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Veye Tatah Afrika ist kein Land – Schwarz ist eine Farbe

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Als das Fernsehen in Deutschland Afrikabilder von hungernden Kindern mit aufgeblähten Bäuchen und Rebellen mit Kalaschnikows zeigt, ist die junge Frau geschockt. Das ist nicht ihre Heimat, nicht ihr Kamerun, nicht das "normale" Leben wie sie es kennt. "Das hat mir keine Ruhe gelassen", erzählt sie. Als Tatah schließlich zum Informatik-Studium nach Dortmund geht, schreibt sie Briefe an die öffentlich-rechtlichen Sender ARD und ZDF: "Warum zeigen Sie nur Schlechtes über Afrika?", fragt sie. Eine Antwort kriegt sie nicht - und so fasst sie den Entschluss, der ihr Leben verändert: Wenn die Medien das andere Afrika nicht zeigen, dann muss sie, Veye Tatah, es eben tun.

Die Idee, "Africa Positive" - den Verein und als Zentralorgan das Magazin, bei dem der Name Programm ist - zu gründen, kommt ihr spontan. In der Mensa erzählt sie ihrem afrikanischen Kommilitonen Osman Sankoh, von ihrem Plan. "Ich warf meine Hände in die Luft und schrie: ,Ja, das brauchen wir!'", erinnert sich Sankoh, der heute in Ghana als Geschäftsführer einer Nichtregierungsorganisation arbeitet. Dann aber taucht die Frage aller Fragen auf: Woher kommt das Geld? "Mit meinem Putz-Job in der Uni-Buchhandlung kam ich gerade so über die Runden", sagt Tatah. Die Lösung: die Inflation in Kamerun und ihre Eltern, die um ihr Gespartes fürchten. Sie vertrauen ihrer Tochter umgerechnet rund 8000 Mark an. Sie nimmt das Geld und finanziert die Erstausgabe. "Als sie das tat, wusste ich: Sie ist bereit, jedes Risiko einzugehen", sagt Sankoh. Auch Tatah gesteht: "Das war schon dickköpfig und gewagt. Meine Eltern glaubten ja, ihr Geld sei bei mir gut aufgehoben." Die erste Redaktionssitzung findet bei ihr zuhause auf dem Sofa statt. Die Nummer 1 , die im November 1998 erscheint, widmen sie niemand Geringerem als dem südafrikanischen Präsidenten Nelson Mandela - und legen damit die Messlatte hoch.

Es gibt viele, die den Verein und das Magazin "Africa Positive" für keine gute Idee halten. "Wer den Quatsch auf Dauer lesen solle, fragen sie und lächeln mitleidig", erzählt Tatah. Die Kritik entmutigt sie nicht, ganz im Gegenteil. Es ist genau das, was Veye Tatah braucht. "Ich mag es, wenn andere denken, dass ich scheitere. Das gibt mir Antrieb, dann bin ich wie besessen", sagt sie. Tatah beißt die Zähne zusammen. Nach der ersten Ausgabe kehrt bei ihr auf einen Schlag die innere Ruhe zurück, die ihr seit ihrer Ankunft in Deutschland gefehlt hat. Ihren Tatendrang beeinträchtigt das wenig. "Veye plant immer weiter, weiter, weiter", sagt Studienkollege Sankoh.

Ihr Magazin hat inzwischen eine Auflage von 5000 Stück. Inhaltlich geht es um Afrikaner in Deutschland, aktuell zum Beispiel um Azubis und Studenten aus Kamerun, aber auch um Gesellschaft, Politik und Wirtschaft in Afrika. "Wir wollen zeigen, dass Afrika ein Kontinent mit über 50 verschiedenen Ländern ist", erklärt Tatah. "Wir beschönigen nichts. Sicher herrschen in einigen Ländern Krieg, Krankheit und Hunger, aber eben nicht in allen. Es gibt auch afrikanische Otto-Normalverbraucher."

Jede Ausgabe kostet 3,50 Euro. Das Magazin wird direkt über Abonnements (etwa 1000) und Kioske in Deutschland, Österreich und der Schweiz vertrieben. 75 Prozent der Leser sind deutsch. Ein Team von 30 ehrenamtlichen Autoren - Berufstätige, Rentner, Studenten - füllt die 60 Seiten. Die Redaktion ist ein kleiner, ehemaliger Hausmeisterraum mit schmutzig-braunem PVC-Boden in einem Dortmunder Studentenwohnheim. Ein trostloser Plattenbau mit dunklen Fluren, aber günstiger Miete. "Ich brauche kein Schickimicki-Büro, ich stecke das Geld lieber in das Magazin. Allein der Druck kostet pro Ausgabe bis zu 5000 Euro", sagt Tatah. Anzeigenkunden gibt es wenige. "Ich habe kein Händchen für Akquise", gesteht sie. Kaum zu glauben, bei ihrem Redestrom.

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