Türkische Lira

Offiziellen Angaben zufolge ist bei 7000 Firmen in der Türkei deutsches Kapital im Spiel.

(Foto: dpa)

Wirtschaftsbeziehung Erdogan zum Trotz: Warum der Handel mit der Türkei auch ohne politischen Frieden prosperiert

Mit dem Erdogan-Besuch in Berlin sollen auch die Wirtschaftsbeziehungen wiederbelebt werden. Dabei erwirtschaften deutsche Firmen längst einen Teil ihrer Umsätze am Bosporus.
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Berlin, IstanbulDer türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan wird an diesem Donnerstag für zweieinhalb Tage in Berlin erwartet. Er soll unter anderem Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier und Bundeskanzlerin Angela Merkel treffen, mit Topwirtschaftsleuten sprechen und bei einem Staatsbankett in illustrer Gesellschaft speisen.

Vor seiner Reise nach Deutschland hatte sich Erdogan öffentlich für eine Annäherung beider Länder ausgesprochen. Zugleich versprach er, den Handel zwischen beiden Staaten zu erhöhen.

Der politische Streit zwischen Deutschland und der Türkei belastete zuletzt nämlich auch die Wirtschaftsbeziehungen. Jetzt nähern sich beide Seiten wieder an. Und alle hoffen, dass dadurch auch die wirtschaftliche Zusammenarbeit wiederbelebt wird. Dabei blüht der Handel längst, auch ohne politischen Frieden.

Ein Beispiel dafür ist die Firma Aunde aus Mönchengladbach. Wie sehr Vorstandschef Rolf Königs auf die Türkei setzt, zeigte sich am 15. Juli 2016. Am Tag des Putschversuchs, dem mehr als 250 Menschen zum Opfer gefallen sind, habe er neue Investitionen in der Türkei besiegelt. In dem Land, das Europa und Asien verbindet, ist Aunde seitdem stark gewachsen. Dort erwirtschaftet das Unternehmen heute 350 Millionen der weltweit insgesamt 2,6 Milliarden Euro Umsatz.

„Alle Erlöse bleiben für Investitionen im Land, und das hat sich gelohnt“, unterstreicht Königs. Aunde hat sich zur Nummer 47 der türkischen Exporteure gemausert – und ist sogar mit einem Werk in Helmstedt zurück nach Deutschland expandiert.

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119 Werke in 29 Ländern hat die Aunde Group heute, 1982 waren es gerade eine Fabrik und 18 Millionen Euro Schulden. Der Erfolg kam mit der Türkei, betont Königs. Dort produziert seine Firma nicht nur Sitzbezüge, ganze Autositze, Formteile und Kfz-Interieurs: Sie hat inzwischen auch einen Windpark errichtet, besitzt zwei Urlaubsresorts und eröffnet in Kürze ein Zementwerk.

Offiziellen Angaben zufolge ist bei 7000 Firmen in der Türkei deutsches Kapital im Spiel. Dass die Zusammenarbeit häufig so gut verläuft, liege auch an den Kulturen beider Länder, ist Thilo Pahl, Geschäftsführer der Außenhandelskammer Istanbul, überzeugt. „Türkischer Pragmatismus und Flexibilität harmonieren sehr gut mit deutscher Direktheit und Organisation“, erklärt er. „Das unternehmerische Fundament der deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen weist dadurch eine hohe Krisenresistenz auf.“

Vertrauensverlust

Zuletzt stellte jedoch nicht nur der politische Streit die Investitionen deutscher Unternehmen in der Türkei auf den Prüfstand: Es war die türkische Wirtschaft selbst, die die Unternehmen verunsicherte. Die türkische Lira hat seit Jahresbeginn zu Euro und Dollar rund 40 Prozent an Wert verloren. Außerdem wurden Zweifel an der Unabhängigkeit der Zentralbank laut. Viele Investoren und Unternehmer zweifeln an ihren Engagements in der Türkei. Viele reden von Krise, der Vertrauensverlust ist immens.

Nicht so beim Schuhverkäufer Deichmann. „Wir Türken sind Meister im Meistern von Krisen“, ist Attila Özkul, der Geschäftsführer des Familienunternehmens in der Türkei, überzeugt. Seine Heimat müsse „immer langfristig gesehen“ werden. Er plädiert dafür, die aktuelle Krise nicht zu dramatisieren.

Die bisherige Wachstumssaga des selbst ernannten größten Schuhhändlers Europas – mit 177 Millionen Paar verkaufter Schuhe 2017 – gibt ihm am Bosporus recht: Von den 4000 Filialen und 36 Onlineshops weltweit hat das 2006 in der Türkei gestartete Deichmann dort heute 125 Verkaufsstellen, über 1000 Mitarbeiter und mehr als 100 Millionen Euro Umsatz mit gut fünf Millionen Paar Schuhen und mehr als sieben Millionen verkauften Artikeln insgesamt.

Die Türkei bleibe ein Wachstumsmarkt. Es gebe dort 80 Millionen Einwohner, hinzu kämen jährlich „40 Millionen kauffreudige Touristen“, wie Özkul sagt. Und: „Über die Türkei sind auch neue Märkte gut zu erschließen.“

Ohnehin sei das Land viel mehr als nur ein Absatzmarkt. Als „über Nacht“ Strafzölle in der Türkei verhängt wurden, sei das zunächst „ein Riesenschock“ gewesen. Es habe aber eben dazu geführt, dass nun deutlich mehr Textilien in der Türkei produziert würden.

Problem der Wirtschafts- und Währungskrise sei für Deichmann, dass die Umsätze in türkischer Lira gemacht würden, die Hauptkosten – viele Warenimporte und Mieten – allerdings in Dollar oder Euro entstünden. Bis Mitte Oktober aber sollen in der Türkei alle in Fremdwährungen vereinbarten Mietverträge auf Lira umgestellt werden. So entstünden Chancen für Exporte aus der Türkei, so Özkul.

Wichtig sei, so Özkul, dass man in der Türkei ganz anders vorgehen müsse als etwa in Deutschland: Im Februar betrage der Temperaturunterschied zwischen dem Norden der Republik und der Mittelmeerküste bis zu 40 Grad – weshalb man unterschiedliche Sortimente gleichzeitig im Angebot haben müsse. Zudem sei die Nachfrage nach Ratenzahlung viel größer, man müsse auf bestimmte, anderswo gewohnte Farbkombinationen verzichten und Öffnungszeiten von zwölf Stunden an allen 365 Tagen anbieten.

Rifat Hisarciklioglu, Präsident des türkischen Arbeitgeberverbandes TOBB, spricht über die aktuelle Krise als eine „nur vorübergehende Phase“. Sein Land habe es „noch nach jeder Krise geschafft, danach einen Sprung nach vorn zu machen“. Deshalb sei „ jetzt die genau richtige Zeit, um in der Türkei zu investieren“.

Krone: Im Sog der Krise

Auch die Firma Krone, einer von Europas größten Produzenten für Sattelschlepper, denkt nicht im Traum daran, die Türkei zu verlassen. „Wir stehen nach wie vor hinter unserer Investitionsentscheidung in der Türkei“, sagt Riza Akgün, der für Krone das Türkeiwerk nahe der westlichen Hafenstadt Izmir leitet.

Akgün sagt von sich, er sei der einzige Deutsche im Werk. Klingt komisch, ist aber so: Der Werksleiter hat einen türkischen Namen, ist allerdings deutscher Staatsbürger. Er glaubt, dass der politische Streit zwischen Berlin und Ankara auch seinem Geschäft geschadet hat: „Indirekt leider ja.“ Die Türkei sei ein großer Zulieferermarkt für Deutschland.

Deutsche Unternehmen, die in der Türkei Waren bestellen, seien durch den Streit zumindest irritiert gewesen. „Dies wiederum hat die türkischen Transportunternehmer verunsichert, die ihrerseits ihre Investitionen zumindest zeitlich verschoben haben.“ Sprich: Sie hätten weniger Sattelschlepper bestellt.

Auch die Lira-Schwäche bekam Krone zu spüren. Importe seien aufgrund des starken Euros und Dollars heruntergefahren worden, erklärt Akgün. „Unsere Kunden, die Transportunternehmen, haben aktuell Schwierigkeiten, Güter für Rücktransporte aus Europa zu organisieren.“

Akgün resümiert: „Die wirtschaftlichen Verflechtungen zwischen Deutschland und der Türkei sind immens.“ Das Vertrauen solle daher wieder behutsam aufgebaut werden.

An Ansprüchen gescheitert

Der Fall zwischen dem türkischen Düngemittel-Unternehmer Kemal Gencer und Thyssen-Krupp zeigt allerdings, an welchen Ansprüchen die deutsch-türkischen Wirtschaftsbeziehungen manchmal auch scheitern können. Der Vorstandschef der Firma Bagfas suchte sich für den Bau einer neuen Düngemittelanlage bewusst einen deutschen Lieferanten aus, weil er auf Qualität setzte.

Am Ende steht eine halbfertige Anlage auf dem Gelände und ein Rechtsstreit, den Gencer verlor. Thyssen-Krupp verteidigt das Vorgehen. „Ein internationales Schiedsgericht gab Thyssen-Krupp Industrial Solutions in allen Punkten recht“, erklärt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage.

Gencer ist enttäuscht. Er wolle eigentlich lieber mit den Deutschen zusammenarbeiten, könne sich nun aber vorstellen, einen Anlagenbauer aus einem anderen Land zu beauftragen. Zur Not auch aus China.

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