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BASF-Werk in Ludwigshafen

Der Konzern will mit einem Effizienzprogramm jährlich zwei Milliarden Euro einsparen

(Foto: obs/Accor Hotellerie Deutschland GmbH)

VW, BASF, Bayer Deutschlands Konzerne rüsten sich mit neuer Sparwelle für eine drohende Konjunkturkrise

Die Konzerne machen sich fit für die Krise. Den Ertragswarnungen folgen Effizienzprogramme. Die Kostensenker nutzen die Möglichkeiten der Digitalisierung.
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Düsseldorf Ein starker Binnenmarkt, der Wirtschaftsboom in den USA und die seit Jahren robuste Nachfrage in China haben die exportorientierte deutsche Industrie lange beflügelt. Allein die 30 Dax-Konzerne dürften in diesem Jahr zusammen knapp 90 Milliarden Euro Nettogewinn erwirtschaften. Das sind nur fünf Milliarden Euro weniger als im Rekordjahr 2017.

Doch der von US-Präsident Trump initiierte Handelskonflikt, der Rückgang des Bruttoinlandsprodukts in Deutschland im dritten Quartal und schlechtere Wirtschaftsdaten aus allen großen Weltregionen hinterlassen immer tiefere Spuren: Fast ein Dutzend der 30 Dax-Konzerne veröffentlichte in den letzten Monaten Ertragswarnungen und verhaltene Prognosen für 2019, darunter BASF, Bayer, Henkel, Fresenius sowie die Autobauer BMW und Daimler.

Jetzt reagieren die Unternehmen mit Sparprogrammen auf die Vorhersagen: BASF will mit einem Effizienzprogramm in Produktion, Logistik, Forschung und Entwicklung jährlich zwei Milliarden Euro einsparen. Bayer plant den Abbau von 12.000 Stellen weltweit. Und um seine angepeilte Marge von sechs Prozent schon 2022 und nicht erst 2025 zu erreichen, will VW drei Milliarden Euro bis 2020 und bis 2022 weitere drei Milliarden Euro einsparen.

„Die Firmen reagieren damit auf das schwierige konjunkturelle Umfeld“, sagt Kai Bender, Deutschlandchef der Unternehmensberatung Oliver Wyman. „Sie wollen ihre Unternehmen robust machen.“

Das ist auch nötig. Am Mittwoch schraubten zwei Forschungsinstitute ihre Konjunkturprognosen weiter herunter. Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung (DIW) rechnet für 2019 nur noch mit einem Wachstum von 1,6 Prozent, das Kieler Institut für Weltwirtschaft (IfW) mit 1,8 Prozent. 2017 hatte beim Wachstum noch eine Zwei vor dem Komma gestanden. Das DIW urteilt: „Die Zeiten der Hochkonjunktur sind vorbei.“

Von links: Martin Brudermüller (BASF), Herbert Diess (VW), Werner Baumann (Bayer). Quelle: Andreas Pohlmann/obs, Axel Schmidt/Reuters, Ingo Rappers/laif
Konzernchefs auf Sparkurs

Von links: Martin Brudermüller (BASF), Herbert Diess (VW), Werner Baumann (Bayer).

(Foto: Andreas Pohlmann/obs, Axel Schmidt/Reuters, Ingo Rappers/laif)

Beispiel Bayer: Bei dem Konzern soll die Rente mit 57 demnächst möglich sein. Doch was verlockend klingt, hat einen bitteren Geschmack: Die geplante Frühverrentung ist Teil eines massiven Sparprogramms, mit dem der Leverkusener Pharma- und Agrarchemiekonzern seine jährlichen Kosten um 2,6 Milliarden Euro drücken will. 12.000 Stellen werden weltweit gestrichen, rund zehn Prozent der Belegschaft.

In Deutschland will Bayer ohne betriebsbedingte Kündigungen auskommen und ist darauf angewiesen, dass Mitarbeiter sich freiwillig verabschieden oder in den vorzeitigen Ruhestand gehen.

So weit ist es beim Konkurrenten BASF noch nicht. Doch auch Europas größter Chemiekonzern will sich verschlanken. Rund zwei Milliarden Euro soll das „Exzellenzprogramm“ des Unternehmens aus Ludwigshafen an Kostensenkung bringen. Wie viele Stellen dem zum Opfer fallen, ist noch unklar. „Das wird ganz dramatisch davon abhängen, wie wir wachsen“, sagt BASF-Chef Martin Brudermöller und hält sich damit alle Optionen offen.

Die beiden rivalisierenden Chemieunternehmen sind nicht die einzigen deutschen Konzerne, die in den vergangenen Tagen mit neuen Umbauprogrammen für Aufsehen sorgten. Angesichts der trüben Konjunkturaussichten rüsten sich die Unternehmen und gehen auf Sparkurs.

Die Ankündigungen von Bayer, Volkswagen, BASF, Covestro oder Heidelberg Cement sind erst der Anfang: Experten gehen davon aus, dass vor allem die Industrieunternehmen im kommenden Jahr auf mehr Effizienz getrimmt werden – mit weitreichenden Folgen für Organisation und Beschäftigung.

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Den Trend dahin spüren bereits diejenigen, die den Unternehmen bei der Neuaufstellung helfen. Das Geschäft der Managementberater läuft seit Jahren prächtig und wird getrieben vom Wunsch der Kunden, ihre Geschäfte digitaler zu machen und international stärker zu wachsen. Dazu kommen nun verstärkt Aufträge zur zeitgleichen Verschlankung der Organisation.

Die Aussichten werden schlechter

„Viele Unternehmen gehen wieder mehr in Richtung Effizienzorientierung. Dafür sehen wir in den Auftragsbüchern deutliche Signale“, sagt Kai Bender von Oliver Wyman. Die Firmen reagierten damit auf interne Probleme, sie wollen sich aber auch wetterfest machen.

Anlass dazu haben die Vorstände genug. Denn die Aussichten für das weitere Wachstum der deutschen Wirtschaft werden schlechter. Den jüngsten Hinweis darauf geben die am Mittwoch vorgelegten Prognosen der Forschungsinstitute. Sie zeigen sich vor der Jahreswende skeptischer. „Der Aufschwung in Deutschland gerät zunehmend ins Stocken“, analysieren die Ökonomen des Kieler Instituts für Weltwirtschaft (IfW).

Mit der sich allmählich abkühlenden Weltkonjunktur werde auch die Dynamik bei den Exporten nachlassen. Nach Meinung des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW) stößt der Aufschwung mehr und mehr an seine Grenzen.

Der wachsende Pessimismus hat viele Gründe. In Amerika, Asien und vor allem Europa schwächt sich nach jahrelangem Boom die Wirtschaft ab. Angesichts hoher Nachfrage hatten die Unternehmen ihre Kapazitäten ausgebaut. Jetzt schwächt sich die Nachfrage ab, und die Weltmarktpreise für viele produzierte Waren fallen, beispielsweise für chemische Grundprodukte, worunter BASF und Covestro mit sinkenden Gewinnen und Margen leiden.

Darüber hinaus belastet der Handelskonflikt viele exportstarke deutsche Firmen. So verteuern sich für BMW und Daimler in den USA produzierte und von dort nach China exportierte Geländewagen angesichts immer neuer Zölle und Gegenzölle. Beide Autobauer haben ihre Aktionäre bereits mit Ertragswarnungen auf schwierigere Zeiten eingestimmt.

In keinem anderen großen Industrieland sind die Unternehmen so sehr auf die Nachfrage des Auslands und auf einen reibungslosen Welthandel angewiesen wie in Deutschland. Mehr als zwei Drittel ihrer Umsätze erwirtschaften die 100 größten börsennotierten Unternehmen in der Fremde, im Mittelstand liegt der Anteil bei rund 50 Prozent. Der noch robuste deutsche Binnenmarkt vermag die Schwächen aus dem Ausland nicht zu kompensieren.

Die konjunkturelle Abkühlung kommt überraschend, denn noch bis zur Jahresmitte galt es als sicher, dass die Unternehmen ihre Rekordgewinne aus dem Vorjahr auch 2018 erneut übertreffen. Davon kann inzwischen keine Rede mehr sein. Fast ein Dutzend der 30 Dax-Konzerne hat die Aktionäre mit Ertragswarnungen schockiert, die Hiobsbotschaften häuften sich in den vergangenen vier Wochen.

Das vierte Quartal dürfte schwach ausfallen. Mit 85 bis 90 Milliarden Euro werden die 30 Dax-Konzerne zwar auch 2018 immer noch den zweihöchsten Nettogewinn in der Geschichte einfahren. Doch die Zeichen stehen auf Abschwung.

Deshalb schlagen jetzt viele Unternehmen einen Sparkurs ein, um das erreichte Gewinn-Niveau zu halten. Die letzte große Sparwelle hatte die deutsche Wirtschaft im Jahr 2012/13 erfasst, als viele Firmen Umsatzrückgänge verbuchten. Damals starteten 22 von 30 Dax-Konzernen Programme zur Effizienzsteigerung, wie die Einschnitte im Managerdeutsch gerne betitelt werden. In fast jedem Fall traf es vor allem den sogenannten Overhead, also die Verwaltungen, Konzernstäbe, Einkaufs- und Finanzabteilungen. Das steht auch jetzt wieder an.

Kosten für Verwaltung steigen

Doch die angesetzten Programme brachten oft nicht den gewünschten nachhaltigen Effekt, wie Berechnungen des Handelsblatts zeigen. Trotz Sparbemühungen sind die Verwaltungskosten gemessen am Umsatz bei vielen Konzernen gestiegen. Bayer kam 2014 noch auf eine Quote von 4,1 Prozent, drei Jahre später waren es bereits 5,8 Prozent. BASF musste 2014 rund 1,8 Prozent des Umsatzes für Verwaltung ausgeben, 2017 waren es bereits 2,2 Prozent. Auch bei Volkswagen und Siemens stiegen die Quoten.

Jetzt steuern die Firmen gegen. Bei Bayer sollen bis zum Jahr 2021 bis zu 6.000 Stellen in den Konzernfunktionen und Ländergesellschaften wegfallen. Der Kunststoffhersteller Covestro streicht 900 Jobs in der Verwaltung und erhofft sich eine Kostenersparnis von 350 Millionen Euro pro Jahr.

Wir werden die geplanten Schritte fair und verantwortungsvoll umsetzen. Werner Baumann, Vorstandschef Bayer

Die Sparprogramme sind aber nicht nur eine Reaktion auf die gesamtwirtschaftlichen Herausforderungen. Auch die Digitalisierung und der Schwenk auf Zukunftstechnologien spielt eine Rolle. Der Dax-Konzern Covestro etwa will die interne Zusammenarbeit seiner Abteilungen beschleunigen – und zwar mit dem „vermehrten Einsatz digitaler Lösungen“, wie es im Unternehmen heißt.

Konkurrent BASF legte ein Effizienzprogramm auf. Es startet 2019 und soll ab Ende 2021 jährlich etwa zwei Milliarden Euro zum operativen Ergebnis beitragen. Der Konzern will alle Prozesse in Produktion, Logistik und in der Forschung durchforsten und schneller machen – es soll „weniger Übergabestellen“ geben, erläutert Vorstandschef Martin Brudermüller. Das neue Design des Zusammenwirkens soll auch bei BASF von Digitaltechnologie geprägt sein.

Die Digitalisierung bestärke Unternehmen beim Wunsch, sich robust für eine Konjunkturabkühlung zu machen, sagt Oliver-Wyman-Chef Bender. Sie biete ganz neue Möglichkeiten zur Kostensenkung, etwa im digitalen Vertrieb und bei der Unternehmensplanung.

Für diesen Trend steht der vom Abgasskandal und einer schwächeren Nachfrage in China geschwächte Volkswagen-Konzern. Nach den vergangene Woche vorgestellten Plänen soll die operative Marge bereits 2022 und damit drei Jahre früher als geplant steigen. Dazu sollen bei der Marke VW bis zum Jahr 2020 drei Milliarden Euro und bis 2022 weitere drei Milliarden Euro eingespart werden.

Was das für die Beschäftigten bedeutet, ist noch unklar. Bisher gilt der bereits im Herbst 2016 beschlossene „Zukunftspakt“ mit dem geplanten Abbau von bis zu 30.000 Stellen, davon 23.000 in Deutschland. Im Gegenzug sollen 9 000 neue Stellen entstehen: vor allem in der Software- und Batterieentwicklung. Das Programm ist nach Konzernangaben nötig, um noch mehr Investitionen in die Elektromobilität zu finanzieren.

Bevor die neuen Sparprogramme aber ihre Wirkung entfalten, kosten sie den Unternehmen erst einmal viel Geld. So gut wie alle großen Konzerne verzichten in Deutschland auf betriebsbedingte Kündigungen und setzen auf Fluktuation, Abfindungsangebote und Frühverrentung. „Wir werden die geplanten Maßnahmen – wie in der Vergangenheit – fair und verantwortungsvoll umsetzen“, sagte Bayer-Chef Werner Baumann. Der Konzern beziffert die Kosten für sein Umbauprogramm auf rund 4,4 Milliarden Euro.

Bayer-Gesamtbetriebsratschef Oliver Zühlke, der den Stellenabbau mitträgt, sieht für die Rente ab 57 ein „riesiges Potenzial“ beim Leverkusener Konzern. Die Belegschaft warte nun auf attraktive Angebote. Die Konzernführung muss liefern und dabei den Interessen der Anteilseigner, der Belegschaft und des Gesamtunternehmens gerecht werden. Ein schwieriger Spagat.

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