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Weltfrauentag Top-Managerinnen müssen noch immer gegen Stereotype kämpfen

Eine Studie zeigt große Unterschiede bei der medialen Darstellung von Vorständen auf. Experten haben für die Managerinnen einen Rat.
08.03.2020 - 08:14 Uhr Kommentieren
Die Douglas-Chefin liest andauernd über ihre „dunkle Lockenmähne“ oder ihren „roten Lippenstift“. Quelle: Uta Wagner für Handelsblatt
Tina Müller

Die Douglas-Chefin liest andauernd über ihre „dunkle Lockenmähne“ oder ihren „roten Lippenstift“.

(Foto: Uta Wagner für Handelsblatt)

Düsseldorf Man stelle sich folgende Beschreibung eines Dax-Chefs vor: „Mit Stress dürfte er umgehen zu wissen. Neben einem Vollzeitjob ist er auch Vater. Der Kinderwunsch war in jedem Fall wohl überlegt. Wenn er auf Dienstreisen geht, kümmert sich eine Kinderfrau.“ Es klingt seltsam, wenn nicht absurd. Spricht man aber über eine Dax-Chefin – klingen die Sätze nicht nahezu vertraut?

Es sind Klischees und unbewusste Vorurteile, die Sichtweisen prägen, auf eingefahrene Bahnen lenken und oft auch der Chancengleichheit im Weg stehen. Eine Analyse der strategischen Kommunikationsberatung Hering Schuppener, die am Montag veröffentlicht wird und dem Handelsblatt vorab vorliegt, zeigt auf, warum es so schwer ist, diese eingefahrenen Bahnen zu verlassen – und zwar mit Blick auf die Darstellung von Top-Managerinnen in der Presse.

Es ist das eine, dass es eben erst wenige weibliche Vorstände gibt und diese daher so leicht als Ausnahme beschrieben werden. Tatsächlich sind laut Allbright-Stiftung in Deutschland gerade mal 9,3 Prozent der Vorstandsmitglieder weiblich. Erst seit Berufung von Jennifer Morgan als Co-CEO von SAP im vergangenen Jahr gibt es eine Dax-Chefin.

Außerdem aber werden Top-Managerinnen offenbar anders behandelt und beschrieben als ihre männlichen Kollegen: Ihr Aussehen und ihr Privatleben spielen eine größere Rolle, sie sehen sich mit veralteten Rollenmustern konfrontiert, stereotypenhaft männliche Führungseigenschaften wie „ehrgeizig“ werden bei Frauen häufiger negativ konnotiert.

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    Für die Studie mit dem Titel „Die Ausnahme, die Rabenmutter, die Kämpferin“ hat Hering Schuppener 850 Artikel aus Tages- und Wirtschaftspresse, vornehmlich Porträts und Features, im Hinblick auf Codes und die Darstellung von Managerinnen und Managern untersucht.

    Tief verankerte Rollenmuster

    Die quantitative Analyse wird durch eine qualitative ergänzt: zum Teil sehr persönliche Interviews mit der früheren Bild-am-Sonntag-Chefredakteurin Marion Horn, der ehemaligen Siemens-Vorständin Janina Kugel, mit Gründerin und Aufsichtsrätin Fränzi Kühne, Multi-Aufsichtsrätin Simone Menne, Douglas-Chefin Tina Müller sowie mit Continental-Personalchefin Ariane Reinhart.

    Kernerkenntnis, so formuliert es Jan Hießerich, der als Managing Director Vorstände im Hinblick auf ihre Kommunikation berät, sei: „Man kann voller Inbrunst zum Beispiel für Gleichberechtigung einstehen, aber durch die Art und Weise der Darstellung doch wieder den Status Quo zementieren. Eben dadurch, dass Stereotype bedient werden.“

    Die trotz aller Bekenntnisse zu Chancengleichheit oder Vielfalt offenbar tief verankerten Rollenmuster lassen sich etwa darin ablesen, dass laut der Analyse das Familienleben von Managerinnen etwa zweieinhalb ;al so viel Raum in den Artikeln einnimmt wie bei Männern.

    Die gerade bei Siemens als Personalchefin ausgeschiedene Janina Kugel zum Beispiel stellt fest, dass sie immer wieder auf die Vereinbarkeit ihrer Karriere mit dem Muttersein angesprochen wird. Kein Interview, in dem nicht Informationen zu ihren Kindern auftauchten. „Der familiäre Hintergrund spielt eine Rolle, auch wenn er im Interview gar nicht zur Sprache kam. Das ist bei Männern (…) anders.“

    Grafik

    Auch das Erscheinungsbild von Frauen nimmt 50 Prozent mehr Raum in der Berichterstattung ein als bei Männern. Da wird dann zum Beispiel Fränzi Kühne, Gründerin der Digitalagentur TLGG und jüngste Mitglied in einem Dax-Aufsichtsrat, in einem Interview auf ihren Undercut angesprochen, Vorständin Reinhart zugeschrieben, sie erinnere „sehr attraktiv an Mattel“, und Douglas-Chefin Müller liest andauernd über ihre „dunkle Lockenmähne“ oder ihren „roten Lippenstift“.

    Deutlich zutage treten die Vorurteile aus dem Hinterkopf auch bei der Beschreibung der Kernkompetenzen von Managerinnen und Managern, etwa bei der Führung ihrer Mitarbeiter. Die Zuschreibungen von Charaktereigenschaften bekräftige vorhandene Stereotype, heißt es in der Studie.

    Simone Menne fasst es so zusammen: „Attribute wie ehrgeizig, zielstrebig und durchsetzungsstark werden interessanterweise immer nur Männern zugeschrieben.“ Frauen dagegen seien kommunikativ, empathisch und fleißig. „Es gibt klare Stereotype, und das ist eines der Probleme, warum so wenig Frauen in Führungspositionen kommen“, meint Menne.

    Tina Müller nimmt es so wahr, dass Männer auf Spitzenposten als „durchsetzungsstark, anpackend, gestaltend, nach vorne gehend“ beschrieben werden, Frauen in derselben Situation als „überehrgeizig und hart“.

    Männliche Journalisten thematisieren häufiger das Liebesleben

    Die Analyse von Hering Schuppener zeigt zwar auf, dass Managerinnen und Manager etwa gleich oft und intensiv dahingehend beschrieben werden, ob sie ihre Führungsrolle ausfüllen und ihre Ziele erreichen. Aber Studienleiter Hießerich erklärt: „Auch die Entwicklung von Karrierewegen wird anders dargestellt. Männer gelten oft als die Bewahrer, Frauen als diejenigen, die einen Posten über Umbrüche, durch Glück oder weil ihn kein anderer wollte erlangt haben.“

    Darüber hinaus zeigt die Untersuchung, dass bei Frauen weit öfter Charisma, Authentizität und Attraktivität beschrieben wird als bei Männern. Interessant ist dabei auch: Männliche Journalisten thematisieren laut der Analyse wesentlich häufiger das Liebesleben, das Familienleben oder die Kindheit von Managerinnen.

    Studienleiter Hießerich will seine Analyse explizit nicht als Medienschelte verstanden wissen. Sie soll „kein Vorwurf sein, sondern ein Debattenbeitrag, wie Stereotype wirken und wie wir sie überwinden“. Denn das sei klar: „Wir alle haben Stereotype im Hinterkopf. Und der Unconscious Bias ist so stark, weil er so unsichtbar und unaufdringlich ist – aber tief in uns verankert.“

    Die ehemalige Siemens-Personalchefin stellt fest, dass sie immer wieder auf die Vereinbarkeit ihrer Karriere mit dem Muttersein angesprochen wird. Quelle: dpa
    Janina Kugel

    Die ehemalige Siemens-Personalchefin stellt fest, dass sie immer wieder auf die Vereinbarkeit ihrer Karriere mit dem Muttersein angesprochen wird.

    (Foto: dpa)

    Hießerich, der schon viele Dax-Vorstände und CEOs beraten hat, schließt auch einen Rat für Kommunikation und Medientrainings an die Studie an. Er sagt: „Ein Problem, ob bei Managerinnen oder Managern, ist ja: Sie sind oft nicht darauf vorbereitet, aber auf den Spitzenposten können sie es sich nicht aussuchen, ob sie in den Medien stehen – sie müssen kommunizieren.“

    Auch Marion Horn, die fast 20 Jahre als Chefredakteurin bei „Bild“ und „Bild am Sonntag“ gearbeitet hat, warnt davor, aus Angst vor der Reduzierung auf ihre Mutterrolle oder Quotenfrau Interviews abzulehnen. Allerdings müssten sie „lernen, die Spielregeln mitzubestimmen“, etwa im Hinblick auf die Fragen, die Botschaft, die man selbst platzieren will. „Wer von Journalisten professionell behandelt werden will, muss professionell mit ihnen umgehen.“

    Nun räumen die interviewten Managerinnen gleichzeitig das Bewusstsein sein, dass sie als Rollenvorbilder für andere fungieren. Für die kann es durchaus aufschlussreich sein, darzustellen, wie sich eine Top-Managerin mit Kindern behauptet und die gläserne Decke durchstoßen hat.

    Die Berichterstattung ist also auch beim Bewusstsein für Stereotype eine Gratwanderung. Aber wenn dann eine Frage nach der Frisur, dem Nagellack oder der Babysitterin kommt? Dann kann die Gegenfrage „Würden Sie das einen Mann auch fragen?“ die Unangemessenheit sofort bewusst machen.

    Mehr: Frauenquote für Vorstände: Gefährliches Glatteis oder überfällige Maßnahme?

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