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Vorstandsetage Warum Chefs trotz guter Geschäfte immer häufiger gehen müssen

Der Chefposten wird in Deutschland zum Schleudersitz. Immer häufiger müssen CEOs vorzeitig gehen – erzwungen von Investoren, die auf mehr Gewinne hoffen.
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Sein Ausscheiden sorgte für Schlagzeilen. Quelle: imago/photothek
Ehemaliger Thyssen-Krupp-Chef Heinrich Hiesinger

Sein Ausscheiden sorgte für Schlagzeilen.

(Foto: imago/photothek)

Düsseldorf Martin Siebert musste beim Gesundheitskonzern Rhön Klinikum gehen, Peter Terium beim Versorger Innogy und Manfred Bender beim Maschinenbauer Pfeiffer Vakuum: Alle drei Chefs räumten nicht freiwillig ihren Posten – und sie stehen für einen Trend: Beim Wechsel in Deutschlands Topetagen geht es zunehmend hektischer zu.

Lange Zeit galt im Aufschwung nach der schweren Wirtschaftskrise vor zehn Jahren die Devise: An unserem Spitzenpersonal halten wir fest. Doch diese Schönwetterregel hat ausgedient. Trotz prosperierender Konjunktur wechselt in Deutschland das Vorstandspersonal wieder häufiger – und das gegen den internationalen Trend.

Allein im vergangenen Jahr wurden bei den 300 größten börsennotierten Unternehmen 24 CEO-Posten neu besetzt – so viele wie seit fünf Jahren nicht mehr und fünf mehr als im Jahr 2016. Weltweit gab es nach Berechnungen der Managementberatung Strategy& 363 Wechsel, nach 372 im Jahr davor. Das globale Team praxisorientierter Strategieexperten und Teil der Prüfungsgesellschaft PwC hat dafür weltweit die 2500 größten börsennotierten Unternehmen und ergänzend die 300 größten Konzerne im deutschsprachigen Raum analysiert.

Auch in diesem Jahr setzt sich der Trend zum Wechsel rasant fort, wie eine Reihe spektakulärer Abgänge belegt. Dabei geht es nicht nur um die vielen mehr oder weniger geräuscharmen Wechsel, so wie jetzt zum Wochenauftakt. Da kündigte Claudio Albrecht an, den Pharmakonzern Stada nach seinem planmäßigen Ausscheiden nun doch komplett zu verlassen. Ursprünglich hatte er vor, in eine nicht-geschäftsführende Position innerhalb des Unternehmens zu wechselt – beispielsweise in den Aufsichtsrat. Nun geht Albrecht ganz – und das offenbar ganz freiwillig.

Doch solche Abgänge sind nicht mehr durchweg die Regel. Immer häufiger geht es geräuschvoller zu. Vorstandschefs wechseln vorzeitig und unfreiwillig – in Deutschland im vergangenen Jahr jeder vierte. Unbefriedigende Finanzergebnisse und Streit über die strategische Ausrichtung sind oft die Ursache.

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Und anders als früher geht die Initiative zum Wechsel häufig nicht von den Aufsichtsräten und damit Kontrollgremien aus. Vielmehr erhöhen Investoren, die mehr Gewinn und höhere Kurse wollen, den Druck auf die Vorstände und Aufsichtsräte – und erzwingen so den Wechsel.

Monatelang stand Heinrich Hiesinger bei Thyssen-Krupp wegen der schlechten Kursentwicklung und unbefriedigender Unternehmensergebnisse im Fokus, ehe er nach langem Hickhack auf Druck einflussreicher Investoren zurücktrat: Aktivistische Investoren um die Großanleger Cevian (Schweden) und Elliot (USA), die zusammen rund 20 Prozent der Anteile halten, peilen schon lange die Zerschlagung des Konzerns in Einzelteile an, um so durch Börsengänge Kasse zu machen.

Allein die lukrative Aufzugsparte ist nach Berechnung von Experten gut 15 Milliarden Euro wert. Den Aktionären würde neben Kursgewinnen eine satte Sonderdividende winken. Dafür war Hiesinger jedoch nicht zu haben. „Thyssen-Krupp ist mit der Strategie des Konglomerats und seiner Matrixorganisation gescheitert“, urteilte Cevian-Gründungspartner Lars Förberg und forderte: „Jetzt ist es dringend notwendig, die Gelegenheit zu nutzen, um die erhebliche und andauernde Underperformance der Industriesparten zu beseitigen.“

Einflussreiche Aktionäre waren es auch bei der Deutschen Börse, die den Abgang von Carsten Kengeter vom Chefposten forcierten. Vorwürfe des Insiderhandels im Zusammenhang mit der geplanten und inzwischen wieder abgesagten Fusion mit der Londoner Börse kosteten den erfahrenen Investmentbanker und vor allem den Frankfurter Börsenbetreiber viel Reputation. „Diese Entscheidung ist richtig und konsequent“, urteilte Ingo Speich, der als Fondsmanager der Union-Investment und Großaktionär der Deutschen Börse die Entscheidung mittrug.

Beim Generika-Hersteller Stada führte im vergangenen Jahr der aggressive Anleger Paul Singer über seinen Hedgefonds Elliott die Regie, als es um den Rücktritt von Hartmut Retzlaff und seinem Nachfolger Matthias Wiedenfels ging. Inzwischen führt der Ex-Ratiopharm-Manager Claudio Albrecht die Geschäfte – der sie nun freiwillig wieder abgibt.

Mehr Vorstandswechsel durch offensiveres Auftreten einzelner Investoren – „hier folgt Deutschland einem internationalen Trend“, urteilt Strategy&-Europachef Peter Gassmann: „Aktivistische Aktionäre treten vor allem dann auf den Plan, wenn bereits Themen wie unterschiedliche Vorstellungen zur Unternehmensstrategie oder Underperformance im Raum stehen.“ Dafür bedarf es dann keiner 50-Prozent-Mehrheiten. Oft reichen schon Anteile von fünf Prozent aus, um sich beim Unternehmen, seinem Aufsichtsrat und den Aktionären Gehör bis hin zum erzwungenen Wechsel zu verschaffen.

Jeder zehnte Vorstandswechsel war im vergangenen Jahr auf schlechte finanzielle Ergebnisse zurückzuführen. Sie waren auch der Grund für den plötzlichen Abgang Peter Teriums bei Innogy, der von RWE abgespaltenen Energiesparte. Der Niederländer hatte mit einer Gewinnwarnung aufgrund des schwächeren Geschäfts in Großbritannien die Aktionäre verschreckt. Die Aktie war um gut zehn Prozent abgestürzt, was den Konzern mehr als eine Milliarde Euro an Wert kostete. Hinzu kamen anschließend zwölf Millionen Euro Abfindung für Terium.

Bisweilen schießen sich Chefs aber auch selber ab. Mehr als nur schlechte Erträge kosteten Thomas Ebeling den Job bei der Senderkette Pro Sieben Sat 1. Erst verärgerte der exzentrische Manager im Herbst 2016 die Anleger mit einer Kapitalerhöhung, ohne die Gründe für den zusätzlichen Geldbedarf zu benennen. Die Börsen verzeihen solche Fehler nicht. Anleger fühlten sich betrogen, weil neue Aktien ihr Kapital verwässern.

Im Jahr darauf verschreckte Ebeling die Aktionäre zweimal mit einer Gewinnwarnung, darüber hinaus verließen drei Vorstände den Konzern, ehe Ebeling schließlich abfällig über die eigenen Zuschauer („ein bisschen fettleibig, ein bisschen arm“) sprach – und deshalb im Februar dieses Jahres gehen musste. Der Medienkonzern verlor durch diesen Egotrip bis heute 40 Prozent an Börsenwert.

Frauen profitieren kaum

Immer mehr Vorstandswechsel in Deutschland – doch Frauen profitieren davon nicht. Mit Angela Titzrath von der Hamburger Hafen und Logistik AG wurde im vergangenen Jahr nur eine neue Frau als CEO benannt. Das entspricht dem vorangegangenen Negativtrend. Vor Titzrath rückten Carola Gräfin von Schmettow bei HSBC Trinkaus im Jahr 2015, Rachel Empey bei der Telefónica Deutschland (2014) und Marion Helmes bei Celesio (2013) auf einen Chefposten.

Vier neue Frauen in fünf Jahren verteilt auf 300 Unternehmen – damit steht Deutschland im Ranking weit unten, wenn es um einen höheren Frauenanteil in den Chefetagen geht. Seit 2013 wurden im deutschsprachigen Raum, wozu auch Österreich und die Schweiz gehören, nur neun Frauen, aber 172 Männer als neue CEOs berufen. Auf jeden 20. Mann kam eine Frau. In den USA und Kanada wurde immerhin fast jeder zehnte Posten mit einer Frau besetzt.

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