Brief erklärt, dass sie nicht länger allein den Aktionären, sondern künftig allen Stakeholdern verpflichtet sein wollen – also auch der Gesellschaft, den Kunden, den Mitarbeitern und den Lieferanten.

In der Erklärung sprechen sich die Unterzeichner dafür aus, den Zweck von Unternehmen grundsätzlich neu zu definieren. Manager wie Jamie Dimon (JP Morgan Chase), Jeff Bezos (Amazon), Tim Cook (Apple) oder James Quincey (Coca-Cola) bekennen sich darin zu einer freien Marktwirtschaft, „die allen Amerikanern dient“.

Für die US-Unternehmen kommt das einer Revolution gleich: Seit den 1970er-Jahren galt für US-Manager stets die Maxime, allein den Börsenwert des Unternehmens zu mehren, ungeachtet möglicher sozialer Folgen.

Dass die US-Organisation nun von dieser Sichtweise abrückt, wird von deutschen Managern begrüßt – auch weil die Idee, ebenso die Interessen anderer Stakeholder in die Unternehmensführung einzubeziehen, in Deutschland schon lange zum Grundkonzept der Sozialen Marktwirtschaft gehört.

So sagte etwa Henkel-Chef Hans Van Bylen dem Handelsblatt: „Bei Henkel hat die Verpflichtung gegenüber unterschiedlichen Stakeholdergruppen eine lange Tradition.“ Die Orientierung an einer nachhaltigen Wertschöpfung für Kunden und Konsumenten, Teams und Mitarbeiter, Aktionäre und Gesellschaft sei in der Unternehmenskultur des Konsumgüterherstellers „fest verankert“.

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Die lange Tradition deutscher Unternehmen, auch soziale Verantwortung zu übernehmen, betonte auch Christian Friege, Vorstandschef des im SDax notierten Fotodienstleisters Cewe. „Für mich ist an dieser Erklärung nur neu, dass sie jetzt so prominent aus den USA kommt“, erklärte der Manager. Inhaltlich entspreche sie einer Auffassung, die auch viele deutsche Mittelständler teilten.

„Wir haben schon lange die Erfahrung gemacht, dass genau diese Prinzipien dann im Ergebnis auch Wert für die Shareholder schaffen“, so Friege. In Zeiten, in denen Verbraucher die Unternehmensziele immer kritischer hinterfragen und Arbeitnehmer hohe Ansprüche an die Arbeitgeber stellen, hätten Stakeholder-orientierte Unternehmen einen strategischen Vorteil. „Wir freuen uns aber sehr, wenn diese Haltung Schule macht.“

Ähnlich äußerte sich der Familienunternehmer Ulrich Bettermann, der den Elektrotechnikhersteller Obo Bettermann aus dem Sauerland führt: „Wenn die CEOs von 200 US-Unternehmen wegkommen wollen von der einseitigen Orientierung auf Shareholder-Value und Profitmaximierung, dann ist das sicher ein schöner Zug amerikanischer Unternehmenschefs.“

Doch was sie forderten, sei für mittelständische Familienunternehmen in Deutschland „seit Jahr und Tag Unternehmensmaxime“. Das langfristige Denken in Generationen biete Sicherheit und Perspektiven für Kunden, Mitarbeiter und Lieferanten. „Die Börsen halten so etwas kaum aus. Wenn sich das nun ändern soll, kann ich nur sagen: Willkommen im Klub.“

Auch SAP-Chef McDermott hat unterzeichnet

Schon häufiger haben sich in Deutschland auch hochrangige CEOs für mehr gesellschaftliches Engagement der Unternehmen ausgesprochen. Als Galionsfigur gilt dabei Siemens-Vorstandschef Joe Kaeser, der sich immer wieder auch in politische Debatten, etwa um Flüchtlinge, einmischt – und dabei auch keine Kritik von Aktionären oder der Öffentlichkeit scheut.

Auch der in Walldorf ansässige Softwarehersteller SAP ist bekannt dafür, neben typischen Finanzkennzahlen auch den sozialen Beitrag in die Bewertung des Unternehmenserfolgs einzubeziehen.

So berechnet der Konzern etwa intern einen CO2-Preis für Dienstflüge, um den ökologischen Fußabdruck zu verringern. Daher verwundert es kaum, dass auch SAP-Chef Bill McDermott nun zu den Unterzeichnern des Briefs des Business Roundtable zählt – ebenso wie die US-Chefin von Siemens, Lisa Davis.

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Parallel zur Initiative der US-Kollegen hat sich an diesem Montag auch in Deutschland ein Verein formiert, der dafür sorgen will, die Idee des vom Business Roundtable vorgeschlagenen Stakeholder-Ansatzes auch in die eigene Kennzahlenberechnung einfließen zu lassen: In der „Werteallianz“ arbeiten Dax-Konzerne wie BASF, SAP oder die Deutsche Bank gemeinsam mit Rechnungslegern daran, einen neuen Bilanzierungsstandard zu entwickeln, der auch die Wertbeiträge eines Unternehmens zur Gesellschaft berücksichtigen soll.

Saori Dubourg, Vorstandsmitglied der BASF, erklärte dazu: „Es geht bei der Werteallianz darum, den Blickwinkel auf die Unternehmensleistung zu erweitern.“ Mit einem ganzheitlichen Werteverständnis wolle der Verein umfassend die Auswirkungen der eigenen Geschäftstätigkeit auf „Umwelt, Gesellschaft und Wirtschaft“ berücksichtigen.

Grundsatzdiskussion in den USA

In den USA fällt die Diskussion in eine Zeit, in der die Unternehmen von vielen Seiten unter Druck geraten sind. Im US-Wahlkampf prangern Kandidaten der Demokraten wie Bernie Sanders und Elizabeth Warren das aktuelle kapitalistische System und die immer größere Kluft zwischen Arm und Reich an. Auch die Tech-Unternehmen, die lange als die Guten galten, stehen mittlerweile in der Kritik, weil sie ihre Kunden ausspionieren und oft nur wenig Steuern zahlen.

Selbst Finanzinvestoren wie Ray Dalio vom Hedgefonds Bridgewater und Larry Fink vom weltgrößten Vermögensverwalter Blackrock haben jüngst die Auswüchse des Kapitalismus kritisiert und die Unternehmen dazu aufgerufen, mehr Verantwortung zu übernehmen. In Umfragen äußern sich auch in der Heimat des Kapitalismus, den USA, immer mehr Menschen kritisch gegenüber dem Kapitalismus.

Die jüngste Erklärung des Business Roundtable „erkennt an, dass Unternehmen mehr tun können, um dem durchschnittlichen Amerikaner zu helfen“, kommentiert der Vorstandsvorsitzende von JP Morgan Chase, Jamie Dimon, das Schreiben. Dimon steht auch dem Verband vor.

An Details, wie die Unternehmen die neuen Ziele erreichen sollen, fehlt es zwar in dem Dokument. Die Unternehmen verpflichten sich lediglich, die Mitarbeiter fair zu bezahlen, sie zu schulen und Diversität, Inklusion, Würde und Respekt zu fördern. Außerdem versprechen sie, die Umwelt zu schützen, indem sie nachhaltig wirtschaften.

Trotz der eher schwammigen Vorsätze ist die neue Erklärung ein klarer Bruch mit der Vergangenheit. Spätestens seit Milton Friedman haben die US-Unternehmen die Profitmaximierung für die Aktionäre in den Mittelpunkt gestellt.

„Es gibt nur eine einzige soziale Verantwortung für Unternehmen“, schrieb der Wirtschafts-Nobelpreisträger im Jahr 1970: „jene Aktivitäten voranzubringen, die den Gewinn erhöhen“. Unternehmen sollten sich an Gesetze halten, aber abgesehen davon war es ihr Job, den Profit für die Aktionäre zu maximieren.

1997 nahm auch der Business Roundtable das Shareholder-Value-Mantra offiziell in seiner „Erklärung zum Zweck eines Unternehmens“ auf. „Das Management und der Verwaltungsrat sind vorrangig den Aktionären verpflichtet“, hieß es dort. „Die Interessen anderer Stakeholder sind als Derivat dieser Pflicht gegenüber den Aktionären relevant“, hat der Verband damals offiziell klargestellt.

22 Jahre später kommt nun die Kehrtwende. „Es war eine Reise“, sagt der CEO des Pharma- und Kosmetikriesen Johnson & Johnson, Alex Gorsky, der für die Abkehr von dem reinen Shareholder-Value-Denken des Verbands federführend war. Aber es sei eine nötige Reise gewesen, weil die „Menschen fundamentale Fragen stellen, inwieweit der Kapitalismus der Gesellschaft dient“.

Ein viel diskutiertes Thema fehlt allerdings in der jüngsten Erklärung: Die extrem hohen Gehälter der Vorstandsvorsitzenden. Das Thema spielt zwar im politischen Diskurs immer wieder eine Rolle. Aber dazu wollten sich die US-CEOs offensichtlich nicht äußern.

Die Umkehr des Business Roundtable kam auch nicht bei allen gut an. Der Investorenverband „Council of Institutional Investors“ (CII) kritisierte, dass die Unterzeichner die Investoren „lediglich als Kapitalgeber statt als Eigentümer“ sehen. Die Unternehmen sollten den Shareholder-Value nicht aus den Augen lassen.

„Regierungen und nicht Unternehmen sollten die Verantwortung schultern, die gesellschaftlichen Ziele zu definieren und anzugehen, die kaum oder nichts mit dem langfristigen Wert für Aktionäre zu tun haben“, forderte der Verband.

Mehr: Gewinn habe keine Priorität mehr, sagen 200 amerikanische Firmenchefs. Europas Konzernlenker da glücklicherweise längst einen Schritt weiter.

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1 Kommentar zu "US-Topmanager: Abschied vom Shareholder-Mantra: So reagieren deutsche CEOs auf den Brief der US-Kollegen"

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  • Vermutlich dürften nicht wenig Investoren diese Vorgehensweise nicht akzeptieren. Vor allem die Investoren, welche ihre Altersversorgung auf Aktien und deren Dividenden aufbauen dürften sich von diesen Aktien abwenden. Den CEOs dürfte dies gleichgültig sein, denn sie erhalten großzügige Vergütungen mit üppigen Pensionsregelungen.

    Vielleicht findet sich eine zweite Greta mit der Forderung "Mondays for Dividends", wonach ein bestimmter Teil der Unternehmensgewinne sozialen Zwecken zuzuführen ist. ... Werden die Unternehmensgewinne nicht schon genug besteuert?

    Deutschland driftet immer mehr in den Sozialismus ab. Wohin das führt, dazu kann sich jeder selbst Gedanken machen. Am Besten mit einem Geschichtsbuch über die Entwicklung von Staaten, welche es mit dem Sozialismus übertrieben haben und wie es dann letztendlich ausging!

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