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Anlagenbauer Mittelständler M+W versinkt im indischen Korruptionssumpf

Zwölf Jahre baute die M+W Group in Indien Fabriken. Nun zwingt ein Korruptionsskandal den Mittelständler zum Rückzug aus dem Markt.
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M+W Group versinkt im indischen Korruptionssumpf Quelle: picture alliance/AP Photo
Neu Delhi

Der Boom war für M+W von kurzer Dauer.

(Foto: picture alliance/AP Photo)

Berlin, BangkokAus und vorbei. Zwölf Jahre hat die M+W Group in Indien Fabriken für die Industrie gebaut, neue werden nicht mehr hinzukommen. Das Unternehmen hat beschlossen, sich aus dem indischen Markt zurückzuziehen. „Die M+W Group wird alle lokalen Projekte gemäß der bestehenden Kundenverträge zu Ende führen und das Geschäft danach vollständig einstellen“, sagte Peter Schönhofer, Vorstandschef der M+W Group GmbH, dem Handelsblatt.

Vor einer Dekade hofften die Stuttgarter Anlagenbauer auf den Subkontinent, groß am Boom mitzuverdienen. Nun endet das indische Abenteuer mit Millionenverlusten und einem Korruptionsskandal.

Es ist ein Ende mit Schrecken und es wird nicht schnell vorbei gehen. Beim Tochterunternehmen MW High Tech Projects India (MW India) dreht sich inzwischen wenig ums Geschäft und viel um zu wenig bezahlte Sozialabgaben, Steuernachforderung in zweistelliger Millionenhöhe und Ermittlungen der Behörden. Der indische Arbeitsminister Santosh Gangwar hat öffentlich eine rasche Aufklärung des Skandals versprochen.

Der Fall MW India kann vielen deutschen Mittelständlern als Lehrstück dienen. Experten warnen seit langem, dass sich Firmen, die nach Indien expandieren, auf eine völlig andere Geschäftskultur einstellen müssen. „Wir stoßen in Indien häufig auf Fehlverhalten des lokalen Managements infolge mangelnder Sorgfalt des Mutterhauses“, sagt Werner Heesen, der früher das Indien-Geschäft der Lufthansa leitete und nun bei dem Beratungsunternehmen Dr. Wamser + Batra deutsche Firmen auf dem Subkontinent unterstützt. Ein Fehlverhalten ihrer lokalen Mitarbeiter bestreitet die M+W Group schon lange nicht mehr.

Die Krise in Indien entwickelte sich hauptsächlich in der Amtszeit des österreichischen Managers und Ex-Audi-Chefs Herbert Demel bei M+W. Schönhofer ist erst seit Oktober 2018 im Amt. Er muss aufräumen, was andere ihm hinterlassen haben.

Doch der Reihe nach. Als MW India 2006 gegründet wurde, stand Indien mitten in einer Boomphase: Die Wirtschaft wuchs mehr als neun Prozent im Jahr. Internationale Unternehmen wollten den Aufschwung nicht verpassen. Der Zufluss an ausländischen Direktinvestitionen verdreifachte sich von 2005 auf 2006 beinahe von sieben auf mehr als 20 Milliarden Dollar.

Auch die M+W Group witterte gute Geschäfte, zumal große Konzerne aus dem Westen den Stuttgarter Anlagenbauer vertrauten. So konnte MW India Aufträge für Baustellen des französischen Reifengiganten Michelin, des US-Lebensmittelkonzern Mondelez und des deutschen Chemieriesen BASF ergattern. Zuletzt beschäftigte MW India ohne Subunternehmer rund 250 Mitarbeiter, wobei ein Teil für Projekte innerhalb der M+W Group eingesetzt wurde.

Streit um 14 Millionen Euro Steuernachzahlung

Der Boom war von kurzer Dauer. Im Finanzjahr 2016/2017 erzielte MW India bei rund 26 Millionen Euro Umsatz rund 3,9 Millionen Euro Verlust. Im Vorjahr waren es sogar 6,3 Millionen Euro Miese gewesen. Die Verluste könnten sich noch vervielfachen, denn die indischen Steuerbehörden fordern eine Nachzahlung von rund 14,4 Millionen Euro Steuern für die Jahre 2013 bis 2015. MW Indien wehrt sich dagegen und hat Einspruch eingelegt. Das Unternehmen teilt mit, das Ende des Verfahrens sei völlig offen.

Wie die Dinge bei MW India aus dem Ruder laufen konnten, zeigen interne Reports und Audits, die dem Handelsblatt vorliegen. So alarmierten Prüfer für das Finanzjahr 2012/13, es gebe erheblichen Verspätungen bei Zahlungen an die Sozialkassen und die Steuerbehörden.

Ein Jahr später vermerken sie, interne Kontrollsysteme seien der Größe der Firma nicht angemessen – weder mit Blick auf den Einkauf noch mit Blick auf den Verkauf. Sie attestierte zudem ein „andauerndes Versagen“, diesen Fehler zu korrigieren.

Einen Fall führen die Prüfer an, bei dem umgerechnet 200.000 Euro verschwunden sein sollen. Das Management vermute, dass das Geld veruntreut worden sei, heißt es in dem Papier. Eine gesonderte Untersuchung externer Wirtschaftsprüfer erbrachte jedoch keine Beweise.

Wie tief die MW India in den lokalen Korruptionssumpf hineingeraten war, kam dann 2016 ans Licht. Interne Ermittlungen liefen schon einige Monate, als die Öffentlichkeit durch Abhishek Mishra davon erfuhr. Der Inder hatte eigentlich bei MW India Karriere machen wollen. Nach Stationen beim indischen Mischkonzern Larsen & Toubro und dem Konglomerat Essar wurde er im März 2016 Chef der Personalabteilung bei MW India. Er blieb nur fünf Monate.

Glaubt man Mishra, dann ruinierte der vermeintliche Traumjob sein Leben. Heute lebe er wie auf der Flucht, sagt er dem Handelsblatt, weil er auf Missstände hingewiesen habe. „Hunderte Arbeiter sind um den Mindestlohn geprellt worden, das Unternehmen hat Sozialabgaben und Steuern nicht gezahlt.

Stattdessen haben sich führende Mitarbeiter von MW India persönlich bereichert und die Behörden geschmiert.“ Diese Botschaft verbreitet Mishra seit 2016 hartnäckig, im Unternehmen, bei den Behörden und schließlich auch in der Presse.

Auch vor Gericht streitet er sich mit Unternehmen. Ein Arbeitsgericht urteilte dieses Jahr im Mai, dass Mishra wiedereingestellt und ihm das Gehalt nachgezahlt werden muss. Die Auseinandersetzung dauert aber an. Mishra sagt, er mache das nicht nur für sich. „Ich tue das für mein Land.”

Die M+W Group sieht sich hingegen als Opfer einer Verleumdungskampagne. Mishra versuche das Unternehmen mit „falschen öffentlichen Anschuldigungen“ und mehreren Anzeigen in Misskredit bringen, teilt die M+W Group mit. Der ehemalige Leiter der Personalabteilung sei fristlos gekündigt worden, weil er sich selbst von einem Subunternehmen habe schmieren lassen. So steht es in einer Strafanzeige der MW India bei der lokalen Polizei.

Die Kündigung des Personalchefs ist ungewöhnlich, denn sie fiel im August 2016 auf den gleichen Tag wie die Kündigung des Unternehmens. Es scheint, als wollte Mishra seinem Arbeitgeber zuvorkommen. Trotzdem verlangt er eine Abfindung in Höhe von zwei Jahresgehältern. Seine wütenden Beschwerde-E-Mails zu den Missständen, die er in den folgenden Monaten an den Global Chief Compliance Officer der Gruppe schickte, legt das Unternehmen als Erpressungsversuch aus.

Zuwendungen an Beamte der Sozialkasse

Mishra sagt, er habe den Druck seiner Vorgesetzten nicht mehr ausgehalten und habe deswegen gekündigt. Damit er abgesichert sei, habe er die Abfindung verlangt. Die Sozialkasse „Provident Fund“ hat er laut eigenen Angaben bereits im Juni über Unstimmigkeiten informiert, also noch vor seiner Kündigung.

Das Unternehmen geht juristisch gegen Mishra vor. Doch das Timing wirft Fragen auf. So wandte sich MW India erst Mitte Februar 2018 an die Polizei, als die indische Presse bereits berichtete. Die vermeintlichen Erpressungsmails waren zu diesem Zeitpunkt schon anderthalb Jahre alt.

Die Zivilklage gegen Mishra reichte MW India sogar erst am 12. Oktober 2018 ein – zwei Tage nach der ersten Handelsblatt-Anfrage zu den Vorgängen. Beides wirkt wie eine Retourkutsche gegen den Whistleblower oder wie der verspätete Versuch, ihn zum Schweigen zu bringen.

Dabei lassen sich einige Vorwürfe nicht von der Hand weisen. Einen gravierenden Korruptionsfall der jüngeren Vergangenheit räumt die M+W Group selbst ein. Ein Beamter des „Provident Fund“ habe eine persönliche Zuwendung gefordert, „um im Gegenzug von detaillierten Ermittlungen im Rahmen der Routinekontrolle abzusehen“, teilt das Unternehmen mit. Eine Kollegin habe im Januar 2016 Alarm geschlagen. Wieder rückten bei MW India externe Prüfer an. Diesmal wurde aus dem Verdacht Gewissheit.

Mitarbeiter hätten 2014 Geldbeträge an Beschäftigte der Sozialkasse gezahlt, um Ermittlungen wegen der verspäteten Zahlungen zu vermeiden, sagt CEO Schönhofer. Vier Personen seien daraufhin fristlos entlassen und drei weitere abgemahnt worden. „Zusätzlich wurden die Top 50 Mitarbeiter der MW India nochmals ausführlich zu den Themen Korruption, Code of Conduct und Compliance Standards geschult.“ Gegenüber Straftaten und Korruption gebe es bei M+W keine Toleranz, betont Schönhofer.

Berater Werner Heesen überraschen die Vorgänge nicht. „Deutschen Unternehmen ist es oft unangenehm, ihre Indien-Niederlassung bis ins Detail zu kontrollieren. Das müssen sie aber“, sagt er. „In Indien werden diese Freiräume sonst als mangelndes Interesse missverstanden – und dann ausgenutzt.“

Bei Korruptionsfällen empfiehlt er, hart durchzugreifen und auch die Geschäftsführung nicht zu verschonen, ohne deren Einwilligung seien Schmiergeldzahlungen in der Regel nicht möglich. „Nur Bauernopfer zu entlassen reicht nicht. Es ist auch das falsche Signal an die anderen Angestellten, wenn bei solchen Fällen am Ende nur untergeordneten Mitarbeitern die Schuld gegeben wird.“

Ein ehemaliger Mitarbeiter von MW India, der mit dem Fall vertraut ist und namentlich nicht genannt werden möchte, hält es für wenig glaubwürdig, dass die Kollegen ohne Anweisung von oben gehandelt hätten. „Natürlich haben die Mitarbeiter das nicht aus eigener Tasche bezahlt“, sagt er. „Solche Beträge können auch nicht aus der Firmenkasse ohne Zustimmung der Geschäftsführung bezahlt werden.“ Dass die Bestechungsgelder aus der Firmenkasse kamen, bestätigt inzwischen auch die M+W Group. Die damals verantwortlichen Geschäftsführer seien jedoch nicht mehr im Amt.

Vielleicht war es das schlechte Gewissen wegen des bestechlichen Beamten oder die Aufmerksamkeit des Arbeitsministers. Anfang 2018 griff jedenfalls auch die Sozialkasse „Provident Fund“ durch. Am 5. März 2018 bestiegen Ermittler der Untersuchungskommission die Aufzüge der Kapil Towers im Finanzdistrikt der Provinzhauptstadt Hyderabad. Sie fuhren in die 10. Etage zu den Büros der MW India, wo sie Rechnungen, Dienstpläne, Finanzdaten und Quittungen beschlagnahmen wollten.

Die Razzia nahm einen merkwürdigen Verlauf. Führungskräfte waren nicht anwesend. Die Mitarbeiter weigerten sich, Papiere und Passwörter für die Computer herauszugeben. Als sie schließlich einlenkten, fehlten viele Dokumente in digitaler Form. Weil das Herunterladen der übrigen Daten zu lange dauerte, zogen die Offiziellen nur mit dem Versprechen wieder ab, MW India werde die Dokumente unverzüglich liefern.

Das Ende der Ermittlungen ist nicht absehbar

Wenige Stunden später hielt ein Lkw vor dem regionalen Büro der Sozialkasse. Mitarbeiter luden 65 Kartons ab. Wir werden einen Monat brauchen, um die Dokumente zu verifizieren, notierten die Ermittler. Tatsächlich vergingen fünf Monate, bis der „Provident Fund“ in einem Zwischenbericht notierte: MW India könnte von 2012 bis 2016 Sozialabgaben auf Brutto-Gehälter in Höhe von umgerechnet 15 Millionen Euro zurückgehalten haben. Für indische Verhältnisse geht es um viel Geld.

Die M+W Group bestätigt die Ermittlungen, legt aber Wert auf die Feststellung, dass es bislang keine „konkrete Nachzahlungsforderung“ gebe. CEO Schönhofer glaubt daran, „dass dieses Kapital sauber abgeschlossen wird“. Auf Anfrage heißt es beim „Provident Fund“, dass noch immer Unterlagen geprüft würden – und nicht abzusehen sei, wann der finale Bericht veröffentlicht werde.

So endet das indische Abenteuer der M+W Group in zahlreichen juristischen Nachspielen. Die Fronten haben sich verhärtet. Abhishek Mishra klagt, er fühle sich und seine Familie bedroht und sei praktisch untergetaucht. Die M+W Group hält den Vorwurf für aus der Luft gegriffen.

„Für Bedrohungen jedweder Art sehen wir als Unternehmen überhaupt keine Grundlage“, sagt der Firmenchef. Unterdessen hat sich der „Provident Fund“ offenbar auf die Seite des Whistleblowers geschlagen. Am 10. Oktober schrieb die Behörde dem örtlichen Polizeipräsidenten einen Brief. Darin bittet sie, den Schutz für Mishra zu erhöhen.

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