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Vordenker

Vordenkerin Kristina Lunz „Ohne Feminismus gibt es keinen Frieden“

Kristina Lunz ist Teil des Vordenker-Jahrgangs 2020. Im Interview erklärt sie, was feministische Außenpolitik ist und welche Vision sie von einer gerechten Welt hat.
12.08.2020 - 11:00 Uhr Kommentieren
(Credit: Paul Ripke)
Kristina Lunz

(Credit: Paul Ripke)

Bonn Erst Floristin, dann Bürgermeisterin – als Kind im oberfränkischen Örtchen Reckendorf hatte Kristina Lunz ganz andere Berufswünsche. Heute berät die „Aktivistin gegen die Ungerechtigkeit“, wie sich die 30-Jährige selbst beschreibt, unter anderem das Auswärtige Amt. Damit will sie mit einer stärker feministisch geprägten Außenpolitik und Diplomatie weltweit die Sicherheit für Menschen erhöhen. Mit der Vision, dass nicht mehr Männer der Maßstab sind, sondern alle Menschen.

Gleichzeitig sorgt sie als Mitbegründerin sowie Co-Executive Director der Beratungsorganisation „Center for Feminist Foreign Policy“ auch in Krisenzeiten dafür, dass wichtige Themen wie Diversität und Frauen in Führungspositionen auf der Tagesordnung bleiben und stellt dar, wie diverse Führungsteams Auswirkungen einer solchen Krise abfangen können.

„Unsere aktuelle Gesellschaft mit ihren Strukturen, Hierarchien und Dynamiken ist durchzogen von eklatanten Ungerechtigkeiten und Machtgefällen, zwischen Geschlechtern, zwischen Klassen, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft“, erzählt Lunz im Gespräch. „Ein Unternehmen, das nicht den Anspruch hat, diese Strukturen nachhaltig zu ändern, sondern im schlimmsten Falle diese noch zementiert, sollte sich ernsthaft mit der Frage nach der eigenen Existenzberechtigung auseinandersetzen.“

Mit ihrer Arbeit und ihrem Engagement überzeugte die Expertin die Vordenker-Jury. Gerade wurde Kristina Lunz als Mitglied in die Vordenker-Community aufgenommen, eine Initiative des Handelsblatts und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG).

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    Lunz steht außerdem auf der „30 under 30“ Liste von Forbes und der „DACH 30 under 30“-Liste, ist Atlantik-Brücke Young Leader, Ashoka Fellow, Gates Foundation SDGs Goalkeeper und BMW-Foundation Responsible Leader. Sie studierte als Erste in ihrer Familie und als Arbeiterkind aus dem 80-Seelen Dorf in Oberfranken Diplomatie, Menschenrechte und Psychologie in Oxford, London und Stanford.

    Im Interview spricht die Gründerin über ihre Vision einer gerechten Gesellschaft, über ihr bald fertiges Buch zu feministischer Außenpolitik und die größten Erfolge, die sie mit dem Center for Feminist Foreign Policy bereits erreicht hat.

    Frau Lunz, wissen Sie noch, was Sie werden wollten, als Sie klein waren?
    Zuerst war das Floristin – ich konnte mir nichts Schöneres vorstellen, als den ganzen Tag von Blumen umgeben zu sein. Dann Bürgermeisterin.

    Sie haben das Center for Feminist Foreign Policy mitgegründet: Um was handelt es sich dabei und wofür ist es nützlich?
    Das Center for Feminist Foreign Policy (CFFP) ist die weltweit erste Organisation, die sich gezielt für feministische Außenpolitik einsetzt. Feministische Außenpolitik stellt die menschliche Sicherheit in den Mittelpunkt und will das internationale Machtgefüge ändern. Und zwar so, dass die Bedürfnisse aller Gruppen – und vor allem die von Frauen – gesehen und Frauen- und Menschenrechte prioritär behandelt werden. Feministische Außenpolitik ist unabdingbar, wenn wir weltweit Frieden und Sicherheit für alle schaffen wollen. Ohne Feminismus gibt es keinen Frieden, denn durch Forschung wissen wir: Das Niveau an Gleichberechtigung in einem Land ist der signifikanteste Faktor dahingehend, ob dieses Land nach innen oder außen gewaltbereit ist.

    Welche Erfolge konnten Sie schon verzeichnen?
    Das CFFP konnte bereits außenpolitische Werkzeuge und Prozesse mitgestalten. Beispielsweise baute ich ein Jahr lang als Beraterin des Auswärtigen Amtes das von Außenminister Maas initiierte feministische Netzwerk „Unidas“ zwischen Lateinamerika, der Karibik und Deutschland auf. Oder Anfang des Jahres veranstalteten wir das erste Event zu feministischer Außenpolitik bei der prestigeträchtigen Münchner Sicherheitskonferenz, mit Speakerinnen wie einer Friedensnobelpreisträgerin oder der Chefanklägerin des Internationalen Strafgerichtshofs. Damit tragen wir dazu bei, dass sich Debatten im außenpolitischen Bereich erweitern und ändern. Und wir wachsen – obwohl unsere Gesellschaft kaum Geld an weibliche Gründer*innen gibt; nur circa zwei Prozent des VCs im Corporate Bereich und noch weniger für feministische, systemkritische Arbeit.

    Wie definieren Sie ein erfolgreiches Unternehmen? Ist es nur finanzieller Erfolg oder gibt es auch andere Faktoren, die eine Rolle spielen?
    Finanzieller Erfolg ist viel zu kurz gegriffen, um Erfolg zu bemessen. Genauso wie das BIP kein angebrachtes Maß ist, um den ganzheitlichen Wohlstand eines Landes zu beurteilen - das sollten langsam auch die konservativsten Ökonomen verstanden haben. Für mich ist ein erfolgreiches Unternehmen eines, das auf jeden Fall finanziell nachhaltig ist, aber dessen Hauptziel der Beitrag zu einer gerechteren Gesellschaft ist, sowie eine Unternehmenskultur schafft, in der sich alle wertgeschätzt fühlen.

    Unsere aktuelle Gesellschaft mit ihren Strukturen, Hierarchien und Dynamiken ist durchzogen von eklatanten Ungerechtigkeiten und Machtgefällen, zwischen Geschlechtern, zwischen Klassen, zwischen Menschen unterschiedlicher Herkunft. Ein Unternehmen, das nicht den Anspruch hat, diese Strukturen nachhaltig zu ändern, sondern im schlimmsten Falle diese noch zementiert – beispielsweise durch absurde Einkommensunterschiede zwischen der Führungsetage und den Arbeiter*innen –, sollte sich ernsthaft mit der Frage nach der eigenen Existenzberechtigung auseinandersetzen.

    Gibt es Charakterzüge, die für eine Führungsposition unabdingbar sind?
    Empathie, Reflexionsvermögen, Integrität, die Fähigkeit, zu priorisieren und zu delegieren. Oder wie Wissenschaftlerin und Autorin Brené Brown sagen würde: „Strong back. Soft front. Wild heart.“

    Und gibt es solche Eigenschaften auch in Bezug auf die Gründung des eigenen Start-ups?
    Durchhaltevermögen, Zielgerichtetheit – eine klare Vision, die eine*n antreibt, die Fähigkeit, lang- und gleichzeitig kurzfristig zu denken.

    Ein Satz, den eine gute Führungskraft niemals sagen würde…?
    „Weil wir das schon immer so gemacht haben.“ Oder „Weil ich das so gesagt habe.“

    Bitte ergänzen Sie den Satz: In Konfliktsituationen bin ich…?
    Ruhig, lösungsorientiert, konstruktiv, einfühlsam. Ich versuche, sowohl zuzuhören als auch bestimmt für meine Bedürfnisse einzutreten. Integrität hat für mich höchste Priorität.

    Was waren Ihre wichtigsten drei (Arbeits-)Ergebnisse der letzten drei Jahre?
    Wir konnten bereits, trotz unseres zarten Alters und des aufgrund sexistischer Finanzierungsstrukturen überschaubaren Budgets eine beachtliche Marke aufbauen. Das CFFP war die weltweit erste Organisation, die bei der prestigereichen Münchner Sicherheitskonferenz eine Podiumsdiskussion zu Feministischer Außenpolitik organisierte mit überwiegend Frauen und deren Anliegen auf der Bühne – bei einer Konferenz wo der Frauenanteil bei unter 20 Prozent liegt) CFFP veröffentlichte die weltweit erste Studie zu „Feministischer Außenpolitik der Europäischen Union“. The list goes on. Alle diese Projekte gab es so noch nie, bevor sich CFFP deren annahm.

    Was ist Ihr langfristiges Ziel beziehungsweise Vision?
    Der aktuelle Status quo der Außenpolitik basiert auf patriarchalen Werten und verfestigt systemische Gewalt durch Kapitalismus, Imperialismus und Kolonialismus. Das Zusammenspiel dieser Systeme beeinflusst, wie Menschen ihr Leben auf der Grundlage ihres sozio-ökonomischen Status, sexueller Orientierung, ihres Geschlechts, ihrer Hautfarbe und Herkunft führen können.

    Mein langfristiges Ziel ist es, aktiv an der Gestaltung eines neuen, inklusiven und repräsentativen Status quo mitzuwirken und Machtungleichheiten auszugleichen. Meine Vision ist eine internationale Politik die Menschen- und Frauenrechte prioritär behandelt werden und in der militärische Gewalt nicht länger die Norm ist. Kurz: eine gerechte Gesellschaft.

    Wenn Sie ein Buch schreiben müssten: Wovon würde es handeln?
    Ich schreibe aktuell ein Buch. Zu feministischer Außenpolitik.

    Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
    Professorin für Politik und internationale Beziehungen, Politikerin, … wahrscheinlich.

    Möchten Sie sonst noch etwas teilen?
    Zwei Dinge, die ich gelernt habe. Erstens: Don’t listen to the naysayers. Zweitens: Vernetzt euch. Ich bin unendlich dankbar, für die großartige Unterstützung, die ich durch meine Mitstreiter*innen in dem Kampf für eine gerechtere Gesellschaft erfahre. I am and we are standing on the shoulders of giants – ich hoffe, dass auch ich für viele Troublemaker, die nach mir kommen, den Weg bereiten kann.

    Frau Lunz, vielen Dank für das Interview.

    Mehr: Vordenker*innen des Jahres 2020. Das sind die Macherinnen und Macher der nächsten Generation.

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