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Vordenker

Vordenkerin Philippa Sigl-Glöckner „Eine bessere Welt scheitert meist nicht an der guten Intention, sondern am Geld“

Philippa Sigl-Glöckner ist Teil des Vordenker-Jahrgangs 2020. Wie die Ökonomin die Wirtschaftswelt zu einem menschlichen Kapitalismus verändern will.
11.09.2020 - 10:18 Uhr 1 Kommentar
Diese Frau will die Wirtschaftswelt verändern. Quelle: Fionn Große
Philippa Sigl-Glöckner

Diese Frau will die Wirtschaftswelt verändern.

(Foto: Fionn Große )

Bonn Philippa Sigl-Glöckner hat mit gerade mal 30 Jahren schon eine beeindruckende Vita: Studium in Oxford, Beratungsfirma in London, Weltbank in Washington, Gründerin einer Denkfabrik und in der „Forbes“-Liste „30 unter 30“ als eine von zwei deutschen Frauen in der Kategorie Finanzen. Aktuell arbeitet sie als persönliche Referentin für Staatssekretär Wolfgang Schmidt und leitet sein Büro im Bundesfinanzministerium.

Die Ökonomin, die mit 16 nach England ging, dort den Schulabschluss machte und dann Philosophie, Politik und Volkswirtschaft in Oxford und Informatik am Imperial College in London studierte, setzt sich mit großer Leidenschaft für einen „menschlicheren Kapitalismus“ ein. Die Münchenerin, die obendrein ein Jahr lang den Finanzminister von Liberia beraten hat, gehört zu den einflussreichsten Frauen ihrer Generation in Deutschland.

Gerade wurde Sigl-Glöckner als Mitglied in die Vordenker-Community aufgenommen, eine Initiative des Handelsblatts und der Strategieberatung Boston Consulting Group (BCG). „In ihrer Funktion als persönliche Referentin von Wolfgang Schmidt hat Philippa Sigl-Glöckner im Zuge der Fragestellung, wie der Staat monetär in einer Pandemie-Situation helfen kann, Vordenkertum bewiesen“, ist die Jury überzeugt.

Im Interview spricht sie darüber, wie sie das System verändern will, warum sie jetzt für ein Amt in der Politik kandidiert und wieso für sie Wirtschaftsinformatik viel nützlicher ist als Volkswirtschaft.

Liebe Frau Sigl-Glöckner, Sie sind erst 30 Jahre alt, arbeiten als persönliche Referentin für Staatssekretär Wolfgang Schmidt und leiten sein Büro im Bundesfinanzministerium – wie ist es dazu gekommen?
Ich habe im Sommer 2018 als Ökonomin in der Grundsatzabteilung angefangen und im Winter darauf am Deutsch-Chinesischen Finanzdialog mitgewirkt. Bei den Verhandlungen in Peking lernte ich Wolfgang Schmidt kennen, der zufälligerweise kurz danach eine neue persönliche Referentin suchte und sich bei mir meldete.

Ihr Lebenslauf ist ja ein Traum für jeden Headhunter: Studium in Oxford, Beratungsfirma in London, Weltbank in Washington, Gründerin einer Denkfabrik, in der „Forbes“-Liste „30 unter 30“ vertreten – was kommt als Nächstes?
Danke für die Blumen. Ich möchte aktiv Politik machen und würde gerne in den Bundestag. Ich möchte mithelfen, eine soziale und ökologische Finanzpolitik zu gestalten und Vertrauen in die Politik zurückzugewinnen. Daher bewerbe ich mich gerade für die SPD-Bundestagskandidatur zu Hause im Münchener Norden. Mich jetzt in den demokratischen Wettbewerb zu wagen war etwas ganz Besonderes, vielleicht ein bisschen wie als Unternehmerin den finalen Schritt zur Gründung zu gehen: Dann stehst du auf dem Platz und musst zeigen, was du kannst.

Gehen wir noch mal ein Stück zurück. Sie sind mit 16 nach England gegangen und haben dort in Oxford nach Ihrem Schulabschluss Philosophie, Politik und VWL studiert (2008-2011). Was hat Sie dann dazu bewogen, noch den Master in Informatik nachzuschieben?

Ich wollte früh Finanzpolitik machen, da unser aller Wunsch nach einer besseren Welt doch zumeist nicht an der guten Intention, sondern am Geld scheitert. An den makroökonomischen Modellen in der Uni bin ich jedoch verzweifelt. Im Grundstudium dachte ich noch, ich kapiere es einfach nicht. Aber dann erwiesen sich die Modelle auch als nicht sehr hilfreich im Beruf. Wir denken in der VWL vielleicht manchmal zu wenig darüber nach, welches Modell eigentlich gerade geeignet ist, um bei einer bestimmten Fragestellung weiterzuhelfen. Daher suchte ich nach einer Disziplin, die sich viel damit auseinandersetzt, wie man die Wirklichkeit abbildet und verarbeitet. Die Informatik macht das praktisch permanent, ein Computer hat ja weder Sinne noch eine vorgegebene Denklogik. Fast jedes Programm ist auch ein Modell. Und ich kann nicht bestreiten, dass Programmieren eine sehr reizvolle Beschäftigung ist.

Nach dem Studium und einer Etappe bei der Unternehmensberatung Solon Management waren Sie zwei Jahre lang in Washington für die Weltbank tätig und haben obendrein ein Jahr lang den Finanzminister von Liberia beraten – wenn Sie heute zurückblicken: Was ist das Wichtigste, was Sie in dieser Zeit in Afrika gelernt haben?

Die Zeit bei der Weltbank war unglaublich spannend, aber auch bestürzend: 2014 war ich Teil des Krisenteams der Vereinten Nationen zur Koordination des internationalen Ebola-Einsatzes. Und ich musste lernen, dass es da einigen vor allem um Jets, hoch dotierte Jobs und mediale Aufmerksamkeit ging, während sich in den Slums von Monrovia und Freetown die Leichen stapelten. Ich wollte nicht Teil dieses Systems sein und bekam die einmalige Chance, in Liberia direkt mit der Regierung zu arbeiten.

Ging es Ihnen mit dem Wechsel besser?
Dort habe ich mich vor allem um die Schulden- und Investitionspolitik gekümmert und die Verhandlungen des Landes mit dem Internationalen Währungsfonds unterstützt. Das hat mir gezeigt, wie wichtig demokratische Legitimation ist: Die allermeisten finanzpolitischen Entscheidungen sind nicht (allein) technokratisch rechtfertigbar. Fast immer geht es auch um Verteilungsfragen. Welche Berechtigung hatte der Internationale Währungsfonds, der Regierung hinter verschlossenen Türen zu sagen, wie groß ihr Budget für Soziales sein durfte oder welche staatlichen Unternehmen zu privatisieren waren? Ich habe mir damals oft die Frage gestellt, was nun wirklich im Interesse der Bevölkerung ist. Aber wie sollte ich das wissen als nicht gewählte Ausländerin mit begrenztem Verständnis der lokalen Verhältnisse? Und mit welcher Rechtfertigung gab ich meinen Rat? Ich hatte die Konsequenzen der Regierungsentscheidungen auch nicht zu tragen. Es waren ja nicht meine Kinder, die in dem Land groß wurden.

Wie kam es dann zu Ihrem Entschluss, wieder nach Deutschland zurückzukehren?

Während wir in Liberia mit dem Internationalen Währungsfonds verhandelten, spielte sich in Europa gerade die zweite Griechenlandkrise ab. Es ist eine Sache, wenn das Sozialsystem eines bettelarmen afrikanischen Bürgerkriegslands am grünen Tisch verhandelt wird. Das fühlt sich schrecklich an, aber ich hatte es erwartet. Nun passierte das Gleiche in Europa. Menschenwürde wurde optional und das aufgrund von außen schwer nachvollziehbarer finanzpolitischer Ideologie. Wenn man dann noch feststellt, dass diese Ideologie von der eigenen Heimat ausgeht, wird es Zeit, Koffer zu packen und nachzusehen, was los ist.

2018 haben Sie dann mit drei Freunden die Denkwerkstatt „Dezernat Zukunft“ gegründet – in zwei Sätzen, was ist das Ziel dieses Thinktanks?
Das Ziel ist, eine wertebasierte Wirtschaftsordnung zu definieren. Die für uns zentralen Werte sind Würde, Wohlstand und Demokratie.

Wann beziehungsweise woran würde ich als Bürgerin denn einen menschlicheren Kapitalismus erkennen?
Daran, dass die Reinigungsfachkraft, die nachts Ihr Büro sauber macht, von ihrer Arbeit gut leben kann und in der Lage ist, den Job zu wechseln, wenn sie es möchte.

Gerade kandidieren Sie in Ihrer Heimatstadt München gegen den Platzhirsch Florian Post und wollen für die SPD das Direktmandat in München-Nord gewinnen – ein Duell unter Genossen also. Was war der Auslöser dafür, und was möchten Sie zuerst verändern, wenn es klappt?
Ich kandidiere nicht gegen jemanden, sondern für etwas. Der Wahlkreis München-Nord war bis vor einigen Jahren einer, den die SPD direkt gewonnen hat. Ich will mithelfen, dass das wieder gelingt. Es geht also darum, die Bürger von unserem politischen Projekt zu überzeugen. Wir wollen eine Gesellschaft, in der jede Person Respekt erfährt. Rosige Bilder von der Zukunft zu malen reicht dafür nicht. Wir gehen die wirtschaftlichen Grundlagen an, stellen gute Arbeit zu anständigen Löhnen für alle vorn an und denken präzise darüber nach, wie wir Märkte und unsere Finanzpolitik gestalten wollen. Das wird es uns ermöglichen, für bezahlbare Wohnungen, ein leistungsfähiges Bildungssystem und Klimaschutz zu sorgen.
Ein konkretes Projekt, das ich angehen möchte, falls es mit der Wahl klappt: Die vierjährige Ausbildung der Erzieherinnen und Erzieher muss kostenlos werden, damit wir im Münchener Norden endlich ausreichend Kitaplätze anbieten können.

Wenn ich mich bei Ihren Freunden erkundigen würde: Für welche alternativen Karriereoptionen wären Sie geeignet?
Mhm, gute Frage. Es ist schon etwas länger her, dass wir darüber geredet haben, aber auf dem Tisch lag: die Karriere in internationalen Organisationen weiterverfolgen, ein Fintech-Start-up gründen oder eine akademische Laufbahn einschlagen.

Gibt es etwas in Ihrem Leben, das Sie aus Angst gemieden haben und es nun bereuen?
Nein. Ich versuche, Dingen nicht aus Angst aus dem Weg zu gehen.

In den nächsten drei Jahren: Was wollen Sie lernen, was Sie heute noch nicht können?
Wie viel Zeit haben Sie? Das ist eine lange Liste. Die Top drei: eine prägnante Rede im Bundestag halten. Unsachliche Kritik an mir abprallen lassen. Rechtzeitig ins Bett gehen.

Wer ist Ihr persönliches Rolemodel und warum?
Damit tue ich mich schwer, weil es die Idealisierung von Personen verlangt. Aber es gibt Menschen, die ich interessant finde, die in einem bestimmten Bereich Beeindruckendes geleistet haben. Dazu gehören für mich die amerikanische Kongressabgeordnete Alexandria Ocasio-Cortez, der langjährige Münchener Oberbürgermeister und Kämpfer für faires Bodenrecht, Hans-Jochen Vogel, und Ellen MacArthur, die eine Zeit lang den Weltrekord für die schnellste Nonstop-Einhand-Weltumsegelung hielt.

Beschreiben Sie eine Arbeitssituation, in der Sie komplett im Flow und erfüllt sind? Was gibt Ihnen Energie im Arbeitsleben?
Zum Glück vieles! Eine spannende Diskussionsrunde, auch gerne mit Menschen, die komplett andere Ansichten haben als ich. Oder an einem Excel-Modell zu basteln, am besten mit Musik in den Ohren.

Was frustriert Sie und ist Ihr persönlicher Produktivitätskiller?
Bürokratie, deren Sinnhaftigkeit mir entgeht.

Der größte Benefit, den Sie bisher aus einem Ihrer Netzwerke gezogen haben?
Meine für die Realität relevante ökonomische Bildung und zahllose Mitstreiter.

Bei so viel politischem und ökonomischem Engagement: Wann und wie schalten Sie ab? Was tun Sie für Ihre Gesundheit?
Wenn ich dazu komme: in den Bergen und beim Segeln. Realistischerweise eher beim Laufen und Papiere lesen. Ich versuche mich gesund zu ernähren, trinke keinen Alkohol und rauche nicht. Und bemühe mich, ein glücklicher Mensch zu sein. Das gelingt meistens.
Frau Sigl-Glöckner, vielen Dank für das Interview.

Mehr: Vordenker*innen des Jahres 2020. Das sind die Macherinnen und Macher der nächsten Generation.

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  • Liebe Frau Philippe Sigl-Glöckner, ich bin überzeugt, Sie kommen weiterhin durch die Bürokratie und das Beamtentum herum und werden noch mit innovativen, konkreten Verbesserungen des Kapitalismus Aufwarten. (...) Beitrag von der Redaktion editiert. Bitte achten Sie auf unsere Netiquette: "Kommentare sind keine Werbeflächen." https://www.handelsblatt.com/netiquette

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