Veye Tatah Afrika ist kein Land – Schwarz ist eine Farbe

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Mittlerweile fragen auch Politiker, Verbände und die Medien Tatah als Afrika-Expertin für Diskussionen, Vorträge oder Interviews an. Erst vor kurzem war sie bei einem entwicklungspolitischen Kongress der CDU/CSU-Bundestagsfraktion mit dem irischen Sänger und Afrika-Aktivist Bob Geldof. "Geldof hat nur gemeint: ,Entwicklungshilfe ist toll, mehr Geld.' So ein Mist. Afrika braucht wirtschaftliche Entwicklung", sagt sie und ihre Tonlage schwillt an. "Und Volker Kauder hat immer von Afrika als Land geredet - das war ziemlich peinlich."

Das ist eben auch Veye Tatah: laut, energisch, ehrlich - eine Frau, die sich mit zusammengekniffen Augen und geballter Faust in Rage reden kann. "Sie sagt frei heraus ohne Taktiererei ihre Meinung. Egal, ob es um Bundestagsabgeordnete oder andere vermeintlich wichtige Leute geht", sagt Hans Decker. Und Vereinskollege Dietmar Doering ergänzt: "Es ist Teil ihrer Persönlichkeit, zu provozieren und mit Klischees zu spielen."

Veye Tatah will, bei allem, was sie tut, nur eins: Integration, die alle Welt sehen kann. Und deshalb rührt sie in so vielen Töpfen und traut sich rhetorische Fragen wie diese zu stellen: "Wie viele Afrikaner tragen eine Polizeiuniform? Wie viele stehen hinter dem Bankschalter? Wie viele arbeiten in der Stadtverwaltung?" Die Deutschen seien alle froh, dass Barack Obama Präsident geworden ist, "aber bei der Jobvergabe werden Schwarze immer noch benachteiligt."

Studienkollege Osman Sankoh, der ihre Art und ihre Ausbrüche seit Jahren kennt, sagt dazu nur: "Yes, she can."

Veye Tatah im Profil

Veye Tatah wurde am 14. Juli 1971 in Kamerun, Zentralafrika geboren. Sie gehört zum Volksstamm der Nso, der im Nordwesten Kameruns - im so genannten Grasland - lebt. Die meisten Kameruner sprechen französisch (etwa 80 Prozent), Tatah gehört zur englischsprachigen Minderheit und spricht ferner Lamnso, die Sprache der Nso. Ihr Vater arbeitete als Lehrer und ging später zum Zoll, die Mutter ist Krankenschwester und Hebamme. Im Anschluss an die Grundschule, die bis zur 7. Klasse ging, besuchte sie wie ihre vier Geschwister ein katholisches Internat. Nach dem Abitur nahmen die deutschen Nachbarn ihrer Eltern, die nach einigen Jahren in Kamerun wieder in ihre Heimat zurückkehrten, die damals 19-Jährige als Au-pair-Mädchen mit nach Bremerhaven. Dort arbeitete Tatah eineinhalb Jahre für die Familie und lernte so die deutsche Sprache. Danach zog sie nach Dortmund und studierte an der Technischen Universität Informatik. Schon während des Studiums gründete sie den Verein "Africa Positive" und das gleichnamige Magazin. Ihr Ziel: den Deutschen ein realistischeres Afrikabild vermitteln und so die Integration der Afrikaner, die in Deutschland leben, fördern. Den Abschluss in der Tasche arbeitete Tatah knapp sieben Jahre als Wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für praktische Informatik der TU Dortmund. Nebenbei rief sie den afrikanischen Catering-Service "Kilimanjaro Food" ins Leben, um ihr ehrenamtliches Engagement zu finanzieren. Seit Anfang 2008 ist sie selbständige Beraterin und Projektmanagerin mit Fokus Afrika. Politik, Wirtschaft und die Medien fragen sie regelmäßig als Afrika-Expertin an. Tatah ist Mutter von zwei Söhnen (zwölf und acht Jahre alt).

Integration: Defizite bei Beruf und Bildung

Mitte Juni hat die Integrationsbeauftragte der Bundesregierung, Maria Böhmer (CDU), den ersten Integrationsindikatoren-Bericht in Berlin vorgestellt. Obwohl in der Öffentlichkeit bezweifelt wird, ob mit diesem Bericht aufgrund der vielen Indikatoren "Integration messbar wird", ist er dennoch aufschlussreich und liefert interessante Details: Mit 20,3 Prozent war die Arbeitslosenquote von Ausländern im Jahr 2007 etwa doppelt so hoch wie die der deutschen Gesamtbevölkerung. Das gleiche gilt nach wie vor für die Quote der Ausländer, die ohne Abschluss die Schule verlassen - obwohl sie im Berichtszeitraum 2005 bis 2007 von 17,5 auf 16 Prozent gesunken ist. Ausländische Jugendliche fanden zudem schwieriger und seltener einen Ausbildungsplatz. Auch die aktuelle Studie "Standortfaktor Bildungsintegration" der Boston Consulting Group (BCG) bestätigt, dass es deutliche Unterschiede bei den Berufschancen von Einheimischen und Zuwanderern gibt. Laut BCG ist jeder zweite Migrant Arbeiter, aber nur ein Prozent arbeitet als Beamte. Weil die in Deutschland lebenden Ausländer schlechter ausgebildet sind, werden sie häufiger arbeitslos und haben ein höheres Armutsrisiko. Das geht auch zu Lasten Deutschlands: "Schlecht integrierte Zuwanderer zahlen weniger Steuern und Sozialabgaben als gut integrierte", heißt es. Einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge entgehen dem deutschen Staat dadurch jährlich bis zu 16 Milliarden Euro. Die Chancen der wachsenden Zuwanderung werden nicht genutzt.

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