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Vordenker

Vordenker Johannes Reck GetYourGuide-Gründer: „Ich sehe es als meinen Hauptjob an, Topleute zu halten“

Johannes Reck ist Teil des Vordenker-Jahrgangs 2020. Warum das Start-up GetYourGuide gut durch die Coronakrise kommt, berichtet er im Interview.
20.08.2020 - 12:43 Uhr Kommentieren
Gemeinsam mit Tao Tao gründete der Düsseldorfer das Start-up GetYourGuide. Quelle: GetYourGuide
Johannes Reck

Gemeinsam mit Tao Tao gründete der Düsseldorfer das Start-up GetYourGuide.

(Foto: GetYourGuide)

Bonn Johannes Reck wollte eigentlich Jurist werden – wie sein Urgroßvater, sein Opa und sein Vater auch. Doch die Einführungsvorlesung zu Strafrecht schreckte den jungen Düsseldorfer dermaßen ab, dass er lieber Biochemie in der Schweiz studierte und dann Hirnforscher werden wollte.

Aber es kam ein zweites Mal ganz anders als gedacht. Zusammen mit einer Handvoll Kommilitonen, die er im Studium an der Eidgenössischen Technischen Hochschule Zürich kennen lernte, gründete er 2009 ein Start-up - heute ein sogenanntes Einhorn, denn Recks Firma ist inzwischen mehr wert als eine Milliarde US-Dollar.

GetYourGuide, so heißt das Unternehmen, vermittelt Reiseerlebnisse – ein Geschäft mit Ausflügen, Sehenswürdigkeiten und Touren, das mit den weltweiten Grenzschließungen Mitte März fast gänzlich zum Erliegen gekommen ist. Das Geschäftsmodell funktioniert so: Immer dann, wenn ein Reisender über Recks Plattform das Angebot eines Drittanbieters bucht, bekommt GetYourGuide eine Provision gutgeschrieben.

„Corona ist natürlich auf der einen Seite die größte Krise, die wir je erlebt haben, aber gleichzeitig auch die größte Chance für uns“, erklärt Jungunternehmer und CEO Reck, der sich gut vorstellen kann, über seine Krisenbewältigung demnächst ein Buch zu schreiben.

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    Aber auch bei der Gründung gab es einige Herausforderungen zu bewältigen. „Wir hatten alle noch überhaupt gar keine Ahnung. Die ersten drei Jahre bei uns waren eine Katastrophe“, erinnert sich Reck. „Wir haben jahrelang auf kleinster Sparflamme überlebt und es noch nicht einmal geschafft, die eigenen Mitarbeiter von uns zu begeistern.“

    Wenige Jahre später ist die Kasse von GetYourGuide gut gefüllt. Denn anders als traditionsreiche Reiseunternehmen wie Tui und Condor, die schnell ins Taumeln gerieten, finanziert die Firma ihr Tagesgeschäft zu einem großen Teil nicht aus den täglichen Umsätzen, sondern aus der eigenen Geldreserve. Stolze 484 Millionen Dollar hat Gründer Reck erst vor einem Jahr von Investoren wie dem japanischen Technologiekonzern Softbank bekommen.

    „In der aktuellen Pandemie hat Johannes Reck ein erfolgreiches Krisenmanagement unter Beweis gestellt, indem er sichergestellt hat, dass sein Unternehmen agil bleibt und schnell auf Krisensituationen reagieren kann“, lautet das Urteil der Vordenker-Jury. Dafür wurde Reck nun als Mitglied in die Vordenker-Community aufgenommen, eine Initiative des Handelsblatts und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG).

    Im Interview spricht der Gründer, der im April zum ersten Mal Papa geworden ist, über die Kunst, Niederlagen zu verkraften, über die Fähigkeit, seinen Mitarbeitern absolut zu vertrauen, und darüber, wie wichtig es ist, als Unternehmer eine von Anfang an eine klare Vision vor Augen zu haben.

    Lesen Sie hier das komplette Interview:

    Herr Reck, wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
    Ich wollte, wie mein Urgroßvater, mein Großvater und mein Vater auch, Jurist werden. Der Traum ist aber in dem Moment geplatzt, als ich die Einführungsvorlesung zu Strafrecht gehört habe. Da war mir sofort klar, dass mich das überhaupt nicht interessiert.

    Sie haben GetYourGuide gegründet: Um was handelt es sich dabei, und wofür ist es nützlich?
    GetYourGuide ist die größte Online-Reiseplattform für Erlebnisse.

    Reiseerlebnisse, was heißt das konkret?
    Wir verkaufen alles, vom Ticket ohne Anstehen beim Vatikan bis hin zur kulinarischen Tour über die Märkte von Marrakesch. Wir haben mittlerweile mehr als 60.000 Reiseerlebnisse überall auf der Welt bei uns im Katalog. Das erlaubt Menschen, dass sie, neben der Flug- und Hotelbuchung, außergewöhnliche und exklusive Reisen erleben können, indem sie bei uns buchen.

    Wenn Sie nur als Marktplatz agieren, mit was genau verdienen Sie Geld?
    Wir bieten für unsere Kunden alles zum Bestpreis an und bekommen dann von den Anbietern für die Vermittlung des Geschäfts eine Provision.

    Gibt es dann auch sehr glückliche Mitarbeiter, die solche Reisen machen dürfen, um die Qualität bei den Partnern vorab zu checken?
    Wir haben mittlerweile 17 internationale Büros mit Mitarbeitern vor Ort, die die Erlebnisse ausprobieren, neue Anbieter kuratieren und sicherstellen, dass das Angebot permanent auf dem höchsten Niveau ist. Zudem haben wir mit dem Format GetYourGuide-Originals vor zwei Jahren auch unsere eigenen Produkte rausgebracht, wo wir aufgrund von Einblicken, die wir über unsere Daten gewinnen, noch mal bessere Reiseerlebnisse kuratieren und herausbringen, als sie momentan im Markt verfügbar sind.

    Klingt interessant. Wie sieht so was dann am Ende aus?
    Wir haben beispielsweise die Harry-Potter-Tour in London, die es vorher noch nicht gab, selbst konzipiert und gelauncht, nachdem wir gesehen haben, dass das für Familien ein sehr großes Thema war. Das ist mittlerweile die größte Tour, die in London verkauft wird. Oder auf Bali, da haben wir eine Instagram-Influencer-Tour gelauncht, die es noch nicht gab, weil auch das dort ein sehr prominentes Thema war.

    Wie definieren Sie ein erfolgreiches Unternehmen? Ist es nur finanzieller Erfolg, oder gibt es auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen?
    Für mich ist ein erfolgreiches Unternehmen immer eins, das absolut von den Kunden geliebt wird. Das ist viel wichtiger als finanzieller Erfolg. Das Ebit kommt immer später. Erst mal kommen die Kunden, und wenn man eine Dienstleistung erbringt, die die Kunden wertschätzen und zu der sie gern immer wieder zurückkommen, ist das das Wichtigste, was ein Unternehmen erzielen kann. Und letztlich ja auch genau das, woraus die Marke nachher erwächst. Das ist das, wofür man steht und was einen einzigartig macht. Für mich definitiv der größte und wichtigste Aspekt für ein erfolgreiches Unternehmen.

    Gibt es Charakterzüge, die für eine Führungsposition unabdingbar sind?
    Was ich gelernt habe, sind drei Dinge. Das Erste ist, eine sehr starke und klare Vision zum Unternehmen zu haben und die auch gut artikulieren zu können. Zweitens ist es für mich immer wichtig, authentisch und transparent zu sein. Das heißt natürlich nicht, dass man jedem immer alles sagt. Aber man muss die wichtigen Dinge auch sehr klar in der Firma benennen und in einem offenen Dialog mit den Mitarbeitern vorwärtstreiben. Etwas, das nicht oft gut gemacht wird, aber gerade in der heutigen sehr transparenten Zeit enorm wichtig ist.

    Und drittens glaube ich, dass man als Führungskraft bei sich selber und bei seinem Team die allerhöchste Latte anlegen muss, weil das nachher im Unternehmen der Maßstab wird. Ich sehe es als meinen Hauptjob an, Topleute in den führenden Positionen bei uns zu haben und zu halten, weil das unsere Unternehmenskultur und auch die Leistungsfähigkeit das nächste Jahrzehnt lang prägen wird.

    Und gibt es solche Eigenschaften auch in Bezug auf die Gründung des eigenen Start-ups?
    Sein eigenes Unternehmen zu gründen ist unfassbar hart, weil man zunächst am Markt noch keinen Erfolg hat und niemand das Produkt kennt und auch die Zukunft sehr ungewiss ist. Die wichtigsten Eigenschaften, die man also in einem Start-up braucht, sind eine enorme Resilienz und die Fähigkeit, nach dem Scheitern immer wieder aufzustehen. Das gehört zum täglichen Brot in der Gründungsphase und ist zum Glück später dann nicht mehr ganz so hart.

    Welche Schwierigkeiten gab es denn am Anfang zu überwinden? Oder ist vom Start weg alles gut gelaufen?
    (Lacht) Oh weh, da weiß ich gar nicht, wo ich genau anfangen soll. Wir sind ja zunächst mehr oder weniger drei Jahre lang ohne Wagniskapital durchgekommen. Die erste große Finanzierungsrunde war 2013, unsere Webseite ist aber schon im Januar 2010 ans Netz gegangen. Da haben wir jahrelang auf kleinster Sparflamme überlebt und es noch nicht einmal geschafft, die eigenen Mitarbeiter von uns zu begeistern.

    Wieso das nicht?
    Das lag daran, dass wir damals noch in einer sehr unsicheren Umgebung waren und auch keine Löhne zahlen konnten, die marktkonform gewesen wären. Außerdem hatten wir alle auch noch überhaupt gar keine Ahnung. Das heißt, unsere Strategie war kompletter Zickzack, und es sind deutlich mehr Sachen schiefgegangen als geglückt. Wir hatten dann nachher aber das große Glück, dass der Markt an und für sich abgehoben ist und wir zur richtigen Zeit an der richtigen Stelle waren. Deswegen haben wir es geschafft. Aber die ersten drei Jahre bei uns waren eine Katastrophe.

    Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde?
    „Ich glaube dir nicht!“ Man sollte immer von einer guten Einstellung und auch einer positiven Absicht seiner Mitarbeiter ausgehen. Deswegen schenke ich meinen Mitarbeitern und Mitarbeiterinnen immer erst mal vollen Glauben in dem, was sie tun und was sie sagen.

    Das geht ja prima direkt in die nächste Frage über. Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen bin ich …?
    Ich versuche immer zuerst einmal zu verstehen, was die anderen Mitarbeiter oder Partner eigentlich erreichen möchten. Dann versuche ich, ihnen dabei zu helfen, anstatt sie zu überzeugen, dass mein Weg der richtige ist. Meiner Erfahrung nach hat man mehr Erfolg, wenn man den Leuten hilft, ihre Ziele zu erreichen, als wenn man versucht, sie für seine eigenen Zwecke zu missionieren.

    Aber wenn das Ziel eines Mitarbeiters nun ein ganz anderes ist, als es dem Unternehmenszweck zuträglich wäre, wie gehen Sie damit um?
    Dann muss man herausfinden, warum sie oder er dieses Ziel hat, und versuchen, das wieder einzubinden in die größere Vision und in den größeren Plan. Abgesehen davon muss man als Chef auch oft einfach mal zurückstecken und es laufen lassen. Und dann schauen, ob die Mitarbeiter vielleicht wirklich recht hatten oder eben nicht – und dann werden sie davon lernen.

    Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der vergangenen drei Jahre?
    Abgesehen von meinem Sohn, der gerade im April geboren wurde, der Meilenstein, dass wir 2019 über zehn Millionen aktive Kunden und über 40 Millionen Buchungen hatten. Das war ein riesiger Erfolg, diese Zehn-Millionen-Marke zu knacken. Aber auch die Softbank-Finanzierung von 484 Millionen Dollar war ein riesiger Erfolg für uns und last, but not least der Launch und die strategische Weiterentwicklung von GetYourGuide-Originals.

    Dann lassen Sie uns doch direkt in die Zukunft schauen. In den kommenden drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
    Beruflich möchte ich sehr neugierig für neue Technologien bleiben, das sind für mich im Moment vor allem die Themen rund um Machine Learning und Künstliche Intelligenz, die ich extrem wichtig finde. Datenbasierten, intelligenten Unternehmen, die immer bessere Algorithmen bauen können, gehört ganz klar die Zukunft. Dahin geht die Reise, und ich bin deswegen auch in unserem Unternehmen nah an der Gruppe dran, die sich damit beschäftigt. Und ganz persönlich würde ich gern mal einen Triathlon absolvieren. Ich laufe viel, schwimme gern und kann auch ganz gut Radfahren – nur alles zusammen habe ich noch nie gemacht.

    Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Vision?
    Wir sehen gerade durch die Corona-Pandemie, dass sich die Reisebranche ganz neu sortiert und dass das, was wir als unsere Zehn-Jahres-Vision ausgegeben haben, deutlich schneller Realität wird. Das shiftet die Reise weg von den klassischen Bauteilen wie Flug und Hotel deutlich mehr hin zu einem umfassenden Erlebnis. Und das ist genau dort, wo GetYourGuide strategisch aufgestellt ist.

    Wir haben das größte Portfolio an Reiseerlebnissen weltweit und über die letzten Jahre eine sehr intelligente Plattform aufgebaut, die gute Funktionalitäten in dem Bereich hat. Damit wollen wir natürlich der Platzhirsch werden, der dieses letzte ganz große Feld der Online-Reisebranche weltweit als Marktführer anführt.

    Wenn Sie ein Buch schreiben müssten: Wovon würde es handeln?
    Darüber, wie wir als GetYourGuide die Coronakrise überstanden haben – ich glaube das Buch werde ich auch tatsächlich schreiben. Corona ist natürlich auf der einen Seite die größte Krise, die wir je erlebt haben, aber gleichzeitig auch die größte Chance für uns. Da gibt es so viel Stoff mittlerweile in meinem Kopf. Ich kenne allerdings das Ende des Buchs noch nicht, deswegen muss man da noch ein bisschen abwarten (lacht). Ich kann Ihnen aber schon jetzt sagen, dass wir im letzten Jahr mehr gelernt haben als in den zehn Jahren davor.

    Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
    Die sagen mir immer, ich soll in die Politik gehen. Aber das ist etwas, das ich bis jetzt dankend abgelehnt habe, weil ich auch aus meinem familiären Umfeld weiß, wie hart das ist.

    Möchten Sie sonst noch etwas teilen?
    Ich habe mich sehr gefreut über diese tolle Auszeichnung als Vordenker und möchte mich dafür bedanken.
    Herr Reck, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Vordenker*innen des Jahres 2020. Das sind die Macherinnen und Macher der nächsten Generation.

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