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Wirtschaftskriminalität Wenn Manager zu Tätern werden

Männlich, Mitte 40, deutsch, verheiratet und hochgebildet. So sieht der Idealtyp des erfolgreichen Managers aus, könnte man meinen. Dieses Profil beschreibt jedoch das Gros der Wirtschaftskriminellen. Die Täter mit dem weißen Kragen aber ohne weiße Weste schlagen bevorzugt in Krisenzeiten zu. Dennoch sparen gerade jetzt viele Firmen an Prävention und Kontrollen.
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Die Dunkelziffer der Wirtschaftskriminellen ist sehr hoch: Nur eine von sechs Straftaten wird aufgedeckt. Quelle: Bernd Pohlenz

Die Dunkelziffer der Wirtschaftskriminellen ist sehr hoch: Nur eine von sechs Straftaten wird aufgedeckt.

(Foto: Bernd Pohlenz)

DÜSSELDORF. Über Motivation und soziale Hintergründe solcher Täter wussten die Experten bislang wenig. Entsprechend vage gestaltet sich die Prävention und ihre Enttarnung im Betrieb. Die ist aber umso wichtiger in Krisenzeiten wie heute, in denen Wirtschaftsdelikte sprunghaft zunehmen.

Hendrik Schneider, Professor für Wirtschaftsstrafrecht an der Universität Leipzig, und Dieter John, Betrugsexperte und Vorstand der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Rölfs Partner, haben nun versucht, Wirtschaftsstraftäter zu typisieren. Ihr Fazit: Mögen sie sich auf den ersten Blick stark ähneln, sind Wirtschaftskriminelle alles andere als eine homogene Gruppe. Aus dem Zusammenspiel von Tatgelegenheit und Persönlichkeitsstruktur leiten sie Handlungsempfehlungen für Unternehmen ab.

Dazu analysierte Schneider die Urteile der drei Berliner Wirtschaftsstrafkammern aus dem Jahr 2007. Eine aufwendige Sache, zumal die Akten nur nach langwierigen Genehmigungsverfahren einsehbar waren. Ergänzt wurden die Urteile durch Praxisfälle der Betrugsaufklärer von Rölfs Partner. Insgesamt wurden 50 Täterprofile durchleuchtet.

Grundsätzlich unterscheiden Experten zwischen Tätern, die eine Gelegenheit ergreifen, und solchen, die gezielt die Gelegenheit zur Tat suchen. In der quantitativ nicht repräsentativen Studie hielten sich beide Gruppen die Waage. Der „Gelegenheitsergreifer“ ist langjähriger Mitarbeiter, der hohes Vertrauen genießt und durch Kontrolllücken zum Täter wird.

So ist die Dunkelziffer extrem hoch: „Nur eine von sechs Wirtschaftsstraftaten wird aufgedeckt“, weiß John. Der Schaden erreicht in Deutschland mindestens eine zweistellige Milliardenhöhe, lässt sich aber kaum seriös abschätzen. Sicher ist nur eines: Krisenzeiten schaffen den Nährboden für Wirtschaftsdelikte. Das belegt die Analyse, die vier Idealtypen herausfilterte. Am häufigsten vertreten:



Der Krisentäter
Karriereorientiert mit geradlinigem Lebenslauf wirft ihn ein Ereignis im Beruf oder Privatleben aus der Bahn. Schneider: „Wessen Karriere stockt, macht als Täter Karriere.“ Frust kann schnell in Rache umschlagen, wenn sich jemand von der Firma übergangen fühlt: Dann verkauft er eben Daten an die Konkurrenz oder greift in die Kasse.



Auch die Wirtschaftskrise kann Mitarbeiter aus Angst vor Jobverlust in die Enge treiben und zu Straftaten animieren. Eine Umfrage der Wirtschaftsprüfer von Ernst & Young unter 2 200 Beschäftigten in Europa ergab: Jeder vierte hält es derzeit für gerechtfertigt, die Geschäfte mit Schmiergeld zu sichern oder anzukurbeln.

Andere Krisentäter wiederum haben im Job Fehler gemacht und versuchen, sie zu vertuschen. „Insolvenzverschlepper etwa berufen sich oft darauf, zum Wohle der Firma zu handeln“, sagt Alfred Dierlamm, Wirtschaftsstrafverteidiger aus Wiesbaden. Einen Fehler vertuschen wollte auch der langgediente Berliner Bankmanager, der einen Kredit ohne ausreichende Bonitätsprüfung gegeben hatte. Damit die Sache nicht aufflog, musste er die Kredite mehr und mehr erhöhen. „Viele Täter verstricken sich immer tiefer, weil sie die Erwartungen nicht enttäuschen wollen“, sagt Dierlamm.

Der chronische Täter
Seine Taten fallen in eine persönliche Umbruchphase. Durch die Trennung von der Familie oder einen Auslandsaufenthalt verliert er den Boden unter den Füßen. Fehlt die Ehefrau als Kontrollinstanz, fallen alle Schranken. Schneider: „Ein chronischer Täter erlebt in den Wechseljahren des Mannes oft eine Art Zweitpubertät.“

Um seinen ausschweifenden Lebensstil zu finanzieren, sucht er mit krimineller Energie nach Tatgelegenheiten. Da er kein Unrechtsbewusstsein hat, kann er nachts gut schlafen. Dieser Tätertyp hat oft einen unsteten Lebenslauf und nicht selten Vorstrafen. Seine Einstellung ließe sich durch Vorlage von polizeilichem Führungszeugnis, Originalzeugnissen und Nennung von Referenzpersonen oft verhindern.



Der Abhängige
Mit der Tat zahlt er einen Gefallen zurück. Ansonsten droht der Anstifter, dem er oft unterstellt ist, mit Repressionen. Erpressbar wird der Abhängige etwa durch kompromittierende Trinkgelage oder Bordellbesuche, in die ihn der Anstifter gezielt hineinzieht. Die diversen kommunalen Korruptionsaffären um Sparkassen und Müllfirmen sind typische Fälle.



Der Unauffällige
Diese Tätergruppe lässt sich keinem klaren Profil zuordnen. Sie ist auffällig unauffällig. Die Tat erklärt sich nur aus der Gelegenheit. Dem Unauffälligen ist allein durch Kontrolle und Prävention Einhalt zu gebieten.

In Zeiten knapper Kassen jedoch sparen hier viele Firmen am falschen Ende. Sie bauen in der internen Revision ab, statt sie aufzustocken, kritisiert Betrugsaufklärer John. Peter von Blomberg, Vize-Vorsitzender von Transparency International Deutschland, warnt zudem davor, an Schulungen zu sparen, die verfängliche Situationen für Mitarbeiter simulieren.

Firmen, die in Krisenzeiten an unrealistischen Zielvorgaben festhalten, setzen Mitarbeiter unter Druck und verleiten ungewollt zu Straftaten. „Das Betriebsklima entscheidet wesentlich, ob Mitarbeiter integer sind“, betont Blomberg. Nach jeder Kündigungswelle zeigt sich, dass die Diebstahlquote rapide steigt, so die Erfahrung von Betrugsaufklärer John.

Die ermittelten Täterprofile zeigen: Unternehmen sollten sensibel darauf achten, ob sich Mitarbeiter in einer persönlichen Lebenskrise befinden. Im Zweifel sind sie von anfälligen Posten abzuziehen. Blomberg rät ohnehin zu konsequenter Jobrotation: „Spätestens nach fünf Jahren müssen Mitarbeiter, die etwa im Einkauf oder Vertrieb korruptionsgefährdete Aufgaben wahrnehmen, ausgewechselt werden.“

Viele Unternehmenslenker vergessen, dass sie persönlich haften – selbst wenn der Vorstandskollege für Prävention verantwortlich zeichnet. Blomberg: „Deutsche Firmen handeln zu oft nach der Devise: Es ist noch immer gut gegangen. Das Grundvertrauen in Mitarbeiter ist extrem hoch, gerade in Familienbetrieben.“

Ist es dann doch passiert, versuchen die meisten Unternehmen, Wirtschaftsdelikte zu vertuschen, beobachtet John. Die ertappten Täter werden still und leise mit gutem Zeugnis und goldenem Handschlag entfernt. John kann davor nur warnen: „Das Signal an die Mitarbeiter ist fatal: Wenn ich auffliege, kann mir nicht viel passieren.“

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