Bilanzanalyse hunderttausender Firmen Der deutsche Mittelstand geht wieder stärker ins Risiko

Die deutsche Wirtschaft setzt wieder vermehrt auf Kredite. Gleichzeitig ist der Zuwachs an Investitionen der stärkste des gesamten Jahrhunderts.
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Schulden: Deutsche Unternehmen werden mutiger und ins Risiko Quelle: Benteler
Benteler

Vor gut eineinhalb Jahren beschloss die Konzernführung des Autozulieferers, bis 2021 in fünf deutsche Standorte insgesamt 200 Millionen Euro zu investieren.

(Foto: Benteler)

DüsseldorfDer Autozulieferer Mahle investiert eine dreiviertel Milliarde Euro in die Weiterentwicklung der E-Mobilität, der IT-Dienstleister Bechtle erhöht seine Schulden um 67 Millionen Euro, der Biotechnikforscher Evotec zahlt 15 Millionen Euro für eine Beteiligung – die Meldungen all dieser Unternehmen zeigen, dass die Firmen ihre Gewinne nicht mehr horten, sondern wieder stärker investieren.

Und dafür gehen sie auch immer häufiger ins Risiko, indem sie sich zusätzliches Geld leihen: Quer durch alle Branchen steigerten die mittelständischen Firmen ihre Bankverbindlichkeiten im abgelaufenen Geschäftsjahr im Schnitt um sechs Prozent. Währenddessen stieg das ohnehin schon auf einem Rekord befindliche Eigenkapital „nur“ um weitere 4,5 Prozent.

Das belegen dem Handelsblatt vorliegende Berechnungen des Deutschen Sparkassen- und Giroverbandes (DSGV). Diese basieren auf Auswertungen von Daten aus mehreren hunderttausend Firmenbilanzen, die insgesamt 50 Prozent der gesamten Unternehmensumsätze in Deutschland abbilden.

Sie haben damit gesamtwirtschaftliche Aussagekraft. Als Marktführer im Mittelstand unterhalten die 385 Sparkassen mit 13.000 Geschäftsstellen zu drei von vier deutschen Firmen Geschäftsbeziehungen und haben damit auch Einblick in sämtliche bilanzrelevanten Kennzahlen der Firmen.

Ihre Netto-Investitionen erhöhten die von der DSGV registrierten Unternehmen im abgelaufenen Geschäftsjahr im Schnitt um 4,1 Prozent. Das ist der stärkste Zuwachs in diesem Jahrhundert. Im Gegenzug sank die Liquiditätsquote binnen eines Jahres von 6,1 auf 5,7 Prozent.

Der neue Trend zum Wachstum wird auch von einer Umfrage des DSGV unter seinen 385 Sparkassen belegt. Demnach bestätigten 98 Prozent der befragten Mittelstandsexperten in den einzelnen Instituten, dass die kreditfragenden Unternehmen die bewilligten Gelder operativ nutzen – und dies mehrheitlich für Erweiterungsinvestitionen, die für Wachstum sorgen sollen.

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In den vergangenen Jahren zeigte sich der deutsche Mittelstand noch deutlich vorsichtiger mit seinen Investitionen: Die Unternehmen hatten ihre Eigenkapitalquote auf ein Rekordhoch 40 Prozent gesteigert. Im Gegenzug war die Quote an Bankverbindlichkeiten auf einen Tiefstand gefallen. Nicht noch einmal wollten sie, wie in der großen Rezession vor knapp zehn Jahren, auf teure Kredite angewiesen sein.

Jetzt also die Kehrtwende: Gemessen am Gewinn liehen sich die Unternehmen zuletzt also wieder überdurchschnittlich viel Geld bei den Banken. Deshalb sank die jahrelang steigende Eigenkapitalquote erstmals wieder leicht: von 39,4 auf 39,1 Prozent. Im Gegenzug erhöhte sich aufgrund der rasant gestiegenen Kreditnachfrage die Quote an Bankverbindlichkeiten von 26,2 auf 26,9 Prozent. Zuvor war sie seit 2003, als sie noch bei hohen 36 Prozent lag, kontinuierlich gesunken.

Mehr Geld fragten die Firmen zuletzt in allen Bereichen nach: am stärksten im Dienstleistungssektor und der Informationstechnologie (IT) mit einem Kreditwachstum von 24 Prozent, gefolgt von Unternehmen in der Vermietungs- und Leasingbranche, dem Gesundheitswesen sowie der Automobil- und der Baubranche.

SHW will unabhängiger von VW machen

Die neue Mode verstärkter Investitionen zeigt sich auch beim Autozulieferer SHW. Der Hersteller von Bremsscheiben, Pumpen und Motorkomponenten baut seine Fertigung im Ausland aus und investiert in diesem und nächsten Jahr mehr als 30 Millionen Euro in China, Nordamerika und Osteuropa.

Auch deshalb steigen die Verbindlichkeiten: binnen eines Jahres von 17 auf 30 Millionen Euro im abgelaufenen Geschäftsjahr. Gemessen an der Bilanzsumme erhöhte sich die Finanzschuldenquote von acht auf zwölf Prozent. Erklärtes Ziel ist es, die Abhängigkeit vom größten Kunden, Volkswagen, zu verringern.

Mehr ins Risiko geht auch Evotec mit seinen knapp 2200 Mitarbeitern. Der Wirkstoffforscher in der Biotechbranche investierte unter anderem 15 Millionen Euro in eine Beteiligung an Exscientia, einem Spezialisten für die Entwicklung und Anwendung von künstlicher Intelligenz bei der Erforschung von Wirkstoffen.

„Unsere Investition in Exscientia ist die bislang größte Platzierung von Eigenkapital“, hob Vorstandschef Werner Lanthaler hervor. In der Folge stiegen die Finanzschulden im Geschäftsjahr 2017 binnen eines Jahres von 30 auf 192 Millionen Euro. Evotecs Kredite flossen keineswegs in die Liquidität. Die Finanzreserven sanken leicht von 128 auf 102 Millionen Euro. Hingegen stieg die lange Zeit sehr niedrige Quote aus Finanzschulden zur Bilanzsumme von weniger als zehn Prozent auf zuletzt 29 Prozent.

Thomas Olemotz, Vorstandschef von Bechtle, resümierte: „2017 haben wir in zahlreiche für das Unternehmen wichtige Zukunftsprojekte investiert“. Der IT-Dienstleister investierte in ein neues Frankfurter Datencenter und in sein angestammtes Cloudgeschäft. Zwar steigerte Bechtle dank sprudelnder Gewinne auch 2017 sein Eigenkapital weiter von 694 auf 777 Millionen Euro. Doch die Finanzschulden wuchsen stärker: von 62 auf 129 Millionen Euro.

Mehr Mut in wirtschaftlich guten Zeiten beweist auch Mahle. Um im Zeitalter der E-Mobilität vorne mitzumischen, tüfteln 6000 Entwickler in 16 Forschungszentren an hybriden und elektrischen Antriebssysteme. Der Autozulieferer gibt dafür 750 Millionen Euro aus, rund sechs Prozent des Umsatzes. „Es ist klar, die Transformation kostet Geld“, sagte Mahle-Chef Jörg Stratmann: „Deshalb sind wir auch bereit, vorübergehend ein geringeres Ergebnisniveau zu akzeptieren.“

Investitionen in allen Branchen

Auch bei Benteler wird schuldenfinanziert expandiert. Vor gut eineinhalb Jahren beschloss die Konzernführung des Autozulieferers, bis 2021 in fünf deutsche Standorte insgesamt 200 Millionen Euro zu investieren. So wird in Paderborn die Airbag-Rohfertigung ausgebaut, und im benachbarten Schloß Neuhaus fließen Investitionen in die Oberflächentechnik.

Inzwischen ist bereits fast die gesamte Summe umgesetzt oder zumindest verplant. Auch deshalb stieg die Quote an Finanzschulden zur Bilanzsumme binnen eines Jahres von 32 auf zuletzt 35 Prozent.

Experten sind sich sicher, dass dieser Trend gerade erst begonnen hat. „Wir werden in den kommenden Jahren weiter steigende Investitionen in die Digitalstrategie, in Elektromobilität und autonomes Fahren sehen“, prognostiziert Industrieexperte Peter Fuß von der Wirtschaftsprüfungsgesellschaft Ernst & Young (EY).

Der Bedarf an weiteren Investitionen ist branchenübergreifend hoch. In Deutschland wollen knapp 85 Prozent der Unternehmen ihre Arbeit in den nächsten fünf Jahren automatisieren, ermittelten die Ökonomen des Weltwirtschaftsforums in der internationalen Studie „Future of Jobs“.

„Damit Unternehmen im Zeitalter der Maschinen dynamisch, differenziert und wettbewerbsfähig bleiben, müssen sie in ihr Humankapital investieren“, schlussfolgert Saadia Zahidi, Leiterin des Zentrums für Neue Wirtschaft und Gesellschaft des Weltwirtschaftsforums.

Die stärkere Kreditnachfrage geht bei den Unternehmen mit großer Zuversicht einher. So ermittelte EY, dass die Geschäfte im Mittelstand so gut laufen wie noch nie in den vergangenen zehn Jahren. Knapp zwei Drittel der deutschlandweit 2000 befragten Firmen mit einem Umsatz zwischen 20 Millionen und einer Milliarde Euro waren „uneingeschränkt zufrieden“ mit ihrer Geschäftslage. Mehr als ein Drittel der Firmen wollten ihre Ausgaben für neue Maschinen, die Infrastruktur und Gebäude erhöhen.

Auslastungen der Produktionskapazitäten von über 85 Prozent, wie sie das Münchener Ifo-Institut bei der Befragung von über 7000 Unternehmen registrierte, tragen zur guten Stimmung ebenso bei wie die hohe Beschäftigtenzahl. Mit rund 45 Millionen Erwerbstätigen liegt sie in Deutschland auf dem höchsten Stand seit 1991.

Und ein Ende des Konjunktur- und Beschäftigungsbooms, der die Bereitschaft zu Investitionen steigen lässt, ist nicht in Sicht. Deutschlands beschäftigungsstärkste Branche, der Maschinen- und Anlagenbau mit 1,3 Millionen Beschäftigten und 226 Milliarden Euro Umsatz, rechnet nach den vergangenen Rekordjahren auch 2019 mit weiter steigenden Umsätzen. Der Maschinenbau profitiert von der Automatisierung der Industrie und geht für das kommende Jahr mit einem Produktionswachstum von zwei Prozent aus.

Zinsverpflichtungen kaum ein Problem

Auch im laufenden Geschäftsjahr setzt sich die Nachfrage der Firmen nach Kapital fort. Zwar gibt es noch keine Daten von den Unternehmen, wohl aber zu ihrem Kreditgeschäft: Die Kreditzusagen der deutschen Sparkassen stiegen im ersten Halbjahr im Vergleich zu den ersten sechs Monaten des Vorjahres um sechs Prozent.

Nach Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) erreichte die Kreditvergabe an Selbstständige und Firmen hierzulande im ersten Quartal 2018 den höchsten Stand seit der Finanzkrise 2009.

Gut für die Unternehmen: Angesichts der anhaltenden Nullzinspolitik der EZB und rekordniedrigerer Zinsen auf Bankdarlehen schlagen sich die Kredite bei den Gesamtkosten kaum nieder. Zinsverpflichtungen, Anleihen und andere Schulden machen nach Berechnungen der DZ Bank gerade einmal 1,4 Prozent der gesamten Unternehmenskosten aus. Das ist so wenig wie noch nie – trotz der jüngst gestiegenen Kreditnachfrage.

Grund dafür sind die drastisch gesunkenen Zinssätze. Kurz vor Beginn der Niedrigzinsphase vor knapp zehn Jahren bezahlten deutsche Firmen im Schnitt noch 5,5 Prozent Zinsen für ihre Darlehen. Seitdem ging es kontinuierlich nach unten auf zuletzt 2,3 Prozent. Angesichts ständiger Refinanzierungen langlaufender Kredite sinkt das Niveau immer noch weiter.

Selbst wenn das Zinsniveau im nächsten oder vielleicht übernächsten Jahr wieder steigen sollte und anschließend auch die Kosten für die Refinanzierung der Darlehen wieder anziehen: Nichts deutet darauf hin, dass die höheren Kreditnachfragen die Unternehmen in Schieflagen bringen könnten. Denn mit 39 Prozent haben die deutschen Unternehmen viel Eigenkapital angehäuft. Das ist ein dickes Polster für schwache Konjunkturzeiten.

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