Benachrichtigung aktivieren Dürfen wir Sie in Ihrem Browser über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts informieren? Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Fast geschafft Erlauben Sie handelsblatt.com Ihnen Benachrichtigungen zu schicken. Dies können Sie in der Meldung Ihres Browsers bestätigen.
Benachrichtigungen erfolgreich aktiviert Wir halten Sie ab sofort über die wichtigsten Nachrichten des Handelsblatts auf dem Laufenden. Sie erhalten 2-5 Meldungen pro Tag.
Jetzt Aktivieren
Nein, danke

Wenn Vollgas nicht genug ist Sind Sie Workaholic? Der große Selbsttest in 17 Fragen

Workaholics arbeiten ohne Ende und bekommen dafür auch viel Anerkennung. Doch manche von ihnen sind ernsthaft krank. Ab wann wird Arbeit zur Sucht?
Kommentieren
In Deutschland gibt es 200.000 bis 300.000 akut Arbeitssüchtige. Quelle: Luca D‘Urbino
Mehr als 100 Prozent

In Deutschland gibt es 200.000 bis 300.000 akut Arbeitssüchtige.

(Foto: Luca D‘Urbino)

Düsseldorf Wie ein Porsche Cayenne mit 200 Sachen auf einer sechsspurigen Autobahn: So beschreibt Matthias Werner* sein altes Leben. Das Credo des Produktmanagers aus Süddeutschland: „Funktionieren, auf Teufel komm raus, und zwar zu 150 Prozent.“ Damit hat es Werner in seinem Job weit gebracht.

Als bei seinem Arbeitgeber vor ein paar Jahren ein Verantwortlicher für ein Projekt mit Budget in Millionenhöhe gesucht wurde, war der Geschäftsleitung klar: „Wenn das einer hinkriegt, dann ist es Werner.“ Zehn, zwölf, manchmal noch mehr Stunden am Tag kniete sich der Manager in seine neue Aufgabe und dokumentierte dabei jedes Detail. Dann wurde er krank. Krebskrank.

Kein Grund für Werner aufzuhören. Er machte weiter, auch mit Tumor in der Prostata. Nach den Chemotherapien fühlte Werner sich oft ausgelaugt und schlapp. Trotzdem fuhr er jeden Morgen ins Büro, statt sich krankschreiben zu lassen. Nach vier Stunden Arbeit kehrte er oft völlig entkräftet zurück nach Hause. Nach einer Mahlzeit fiel er direkt ins Bett. Am nächsten Tag ging es wieder von vorne los.

Arbeiten, essen, schlafen, dazwischen Chemotherapien – und das in Dauerschleife: So lautete der Rhythmus in Werners Leben im Herbst 2016. Heute, drei Jahre später, hat der 57-Jährige eine längere Zwangspause mit wochenlangem Klinikaufenthalt hinter sich. Aber diesmal nicht wegen seiner Krebskrankheit, sondern wegen einer anderen Diagnose: Werner ist arbeitssüchtig.

Anders als Krebs ist Arbeitssucht als Krankheit medizinisch nicht anerkannt. Trotzdem ist das Phänomen sehr real: In fast jeder deutschen Großstadt treffen sich regelmäßig Gruppen der „Anonymen Arbeitssüchtigen“.

Check: Bin ich arbeitssüchtig?

In München immer donnerstags, in Düsseldorf jeden zweiten Dienstag, in Berlin gibt es neben einer deutschsprachigen auch eine englischsprachige Selbsthilfegruppe. „Vor dem ersten Besuch eines Meetings empfehlen wir eine Anmeldung per E-Mail“, heißt es auf der Webseite. Der Andrang ist groß.

Viele Menschen haben die Gewohnheit, viel zu arbeiten, und den Wunsch, im Job erfolgreich zu sein. Das spiegelt sich auch in den Bürozeiten wider. Allein im ersten Halbjahr 2019 haben Beschäftigte in Deutschland fast eine Milliarde Überstunden geleistet.

Gerade im Topmanagement, wo Nachtschichten oder Anrufe in den Abendstunden oft mit dem Gehaltsscheck abgegolten sind, werden Überstunden erst gar nicht gezählt. Begriffe wie „Workaholic“ gelten auf den oberen Hierarchiestufen deutscher Konzerne weniger als Krankheitsbild denn als Tugend. Laut einer Umfrage des Instituts für Demoskopie Allensbach (IfD) bezeichnen sich aktuell knapp 20 Millionen Deutsche so.

Klar ist: Nicht jeder selbst ernannte Workaholic muss gleich in Behandlung. Experten gehen davon aus, dass es zwischen 200.000 und 300.000 akut Arbeitssüchtige in Deutschland gibt. Weil das Krankheitsbild nicht systematisch erfasst ist, fehlen verlässliche Zahlen. Auch sind die Grenzen zu anderen Erschöpfungssyndromen wie etwa Burn-out fließend. Das macht die Tragweite der Karrierekrankheit Arbeitssucht schwer abschätzbar.

Auch weil die Motive der Mehrarbeit für Außenstehende oft nicht erkennbar sind: „Eine hohe Zahl an Überstunden kann auch dadurch motiviert sein, die nächste Stufe der Karriereleiter erreichen zu wollen, und muss sich nicht nach der erreichten Beförderung fortsetzen“, sagt Ute Rademacher, Professorin für Wirtschaftspsychologie an der Hamburger International School of Management.

Wer also auf die nächsten Bonuszahlungen aus ist, um zum Beispiel in das Eckbüro auf dem Gang einzuziehen oder das Eigenheim abzubezahlen, muss nicht zwingend alarmiert sein. „Arbeitssüchtige arbeiten oft exzessiv“, erklärt Rademacher, die bereits 2017 ein Buch zum Thema geschrieben hat. „Sie schaffen es nicht mehr, sich ohne Arbeit wichtig, wertvoll und zufrieden zu fühlen.“

Ein Gefühl, das Matthias Werner kennt. Der Manager ist mit dem Glaubenssatz groß geworden: „Wenn ich etwas mache, mache ich es richtig; sonst brauche ich gar nicht erst anzufangen.“

„Egal ob Internet, Shoppen, Alkohol oder eben Arbeit – jede Sucht ist eine Flucht aus einer inneren Notlage.“ Quelle: Raffael Fastner
Cordula Nussbaum, Psychologin und Zeitmanagement-Expertin

„Egal ob Internet, Shoppen, Alkohol oder eben Arbeit – jede Sucht ist eine Flucht aus einer inneren Notlage.“

(Foto: Raffael Fastner)

Dieser Hang zur Gründlichkeit führte bei Werner oft zu einer Kaskade der Anspannung, die er selbst so beschreibt: Wenn er im Job ein Projekt nicht zu Ende brachte, fühlte sich Werner nicht komplett. Wenn er nicht beschäftigt war, wurde er nervös. Wenn er zu Hause war, konnte er sich nicht entspannen. Und wenn doch Zeit zum Entspannen war, plagte ihn das schlechte Gewissen.

Kürzlich waren Freunde bei den Werners zu Besuch. Er hat gekocht, einen Entenbraten sollte es geben. Nachdem die Gäste wieder weg waren und seine Frau schon im Bett lag, hat Werner noch in der Küche sauber gemacht. „Es war schon spät, ich war hundemüde“, aber er verspürte den Drang, noch unbedingt die Spritzer an der Wand wegzuschrubben. Wenigstens dieses eine Mal konnte er seiner inneren Stimme standhalten, erzählt er. Die Methoden dafür hat er während seines Klinikaufenthalts gelernt.

Sieben Anzeichen dafür, dass Sie an Arbeitssucht leiden

Experten wissen: Arbeitssucht und Perfektionismus – das geht oft Hand in Hand. „Arbeitssüchtige sind süchtig nach Aktivitäten – und zwar in vielen Lebenslagen“, erklärt Cordula Nussbaum. Die Psychologin und Zeitmanagement-Expertin hat auf Basis wissenschaftlicher Tests einen Schnellcheck für Beschäftigte und Unternehmer entwickelt.

Eine wichtige Grundlage für den Test war etwa die Arbeitssucht-Skala der Universität Bergen. Das Institut hat sieben Kriterien für eine Arbeitssucht identifiziert, und schon wer vier von ihnen erfüllt, gilt als arbeitssuchtgefährdet. Die sieben Kriterien:

  • Sie denken oft darüber nach, wie Sie sich mehr Zeit für die Arbeit verschaffen können.
  • Sie benötigen oft oder immer deutlich länger für Ihre Arbeit als eingeplant.
  • Sie arbeiten oft, um Gefühle wie Schuld, Angst, Hilflosigkeit oder Niedergeschlagenheit zu reduzieren.
  • Ihnen wurde schon mal von anderen geraten, beruflich kürzerzutreten – aber das haben Sie ignoriert.
  • Sie geraten in innere Unruhe, wenn Sie nicht arbeiten können.
  • Sie vernachlässigen oft Hobbys oder Freizeitaktivitäten zugunsten Ihrer Arbeit.
  • Ihre Arbeit hat sich schon einmal negativ auf Ihre Gesundheit ausgewirkt.

Oft stecke hinter der Arbeitssucht Fluchtverhalten, ordnet Expertin Nussbaum die Skala ein. „Langfristig ist das Raubbau an Körper und Seele“, sagt die Psychologin.

Das Schlimmste sei eigentlich, dass er nie seine eigenen Ansprüche erfüllen könne, erklärt Manager Werner. Selbst als er die Diagnose Krebs erhält, will er zunächst nicht aufhören zu arbeiten. Oder eher: Er kann nicht. Sein Arbeitgeber habe ihm keinen Druck gemacht, betont Werner. Die Initiative, auch mit Krankheit täglich vier Stunden zu arbeiten, sei von ihm selbst gekommen.

Ob sein übermäßiger Arbeitseifer ihn krank gemacht haben könnte? Darüber will Werner nicht spekulieren. Er betont nur, dass sein Arbeitgeber ihm keinen Druck gemacht habe, sondern er selbst. Nach mehr als drei Jahren Krankheit geht es ihm aktuell gut. Ein kleines Wunder, hatten ihm die Ärzte anfänglich gerade einmal 14 Monate zu leben gegeben.

Kurz nach seiner eigenen Diagnose stirbt ein enger Freund von Werner an Krebs – genau 13 Monate nach Diagnosestellung. „Mir wurde klar, wie schnell die Zeit vergehen kann“, erinnert sich Werner. Ein innerer Schalter legte sich um. Werners Arbeitsbelastung war immer noch hoch, aber nun ging es ihm auch noch psychisch mies. Das war der Moment, in dem er spürte: „Es geht nicht mehr.“ Kurz darauf begibt er sich in Behandlung – wegen seiner Arbeitssucht.

Gehandelt wird meist erst dann, wenn der Körper streikt

In der Oberberg-Klinik im Schwarzwald lernt Werner Andreas Wahl-Kordon kennen, einen Facharzt für Psychiatrie und Psychotherapie und Direktor der Klinik, in der unter anderem Depressions- und Suchtpatienten behandelt werden. Etwa bei einem Drittel seiner Patienten spielten arbeitsplatzbezogene Probleme eine Rolle für die psychische Erkrankung, so der Experte.

Arbeitsplatzbezogene Probleme können zu einer psychischen Erkrankung führen. Quelle: Luca D‘Urbino
Burnout

Arbeitsplatzbezogene Probleme können zu einer psychischen Erkrankung führen.

(Foto: Luca D‘Urbino)

Wenn ein Patient zu ihm kommt, weiß Wahl-Kordon oft noch nicht von der Arbeitssucht. Die Betroffenen berichten von Beschwerden wie einem Burn-out, Depressionen oder anderen Suchterkrankungen, oft sind Tabletten oder Alkohol im Spiel. Sie schildern „sekundäre Probleme“, wie es Wahl-Kordon ausdrückt. Erst wenn der Körper streikt und Beschwerden wie Bluthochdruck, Schlafstörungen oder Magengeschwüre auftreten, würden die Warnsignale einer Arbeitssucht auch ernst genommen.

Folgen hat das aber nicht nur für die Betroffenen, sondern auch für die Unternehmen, die die Arbeitssucht ihrer Mitarbeiter oft nicht erkennen. So rechnet die Wirtschaftswissenschaftlerin Ulrike Meißner beispielhaft vor, dass ein arbeitssüchtiger Personalmanager seinen Arbeitgeber rund 216.000 Euro im Jahr kostet, wenn er längerfristig ausfällt.

Der wirtschaftliche Schaden ist da noch nicht eingerechnet: „Das sind reine Kosten für interne Versetzungen, Kündigungen und Personalgespräche in Bezug auf die arbeitssüchtige Führungskraft“, erklärt Meißner. Die Personalexpertin hat in einer 2017 veröffentlichten Studie herausgefunden, dass mehr als 70 Prozent der Betroffenen Angestellte unterhalb der Führungskräfteebene sind.

Die Verteilung ergibt Sinn, schon rein zahlenmäßig gibt es weniger Manager als normale Angestellte. Was die Statistik außerdem zeigt: Arbeitssucht als reine „Managerkrankheit“ abzutun, was lange Zeit getan wurde, wäre zu kurz gegriffen.

Für Werner gibt es seit dem Klinikaufenthalt immer seltener Momente, in denen er in seine alten Muster verfällt. Dafür häufen sich die Momente, in denen er selbst merkt, dass sein Verhalten übertrieben akkurat ist. Wahrscheinlich werde er nie ein ungenauer oder nachlässiger Mensch sein, sagt Werner. Aber je mehr er sich über seine Schwächen im Klaren sei, desto leichter falle es ihm, mit ihnen umzugehen. Dabei haben ihm Therapie und Auszeit geholfen.

Ganz ohne kann Matthias Werner aber doch nicht. Er hat sich zum Ziel gesetzt, in seine alte Firma zurückzukehren. Anfang November hatte er seinen ersten Arbeitstag seit Langem. Er arbeitet erst mal an zwei Tagen jeweils zweieinhalb Stunden. So kann er weiter umsetzen, was er in seiner Auszeit über sich selbst gelernt hat. Werners erster Eindruck: „Ist ungewohnt, macht aber Spaß.“

(* Name geändert)

Mehr: Konkurrenz im Büro gilt als verpönt. Dabei kann eine Rivalität unter Kollegen nicht nur schaden, sondern durchaus auch das Geschäft beleben.

Der Handelsblatt Expertencall
Startseite

Mehr zu: Wenn Vollgas nicht genug ist - Sind Sie Workaholic? Der große Selbsttest in 17 Fragen

0 Kommentare zu "Wenn Vollgas nicht genug ist: Sind Sie Workaholic? Der große Selbsttest in 17 Fragen"

Das Kommentieren dieses Artikels wurde deaktiviert.