Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke
Vordenker
Azubi bei Trumpf

Deutschland droht bei der zweiten Phase der Digitalisierung ins Hintertreffen zu gelangen.

(Foto: dpa)

Kommentar Die deutsche Industrie ist nicht so digital, wie viele ihrer Vertreter glauben

Gerade bei Künstlicher Intelligenz tun sich viele Unternehmen schwer. Das ist ein Risiko für die gesamte Wirtschaft.
Kommentieren

Ihr privates digitales Leben organisieren die meisten Deutschen schon seit Jahren mit WhatsApp oder Gmail, auf Smartphones von Samsung oder Huawei, und abends hören sie Musik mit Spotify oder Apple Music.

Schon lange begleitet sie kein deutsches Unternehmen mehr durch ihren digitalen Alltag. Halb so wild, entgegnen Vertreter der Industrie an dieser Stelle oft: Dafür seien deutsche Unternehmen führend bei der Vernetzung von Fabriken und Maschinen.

Industrie 4.0 ist das eigens dafür geschaffene Schlagwort. Der Begriff soll nach Aufbruch klingen, nach einer digitalen Zukunft für das Land mit all seinen Pumpenproduzenten, Robotermanufakturen und Montageanlagenbauern. Und tatsächlich hat die Industrie in keinem anderen Land so beflissen Geräte, Sensoren und Produktionsanlagen vernetzt, um Maschinen zum Beispiel aus der Ferne warten zu lassen.

Doch ob das reicht, damit die deutsche Industrie tatsächlich in der digitalen Zukunft ankommt, ist gar nicht so sicher. Gerade beginnt nämlich die zweite Phase der industriellen Digitalisierung, und in der reicht es nicht mehr, iPads an Maschinen anzuschließen.

Nun geht es darum, die Daten aus den Fabriken zu verstehen, Muster in den Zahlenmassen zu erkennen – und mithilfe dieser Informationen neue Geschäftsmodelle zu entwickeln. Die Schlüsseltechnologie dieser industriellen Zukunft ist die Künstliche Intelligenz (KI).

Hier wird es heikel für Deutschland, den Weltmeister der Technologien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts. So stark das Land in der Produktion von Hardware ist, so schwach sind weite Teile der Wirtschaft im Bereich Software.

Gerade bei KI tun sich viele schwer: In einer Studie der Unternehmensberatung BCG liegen deutsche Firmen beim Einsatz lernender Algorithmen im Mittelfeld, weit hinter den USA und China. Die Unternehmen zögern, weil sie das Risiko scheuen, nicht nur mit Produkten, sondern auch mit Daten Geld zu verdienen. Aber auch, weil in den Vorstandsetagen bisweilen Digitalkompetenz fehlt. Immer noch.

Kein Wunder, dass McKinsey in einer Umfrage feststellte: Nur jedes dritte mittelständische Unternehmen im Fahrzeug- und Maschinenbau verfolgt eine spezielle Digitalstrategie. Das ist fahrlässig. Denn längst ist klar, dass KI die Industrie so stark verändern wird, wie es bislang nur die Dampfmaschine vermochte.

Algorithmen können Ausfälle von Maschinen vorausberechnen, virtuell Materialien für die Karosserien von Autos testen und die physikalischen Eigenschaften von Flugzeugteilen verbessern. In Zukunft sollen sie sogar Fabriken und ganze Stadtteile entwickeln können – in China startet Alibaba gerade erste Versuche in diese Richtung.

Mächtige Angreifer

Wenn deutsche Industrieunternehmen weiter eine dominante Rolle auf dem Weltmarkt spielen wollen, muss es ihr Anspruch sein, bei dieser industriellen KI-Revolution zu führen und nicht zu folgen.

Denn es stehen mächtige Angreifer bereit: Eine wachsende Anzahl von Unternehmen lagert Daten nicht mehr in eigenen Rechenzentren, sondern in der Cloud internationaler Plattformanbieter wie Amazon, Microsoft oder Alibaba. Dort lassen sich Zusatzprogramme so einfach buchen wie Apps auf dem Smartphone.

Diese Programme helfen Unternehmen bei der Analyse von Daten ihrer Maschinen und der Vorhersage aufkommender Probleme. Doch diese Apps kommen bislang höchst selten aus Deutschland.

Wenn die deutschen Unternehmen weiterhin die ganze Wertschöpfungskette beherrschen, die Kontrolle über ihre Daten behalten und auch in Zukunft lukrative Serviceleistungen verkaufen wollen, dann muss es ihr Anspruch sein, die digitalen Dienste der Zukunft selbst zu entwickeln.

Nur so können sich Industrie und gewerblicher Mittelstand gegen die Gefahr wappnen, die von den neuen Angreifern ausgeht. Die stellen oft keine Geräte her – erhalten aber mit ihren Diensten Einblick in alle sensiblen Daten von Produktionsanlagen, weil sie mit Abertausenden Geräten verbunden sind.

Damit erfahren die Plattformanbieter, welche Anlagen unzuverlässig sind und welche Pumpen zu viel Energie verbrauchen. Auf der Basis dieser Informationen können die Plattformanbieter eigene Geschäftsmodelle entwickeln: Ausfälle vorhersagen, den günstigsten Techniker empfehlen – oder effizientere Geräte.

Für deutsche Unternehmen ist es noch nicht zu spät. Die Digitalisierung der Industrie verläuft weniger schubartig als die Digitalisierung der Kommunikation. Wenn die Unternehmen KI in ihren Alltag integrieren, mit Start-ups und Hochschulen kooperieren, um neue Technologien und Geschäftsmodelle zu entwickeln, könnte in Deutschland sogar ein Gründerboom für die Industrie der Zukunft beginnen.

Gelingt dieser Wandel hingegen nicht, werden deutsche Unternehmen in einigen Jahren nur noch die Hardware herstellen und einen Teil ihrer Gewinne an Unternehmen in den USA oder China abgeben, die mit den Daten Geld verdienen. Dann wird die gerade beginnende digitale industrielle Revolution anderswo stattfinden.

Startseite

Mehr zu: Kommentar - Die deutsche Industrie ist nicht so digital, wie viele ihrer Vertreter glauben

0 Kommentare zu "Kommentar: Die deutsche Industrie ist nicht so digital, wie viele ihrer Vertreter glauben"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.

Serviceangebote