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Veye Tatah Afrika ist kein Land – Schwarz ist eine Farbe

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Es gibt viele Nächte, in denen sie bis drei, vier Uhr früh an einem der Schreibtische sitzt, Texte redigiert oder das Layout fertig gestaltet - auch wenn sie um sechs Uhr mit ihren Söhnen Verki und Doh, zwölf und acht Jahre alt, wieder aufstehen muss. Sie wurden geboren als Tatah noch studierte. Der Vater, mittlerweile ihr Ex-Mann, ist ebenfalls Kameruner und lebt in Essen. "Die Beiden sind schon ziemlich selbständig. Das müssen sie auch sein, bei der Mutter", sagt Tatah. Zum Glück gibt es auch noch die deutsche Wahl-Oma, die nebenan wohnt, die Kinder mittags gut bürgerlich bekocht und auf sie aufpasst. "Eine Win-Win-Situation", nennt das Tatah: "Oma Irene hat keine Enkel und ihr Mann ist vor 20 Jahren gestorben. Sie kümmert sich um uns und wir uns um sie." Ein Bild für die Götter, sei das, wenn die großen, schwarzen Jungs mit der kleinen 88-jährigen Oma zum Plus gingen. Tatah lacht lauthals.

"Veye ist immer gut gelaunt und kann Menschen mitreißen", sagt Vereinskollege Hans Decker, der auch Projektleiter des Magazins ist. Nichtsdestotrotz sei so ein Ehrenamt immer eine Gratwanderung. "Das sind alles freiwillige Helfer, sie kann keinem sagen ,Du musst!'. Und wenn sie doch mal Druck ausübt, kann es sein, dass die Leute sagen ,Lass mich in Ruhe' und sie die Arbeit alleine machen muss." Tatah selbst bezeichnet das Magazin als ihr drittes Kind. Und genau so hängt sie daran. "Sie ist in gewisser Weise rücksichtslos gegen sich selbst. Ich sage ihr öfter, dass sie auf sich aufpassen muss", erzählt Decker. Ein paar Bekannte aus Kamerun haben Tatah sogar den Spitznamen "Margaret Thatcher, die eiserne Lady" verpasst.

Und sie geht noch weiter. Tatahs neuestes Projekt ist das "Afro Lern- und Integrations-Mobil", kurz "Afro-LIM". Es ist ein vom Europäischen Integrationsfonds unterstütztes Pilotprojekt für Schüler afrikanischer Eltern im Raum Dortmund/Bochum. Freiwillige helfen bei den Hausaufgaben, üben das Lesen, suchen nach Praktika- oder Ausbildungsplätzen und planen gemeinsame Freizeitaktivitäten. Eine Stunde Nachhilfe zum Beispiel kostet 2,50 Euro, die Ausflüge sind umsonst. "Die Kinder sollen sehen, das Schwimmbäder, Zoos oder Museen auch für sie geöffnet sind", sagt Tatah. Ganz nebenbei will sie auch die Mütter bei der Berufsorientierung oder der Entwicklung von Geschäftsideen unterstützen. Um für das Projekt zu werben, besucht Tatah afrikanische Gottesdienste und stellt es den Gemeinden vor. "Es ist mühsam, an afrikanische Frauen ranzukommen. Selbst Veye hat da manchmal Probleme", sagt Decker. Viele afrikanische Frauen, gerade Mütter, zeigten sich wenig in der Öffentlichkeit. Sie säßen zuhause und hüteten die Kinder. Tatah holt sie da raus und stellt mit ihnen etwas auf die Beine - wie den Essensstand beim Münsterstraßenfest. "Da können sie sich in Sachen Organisation und Zeitmanagement von mir etwas abgucken. Zudem spüren sie, wie es ist, Geld zu verdienen", sagt Tatah.

Um ihr Engagement zu finanzieren, entwickelt sie ständig neue Ideen. So ist sie auch zum Catering gekommen. 2003 gründet Tatah neben ihrem Job als Wissenschaftliche Mitarbeiterin "Kilimanjaro Food". Als eine Professorin sie fragt, ob sie jemanden kenne, der ein afrikanisches Buffet für eine 200-Mann-Feier liefern könne, sagte sie spontan: "Ich mach' das!" Das Equipment wird gestellt, Tatah mietet die Küche des Studentenwerks und stellt sich ein Team aus afrikanischen Frauen zusammen. Das stark gewürzte, aromatische Essen kommt so gut an, dass sie sich einen Gewerbeschein besorgt und mithilfe einer Unternehmensberatung einen Businessplan mit Kreditbedarf für eine eigene Ausrüstung erstellt - ein Küchencontainer soll es werden. Sie versucht es bei der Sparkasse, der Volksbank: keine Sicherheiten, kein Kredit.

Also baut Tatah sich ihr Geschäft selber auf, reinvestiert Einnahmen und kauft ihr Equipment second hand über das Internet. Der Catering-Service wächst langsam, aber gesund. Mittlerweile hat sie sogar einen kleinen, quittegelben Imbisswagen mit hellgrünen Bergspitzen vorne drauf. Drei bis vier Aufträge bekommt sie im Monat, 2008 haben sie und ihr Team auf einer Messe in Dortmund für 800 Menschen gekocht. "Kilimanjaro Food" ist ein typisches Zwitterprodukt à la Tatah. Sie präsentiert Afrika und verdient gleichzeitig Geld für ihre Aktivitäten. Zudem stellt sie ihre Ausrüstung kostenlos zur Verfügung, wenn sie wie in Dortmund einen Essensstand organisiert.

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