Brettspiel „€uro Crisis“ im Test Wie wir Europa an den Abgrund drängten

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Griechische Inseln bringen fette Punkte
Jede Runde wählt man aus verschiedenen Städte-Karten aus: Mit „Moskau“ kann man Waffen und Gold kaufen. Dabei ist es wichtig, wer zuerst dran ist und in welcher Spielphase man sich befindet. Quelle: Steffen Daniel Meyer
Mit „Moskau“ zu Waffen und Gold.

Jede Runde wählt man aus verschiedenen Städte-Karten aus: Mit „Moskau“ kann man Waffen und Gold kaufen. Dabei ist es wichtig, wer zuerst dran ist und in welcher Spielphase man sich befindet.

Durch den Schuldenschnitt werden die Staatsanleihen wertlos, und vor allem Sara und ich verlieren sehr viel Kapital – Alex zwar auch, aber nicht so viel. Unser Konkurrent grinst schelmisch. So ist das eben: Wer „Finanzkrise“ gewinnen will, darf sich keine Freunde machen, sondern muss wie ein knallharter Kapitalist denken. Deswegen habe ich auch einen Aufstand in Frankreich unterstützt und so das Volk ihren Eiffelturm zurückerobern lassen. Er hat ja nicht mir, sondern Sara gehört.

Als Revanche rüstet sie später in Griechenland die Rebellen auf und ich verliere die Akropolis. Zwar kann ich mir das Wahrzeichen im nächsten Zug zurückkaufen, aber eigentlich hatte ich es schon auf die gesamten Inseln des Landes abgesehen – die bringen fette Punkte.

Das griechische Wahrzeichen ist bei„ €uro Crisis“ im Visier der Banken. Quelle: ap
Spielball Akropolis

Das griechische Wahrzeichen ist bei„ €uro Crisis“ im Visier der Banken.

(Foto: ap)

Nach drei Spiel-Jahren ist eine Partie spätestens zu Ende, und dann zählt vor allem, wer am meisten Staatseigentum privatisiert hat; der Besitz von Einkommen, Waffen und Gold bringt deutlich weniger. Zwar hat Sara mit ihrer Birmingham Bank of Capitalism ordentlich eingekauft – ihr gehört unter anderem der spanische Stierkampf und das französische Bildungssystem – doch hat sie nicht auf Spaniens Schuldenstand geachtet: Am Ende jedes Jahres erhöht sich dieser automatisch, so auch im letzten Jahr, und schwupps, rutscht auch Spanien in den Staatsbankrott und Sara verliert eine Menge Anleihen – so viele, dass sie ihre Schulden nicht mehr bedienen kann, selbst pleitegeht und damit aus dem Spiel ausscheidet. Ich reibe mir die Hände. Eine Konkurrentin weniger.

Alex mit seiner Cuban Fidelio gerät zwar durch den spanischen Bankrott auch in Bedrängnis, ist aber noch im Plus. Allerdings hat er nur wenig Staatseigentum privatisiert, da war ich mit meiner Sparkasse Harburg-Buxtehude deutlich aggressiver. So gewinne ich das Spiel dank meines skrupellosen Umgangs mit der griechischen Bevölkerung und meiner Gier nach Staatseigentum und darf mich nun „Beste €uro Crisis Zockerbank“ nennen.

Der Verlierer hingegen “ist für die Aufräumarbeiten nach der Krise zuständig”, heißt es in der Anleitung, und Sara wird folgerichtig dazu verdonnert, das Spiel alleine zusammenzupacken. Wir helfen ihr trotzdem dabei. So richtig knallharte Kapitalisten sind wir wohl doch nicht geworden. Aber um Frankreich und Spanien in die Pleite zu treiben, hat es noch gereicht. Zynisch waren wir schon vorher.

Krisen-Spiel mit Suchtpotenzial
Steffen Daniel Meyer, Sparkasse Harburg-Buxtehude
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„Mir gefällt das Thema: Reformen, Ratings, Staatspleiten, Privatisierungen – seit Ausbruch der Finanzkrise hat mich das alles nicht mehr losgelassen. Als Spiele-Liebhaber habe ich immer darauf gehofft, dass jemand diese Thematik fürs Brett umsetzt. Die Jungs vom Doppeldenk-Verlag haben das geschafft und das Gefühl der Krise in einem wunderbar satirischen Stil eingefangen. Auch die Regelmechanik ist gelungen: Auf den ersten Blick gibt es nicht viele Möglichkeiten, da man jede Runde nur aus den immer fünf gleichen Karten wählen kann. Doch wenn man überlegt, in welcher Reihenfolge man diese am besten legt, und zu antizipieren versucht, was die anderen wohl legen, raucht der Kopf. Und dann kommt doch alles ganz anders. Wie in einer Krise eben.“

Fazit: Wem EFSF, ESM und AAA+ was sagen, kommt voll auf seine Kosten.

Alexander Möthe, Cuban Fidelio
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“Grundsätzlich widerspricht ein Spiel wie Euro Crisis meinem friedfertigen Gemüt. Darum habe ich ja schließlich die kubanische Fidelio gegründet – als Speerspitze einer sozialistischen Bankenbewegung, für die der politische Einfluss am Ende über dem Reingewinn steht. Alle Macht dem Volke. Doch so einfach macht es einem €uro Crisis nicht. Am Ende geht meine Siegtaktik nur um einen falsch gesetzten Stein nicht auf. Und der sozialistische Triumph scheitert an Waffengewalt. Die taktischen Möglichkeiten sind reichhaltig, dennoch ist langfristige Planung eher schwer. Also gilt es auch, kurzfristige Optionen, die der Markt einem eröffnet, auch zu nutzen. Etwa, indem man Frankreich in den Staatsbankrott schickt. Das Schlimme: an diesem Punkt beginnt das Spiel wirklich Spaß zu machen.“
Fazit: Mit der Realität hat das Spiel natürlich wenig zu tun. Aber es sensibilisiert auf angenehm unbequeme Weise für die Mechanismen des großen Geldes. Und wie im richtigen Leben gilt – je öfter man das Spiel spielt, desto besser beherrscht man es. Und presst das meiste Geld aus Krisenländern.

Sara Zinnecker
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„Dass am Ende gerade eine Sparkasse die Finanzkrise am besten übersteht, kratzt schon sehr an meiner Ehre als Vorstand einer einflussreichen englischen Kapitalistenbank. Dabei hatte ich immer versucht, die Züge der anderen Banken im Rennen zu antizipieren und ihnen – falls möglich – eins auszuwischen. Am Ende habe ich wohl – in alter Investmentbanken-Manier – vor lauter Geld die Gefahren nicht mehr gesehen. In dem Fall den nahenden Staatsbankrott Spaniens, der meine Bank in den Ruin getrieben hat. Wer sollte schon denken, dass Spanien vor Griechenland Pleite geht? Könnte ich nochmal Finanzkrise spielen: Ich wette, diesen Fehler würde ich nicht noch einmal machen!“
Fazit: Das Spiel hat ein gewisses Suchtpotenzial. Vor allem, wer einmal hinten lag, will die Schmach nicht hinnehmen und es nochmal probieren.

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